Quelle: Archiv MG - BRD BUNDESWEHR IDEOLOGIE - Mit der Bombe Frieden machen
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Ein General wird 200 Jahre alt
CLAUSEWITZ-MEMORIAL 1980
Daß Clausewitz seinen 200. Geburtstag auf das Jahr 1980 gelegt
hat, war einer seiner besten Einfälle. Das reicht in diesen ge-
spannten Zeiten, um ihn wieder "aktuell" werden zu lassen und den
"späten Zauber von Clausewitz" ("Süddeutsche Zeitung") zu entdec-
ken. Ansonsten ist nur ein Satz aus seinem Hauptwerk "Vom Kriege"
bekannt, was aber nichts macht. Denn dieser eine Gedanke hat es,
wie die Zeitgenossen des Atomzeitalters meinen, in sich, nämlich
so viel, wie diese modernen Zeitgenossen in ihn hineinlegen wol-
len:
"Der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik
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mit anderen Mitteln."
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Deshalb spielt es auch gar keine Rolle, daß dieses Urteil das
Schalten und Walten der imperialistischen (Welt-)Mächte nicht auf
den Begriff bringt, sondern haarscharf danebengeht. Ausländische
Staaten zum Mittel der nationalen Bereicherung machen, ist der
Zweck imperialistischer Politik. Da dies ständige Erpressung an-
derer Staaten bedeutet, hält man sich zur Absicherung des nutz-
bringenden Geschäfts sein Militär und ist auch bereit, einen
Krieg anzuzetteln, also Menschen und Güter draufgehenzulassen,
wenn die friedliche Erpressung an die Grenzen anderer Mächte
stößt, damit dann nachher wieder friedlich-schiedlich erpreßt
werden kann. Wenn Krieg ist, hört die Politik erst mal auf, also
die nationale Bereicherung mittels und auf Grundlage der Anerken-
nung fremder Souveräne. Dann sprechen die Waffen.
Aber, wie gesagt, das ist unerheblich für das Anliegen, Clause-
witz und seinen Satz zum Nutzen heutiger Verhältnisse zu memorie-
ren. Das geht viel einfacher:
1. Zwar wußte Clausewitz zu seiner Zeit noch nicht, daß er den
"Primat" der Politik erfunden hatte, aber die Bundesrepublik be-
sitzt heute den großen Vorzug, seine Lehre voll verwirklicht zu
haben:
"Bei der Aufstellung der Bundeswehr standen Clausewitz' Lehren
von der Priorität der Politik Pate. In der Gegenwart finden sie
volle Anwendung." (Beilage zum Parlament)
Daß das gut und nicht schlecht sein soll, wenn die Politiker den
Krieg beschließen und der Bundeskanzler im Kriegsfall die oberste
Heeresleitung übernimmt - nicht irgendein Haudegen von General -,
erscheint besonders plausibel durch einen Blick in die deutsche
Vergangenheit. Die Weltkriege waren erfolglos, also hatten ihre
deutschen Macher Clausewitz' Buch gar nicht oder nur ungenau ge-
lesen. Ungute "Verselbständigungsbestrebungen" waren da am Werk
oder gar der dem alten von Clausewitz völlig unbekannte Gedanke
der "Vernichtung" des Gegners.
"Der Schlieffen-Plan mit der in Kauf genommenen Verletzung der
Neutralität von Belgien und Luxemburg war beispielsweise n u r
e i n m i l i t ä r i s c h e r F e l d z u g p l a n." (ibid)
"Wenngleich (!!) in der Person Hitlers die Einheit von Staatsmann
und Feldherr bestand, so zog er sich im Kriege de facto von der
Politik zurück und dachte nur noch in den 'apolitischen" (was mag
das sein?) "Alternativen von Sieg oder Vernichtung, Weltmacht
oder Untergang'.
Die einseitige Betonung des Vernichtungsgedankens, d.h. die Pro-
klamation der Waffenentscheidung als 'höchstes Gesetz', führte
schon zum Verlieren des ersten Weltkriegs." (Ohne Waffenentschei-
dung wäre der Krieg wahrscheinlich siegreich gewesen.) "Hitler
übernahm Ludendorffs These vom 'totalen Krieg'. Die im Gegensatz
zu Clausewitz' Theorie einseitig betonte, nur am
'Vernichtungskampf' und am 'Endsieg' und nicht an der Herstellung
des Friedens orientierte militärische Angriffskonzeption mußte
folgerichtig (?) auch zum Drama des zweiten Weltkriegs - und zur
Vernichtung des Gleichgewichts in Europa - führen." (ibid)
Dank Grundgesetz und freiheitlicher Demokratie sind heute derar-
tige Einseitigkeiten passe. Das Militär verselbständigt sich
nicht, sondern wird entsprechend den Zielen der Politiker einge-
richtet, die sich nicht einfach mutwillig über ihre militärische
Möglichkeiten hinwegsetzen, sondern dieses Instrument entspre-
chend behandeln. ("Der politische Zweck... muß sich vielmehr der
Natur der Mittel fügen." ibid) Die "nur" militärischen Aufmarsch-
pläne sind dem Bundeskanzler bekannt, und totale Vernichtung des
Feindes ist schier unmöglich, immerhin besitzen wir nur eine Ver-
teidigungswehrmacht.
2. Diese Friedlichkeit vorschützende Verteidigungsideologie soll
der alte General ebenfalls beherzigt haben. In Wirklichkeit hat
er zwar die Verteidigung nur als eine militärstrategische Vari-
ante abgehandelt - doch was soll's. Er läßt sich leicht ins west-
liche Bündnis einfügen:
"Sein für die NATO nutzbares Vermächtnis besteht darin, daß er
die V e r t e i d i g u n g als stärkere und natürlichere Form
der Kriegsführung herausgearbeitet hat." (Süddeutsche Zeitung,
Hervorh. i. Original)
und sich sogar im Atomzeitalter noch für die moralische Abwehr
von Massenvernichtungswaffen benutzen:
"Daher könnte sich eine Politik jedenfalls, die die Verteidigung
auf den Einsatz von Waffen stützt, die einen Großteil der Bevöl-
kerung mit Vernichtung bedrohen, nicht auf Clausewitz berufen."
(Die Bundeswehr)
Von diesem reinen Verteidigungsstandpunkt aus muß die Berufung
der Russen auf Clausewitz natürlich wie ein Vergehen am deutschen
Wesen erscheinen. Nicht nur daß Lenin die Ungeheuerlichkeit be-
saß, dem klaren Wesen des Kriegs den imperialistischen Klassen-
kampf unterzumischen, die heutige Sowjetunion dreht mit ihrem
"offensiven Charakter" die wehrlose These des Deutschen von Clau-
sewitz: "müssen wir den Feind wehrlos machen" einfach um und
strebt "nach militärischem Übergewicht". Obendrein eine Gemein-
heit, den gesamtdeutschen General für eine Waffenbrüderschaft der
DDR mit den Russen herzunehmen. Einerseits verständlich, dieser
Streit um den wahren Erben, andererseits aber auch wieder nicht.
Denn wenn ein DDR-General Clausewitz im westdeutschen Fernsehen
lobt, weil er die gesellschaftlichen Bedingungen des Krieges er-
forscht habe, mußte man hier doch solchen Blödsinn in Ordnung
finden.
3. Wie sollte es anders sein, für die Freiheit war der Generalma-
jor schon. Hat er sich nicht in glühendem Patriotismus dafür
stark gemacht, die Fremdherrschaft Napoleons abzuschütteln? Und
der Name Napoleon wird sich ja wohl durch einen moderneren erset-
zen lassen.
"Sich auf Clausewitz zu besinnen, bedeutet auch heute, mit ihm
den Freiheitswillen als Grundlage politischer und damit auch mi-
litärischer Selbstbehauptung zu erkennen und durch eigenes Bei-
spiel zu stärken." (Die Bundeswehr)
Was die Freiheit angeht, hat man es gar nicht mehr nötig, am
Clausewitz kleine Korrekturen vorzunehmen. Schon Clausewitz
wußte, daß die Masse Volk für sie geradezustehen hat und nicht
die Freiheit als Geschenk fürs Volk gedacht ist. Hier kehrt sich
nichts um, sondern es ist so wie beschrieben: "Weil er das Volk,
seine Kräfte und Interessen als entscheidend für die Stärke und
Richtung einer Politik einschließlich einer Strategie ansah,
darum hat man Clausewitz als einen der ersten Gesellschaftswis-
senschaftler bezeichnet." (Die Bundeswehr)
Letztere Interpretation wird von den meisten Gratulanten des
Kriegsphilosophen nicht geteilt. Ein Soziologe war der Typ nicht.
Aber die Funktionalität des Volkes für sogenannte Freiheits-
kriege, die hat er erkannt, und das weiß man heute, da wir alle
längst in voller Freiheit leben, zu würdigen. Wie er darauf kam,
das Volk besser und in seiner Gänze für den Staat einzuspannen,
bereitet einem Friedens-Generalmajor der Bundeswehr a.D. keiner-
lei Schwierigkeiten:
"Er stieß auf diese Zusammenhänge, als er nach den Ursachen der
Niederlage von 1806 fragte." (Die Bundeswehr)
Denn schließlich ist "Für den Frieden kein Opfer zu groß". Von
wegen "Clausewitz-Wahnwitz", Herr Augstein. Hör endlich auf, den
Bürger in Uniform gegen Säbelrasseln hochzuhalten! Schlag's nach
bei Clausewitz!
Der wirkliche Clausewitz
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Kant, der nach eigenen und von Hegel bestätigten Angaben nie aus
Königsberg herausgekommen sein soll, verfaßte vielleicht deshalb
1795 seine kleine Schrift "Zum ewigen Frieden", die schon damals
als ziemlich weltfremd aufgenommen wurde. Er meinte mit seinem
Titel nämlich nicht das ausgesprochen menschliche Resultat stän-
dig stattfindender kriegerischer Auseinandersetzungen - der Phi-
losoph Kant stellte sich tatsächlich den idealen Zustand einer
friedlichen Weltvölkergemeinschaft vor, in der kein Staat mehr
dem anderen militärisch, politisch oder wirtschaftlich auf die
Füße treten solle.
General von Clausewitz dagegen war, seit er 12 Jahre alt wurde,
viel in der Welt herumgekommen und hatte sich auf diversen und
gar nicht ideellen Schlachtfeldern bewährt, bevor er als General-
major sein Buch "Vom Kriege" schrieb, in dem auch von einem Ideal
gehandelt wird, aber in gehörigem Unterschied zum Kant'schen Sol-
len: Ober den besten Krieg machte sich der zur preußischen Refor-
merclique zählende Offizier Gedanken. Von wegen Kriegsphilosoph.
Die damals üblichen philosophischen und literarischen Schnörkel,
mit denen man - was nicht veraltet ist - so schön tiefgeistig und
mit dem Anschein der Begründung sagt, was man gut findet, kann
man getrost vergessen. Dieser Mann im Generalsrang wußte selbst-
verständlich, wozu Kriege taugen, fand das selbstverständlich
ganz in Ordnung, wollte es aber lieber um zwei bis drei philoso-
phische Ecken sagen.
"Der Krieg ist nichts als ein erweiterter Zweikampf." (Quatsch,
aber was soll's.) "Wollen wir uns die Unzahl der einzelnen Zwei-
kämpfe, aus denen er besteht, als Einheit denken,"
(Scheinübergang vom Teil zum Ganzen) "so tun wir besser, uns zwei
Ringende vorzustellen." (Muß das sein!) "Jeder sucht den andern
durch physische Gewalt zur Erfüllung seines Willens zu zwingen;
sein nächster Zweck ist, den Gegner niederzuwerfen und dadurch zu
jedem ferneren Widerstand unfähig zu machen.
D e r K r i e g i s t a l s o e i n A k t d e r
G e w a l t, u m d e n G e g n e r z u r E r f ü l l u n g
u n s e r e s W i l l e n s z u z w i n g e n!" (Na also! -
Alle Hervorhebungen von Clausewitz selbst.)
Dafür ein Buch über 600 Seiten? Nun, diesem Mann hat am Krieg
auch etwas gestunken, die historische Tatsache nämlich, daß die
preußische Armee gegen Napoleon schlecht aussah, und deshalb ist
er auf seinen vielzitierten Satz gekommen:
"Der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen
Mitteln."
Daß er darauf über den Umweg: im Kriege gibt es "Stillstand" und
"Handeln"; der Krieg sei wegen seines angeblichen "Zufalls" im
Kriegsglück "dem Kartenspiel am nächsten", aber doch "immer ein
ernsthaftes Mittel", und andere Kuriositäten mehr kam, braucht
nicht weiter berücksichtigt zu werden. Auch der ganze große Mit-
telteil des Buches, daß Gefechte gewonnen werden müssen und dies
vom Gelände, der Bevölkerung etc. abhängt, sowie daß Verteidigung
manchmal besser ist als Angriff und umgekehrt, ist keiner beson-
deren Erwähnung wert. Schließlich schreibt da ein General "Vom
Kriege". Diesen seinen geliebten Gegenstand hat er keineswegs zur
Zweitrangigkeit verurteilt, wenn er ihn als "b l o ß e Fortset-
zung der Politik" bestimmt. Um einen effektiven Krieg geht es
ihm. Dafür erfindet der preußische Offizier den für ihn sehr be-
zeichnenden Widerspruch von Krieg und Politik -
"Läßt man diesen Einfluß des politischen Zweckes auf den Krieg
einmal zu, wie man ihn zulassen muß, so gibt es keine Grenze
mehr, und man muß sich gefallen lassen, auch zu solchen Kriegen
herunterzusteigen (!), die in b l o ß e r B e d r o h u n g
d e s G e g n e r s und in einem S u b s i d i u m d e s
U n t e r h a n d e l n s bestehen..." -,
um zu einer Einheit zu finden, über deren Begriff der philosophi-
sche Militärstratege nicht in Tränen ausbricht, weil er an den
eigenständigen Zielen und Zwecken des Krieges nicht zu zweifeln
braucht, auch wenn es so klingen mag:
"Diese Einheit nun ist der B e g r i f f, d a ß d e r
K r i e g n u r e i n T e i l d e s p o l i t i s c h e n
V e r k e h r s s e i, a l s o d u r c h a u s n i c h t s
S e l b s t ä n d i g e s."
Der fortschrittliche von Clausewitz hat nämlich seine general-
stabsmäßige Lösung bereit. Die rechte Zusammenarbeit von Politi-
kern und Militär kann dem Kriege nur zum Segen gereichen:
"Gehört der Krieg der Politik an, so wird er ihren Charakter an-
nehmen. Sobald sie großartiger und mächtiger wird, so wird es
sich der Krieg, und das kann bis zu der Höhe steigen, wo der
Krieg zu seiner absoluten Gestalt gelangt."
Vor allem dann, wenn die Politik keine Fehler macht: "Dies ist
vollkommen in der Natur der Dinge. Keiner der Hauptentwürfe, wel-
che für einen Krieg nötig sind, kann ohne Einsichten in die poli-
tischen Verhältnisse gemacht werden, und man sagt eigentlich et-
was ganz anderes als man sagen will, wenn man, was häufig ge-
schieht, von dem schädlichen Einfluß der Politik auf die Führung
des Krieges spricht. Es ist nicht dieser Einfluß, sondern die Po-
litik selbst, welche man tadeln sollte. Ist die Politik richtig,
d.h. trifft sie ihr Ziel, so kann sie auf den Krieg in ihrem Sinn
auch nur vorteilhaft wirken; und wo diese Einwirkung vom Ziel
entfernt, ist die Quelle nur in der verkehrten Politik zu su-
chen."
Außerdem dann, wenn aus den erfolgreichen Kriegen Napoleons die
richtigen Lehren gezogen werden:
"Seit Bonaparte also hat der Krieg, indem er zuerst auf der einen
Seite, dann auch auf der andern wieder Sache des ganzen Volkes
wurde, eine ganz andere Natur angenommen, oder vielmehr, er hat
sich s e i n e r w a h r e n N a t u r, s e i n e r
a b s o l u t e n V o l l k o m m e n h e i t s e h r
g e n ä h e r t. Die Mittel, welche aufgeboten worden sind, hat-
ten keine sichtbare Grenze, sondern diese verlor sich in der En-
ergie und dem Enthusiasmus der Regierungen und ihrer Untertanen.
Die Energie der Kriegsführung war durch den Umfang der Mittel und
das weite Feld möglichen Erfolgs sowie durch die starke Anregung
der Gemüter ungemein erhöht worden, das Z i e l d e s
k r i e g e r i s c h e n A k t e s w a r N i e d e r w e r-
f u n g d e s G e g n e r s..."
Diesen Primat der Politik konnte Clausewitz auch weniger total
und ganz einfach ausdrücken:
"Der Soldat wird ausgehoben, gekleidet, bewaffnet, geübt, er
schläft, ißt, trinkt und marschiert, alles nur, um an rechter
Stelle und zu rechter Zeit zu fechten."
Ob es sich bei dem Kommentar von Marx zu diesem K r i e g s-
philosophen - "Der Kerl hat einen common sense, der an Witz
grenzt." - um ein Lob handelt, soll der Leser selbst entscheiden!
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