Quelle: Archiv MG - BRD BUNDESWEHR IDEOLOGIE - Mit der Bombe Frieden machen
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Friedenserziehung
AUFRÜSTUNG IM KLASSENZIMMER
Als am 5. Dezember des vergangenen Jahres die Kultusminister der
Bundesländer auf ihrer Konferenz einmütig der Instruktion des
Bundesverteidigungsministers Folge leisteten, indem sie gerech-
terweise beschlossen, in Zukunft nicht nur Kollegiaten in deut-
scher Sicherheitspolitik, sondern alle Schüler in Wehrkunde un-
terrichten zu lassen, da geschah in der hiesigen Öffentlichkeit
nichts.
Keiner der mit der Kunst des Unterrichtens Betrauten witterte Ge-
fahr für seinen den kleinen Kindern gewidmeten Idealismus durch
die staatliche Indoktrinationsvorschrift (Lernziel: "Zustimmung
zum Dienst"). Keine Eltern oder sonstige Erziehungsberechtigten
sahen sich "aus Gewissensgründen nicht in der Lage, ihre Kinder
an diesem Unterricht teilnehmen zu lassen" und ersparten sich so-
mit die berechtigte Sorge, "eine gewissensmäßig begründete Nicht-
beteiligung an diesem Unterricht würde als Zeichen politischer
Unzuverlässigkeit gewertet werden" ("Spiegel" v. 3.7.78). Kein
westdeutscher Pastor verbrannte sich öffentlich. Demnach gab es
auch niemand durch die geplante "Militarisierung des Schulunter-
richts" "Angefochtenen", dem bundesdeutsche Kirchenfürsten - vom
Auftrag des Evangeliums genötigt - hätten beispringen müssen;
etwa mit einem landesweiten Kanzelwort folgenden Inhalts:
"Junge Menschen, die die Schrecken des Krieges nicht kennen und
zu einem differenzierten Urteil über die Risiken militärischer
Friedenssicherung im nuklearen Zeitalter nicht in der Lage sind,
werden durch den beabsichtigten Unterricht, der die Möglichkeit
einer bewaffneten Auseinandersetzung zwischen Ost und West als
selbstverständlich voraussetzt und die Vorbereitung darauf zum
Inhalt hat, in ihrer Friedensfähigkeit ernsthaft gefährdet."
("Kernsätze aus der 'Orientierungshilfe' des DDR Kirchenbundes"
zum Wehrkundeunterricht in "Spiegel" v. 3.7.78)
Was beim systemverfeindeten anderen Deutschland als typisch bös-
williger, staatsdoktrinärer Angriff auf friedensbeseelte Kinder-
herzen gewertet und von unserer freien Presse als erneute Bestä-
tigung des alten Urteils, daß der Staatsapparat drüben ohne ideo-
logische Unterdrückungsmaßnahmen gegen seine freiheitsliebenden
Bürger überhaupt nichts putzt, freudig aufgegriffen wurde, war in
der BRD schlicht kein Thema.
Daran, daß in den zwei dazwischenliegenden Jahren jenes ominöse
"Zeitalter" an nuklearer Risikoeigenschaft verloren hätte-,
kann's kaum liegen. Auch der staatliche Zweck des Unterrichtstof-
fes
- Der sozialistische "Parteiplan" beabsichtigt, "die erzieheri-
schen Potenzen des Unterrichtstoffes für die weitere Ausprägung
der Wehrbereitschaft der Schüler, der Herausbildung ihres Wehrbe-
wußtseins und ihrer Wehrmoral zu nutzen." (DDR-Unterrichtshilfen
für Wehrkunde-Lehrer in "Spiegel" v. 15.10.1979)
- Der demokratische Hans Apel will, "daß der Wehrdienst mit An-
stand und Pflichtbewußtsein verrichtet" wird, und deshalb den
künftigen Rekruten schon in der Schule "den Sinn des Dienstes
deutlich machen". (Stern v. 4.10.80)
unterscheidet sich nur im potentiellen Kriegsgegner, für den die
frühest-mögliche Schulung der absolut systemneutralen, weil mili-
tärischen Tugenden von Ordnung und Disziplin angestrengt wird.
Denn daß im Staatssozialismus die bedingungslose Zustimmung zur
militärischen Gewalt als "Kenntnisse... über Methoden der Impe-
rialisten, Kriege auszulösen", in der westdeutschen Demokratie
als "Garantie des Friedens durch die Nato" in die kleinen Köpfe
gepaukt wird, unterstellt ja wohl von beiden Seiten "die Möglich-
keit einer bewaffneten Auseinandersetzung zwischen Ost und West
als selbstverständlich" und rüstet dafür waffentechnisch und agi-
tatorisch auf.
Warum sonst fühlte sich unser Wehrmachtschef - ohne danach ge-
fragt zu werden - zu der von feinsinnigem Antikommunismus sprü-
henden Unterscheidung zwischen "Friedenserziehung" hier und
"Wehrkunde" dort bemüßigt:
"...drüben werde zum Haß erzogen und der Dienst mit der Waffe als
patriotisch gepriesen." (Süddeutsche Zeitung v. 6.12.80)
Etwa, weil er "ohne Feindbild debattiert"? Demnach wäre die öf-
fentliche und garnicht jugendgefährdende Verherrlichung von Ge-
walt, die Hans Apel jüngst in Form festlicher Rekrutenvereidigun-
gen zur Aufmöbelung des Wehrbewußtseins inszenieren ließ, ein
einziger Beitrag zum national motivierten Aggressionsabbau gewe-
sen und ganz unpatriotisch obendrein.
Der "Sinn", den die Regierenden neben feierlichen Aufmärschen der
Wehrmacht auf deutschen Standplätzen auch in Klassenräumen an den
Mann gebracht wissen wollen, überzeugt durch seine schlichte
Tiefe:
"Minister Apel erklärte vor der Konferenz, die junge Generation
frage zunehmend kritisch nach den Bedingungen für die Friedenssi-
cherung in Europa. Mit den Kultusministern werde er die Bedingun-
gen erörtern, wie man jungen Bürgern die Erkenntnis vermitteln
könne, daß Dienst in der Bundeswehr Friedensdienst ist."
(Süddeutsche Zeitung v. 6.12.80)
Nur der Friedenswille verdient Anerkennung, der sich in den
Dienst der Kriegsvorbereitung seiner Herrschaft stellt, und nur
der Bürger hat ein Anrecht auf den Genuß der goldenen westlichen
Freiheit, der für sie bereit ist, im Bedarfsfall auf's Schlacht-
feld zu ziehen. Eine "Erkenntnis", deren - jeder "Antihaltung"
vorbeugende - Quintessenz den maßgeblichen Leuten im Staat des-
halb, für die "fragende junge Generation" so anerziehenswürdig
erscheint, weil sie mit ihrer fraglosen Praktizierung kalkulie-
ren.
Die Befürchtung eines Berliner Schulsenators: "Wir wollen keinen
Wehrkundeunterricht durch die Hintertür" ist trotzdem unbegrün-
det. Hierzulande kommt die "Friedenserziehung" stramm demokra-
tisch durch die Vordertür und vergewaltigt kein Kind in seiner
von Kriegserfahrung noch unbefleckten Unschuld. Im Gegenteil. Die
obersten Volksvertreter werden nicht müde, kundzutun, daß sie
sich von nichts und niemandem ihre Jugend schlecht machen lassen.
Es gilt das Gute, weil Dienstbare an "unseren jungen Menschen"
hervorzuheben - "Wenn heute neue Lebensformen, einfachere Lebens-
bedürfnisse, Abkehr von materiellen Ansprüchen den Maßstab für
viele junge Menschen bilden, so sollten wir ältere das begrüßen."
(Kanzler Schmidt in seiner Neujahrsansprache) -,
um so der begrüßenswerten Suche nach idealen Werten durch die
pädagogische Hinführung auf das staatliche Idealbild vom wehrbe-
reiten Bürger - in Uniform - zu entsprechen. So, soll neben der
bereits im Sozialkunde-, Deutsch-, Geschichts-, Religions-,
Ethik-, Biologie-Unterricht praktizierten wehrhaften Demokratie
demnächst im Fach Friedenserziehung in die demokratische Wehrhaf-
tigkeit als vornehmste staatsbürgerliche Tugend eingeführt wer-
den. Angesichts solch eindringlicher Fürsorge seiner Regierenden
für die rechte Orientierung des von ihnen favorisierten und des-
halb jugendgemäßen "Maßstabs" der Opferfreudigkeit, mag offenbar
kein anständig demokratisierter Bürger Anstoß daran nehmen, wozu
Vater Staat die verpflichtende Wertschätzung seiner Militärmacht
samt aller Tugenden des Soldatenhandwerks auf den Lehrplan setzt.
Wenn überhaupt, so fühlen sich die kritischen Zeitgenossen zu
Demonstrationen ihrer Friedfertigkeit aufgerufen. Und das pas-
senderweise ausgerechnet dann, wenn Politiker keine Gelegenheit
auslassen, um öffentlich mitzuteilen, daß sie für die von ihrer
geschaffenen Kriegsgründe von ihrem Volk nichts als die Qualität
des Mitmachens, die aber mit allen Konsequenzen, erwarten. Wo der
Staat in erzieherischen Anstrengungen um seine kleinen Staatsbür-
ger zu erkennen gibt, daß er mit ihnen als künftigen Rekruten
rechnen will, da wollen verantwortungsbewußte Menschen dem so "um
Frieden Ringenden" nichts in den Weg legen. In vorweihnachtlichen
Feldzügen gegen Zinnsoldaten und Spielzeugpanzer treten sie den
reichlich überflüssigen Beweis an, daß es ganz in die Sachkompe-
tenz eines eigens dafür abgestellten Kultusministerquartetts ge-
hört, für eine "kindgerechte" Verankerung der Liebe zum wirkli-
chen Soldat-Sein und echtem Kriegswerkzeug Sorge zu tragen.
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