Quelle: Archiv MG - BRD BUNDESWEHR ALLGEMEIN - Vom deutschen Militarismus


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DIE RAKETENLOGIK DER EUROPÄER: DOPPELZÜNGIGE KRIEGSTREIBEREI

1. Die nationale Sicherheitsproblematik der Europäer: ----------------------------------------------------- Ein ideologisches Konstrukt auf Basis ihres Willens zur NATO ------------------------------------------------------------ Die westeuropäischen Staaten haben - so versichern sie laufend - größte Sicherheitsprobleme mit der Sowjetmacht. Von den SS 20 bis herunter zu den gepanzerten Mannschaften und wieder hinauf zu den Raketen jeglicher Reichweite: Nichts als sowjetische Überlegen- heit. Nun ist der Vorschlag aus Moskau da: Über alle "Ungleichge- wichte", von denen die Europäer sich bedroht fühlen, sei zu reden. Die SS 20? Können weg, gegen Abzug der amerikanischen Pershing II und Cruise Missiles. Die Atomraketen geringerer Reichweite, die auf Westeuropa zielen? Können gleichfalls weg, auch ohne entsprechende westliche Gegenleistungen. Die verblei- benden Atomwaffen? Stehen von sowjetischer Seite aus zur Disposi- tion, wenn auch der Westen sie abbaut. Die konventionell bewaff- neten Truppen? Demobilisierungsvorschläge, die als westliche Ge- genleistung einen Abzug der amerikanischen Streitkräfte aus Eu- ropa fordern, liegen auf dem Tisch und lassen sich jederzeit aus- diskutieren. Sonst noch Sicherheitsbedürfnisse? In etwa gleichlautende Antworten haben M. Thatcher und J. Chirac persönlich im Kreml abgeliefert: Die sowjetischen Vorschläge än- dern für sie im Grunde gar nichts an ihren Sicherheitsproblemen und Rüstungsanstrengungen. Die Einbeziehung ihrer Atomraketen in ein west-östliches Abrüstungsgeschäft kommt nicht in Frage; daß sie davon auch ausgehen, ist noch das Beste an den sowjetischen Vorschlägen. Im übrigen mag die einfache wie die doppelte Null- Lösung in Ordnung gehen; weitergehende Abrüstung wäre auf alle Fälle bedenklich; auch dann, wenn es die eigenen Streitkräfte weiterhin erst einmal gar nicht betrifft. - Welche Logik steckt in diesem englisch-französischen "Nein danke"? Helmut Kohls "Nein danke" dauert nicht nur länger; es ist auch komplexer. Zwar ist in den sowjetischen Vorschlägen alles enthal- ten, was den Katalog deutscher Sicherheitssorgen ausmacht. Die Kohl-Mannschaft kalkuliert aber gar nicht erst mit der Möglich- keit einer Verringerung der nationalen Sicherheitsprobleme, son- dern ausschließlich mit deren Verschiebung, falls Abrüstungs- schritte zustandekämen. Und sie kann nicht verhehlen, daß alles, was da auf die Republik zukommen könnte, eine Änderung zum Schlechteren wäre. - Von welchem Standpunkt aus ist das so? Wenn es wirklich so wäre - wie die hausgemachte Darstellung der westeuropäischen Sicherheitsproblematik es verstanden haben will -, daß die Nationen zwischen "Eisernem Vorhang" und Atlantik sich unter dem Druck überlegener sowjetischer Waffen sehen; daß sie nach reiflicher Überlegung zu dem Schluß gekommen sind, als Ge- gengewicht müßten sie aufrüsten wie die Teufel und außerdem jede Menge amerikanische Hilfe her; daß sie also um ihrer puren Selbsterhaltung willen, um sich vor sowjetischer Überwältigung zu sichern und ein innereuropäisches Kräftegleichgewicht hinzukrie- gen, in der NATO sind: Wenn es wirklich so wäre, dann wären und dann hätten die sowjetischen Vorschläge tatsächlich eine Riesen- chance. Sie sind ja das Angebot an die Westeuropäer, sich aus dem Gegensatz der atomaren Supermächte herauszubegeben, die entspre- chende atomare Drohung der Sowjetunion von sich abzuwenden und ihre nationale Autonomie mit entsprechend bescheideneren militä- rischen Mitteln innereuropäisch zu sichern. Freundschaft zu den Russen wäre gar nicht einmal unbedingt verlangt - von wegen "gewachsene Bindungen zu Amerika", wie Gorbatschow sich per "Unita" vernehmen ließ -, sondern nur, daß die Westeuropäer ihr Sicherheitsbedürfnis nach den Maßstäben eines wirklichen "Drittstaates" definieren, der sich in den globalen Gegensatz der Supermächte und in deren atomkriegsstrategisches Kräfteverhältnis gar nicht einmischt. Ein reizvolles Angebot wäre das insbesondere für die Bundesrepu- blik - wenn deren sicherheitspolitische Kalkulationen tatsächlich von der doppelten Sorge bestimmt wären, einerseits einen militä- rischen Überfall der Sowjetunion, andererseits aber ebenso die Rolle eines Schauplatzes der NATO-Verteidigung fürchten zu müs- sen. Eine Rüstungspolitik, die den vom CDU/CSU-Fraktionschef Dregger in Umlauf gebrachten Sinnspruch: "Je kürzer die Reich- weite, um so deutscher die Zerstörung" zu ihrer Richtschnur machen würde, müßte dankbar das Angebot aufgreifen, die deutschen Grenzen von der strategischen Wucht der atomaren Konkurrenz der Weltmächte zu entlasten. Und darauf laufen die Vorschläge Gor- batschows für Europa hinaus - sind darin übrigens nicht einmal- ganz neuartig; der alte sowjetische Einfall einer KSZE, mit Beto- nung auf "E", enthielt schon das gleiche Ansinnen, die Westeuro- päer sollten sich auf ein innereuropäisches Gleichgewicht und Si- cherheitssystem mit der Sowjetunion einlassen, außerhalb des von atomarer Totalbedrohung und Abschreckung gekennzeichneten Ver- hältnisses der Supermächte. Die Wirklichkeit sieht auch hier wieder einmal anders aus: Wo die Sowjetregierung die von den Westeuropäern geäußerten und bedin- gungslos hochgehaltenen Sicherheitssorgen beim Wort nimmt und vorschlägt, sie auszuräumen, überführt sie ihre Ansprechpartner bloß einmal mehr der Lüge. Den Standpunkt eines rein defensiven, national kalkulierten Sicherheitsinteresses wirklich einzunehmen, gilt nämlich unter allen maßgeblichen Westeuropäern als schlimmer Verstoß gegen die wahre nationale Sicherheits- und Staatsräson. Es ist "Neutralismus", das unfreundliche Verhältnis zur So- wjetunion zu einer bilateralen Affäre herunterzudefinieren, die man mit den eigenen Druckmitteln löst oder gar nicht; und "Neutralismus" bezeichnet keine zulässige nationale Option, son- dern ist per se ein Vorwurf. Kein NATO-Partner, der nicht die ge- samte strategische Macht der Sowjetunion ganz selbstverständlich auf sich beziehen und im Hinblick darauf seine Sicherheitsinter- essen definieren würde. An dieser Selbstverständlichkeit ist je- des sowjetische Angebot einer europa-internen Verständigung immer schon gescheitert, noch ehe es gemacht ist - und von den NATO- Staaten in Europa als übler Spaltungsversuch verworfen worden ist. 2. Der Wille zur Teilhabe an einer NATO-Weltherrschaft ------------------------------------------------------ und seine nationale Darstellung als Arroganz der Ohnmacht --------------------------------------------------------- Die Westeuropäer v e r w e i g e r n der Sowjetunion ein "normales" nationalstaatliches Nebeneinander in Europa und das nicht erst in Beantwortung Moskauer Abrüstungsvorschläge; sie ha- ben es hingekriegt, daß so etwas als undenkbarer Fall völliger weltpolitischer Anormalität gilt. Aus der Position, die sie auf dem alten Kontinent und zum Rest der Welt einnehmen, und aus den nationalen Interessen, die sie verfolgen, haben sie schon immer durch ihre NATO-Mitgliedschaft einen Unterfall des weltbeherr- schenden - nicht zuletzt d e s w e g e n weltbeherrschenden! - Systemgegensatzes der atomar hochgerüsteten Supermächte gemacht, soweit sie jeweils an der Bündnispolitik mitdefinieren konnten und durften. Die NATO ist nie bloßes Mittel einer nationalen "Sicherheitspolitik" gewesen, die sich dem Schutz verschrieben hätte, sondern allemal der Hebel, um gegen die Sowjetunion weit gröbere nationale Vorhaben verfolgen zu können als solche, für die ihre jeweilige Nation für sich genommen einstehen könnte. Und damit ist wahrhaftig weder bezweckt noch ist es das Ergebnis, daß dank allerhöchster strategischer Garantie einfach alles so bleibt, wie es ist. Die Subsumtion aller westeuropäischen Natio- nalinteressen unter den strategischen Weltgegensatz gegen die So- wjetunion, die Aufwertung dieser Interessen zu einem Fall des globalen, von den USA atomkriegsmäßig vertretenen Antikommunis- mus: Das ist nur unter einem Gesichtspunkt sinnvolle nationale Sicherheitspolitik. Unter der Prämisse nämlich, daß die beteilig- ten Nationen die Position der Sowjetunion im Nachkriegseuropa als unerträgliche Beschränkung für sich und ihre Ambitionen definie- ren, zur Beseitigung dieser Schranke entschlossen sind und dies zur nationaleuropäischen Hauptfrage erklärt haben. Wen die West- europäer lieber als Teil des Ost-West-Konflikts und potentieller Atomkriegsteilnehmer in Europa auftreten wollen, als mit ihren antisowjetischen Ansprüchen zu einem Ausgleich auf Basis der ge- gebenen Lage zu gelangen, dann haben sie eben eine unversöhnliche Unzufriedenheit mit dem sowjetischen Nachbarn zu ihrer Staatsrä- son erhoben. Als NATO-Partner definieren sie sich dadurch, daß sie auf ein Fertigmachen der Sowjetmacht unter amerikanischer Führung mit europäischem Ertrag setzen. Folgerichtig tritt kein NATO-Staat weltpolitisch und militärisch als bloßer NATO-Vasall auf: Zwar erlaubt ihnen allen nur ihr Va- sallentum, ihre Einordnung ins Bündnis, den Standpunkt eines un- befriedigten, nicht kompromißbereiten antisowjetischen Nationa- lismus - aber den erlaubt ihnen die NATO. Dabei gehen nicht ein- mal die gewachsenen nationalen Unterschiede verloren. - Wenn der französische Ministerpräsident nach Moskau fährt, um der sowjetischen Führung die Unannehmbarkeit ihrer Politik im allgemeinen - das kostet die Staatskasse ein Dissidenten-Früh- stück - und ihrer Abrüstungsideen im besonderen aus Pariser Sicht zu erläutern, dann argumentiert er mit der s t r a t e g i s c h e n O h n m a c h t seiner Nation. Näm- lich so, als müßte der sowjetische Gesprächspartner diese als guten Grund für französische K o m p r o m i ß l o s i g k e i t einsehen. Ganz furchtlos verweist er darauf, daß die geradezu lä- cherlich geringe Zahl französischer Atomsprengköpfe - derzeit 177, ab Anfang der '90er Jahre um die 500, gegenüber gut 12.000 sowjetischen und fast 12.000 amerikanischen - jede Beteiligung an einer denkbaren Abrüstung völlig unmöglich mache; so etwas käme erst in Frage, wenn die Supermächte auf das französische Niveau heruntergekommen wären. So stellt die französische Regierung sich, was ihr Recht und ihren Anspruch auf atomare Weltmacht be- trifft, auf gleichen Fuß mit dem uneinholbar überlegenen Gegner. Dieses Paradox kann sie sich wahrhaftig nicht wegen i h r e n 12 Dutzend Raketensprengköpfen leisten, sondern weil sie die so- wjetische Übermacht bei den Amerikanern gut aufgehoben weiß und ihr Potential als Zusatz zur Raketenmacht der NATO und der USA kalkuliert. Dank solcher Sicherheit nimmt sie sich aber die Frei- heit heraus, ihre Unterlegenheit als das noch unausgeräumte exi- stenzielle Problem in den zweiseitigen Beziehungen von europäi- scher Nation zu europäischer Nation und als zu beseitigendes Hin- dernis für ein gutnachbarschaftliches Verhältnis zu definieren und dem besuchten Sowjetmenschen zu verklickern. - Noch viel unterlegener kommt - in der Tradition der von W. Brandt erfundenen sozialliberalen Ostpolitik - die BRD ihrem so- wjetischen Kontrahenten. Sie besitzt überhaupt keine eigenen Atomwaffen; ihre Streitmacht ist ins Bündnis integriert: als "Drittstaat" genommen eine Null. Als NATO-Staat beinahe noch we- niger als das: ein Schlachtfeld der ersten Stunde, dessen Führung schon allein deswegen die Wahrung des Friedens über alles stellen muß - erzählt diese bei jeder Gelegenheit Gott und der Welt und vor allem den Russen. Seltsamerweise macht genau das diesen Staat alles andere als bescheiden und vorsichtig im Umgang mit der x- fach überlegenen Supermacht im Osten. Im Gegenteil: Hier ist je- des "leider" als Anspruch gemeint. Gerade als Staatswesen, das - verglichen mit den zwei Staaten, mit denen es sich überhaupt bloß vergleichen will! - militärisch so unterentwickelt und harmlos ist, weiß sich die BRD berechtigt, mit ihren nationalen Ansprü- chen ein dauernder Test auf die Echtheit und Glaubwürdigkeit des sowjetischen Friedenswillens zu sein. Vor allem mit ihrem Rechtsanspruch auf "Wiedervereinigung" und auf die "einem Frie- densvertrag vorbehaltene" endgültige Regelung der polnischen und eines Stückchens der sowjetischen Westgrenze, was immerhin auf eine Revision des Weltkriegsergebnisses hinausläuft. Für diesen Willen, die Karten in Europa neu zu mischen, auf Kosten des öst- lichen Bündnisses und zugunsten Deutschlands, bietet die Bundes- wehr wirklich keine ausreichende militärische Grundlage. Mit den D i e n s t e n, die die Bundeswehr - und überhaupt die Republik als Aufmarschgelände - dem Bündnis leistet, hat die Nation es aber geschafft, das höchste strategische Interesse der Führungs- macht auf die Belange ihres unbefriedigten Nationalismus zu zie- hen, sich zur härtesten strategischen Bedrohung der Sowjetmacht in Europa aufzubauen und ihre Intaktheit in dieser sympathischen Rolle zum absoluten Weltkriegsfall zu machen - soweit das über- haupt vorab bündnispartnerschaftlich zu regeln ist. Sogar der erzwungene Verzicht auf eine eigene bundesdeutsche Atomrüstung hat in dem Zusammenhang dann doch seinen guten scharfmacherischen Sinn: Um so enger wird die strategische Atommacht der USA selbst an das von der BRD vertretene Stück NATO-Sicherheitspolitik ange- bunden. Die Sorgen um die Glaubwürdigkeit des amerikanischen Atomkriegsversprechens, die die bundesdeutsche NATO-Integration seit jeher begleiten, zeugen von dem Bewußtsein, wie sehr die BRD mit allen ihren heiligen Gütern und Rechten ein G e s c h ö p f der NATO ist und daß sie nur deswegen als nicht-saturiertes Nach- kriegs-"Provisorium" auftreten kann, weil die USA - und solange die USA - dieses - Gebilde als antisowjetische Speerspitze schät- zen. Dank solchem strategischen Gewicht kann die BRD ein bilate- rales Verhältnis zur Sowjetunion eröffnen, das von der bekannten Doppelzüngigkeit geprägt ist: Mit Verweis auf ihre Schwäche - rein national betrachtet - bietet sie sich als berufener An- sprechpartner aller sowjetischen Friedenswünsche an, darf dabei aber in aller Bescheidenheit auf der offenen nationalen Frage be- stehen und den Friedenswillen der jeweiligen Sowjetregierung an deren Bereitschaft messen, sich von ihren Nachkriegspositionen zu verabschieden und aus "Europa" zurückzuziehen, das dann endlich "wieder" ungeteilt dem Westen gehören würde. 3. Die BRD und ihr Bündnis: Der Scharfmacher als "Opfer" - ---------------------------------------------------------- das "Opfer" als Scharfmacher der Bündnisdisziplin ------------------------------------------------- Die bundesdeutsche Rüstungspolitik ist logischerweise vollständig durch die Stellung der BRD in der NATO bestimmt. Ihr Problem wird durch den nationalen Willen geschaffen, sich zum Werkzeug der atomaren strategischen Bedrohung der Sowjetunion durch die USA und die anderen Verbündeten zu machen: Nichts Geringeres als die militärische Erpreßbarkeit der sowjetischen Supermacht will die BRD als Sicherheitsgarantie für sich ausreichend finden, also herstellen. Die Ideologie dieses Sicherheitsproblems wird zur Zeit in Form der frechen Anklage vorgetragen, die Sowjetunion be- säße weit mehr Waffen als zu ihrer Verteidigung nötig - was ja durchaus stimmt, wenn man nur, nationalbewußt, die eigene Bundes- wehr dagegen aufrechnet. Die Lösung dieses anspruchsvollen Ver- teidigungsproblems geschieht durch eine Rüstung mit dem Ziel, sich durch militärisch wertvollste Dienste fürs Bündnis der Bünd- nismacht bis hinauf zu den strategischen Atomwaffen der USA zu versichern - dies die einzig realistische Chance, also die Grund- lage für die nationale Unzufriedenheit der gedemütigten Nation. Dabei hat die bundesdeutsche Sicherheitspolitik immerhin zwei ge- wichtige Erfolge zu verzeichnen. Man hat ein Mitspracherecht bei der Einsatzplanung der NATO-Atomstreitkräfte - über dessen Wert die amtierenden Nationalisten sich bis zum Einsatz streiten wer- den. Und sie hat es zu einer Rüstung gebracht, die die Erkenntnis des CDU/CSU-Fraktionschefs über Reichweite und Zerstörung vom pa- triotisch-sentimentalen Kopf auf die militärpolitischen Füße stellt: Je weiter "vorne" die Verteidigung, um so undeutscher die fälligen Verwüstungen. Das bundesdeutsche NATO-Ideal, im Ernstfall die strategischen Waffen der USA zu eigenen Gunsten mobilisieren zu können, hat un- ter dem sowjetischen Erfolg, die USA selbst unter die Drohung atomarer Totalzerstörung zu setzen, natürlich auch gelitten. Sehr folgerichtig ist daraus das speziell bundesdeutsche Interesse er- wachsen - das mit den SS 20 nie ursächlich zu tun hatte -, die strategische Position Westeuropas durch die Aufstellung einer sachgerecht verkleinerten Zweitausgabe des strategischen Atom- kriegspotentials der USA zu sichern. Für die Bundesregierungen, die das als "Nachrüstung" verkauft haben, ist auch hierbei wich- tig geblieben, daß es US-Raketen sind, die auf ihrem Hoheitsge- biet die letzte und totale Kriegsdrohung glaubwürdig machen; nur das sichert ihr nämlich, im Unterschied zu einer rein nationalen Atomwaffe, die strategische Gleichrangigkeit i h r e s Stücks vom Bündnisgebiet mit dem heiligen Grund und Boden der Führungs- macht. Nur folgerichtig, daß gerade die Treuesten unter den NATO-Treuen in den bundesdeutschen Regierungsparteien einen Dissens zu ihren Freunden in den USA beklagen, wenn ausgerechnet diese Waffe von Reagan auf die Liste der Verhandlungsthemen für den amerikanisch- sowjetischen Abrüstungsdialog gesetzt wird. Aber so ist es eben: Das schöne bundesdeutsche Vorrecht, sich als Schmarotzer der Atomkriegsmacht der USA aufführen zu können, bleibt allemal von amerikanischen Kalkulationen abhängig und ihnen nachgeordnet; und die haben sich auch schon bei der Aufstellung der Pershing II nicht nach dem strategischen Ehrgeiz der Bundesdeutschen gerich- tet, mit dem sie da zusammenfielen. Mißtrauen ist die Regel unter diesen guten Freunden, Streitigkeiten sind immer drin, und auch nationale Rückschläge können nicht ausbleiben, von denen sich das Bündnis immer erst wieder "erholen" muß - was es auch schafft. Es wird ganz sicher keine NATO-Kündigung von rechts in der BRD geben. Statt dessen läuft schon wieder das altbekannte "Nach- rüstungs"-Schema an: Noch ist die ominöse Null-Lösung bei den Mittelstreckenraketen gar nicht wirklich spruchreif, da bringt die Bundesregierung schon wieder ihre nationale Ohnmacht gegenüber der Sowjetunion ins Spiel und meldet abwechselnd den Anspruch auf Waffengleichheit in sämtlichen anderen Rüstungskate- gorien an. Die Frechheit der französischen Freunde, die auf das Ideal der Gleichrangigkeit als "Drittstaat" pochen, findet zuneh- mend Befürworter die so etwas gleich als europäische Lösung wün- schen. Jede Rüstung, zu der die NATO den sowjetischen Gegner ver- anlaßt, taugt so als unbedingt lösungsbedürftiges Sicherheitspro- blem der noch immer viel zu klein zugeschnittenen westeuropäi- schen Mächte. Daß diese Nationen die Opfer einer Sicherheitsproblematik wären, auf die sie zu reagieren hätten, ist eine verlogene Verdrehung. Das, wozu sie sich gedrängt fühlen, resultiert allein aus ihrem Willen zur NATO und dem Setzen auf ihre Siegeschance. Insofern ist ihr nationalistischer Einwand gegen eine rüstungspolitische Möglichkeit, die die Führungsmacht erwägt, wieder einmal ein Bei- trag zu wirklicher Stärkung des Bündnisses. Fortschritt buchsta- biert sich als Aufrüstung. Bild ansehen Landkarte Europa zurück