Quelle: Archiv MG - BRD BUNDESWEHR IDEOLOGIE - Mit der Bombe Frieden machen
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Ideologische Aufrüstung
DER WELTWEITE VERTEIDIGUNGSFALL DEMOKRATISCH VORBEREITET
Zwar werden auch in der demokratischen Bundesrepublik die staats-
tragenden Massen nicht gefragt, ob, wann, wo, wie und wofür sie
den nächsten Krieg denn gerne hätten. (Gefragt werden sie etwas
ganz anderes: ob sie lieber mit SCHMIDT oder mit STRAUSS das "vor
uns liegende Krisenjahrzehnt" in Angriff nehmen wollen!) Das wäre
ja auch noch schöner, wenn die Staatsgewalt die Freiheit in der
Verwendung ihres Menschenmaterials, die sie sich im Falle des
Ernstfalls herausnimmt, von den Abwägungen dieses Materials ab-
hängig machen wollte. Dazu ist viel zu klar, daß die Masse der
Bürger, die dann zu marschieren haben, weder über eigene Ölquel-
len am Persischen Golf noch über befreundete Souveräne in aller
Welt verfügt, die alle nur um der Verteidigung deutscher Le-
bensinteressen willen "geschützt" werden müssen. Deswegen verläßt
eine aufgeklärte demokratische Obrigkeit sich auch nicht auf die
Entdeckungen ihrer demokratischen Kriegs- und Friedensforscher
über einen tief im Menschen verankerten Trieb zur Unfriedfertig-
keit; und auch der Vorstellung, Kriege würden schon - quasi von
selber - "ausbrechen", wenn es an der Zeit ist, hängt sie nicht
an. Sie läßt es sich nicht nehmen, jede erdenkliche Sorte von
Krieg selber bis ins Kleinste vorzubereiten; und dem Personal,
das diese Kriege dann zu führen hat, schenkt sie keinen Monat
Wehrdienstzeit, den sie nötig findet, um sicher zu sein, daß die
Soldaten im Ernstfall ohne Zögern und ohne zu fragen jede nötige
Brutalität gegen sich und den vorgeschriebenen Feind aufbringen
und auf Befehl schießen und sich erschießen lassen.
Undemokratisch ist das alles aber nicht; ganz im Gegenteil. Denn
gerade weil die gewählte Staatsgewalt sich in ihren Entscheidun-
gen über Krieg und Frieden keineswegs von ihren Untertanen abhän-
gig macht, ist es umso wichtiger, daß diese für die Entscheidun-
gen ihrer politischen Führer das nötige Verständnis und Einver-
ständnis entwickeln; denn immerhin müssen sie sich ja die Frei-
heit der Staatsgewalt im Ernstfall gefallen lassen. Demokratische
Freiheit heißt eben, daß die Staatsgewalt die Maßnahmen, die sie
zur zweckdienlichen Verwendung ihres Volks trifft, diesem selben
Volk zu ganz freiwilliger Zustimmung unterbreitet. Und diese Be-
reitschaft des Volkes zum Einverständnis mit seiner Obrigkeit
will gepflegt sein - um so sorglicher, je zielstrebiger die zu-
ständigen Souveräne eine kriegerische Entscheidung ihrer Kon-
flikte ansteuern.
Wir kommen der Sache schon näher:
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Politiker sorgen sich um den Weltfrieden
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Es ist deswegen sehr aufschlußreich, wenn zur Zeit in zunehmendem
Maß die verantwortlichen Führer der deutschen Nation - die sich
inzwischen ohne Vorbehalte und falsche Scham auch wieder so nen-
nen lassen auf Kundgebungen und im Fernsehen vor ihrem Volk auf-
treten und sich in Beteuerungen ergehen, wie g e f ä h r l i c h
die Lage ist, wie s o r g e n v o l l sie die aktuellen Kon-
junkturen der Weltpolitik beurteilen und wie emsig sie sich
f ü r d e n F r i e d e n einsetzen. Denn mit allem, was
P o l i t i k e r als Grund einer zunehmenden K r i e g s-
g e f a h r ihrem Volk mitteilen, geben sie über nichts anderes
Auskunft als darüber: welche Umstände f ü r s i e hinreichende
Gründe sind, einen K r i e g z u f ü h r e n. Und die Dinge,
die unseren deutschen Politikern, ihren eigenen Verlautbarungen
zufolge, e i n e n K r i e g w e r t sind, liegen, wie jeder
weiß, sehr verstreut in der Welt. Alle Besorgnis bundesdeutscher
Staatslenker um den Weltfrieden beruhen auf der
Selbstverständlichkeit, daß die BRD, gemeinsam mit den USA, außer
ihrer wirklichen Grenze noch eine zweite Grenze hat, die sie
nicht überschreiten lassen will - und die fällt zur Zeit zusammen
mit den Grenzen Jugoslawiens, Pakistans, erfreulicherweise seit
einiger Zeit auch Chinas und überhaupt der ganzen Welt, soweit
die Rote Armee sich dort nicht schon zu Hause fühlen kann. (Die
Aussichten sind nicht schlecht, daß demnächst auch Rumänien zur
Kriegsgefahr ernannt wird - und auch, wie schon vor acht Monaten,
Kuba, sobald es die USA opportun finden, sich über sowjetische
"Kampfbrigaden" zu ärgern.)
An dieser beträchtlichen Ausdehnung, die das bundesdeutsche
Verteidigungsareal gewonnen hat - streng im Rahmen des NATO-Bünd-
nisses, versteht sich -, gibt es zwei falsche Kritiken: Den Vor-
wurf, die BRD ließe sich mit der öffentlichen Bekundung ihrer
weltweiten Interessen auf "imperialistische Abenteuer" ein; und
den eher entschuldigenden und jedenfalls von einem sehr idylli-
schen Nationalismus beseelten Einwand, sie ließe sich von den USA
in d e r e n "imperialistische Abenteuer" hineinziehen. Ja,
wenn das alles wäre! Den Einlassungen der bundesdeutschen Staats-
führung ist jedenfalls mit aller Deutlichkeit zu entnehmen, daß
es sich erheblich schlimmer verhält:
- Wo immer die Regierung eine "Kriegsgefahr" erblickt, sieht sie
diese als die Notwendigkeit einer V e r t e i d i g u n g der
Nation. Vom Abenteuer einer A u s d e h n u n g deutscher Macht
und Herrlichkeit in entlegenere Weltgegenden kann also überhaupt
nicht die Rede sein: Überall, wo die Rote Armee nicht für eindeu-
tige Verhältnisse gesorgt hat - und zum Teil schon innerhalb die-
ses Bereiches -, ist die b u n d e s d e u t s c h e
S t a a t s m a c h t s c h o n p r ä s e n t. Nur weil sie
auch schon ohne Militär über die ganze nicht "sozialistische"
Welt als ihre politische Einflußsphäre und also Gegenstand
"vitaler" wirtschaftlicher Interessen p r a k t i s c h
v e r f ü g t, stellt diese ganze Welt, je nachdem wie die Kon-
kurrenz mit der Sowjetunion sich dort gestaltet, einen einzigen
immerwährenden K r i e g s g r u n d dar, und will immerzu
weltweit der V e r t e i d i g u n g s f a l l kalkuliert sein.
Nicht wegen irgendwelcher Angriffsgelüste ihrer Politiker und Mi-
litärs ist die Bundesrepublik eine lebensgefährliche Angelegen-
heit, sondern deswegen, weil ihr Kriegsministerium zu Recht Ver-
teidigungsministerium heißt. D e s w e g e n hat jeder Versuch
der Sowjetunion, ihrerseits botmäßige Souveräne zu installieren
und dadurch Einfluß zu gewinnen bzw., näher an der Wahrheit, ver-
lorenen Einfluß, insbesondere den "Verlust" Chinas an den Westen,
zu kompensieren, mit einer zum tödlichen Ernstfall entschlossenen
Gegnerschaft der BRD zu rechnen.
- Daß die BRD sich diese Stellung allerdings nur im Rahmen des
westlichen Verteidigungsbündnisses und unter Anführung der USA
leisten kann, nimmt nicht das Geringste davon weg, daß es durch-
aus i h r e imperialistische Weltgeltung ist, die sie sich auf
diese Weise leistet: als treuer Vasall der USA, der sich des Ei-
gennutzes seiner Treue wohl bewußt ist. Nichts ist alberner als
antiamerikanische Tränen über die arge Abhängigkeit "unserer"
niedlichen und friedlichen Republik von der westlichen Vormacht.
Diese Abhängigkeit ist die politische, militärische und ökonomi-
sche G e s c h ä f t s g r u n d l a g e jener imperialisti-
schen Weltgeltung, auf die gerade die linksliberalen bundesdeut-
schen Kritiker der USA so stolz sind - und die den zuständigen
Massen die heiße Perspektive eröffnen, ihr Vaterland auf dem gan-
zen Globus verteidigen zu dürfen, ganz so, wie die USA sich ih-
rerseits das deutsche Bundesgebiet zum Schauplatz der Verteidi-
gung i h r e r imperialistischen Freiheit ausersehen und es
entsprechend ausgerüstet haben. Mit allem, was sie heute dar-
stellt, ist die BRD eben nicht Opfer, sondern P a r t n e r des
westlichen Imperialismus und will das auch sein - bis zur letzten
Konsequenz, wie die Sorgen bundesdeutscher Staatslenker um den
Weltfrieden nur allzu deutlich bezeugen.
Bedächtige Staatsmänner betonen Kriegsgefahr
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Es gibt also in der Tat nicht den geringsten Widerspruch zwischen
den offiziellen Beschwörungen einer "von niemandem eigentlich ge-
wollten" zunehmenden "Kriegsgefahr" und der öffentlichen Zur-
schaustellung bundesdeutscher Entschlossenheit, im "Ernstfall"
das Nötige zu tun. Es ist die Art demokratischer Staatsmänner,
ihre Zweckmäßigkeitserwägungen in Sachen Krieg dem geschätzten
Volk vorstellig zu machen als ein Argument für ihre Politik, die
im Prinzip friedliebend ist, aber so ohnmächtig, daß man sich
u.U. der Weltpolitik, die man macht, nicht wird widersetzen kön-
nen. Des Rückhalts in der Bevölkerung sind sie sich dabei sicher
- so sicher, daß sie die Beteiligung der BRD an der Kriegsvorbe-
reitung des Westens zum Wahlkampfthema machen und sich damit in
Szene setzen.
So hat H. Schmidt, der "Macher", inzwischen eine Qualität dazuge-
wonnen, die der ersten in nichts nachsteht: seit einiger Zeit ist
er "bedächtiger Staatsmann".
Bei der öffentlichen Debatte um die Problematik des Friedens ist
eins allerdings von vornherein jedem klar: daß nicht sie das
tatsächliche Verhalten der BRD in der "Weltkrise " bestimmt. Der
Schein der Wichtigkeit einer demokratischen Öffentlichkeit für
die Entscheidungen der Regierung wird bei diesem Thema gar nicht
erst verbreitet geht es doch hier zuallererst darum, den politi-
schen Repräsentanten, die gewählt sind, um statt der Bürger die
Geschicke des Landes zu bestimmen, keine Schwierigkeiten bei der
Erfüllung dieser verantwortungsvollen und größtenteils hinter
verschlossenen Türen erledigten Aufgabe zu machen.
Was dem Bürger mit dem Gerede vom Krieg, der "vor der Tür steht",
und vom Frieden, der "gefährdet" ist und "gerettet" werden muß,
an Argumenten geboten wird, sind nichts anderes als Kriegsbegrün-
dungen, zwischen denen er wählen und sich frei entscheiden darf.
Mit wehrhafter Armee gegen Kirchhofsfrieden
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So ist das öffentliche Vorführen und Würdigen der Streitmacht
wieder in Mode. Seit geraumer Zeit zeigen sich Politiker einver-
nehmlich mit hohen Militärs den Pressefotographen, und der ge-
heime Charakter ihrer Absprachen wird öffentlich betont. Das Mi-
litär, das sich sonst vornehm im Hintergrund hält, ist wieder im
Blickpunkt und wird auf seine Einschätzung der Lage hin befragt.
Die Fachleute in Sachen Krieg halten sich in der Beantwortung
vorwitziger Fragen zurück, verraten immerhin, daß es noch nicht
so weit sei und jede Aufregung überflüssig, und daß die konven-
tionellen Streitkräfte, mit denen es losgeht, verstärkt werden
sollen. Und sie halten Vorträge vor Politikern und Wissenschaft-
lern, zitieren Clausewitz und betätigen sich als Theoretiker des
Verhältnisses von Militär und Politik. General Jürgen Brandt vor
dem Clausewitz-Forum:
"Wozu taugt das Militär - nur zum Krieg oder zur Sicherung des
Friedens? - Wie kaum bei einer anderen Armee hat die Fragestel-
lung in unserem Lande dazu geführt, daß der Bundeswehr kurioser-
weise auch die Aufgabe zugewiesen wurde, ihre Existenzberechti-
gung gegenüber der Öffentlichkeit zu begründen."
Da es also immer noch Unverbesserliche gibt, die an Sinn und
Zweck der Bundeswehr zweifeln, läßt sich der General - ganz im
Bewußtsein der Kompetenz seines Amtes - gerne dazu herbei, für
Millionen blutiger Laien ein paar klärende Worte zum Verhältnis
von Politik und Militär zu sprechen. Die segensreiche Einrichtung
der Trennung von beiden sorgt dafür, daß es zum Einsatz des Mili-
tärs nur kommt, wenn es wirklich opportun ist:
"Aufgabe der obersten militärischen Führung ist es..., durch
sachgemäße Beratung sicherzustellen, daß die Politiker das mili-
tärische Instrument ihren Absichten gemäß ausgestalten.",
wofür durch die militärische Überlegenheit des Westens gesorgt
ist, über deren Verwendungsmöglichkeiten regelmäßig Rapport er-
stattet wird:
"Das Militär hat seinen Beitrag durch Abschreckung von Angriffen
mit Erfolg geleistet."
Daß sich laut Brandt der Feind davon nicht abschrecken läßt, ist
auch, aber weniger seiner Kriegswut und seinem "Anspruch, weltre-
volutionäre Führungsmacht zu sein", geschuldet, als vielmehr sei-
nem "übersteigerten (!) Sicherheitsbedürfnis". Deshalb ist schon
rein militärtechnisch klar, daß die BRD auf der ganzen Welt zu
verteidigen ist:
"...die Fixierung der Verteidigung auf die direkte, unmittelbare
Bedrohung und das NATO-Territorium reicht zur Friedenssicherung
heute nicht mehr aus." Schließlich geht es um den Frieden, und
unserer hat unbestreitbar eine höhere ethische Qualität als der
russische:
"Zur Definition des Friedens gehört offenbar auch eine Aussage
zur angestrebten Ordnung. Das Schicksal Afghanistans hat uns das
Verständnis der Sowjetunion vor Augen geführt... Bedingungslosen
Frieden kennen auch wir - wie die gesamte NATO - nicht. Erst
Frieden in Freiheit ist für uns das höchste Gut. Unterwerfung
schafft keinen Frieden, ausgenommen Kirchhofsfrieden... Nur
hierin ist die Wehrhaftigkeit unserer Demokratie begründet."
Die Auslassungen des Generals über das Verhältnis von Militär und
Politik sind also nichts anderes als die Ergänzung der Regie-
rungspropaganda. Freiheit hier - Unfreiheit drüben: wenn das kein
schöner Kriegsgrund ist! Es spricht für die Fortgeschrittenheit
der Meinungsbildung in der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit,
daß sich bei diesem Thema die übliche Palette der Grundwerte auf
die allerabstraktesten - Frieden und Freiheit - zurückzieht, für
die dann wiederum, wie es ganz umstandslos ausgesprochen wird,
kein Preis zu hoch ist.
Scharf wie die Tiere
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Nur zu wahr also sind die Worte unseres Verteidigungsministers -
"Die Bundeswehr benötigt kein Feindbild" -,
insofern die Parteinahme für den freiheitlichsten Staat, den es
je auf deutschem Boden gab, das schönste Feindbild ist. Wo seine
Argumentation unsauber wird und vernachlässigt, daß zum Töten auf
Befehl das Wissen gehört, daß drüben der persönliche Feind und
nicht der Kirchhofsfrieden abgeschossen werden muß, springt sein
Vorgänger Leber in die Bresche
"Wir brauchen unsere jungen Männer nicht zu lehren, andere zu
hassen, um ihnen den Sinn ihres Dienstes zu vermitteln und sie
abzurichten und scharf zu machen wie Tiere, damit sie entschlos-
sen genug sind, andere zu beißen, wenn es ihnen befohlen wird."
(Leber "Vom Frieden"!)
Wie beruhigend, daß "unsere" Soldaten all das erledigen, ohne
noch extra dafür "scharf gemacht" werden zu müssen! Ein durchaus
gelungener Beitrag zur Debatte "Feindbild, ja oder nein", der von
vornherein klarstellt, daß das Problem keins ist. Warum auch
sollten wir Deutsche kein Feindbild zustandebringen, wenn die de-
mokratischen Amerikaner heute noch ihre deutschen Freunde in den
Filmen gerne als blond, Nazis und in Lederhosen vorstellen. Die
bekannten Volksvorurteile über die "Mentalität" anderer Nationen,
die von Journalisten sorgsam gepflegt und verbreitet werden, ent-
halten ja schon in ihrer in Friedenszeiten gemäßigten Fassung al-
les Notwendige für den Kriegsfall: der russiche Bär, gutmütig bis
schwerfällig, wird wild im Krieg, vergewaltigt vorzugsweise deut-
sche Frauen; der Ami, kaugummifressend, natürlich bis ungebildet,
rücksichtslos bis unverschämt, glaubt, er kann sich in der Welt
alles erlauben.
Der Soldat will geliebt sein
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Zu einer Zeit, in der die politischen Köpfe die Feindbild-Frage
in die Öffentlichkeit tragen, bleibt auch die Neuorientierung der
Diskussion über die Rolle der Bundeswehr in der Gesellschaft
nicht aus. In deren Verlauf konnte Verteidigungsminister Apel,
den böswillige Zungen seinerzeit verdächtigten, er sei für diesen
Posten ungeeignet, weil Zivilist und "eingefleischter Pazifist",
inzwischen nachhaltig das Gegenteil beweisen. Er braucht mittler-
weile keine Bügelfalte mehr am Arsch, weil er gelernt hat, den-
selben so zackig zusammenzukneifen, daß er sich von keinem 12-en-
der mehr etwas vorzumachen lassen braucht. In seiner Rede auf der
24. Kommandeurstagung hat er mit dem Mißverständnis aufgeräumt,
daß die Öffentlichkeit mit der Bundeswehr ihren Frieden schließen
sollte in Form der Duldung eines notwendigen Übels.
Die Phrase vom "Staatsbürger in Uniform", nach der der Soldat
deswegen geachtet sein wollte, weil er ein Mensch wie jeder an-
dere ist, ist überholt. "Teil der Gesellschaft" zu sein heißt
heute für den Soldaten, daß er
"der Gesellschaft verständlich machen und vorführen (muß), was
die Gesellschaft ihm, dem Soldaten schuldet." (Apel)
Die Aufforderung zum Respekt vorm Soldaten enthält unüberhörbar
das Verlangen nach Anerkennung des Soldaten als Modellbürger,
weshalb die Regierenden auch die Literaten zur stärkeren Berück-
sichtigung des Soldaten ermuntern und die öffentliche Vereidigung
von Rekruten mit Glanz und Gloria zur Regel gemacht wird. Die al-
ten Tugenden des Soldaten sind wieder als schätzenswerte Eigen-
schaften in der Debatte, von Apel heuchlerisch vorgetragen als
das richtigere Verständnis der noch vor kurzem gültigen Auffas-
sungen über das Wesen eines rechten Soldaten:
"Es muß so bleiben, daß der Staatsbürger in Uniform den Mut hat,
seine Meinung zu sagen.
Aber: Unser Grundgesetz wendet sich nicht an einen Menschen, der
geprägt ist von ungehemmtem Egoismus, unbegrenzter Individuali-
tät, sondern es lebt von einem Menschenbild, das den Menschen
zeichnet als Teil unserer Gesellschaft, als Teil einer Gemein-
schaft, die dem einzelnen Rechte gibt, ihm aber auch Pflichten
auferlegt. Deswegen müssen wir von uns allen Selbstkritik for-
dern, wenn Individualitat zu Disziplinlosigkeit führt, wenn Indi-
vidualität in Geltungssucht umschlägt...
Da wir vor dem Gesetz gleich sind, gleiche Rechte haben, muß auch
die Möglichkeit gegeben sein, innerhalb der Bundeswehr unserer
Selbstverwirklichung, der Entwicklung unseres Individuums, näher-
zukommen. Das zersetzt keineswegs das Prinzip von Befehl und Ge-
horsam."
Man sieht, Apel ist ehrlich bemüht und recht gewieft darin, die
wehrkraftzersetzende Wirkung aller Flausen über die Demokratie in
der Bundeswehr, an die sowieso so recht niemand glaubt, zu be-
schwören, ohne allzu direkt von früheren Lügen Abstand zu nehmen.
So wenig allerdings vor ein paar Jahren der Wehrdienst in zwangs-
loser Diskussion und politischer Meinungsbildung im Kreise der
Kameraden bestand, so wenig hängt heutzutage das "Prinzip von Be-
fehl und Gehorsam" davon ab, daß Apel Kommandeuren auf einer Ta-
gung erzählt, darauf käme es auch an.
Sterben für Bonn!
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Die Proklamationen von Kampfmoral, Kameradschaftsgeist etc., also
all der Tugenden des Drills und der Selbstaufgabe, "einer für
alle - alle für einen", die üblicherweise in Soldatenzeitungen
publiziert werden, werden an die Öffentlichkeit gebracht, um sie
die Hochachtung für diesen Stand zu lehren. Die ZEIT startet eine
Umfrage bei der Bundeswehr, diesem "ungeliebten Kind", das also
nicht nur verteidigt werden muß, sondern dem man neuerdings - wo
doch wirklich nicht unbekannt ist, welche Annehmlichkeiten sich
mit ihm verbinden - noch mit Begeisterung entgegentreten soll.
"Sterben für Bonn?" ist das Thema - das Wegstreichen des Frage-
zeichens Ausgangspunkt und Resultat dieser Suche nach dem idealen
Soldaten. Harmonische Ergänzung des Lobs der Bereitschaft zur
Selbstaufgabe im Dienste des Vaterlands ist die Sorge um den
"Geisteszustand" der deutschen Soldaten. An vorderster Front
sorgt sich Verteidigungsminister Apel:
"Für den Soldaten ist es schwierig, angesichts der komplizierten
Weltlage, die nach Afghanistan nicht leichter geworden ist, die
eigene berufliche Motivation zu finden. Manchem hilft die Faszi-
nation der Technik, die Faszination der Geräte, der Flugzeuge,
der modernen Kettenfahrzeuge, der neuen Schiffe weiter."
Die übliche Werbung zum Soldatenberuf wird vor der Öffentlichkeit
ausgebreitet und die Frage gewälzt, ob genügend an
"Identifikationsmöglichkeiten" mit diesem Beruf, dem staatlich
gebotenen Umbringen feindlicher Menschen, vorhanden sind.
"Initiative", "Zivilcourage" und "Verantwortlichkeit" sind da un-
heimlich gefragt, die Innere Führung muß ihre "Menschenführung"
verbessern und "Partnerschaft an die Stelle bewußtslosen Gehor-
sams setzen usw. usw. Nicht daß es auf so was im "Ernstfall" und
auch sonst ankäme - im Krieg schießt man weniger, weil man dazu
"motiviert" ist, sondern weil man sonst selbst dran glauben muß.
Aber die Erörterung der notwendigen Qualifikationen zum Solda-
ten b e r u f sind eben dann fällig, wenn unübersehbar klar ist,
daß der Übergang zum S o l d a t e n ansteht und in der Exeku-
tion ihres 'Berufs' die Soldaten ein weniges über die
'Faszination der Technik' hinauswachsen müssen.
Wieviel Verantwortung zum Schießen gehört
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Die Öffentlichkeit steigt in die Debatte über den "eigentlichen
Sinn" von Wehrdienst und den Charakter des Soldaten mit Begeiste-
rung ein. Es gibt einen wahren Boom von Leserbriefen zu diesem in
Mode gekommenen Thema. Sie reichen von faschistischen Sprüchen,
die der Regierung Nachgiebigkeit vorwerfen, über hochintelligente
Zuschriften von Intellektuellen, die sich in der einschlägigen
Literatur darüber informiert haben, wie es denn eigentlich vor
1914 wirklich gewesen sei, und meinen, ihre Erkenntnisse der un-
gebildeten Öffentlichkeit nicht vorenthalten zu dürfen, bis zu
Beschwerdebriefen von Soldaten über "unnötige Kontrollen und
Kleinigkeiten, die das Leben auf die Dauer erschweren":
"Die Armee, die ihre Soldaten nur durch Druck hinreichend moti-
vieren kann, stellt sich ein Armutszeugnis aus... In vielen Fäl-
len wird den Soldaten die eigene Verantwortlichkeit abgesprochen.
Man hat den Eindruck, daß man wie ein Kleinkind behandelt wird,
dem man jedoch andererseits ein Gewehr in die Hand gibt, und da-
mit eine sehr große Verantwortung."
Die saubere Kritik am Gewaltcharakter der soldatischen Erziehung,
wie sie in den üblichen Mosereien über "Schinderei" und "Spieß"
geübt wird, wird hier gleich als Problem unterbewerteten Verant-
wortungsgeistes besprochen. Was dieser ideale Soldat will, ist
eine Beförderung - ansonsten paßt ihm die Armee schon so, wie sie
ist, ins Konzept. Selbst da, wo Angst vor dem Krieg artikuliert
wird -
"Ich habe Angst vor Soldaten, die sagen: 'Da kommt dann keine
Scheibe hoch, da kommt ein Mensch hoch - na und?' Ich habe Angst
vor Soldaten, deren Vorgesetzter sagt: 'Wenn der Gruppenführer
das Vertrauen der Leute hat und ein paar handfeste Kerle dabei
sind, gehen alle mit.' Ich habe Angst vor Soldaten, die glauben:
'Drüben im Osten ist es anders. Zwang da drüben.' Am schlimmsten
ist, diese Soldaten gibt es in Ost und West. Sie sagen und denken
das gleiche." (Leserbrief zu "Sterben für Bonn?") -,
findet kein Angriff statt. Im Gegenteil: Der Schreiber bespricht
den Krieg als eine Charakterfrage der dazu ausgebildeten und ab-
kommandierten Soldaten. Den demokratischen Geist der Armee und
ihren Reichtum an Tugenden, die Produkt der friedlichen Politik
sind, will er nicht entdecken. In seinen Augen ist ein Krieg
grundlos, weil er im Tod von Menschen hüben und drüben keinen
"Sinn" sehen kann, und es kümmert ihn nicht, daß Politiker für
die Durchsetzung ihrer Zwecke in Kriegs- und Friedenszeiten mit
dem ihnen zu Gebote stehenden Menschenmaterial kalkulieren, wie
es ihnen dienlich ist. Es ist schon verrückt, die eigene Angst
vor dem Krieg zum Anlaß zu nehmen, sich nicht die Ursachen des
Kriegs zu erklären, sondern sich als Bekenner aufzuführen - der
eigenen Ohnmacht nämlich vor einer unverständigen Welt, die nicht
die eigene Friedensapostelhaltung hat. Mit solcher Kritik stellt
man allemal sich selbst ins moralische Abseits - denn für Frieden
und verantwortliche Soldaten ist bekanntlich jeder.
***
Eine Karikatur...
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Die Karikaturen zur Bremer Rekrutenverteidigung sind keine mehr,
sondern positive Klarstellungen, um was es sich bei den angebli-
chen Demonstranten handelt: so was darf man - wenigstens bildlich
- Wehrkraftzersetzung nennen.
Bild ansehen
Die zweite Front
... und was man aus ihr lernen soll:
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1. Die Bundeswehr besteht aus vereinzelten Soldaten in schlecht
befestigten Erdlöchern: hilflos, defensiv und schlecht ausgerü-
stet.
2. Auf jeden Bundeswehrsoldaten kommen im Schnitt fünf, zu allem
entschlossene, gut ausgerüstete und motivierte Demonstranten.
3. Gegen russische Panzer werden in der Regel Ferngläser einge-
setzt.
4. Und selbst der Einsatz dieses Beobachtungsinstruments miß-
lingt, weil "die zweite Front" militant zuschlägt.
Stellt sich nur die Frage, wieso es unter solchen Verhältnissen
überhaupt zu einer "ersten Front" kommen kann.
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Ein notwendiger Versprecher
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"Ohne Störung verlief heute die Verteidigung von 400 Rekruten der
Bundeswehr. Hunderte von Feldjägern und Polizisten schützten die
Veranstaltung...",
so versprach sich am 14.5. um 23.00 h im Bayerischen Rundfunk zum
zweiten Mal ein Nachrichtensprecher. Gleich beim ersten Mal wurde
öffentlich versichert, daß es sich keinesfalls um ein
p e i n l i c h e s Versehen handelte, sondern daß hier nur die
sonst so korrekte Zunge der staatlichen Gewaltgrundsätze über-
lief, derer das Öffentlichkeitsherz voll ist:
"Am Mittwochmorgen um sechs Uhr, beim Verlesen der Frühnachrich-
ten, unterlief der Sprecherin von Radio Bremen ein bezeichnender
Lapsus. 'Bei der Verteidigung von 1200 Bundeswehrsoldaten ist es
gestern abend zu schweren Krawallen gekommen', sagte sie, und
nach einer kleinen Pause: 'Verzeihung, bei der Vereidigung'. So
falsch war die erste Formulierung gar nicht. Hunderte von
Polizeibeamten verteidigten am Dienstagabend junge Rekruten bei
der Vereidigung im Weserstadion vor gewalttätigen Politrockern,
die sich als Demonstranten bezeichneten. Es wurde eine blutige
Schlacht." (Frankfurter Rundschau, 8.5.80)
Wenn schon für die theoretische Verpflichtung auf die staatliche
Gewaltmaschinerie die Dialektik von unschuldiger, wehrloser Ju-
gend (in der Bundeswehr) und Gewaltverbrechern (unter den Demon-
stranten) bedenkenlos ausgeschlachtet wird;
wenn schon die Störung solcher demonstrativer Militärfeierstunden
in den Rang eines Verteidigungskampfes der Ordnung gegen diejeni-
gen erhoben wird, deren Freiheit nach Carstens die wirkliche Ju-
gend unserer Nation schützt;
wie selbstverständlich und jeden Preis wert ist dann erst die
Verteidigung unserer Freiheit sans phrase gegen diejenigen, die
mit i h r e r vereidigten Jugend den Willen zur Gewalttätigkeit
gegen die freiheits- und friedliebenden Bürger hierzulande demon-
strieren.
Zweifrontenkriege gehen bekanntlich selten gut. Also klärt man
zunächst die innere Front. Deswegen war auch die Unterlassung der
Korrektur beim zweiten Versprecher nicht bloß ein Versehen. Die
Öffentlichkeit ist gegen jeden nicht genehmen Gebrauch der Mei-
nungsfreiheit in der Generaloffensive; selbst dort, wo sie sich
dessen nicht bewußt ist!
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