Quelle: Archiv MG - BRD BUNDESWEHR ALLGEMEIN - Vom deutschen Militarismus


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       Die "Neubelebung" der Westeuropäischen Union
       

DIE BUNDESREPUBLIK MACHT IN EUROPA MOBIL

1948, gleich nach dem Ende des 2. Weltkriegs, wurde der "Brüsseler Pakt" abgeschlossen, ein militärisches Bündnis mit "automatischer Beistandspflicht", das unter Federführung der bei- den westeuropäischen Siegermächte, Frankreich und Großbritannien, entstand. Belgien, Luxemburg und die Niederlande schlossen sich an. Das Vertragswerk richtete sich ursprünglich gegen ein "Wiederaufleben deutscher Aggression", also gegen ein mögliches Wiedererstarken Deutschlands mit f a s c h i s t i s c h e m Weltmachtanspruch. Außerdem wurde die Sowjetunion, der ehemalige Verbündete gegen Hitler-Deutschland, zum n e u e n Feind defi- niert: "Der Vertrag... war klarer Ausdruck des Gefühls wachsender Bedro- hung durch die UdSSR." 1954 wurde durch den Beitritt der frisch gegründeten BRD sowie Italiens zum "Brüsseler Pakt" ("Westunion") die WEU ("Westeuro- päische Union") gegründet. Grundlage für diese Entscheidung war das von den Amerikanern sy- stematisch betriebene Interesse, die BRD zum sowohl ökonomisch als auch militärisch potenten F r o n t s t a a t gegen die "russische Bedrohung" auszubauen. Deutsche Politiker, allen voran Konrad Adenauer, sahen darin die historische Chance, Deutschland wieder zu höchsten nationalen Ehren zu verhelfen: "Es muß das höchste Ziel einer deutschen Regierung sein, die Sou- veränität und Gleichberechtigung innerhalb des westlichen Lagers zu erreichen." 1955 trat die BRD in die NATO ein. 1984, im Oktober, verkündeten die Außen- und Verteidigungsmini- ster der sieben Mitgliedsstaaten der WEU in ihrer "Erklärung von Rom" den Willen, dieses Bündnis "neu zu beleben": "Das außerordentliche Treffen zum 30jährigen Bestehen der WEU, dem turnusmäßig Bundesaußenminister Genscher vorsitzt, soll das Bündnis wieder aktivieren." (Süddeutsche Zeitung) Konkret wurde zunächst beschlossen, sämtliche noch bestehenden Beschränkungen für die deutsche Rüstungsindustrie aufzuheben - ausgenommen ABC-Waffen: "In der Praxis erhält die deutsche Rüstungsindustrie mit der Auf- hebung der Produktionsbeschränkung das Recht, Überwasserschiffe von mehr als 6000 Tonnen Verdrängung für den Eigenbedarf zu bauen." Das Verbot der Produktion strategischer Raketen und Langstrecken- bomber war bereits im Juli gestrichen worden. Endlich ist es also offiziell besiegelt, daß die Nation, die aus ihren paar Rüstungs- beschränkungen ein Plus gemacht und die modernste und stärkste konventionelle Armee Europas auf die Beine gestellt hat, nun gleichberechtigt auch auf den Feldern der größeren Waffen in die Rüstungskonkurrenz eingreifen darf. Der Kommentar von Minister Genscher: "Mit den Beschlüssen von Rom sind die Weichen für ein kraftvolles Europa gestellt." Ein schöner Fortschritt! Der ehemalige Verlierer des 2. Welt- kriegs ist der Vorreiter eines "kraftvollen Europa". Europäische Weltmacht BRD ------------------------- Offenbar ist der BRD ihre bisherige Rolle im Bündnis eine Nummer zu klein geworden: "Bloß" die Aufrüstungsvorgaben der USA zu er- füllen und dabei das leuchtende "Vorbild" für die restlichen NATO-Mitglieder zu spielen, reicht deutschen Führern heute nicht mehr aus. Hat die Republik doch gerade durch die stets mustergül- tige Erfüllung ihrer NATO-Aufgaben einen Machtzuwachs erhalten, der die Ansprüche steigert. In Sachen "Stärke" und "Bedrohung" des Hauptfeindes mißt sich die Bundesrepublik bereits am NATO- Führer und deswegen kommt Genscher wieder einmal auf die Idee Eu- ropa: "Europa und Amerika bilden die beiden Pfeiler, auf denen das at- lantische Bündnis ruht, beide müssen stark und tragfähig sein... Nicht die USA sind zu stark, im Bündnis, sondern Europa bringt sein Gewicht zu wenig zur Geltung." So drückt der deutsche Außenminister den Willen aus, in der NATO einen W e l t m a c h t a n s p r u c h zur Geltung zu bringen. In der "Bündelung" der militärischen, militärpolitischen und mi- litärtechnologischen Schlagkraft a l l e r WEU-Staaten wittert die Regierung nämlich die Chance, die n a t i o n a l e Schlag- kraft weltweit zu erhöhen! Schließlich hat die Bundesrepublik eine florierende Wirtschafts- und Finanzkraft in die Waagschale zu werfen und gewinnt - nun militärpolitisch gleichberechtigt - gleich doppelt: an entscheidendem Einfluß auf die europäischen Mitstreiter in der WEU und an Gewicht bei den USA durch die en- gere europäische Kooperation. Alles gute bundesdeutsche Gründe, daß Genscher dazu aufrief, "sich für eine verstärkte Abstimmung in der Verteidigungspolitik einzusetzen". Die ist jetzt kein Wunschtraum mehr. Der Minister- rat der WEU hat halbjährliche Treffen der Außen- und Verteidi- gungsminister und eine engere sicherheitspolitische Zusammenar- beit sowie eine "gezielte Zusammenarbeit der WEU-Mitglieder im Bereich der wehr- technischen Grundlagenforschung und bei der industriellen Wartung eingeführter Waffensysteme" beschlossen. Außerdem hat man die feste Absicht bekundet, daß "die europäische Leistungsfähigkeit und ihre Reserven durch in- tensive Zusammenarbeit wirkungsvoller genutzt werden, auch bei den Rüstungskapazitäten. Außer einem Impuls für gemeinsame Pro- jekte strebt die WEU auch an, das bisherige riesige Übergewicht Amerikas bei Rüstungslieferungen an Europa (7:1) angemessen aus- zubalancieren." Auf der einen Seite kann sich keine europäische Nation diesem deutschen Anspruch entziehen, will sie nicht in der innerimperia- listischen Konkurrenz an Boden verlieren: "In Europa selber hat die gewünschte Renaissance der WEU keines- wegs von Anfang an begeistert. Als Paris Anfang des Jahres ein Memorandum über die künftige Ausgestaltung der Organisation vor- legte, schreckte Großbritannien zurück. Erst die Erkenntnis, daß es den Anschluß an eine nicht aufzuhaltende Entwicklung verpassen könnte, stimmte die englische Diplomatie um." (Die Zeit) Auf der anderen Seite aber können die USA zufrieden sein mit der militärischen Stärkung ihrer Bündnispärtner und dem Machtzuwachs ihrer vorgeschobenen Raketenstation BRD; sie selbst drängen schließlich beständig auf größere R ü s t u n g s anstrengungen Europas und haben unter dem Ansinnen nach einer gerechteren Bi- lanz der Rüstungs g e s c h ä f t e noch nie gelitten; schon gar nicht, wenn sie mit ihrer Führungsrolle in der NATO die einschlä- gige Industrie in allen Staaten anheizen. Bündnisstärkende Konkurrenz --------------------------- Für die USA hätte es die Beteuerungen, "daß eine Stärkung der WEU nicht gegen die USA gerichtet sei, sondern der Verbesserung der Zusammenarbeit in der NATO diene, der die WEU-Länder angehören", also sicher nicht gebraucht. Den wahren Adressaten solcher Äuße- rungen hat die Öffentlichkeit mit ihrem nationalistischen Stolz ganz von selbst herausgefunden. Ein "Zeit"-Journalist klärt stellvertretend für alle darüber auf, wofür Europa "zu schwach" ist und gegen wen sich die neue Stärke richtet: "Gegenüber dem Orten könnten sie ihre Positionen stärken, indem sie alle Moskauer Spekulationen zusammenbrechen lassen, daß die Europäer einfach Vasallen Amerikas sein möchten oder sich von ih- rer Führungsmacht abkoppeln möchten." Die imperialistische Konkurrenz um Macht und Einfluß im NATO- Bündnis schwächt eben nie und nimmer dieses Bündnis! Kaum aus Rom zurückgekehrt, stellte Genscher in einer Regierungs- erklärung fest: "Bonn will keine strategischen Waffen bauen." Wa- ren der Mann und seine Kabinettskollegen etwa bloß scharf auf die Erlaubnis, diese Machtmittel unter bundesdeutscher Regie herstel- len zu dürfen? Sollten sie das Recht, sich zu stärken, mit seiner Wahrnehmung verwechseln? Oder wollten sie es sich garantieren lassen, weil sie es auf keinen Fall anwenden wollen? 1991 - Frau von Weizsäcker tauft den ersten Flugzeugträger der Bundesmarine auf den Namen "Berlin"! Oder ist es ein U-Boot einer neuen Größenklasse? Oder ein strategischer Bomber?... zurück