Quelle: Archiv MG - BRD BUNDESWEHR ALLGEMEIN - Vom deutschen Militarismus


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       Marxistische Schulzeitung Bremen, 21.05.1981
       
       Bundestagsdebatte über Bericht des Wehrbeauftragten
       

POLITIKER ERTEILEN GEISTIGEN WEHRAUFTRAG

"Viele Anzeichen sprechen dafür, daß bei den jungen Bürgern viel- fach kein Verständnis mehr für Notwendigkeit und Sinn ihrer Ein- berufung bestehe. Oft fehle ihnen die Erfahrung (Leider noch kei- nen Krieg mitgemacht?), daß der Wehrdienst zum Schutz der frei- heitlichen Ordnung unabdingbar sei." (Weser-Kurier) Wollen deutsche Rekruten auch, was sie müssen? Diese Frage legten sich Politiker aller Parteien jüngst im Bundestag vor. Allerdings weder deshalb, weil sie gedenken, der männlichen deutschen Jugend in Zukunft Bittschreiben statt Einberufungsbefehle zu schicken, noch weil s i e den "Ernstfall" abhängig machen wollen davon, ob "Wehrpflichtige ihr Leben einsetzen wollen," (FDP-Abg. Popp). Als "Zeichen mangelnden Verständnisses" für den "Sinn" des Kriegsdienstes entdeckten Politiker vielmehr eine schon immer in jeder Armee gängige Praxis: daß nämlich Soldaten den staatlich in die Welt gesetzten Sadismus einer Ausbildung zum Töten als Gele- genheit zu kleinen selbstinszenierten "Übergriffen" mißverstehen - als sei es nicht die Sache der Vorgesetzten, also ihres staat- lichen Dienstherren, zu bestimmen, w e m gegenüber Grausamkeit am Platze ist, und wo dementsprechend die "Erziehung zur Härte", also die sinnvolle Verrohung des eigenen Gefühls und Verstandes aufhört und die u n z w e c k m ä ß i g e Bestialität anfängt. Diese "Übergriffe" waren den Politikern Anlaß, in der E r z i e h u n g der Jungbürger für ihren staatlichen Dienst- auftrag Versäumnisse zu entdecken: "Berkhan bedauerte, daß Staat und Schule der nachwachsenden Gene- ration nicht mehr die Einsicht vermittelten, wie sehr die Frie- densfähigkeit dieses Staates von seiner Fähigkeit und seinem Wil- len zur Selbstverteidigung abhingen." (Frankfurter Allgemeine Zeitung) Ausgerechnet die fehlende Einsicht in den Auftrag der Bundeswehr soll also der Grund dafür sein, daß die jungen Deutschen es an der fiesen Tugend der "Kameradschaft" fehlen lassen, die der Ar- mee im Schützengraben so wertvolle Dienste leistet. Wo es um die "Friedensfähigkeit" des S t a a t e s geht und diese nach neue- ster Sprachregelung der Politiker z u s a m m e n f ä l l t mit dem Willen zur Selbstverteidigung - und wie soll sich ein Staat verteidigen, ohne seine Bürger dazu abzukommandieren? - gehört Schluß gemacht mit der Ideologie, "Übergriffe" und Faschistereien in der Armee seien die Folge "überholten Kommißgeistes" oder ei- ner "mißverstandenen Erziehung zur Härte", also der mangelnden Verwirklichung des Ideals des "Bürgers in Uniform". Die ideologische Begleitmusik zur bisherigen Aufrüstung - daß eine überholte m i l i t ä r i s c h e Tradition, die im Wider- spruch stehe zur friedenssichernden Funktion der Bundeswehr, schuld sei an Akten unzweckmäßiger Gewalt in der Armee - erklären deren Erfinder jetzt selbst für unzeitgemäß. Eine eigensüchtige und indolente Gesellschaft und eine Schule, in der immer noch Il- lusionen über den Dienst mit der Waffe verbreitet würden, werden jetzt als Grund dafür ausgemacht, daß die Soldaten ihren Auftrag nicht mit dem nötigen Ernst versehen: Bundestagsabgeordnete ent- decken in "Protesten" und "Friedensbewegungen" Anzeichen von "Ignoranz und Indifferenz vieler Bürger" (SPD-Abg. Horn), der ge- genüber verständlich wird, daß den Soldaten der Wille zur Exi- stenzsicherung des Staates abgeht. Und solchen Tendenzen haben insbesondere die öffentlichen Erziehungsanstalten entgegenzutre- ten: "Apel hob die besondere Aufgabe hervor, die der Schule dabei zu- komme, die Bedingungen der Friedenssicherung zu erklären. Die fehlende Unterrichtung über den Auftrag der Bundeswehr sei für die mangelhafte M o t i v a t i o n der Wehrpflichtigen von be- sonderer Bedeutung." (Frankfurter Allgemeine Zeitung) Für die Wahrnehmung des Auftrags der Bundeswehr reicht es zwar vollkommen, daß die Soldaten den Befehlen folgen, die sie im Ernstfall in die für sie vorgesehenen Stellungen manövrieren. Und wäre es bislang zu Befehlsverweigerern größerem Ausmaßes gekom- men, würden den Bundesverteidigungsminister sicherlich andere Probleme bewegen als die der M o r a l der Truppe. Dennoch hat er in einem recht: o h n e die Bereitschaft jugendlicher Deut- scher, sich den Kampfauftrag der Bundeswehr zu eigen zu machen, indem sie sich dessen Notwendigkeit unterwerfen und darauf ver- trauen, daß der eigene Einsatz von den Politikern schon "sinnvoll", nämlich w i r k l i c h für den Frieden eingesetzt werde, geht keine Armee. Und dieses Vertrauen steht für Soldat und Gesellschaft nach Auskunft der Politiker dann besonders an, wenn die Politiker beschließen, den Friedensauftrag der Bundes- wehr als Vorbereitung ihres aktiven Einsatzes zu definieren. Deshalb soll die Schule auch für die Beförderung dieses Vertrau- ens noch Einiges mehr tun als bisher. Fahnenschwingende Begeiste- rung braucht sie dabei gar nicht zu vermitteln. Es reicht völlig, wenn Erziehungsberechtigte klarstellen, daß mit dem Zweck "Frieden" j e d e r staatliche Tötungsauftrag begründet und je- der Einsatz des eigenen Lebens gerechtfertigt ist. Und wenn sie mit der Vorstellung aufräumen, man könne seinen Wehrdienst abrei- ßen, danach wieder ins zivile Leben zurückkehren und einfach ver- gessen, wozu man in nicht allzuferner Zukunft gebraucht wird. Auch die Einbildung, das Säubern von Nachttöpfen in Kranken- häusern sei letztlich ein ebenso anerkennenswerter Dienst an der Nation wie die Armee, gehört sich ab sofort nicht mehr: hier steht ja nicht das eigene Leben auf dem Spiel, und das muß einem der eigene Staat schon wert sein: "Es ist dringend erforderlich, deutlich zu machen, daß der Zivil- dienst keine gleichwertige Alternative zum Wehrdienst sei... Die wachsende Zahl derer, die zugäben, den Wehrdienst zu verweigern, weil sie ihre persönlichen Interessen wichtiger als den Einsatz für die Allgemeinheit nähmen, bestätigt dies." (Apel) Politiker machen sich also durchaus keine Illusionen darüber, was sie eigentlich von deutschen Jungbürgern erwarten, wenn sie sie in der Logistik der Armee als "500 000 Mann Sollstärke" einpla- nen. Damit sich einer so einplanen läßt, muß er sich schon von früh auf an den Gedanken gewöhnen lassen, daß sein "persönliches Interesse" in G e g e n s a t z steht zu dem friedenssichernden Auftrag der Armee, das aber mitnichten ein Grund dafür sein darf, sich dem Dienst am Frieden zu entziehen. So kann man es auch aus- drucken, daß es für den Bürger Wichtigeres gibt als den Frieden, wenn seine Regierung dieses so befiehlt. zurück