Quelle: Archiv MG - BRD BUNDESWEHR ALLGEMEIN - Vom deutschen Militarismus
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DER DEMOKRATISCHE DEUTSCHE MILITARISMUS
I.
Nicht erst durch die patriotischen Veranstaltungen des Herbst
1985, durch sie aber sehr nachdrücklich, erfährt die Nation, daß
die Bundeswehr ihr jahrzehntelang gepflegtes Image leid ist. Sie
will nicht mehr im Ruf einer farblosen Abschreckungsarmee stehen,
und aus berufenem Mund vernimmt der Bürger, daß er seine Wehr-
macht nicht mehr als notwendiges Übel ansehen soll, das für die
"Sicherheit der Republik" nun einmal in Kauf genommen werden muß.
Heute, da sich die Bundeswehr in einem altvertrauten Stil präsen-
tiert, erscheint eine solche Haltung wie eine einzige Schmach,
der das Militär in einer wohl nicht ganz astreinen Entwicklungs-
phase der Republik ausgesetzt war.
Kurz: Heute ist die Bundeswehr schlicht die d e u t s c h e
A r m e e, das "natürliche" Machtmittel der Nation. Sie verdient
deshalb die Zurschaustellung eines anständigen nationalistischen
W e h r p a t h o s.
Bei unseren Freunden in Frankreich und England, schon gleich in
den USA, war dies immer gute Sitte; aus Gründen wie "paßt nicht
zur Demokratie" ist dort nie auf die selbstverständliche und fei-
erliche Hochachtung vor den Streitkräften Verzicht getan worden.
Aus dem einfachen Grund, der wirklich nicht schwer zu erraten
ist: Wie sollte Militarismus bei den Siegermächten des Weltkriegs
ein Makel sein oder gar den Idealen ihres Staats, für die gesiegt
wurde, widersprechen? Dort wären womöglich so widersinnige Titel
wie "Armee gegen den Krieg" gleich als Beleidigung aufgefaßt wor-
den. Daß sich dergleichen nicht gehört, wissen inzwischen auch
deutsche Politiker und Soldaten - die antimilitaristische Fassade
der neu aufgebauten deutschen Wehrmacht gilt ihnen als längst
überholte Unart, die unter den traurigen Umständen der Niederlage
und unter dem Druck der Siegermächte, zur Volksbetörung viel-
leicht auch, ihre Dienste getan hat. Eine ungute Sache ist sie
aber allemal. Denn diese Art des ideologischen Verkaufs stellt
den wirklichen Wert der Wehrmacht in Frage, wenn sie sie verharm-
losend befürwortet. Das K a m p f m i t t e l f ü r d i e
B e l a n g e der Nation gehört nämlich nicht relativiert.
Zur Beruhigung mag den Ehrenrettern des deutschen Militärs nicht
nur die Tatsache dienen, daß nun - "endlich" - auch bei der Bun-
deswehr Sache und Deutung in Einklang sind. Sie können sich auch
damit trösten, daß der Aufbau dieser Wehrmacht ungestört von
wirklichen Anfeindungen aus den Reihen der Republikaner verlaufen
ist. Die antimilitaristischen Scherze aus früheren Tagen waren
ein Stück selbstverordneter Staatsideologie - und keineswegs der
Leitfaden für Widerstand. Die Bundeswehr entsprach stets dem
Zweck eines ganz gewöhnlichen imperialistischen Militärs - und
heute darf und soll man sie auch so sehen. Ihre Bewährung hat sie
allein darin, daß d e u t s c h e s R e c h t nicht zuschanden
wird in der Welt.
II.
Wenn der Zweck der Bundeswehr glücklich mit dem Wehrbewußtsein
des Volkes zusammenstimmt, so können die Verantwortlichen im
Staate auf eine Leistung stolz sein: Sie haben nicht nur ihre Ge-
sellschaft an die Bedürfnisse des Militärs angepaßt, die ja so
gering nicht sind; es ist ihnen auch gelungen, eine Haltung im
Volk zu stiften, die dem Bedürfnis des Ernstfalls genauso genügt
wie der kostspielig aufgebaute Gewaltapparat.
Genau dies hat offenbar der Republik noch gefehlt. Alles andere
steht ihr längst zu Gebote, und es ist auch - nicht zuletzt durch
die schönen Friedens- und Kriegsgefahrdebatten der letzten Jahre
- bekannt. Daß die Republik vor Waffen starrt - wer wüßte es
nicht? Daß die Regierung in bezug auf die Zahl des kriegsübenden
Personals nichts anbrennen läßt und jeden Pillenknick mit einer
neuen Wehrdienstverlängerung unschädlich macht - wer könnte es
überhören, wenn er schon nicht selbst gezogen wird? Rüstungspro-
gramme, die einerseits bis ins Jahr 2000 entworfen werden, ande-
rerseits stets eiliger sind als alles andere - jedermann erfährt
täglich ihre guten Gründe! Vorsorgemaßnahmen des Staates für den
Ernstfall sind längst Routine. Und bei alledem steht auch noch
der Feind eindeutig fest. Die Politik ihm gegenüber ist ein ein-
ziger ununterbrochener Sonderfall und beschränkt sich auf lauter
Varianten k o m p r o m i ß l o s e r D i p l o m a t i e. Und
deren Resultate rühmen ihre Verursacher stets als die Ursache für
ihre möglichst u n b e s c h r ä n k t e R ü s t u n g...
An all diesen Leistungen würde sich die Politik der Nation wahr-
lich versündigen, würde sie nicht endlich auf einem sauberen
M i l i t a r i s m u s bestehen. Denn in dem Bereich, in dem
deutsche Politiker und Generale für Krieg und Frieden zuständig
sind, fehlt es wirklich an sonst nichts. Deshalb dürfen anstän-
dige Deutsche jetzt endlich wieder ihre Wehrmacht mit Gefühlen
und Vorstellungen verehren, die einen n a t i o n a l e n
G e w a l t a p p a r a t und seine Schlagkraft mit den
a l l e r p e r s ö n l i c h s t e n R e c h t s g e f ü h-
l e n der Untertanen zusammenschließen.
Und doch wird diese, an den Vorbehalten vergangener Tage gemes-
sen, erlösende Veranstaltung nicht ausreichen, den f r e i e n
G e b r a u c h des nationalen Kampfmittels einzuleiten. Denn
dieses Mittel hat trotz seiner ab sofort kräftig zu rühmenden
Perfektion einen Mangel: Die v o l l e n d e t e
K r i e g s b e r e i t s c h a f t der Bundesrepublik ist gar
nicht für sie und ihre eigentümlichen Anliegen hergestellt wor-
den.
III.
Mit der Bundeswehr besitzt die westdeutsche Republik eine Armee,
die für den Einsatz gerüstet ist und bei der die militärischen
Rahmenbedingungen stimmen: Die neue Armee verfügt über ein Waf-
fenarsenal modernster Art, das immer rascher komplettiert wird,
dessen Modernisierung immer neue Erfolge des moralischen Ver-
schleißes zu verzeichnen hat. Zur Feuerkraft der Aktiven kommt
die Kampfkraft der über drei Millionen Reservisten, die im Ernst-
fall mobilisiert werden können. Die funktionierende Ökonomie und
die wachsende Rüstungsproduktion sind in der Lage, die steigenden
Kosten fürs Militär zu tragen und den wachsenden Bedarf an
Kriegsgerät zu decken. Das Hinterland der kämpfenden Truppe, der
Innere Frieden, läßt kaum zu wünschen übrig, angebliche Lücken im
totalen Inneren Frieden schließt die Staatsgewalt. - Gerade was
an Klagen über Kleinigkeiten an der Bundeswehr heute Gewohnheit
geworden ist, beweist diesen Zustand.
Wenn diese Armee noch nicht zum Einsatz gekommen ist, dann liegt
das garantiert nicht daran, daß sich keine Gelegenheiten ergeben
hätten und würden, deutsche Interessen mit Waffengewalt durch-
zusetzen. Westdeutsche Friedenspolitik hat schon manchen kriege-
rischen Einsatz gutgeheißen, bedauert und a u s g e n ü t z t,
wenn er von Fremden veranstaltet wurde. Daß "wir" und "unsere Si-
cherheit" von sämtlichen militärischen Untaten der NATO leben,
weiß jeder Demokrat.
Die gebremsten Einsatzmöglichkeiten der westdeutschen Armee rüh-
ren schlicht daher, daß für die Bundesrepublik die Mitgliedschaft
im westlichen Bündnis eine p o l i t i s c h e Beschränkung der
Durchsetzung ihrer souveränen Interessen beinhaltet. Während
Großbritannien und Frankreich immer mal wieder rein nationale
Kriege führen, sogar die NATO für getrennt definierte Ziele na-
tionaler Verteidigung benutzen, ist es der BRD nicht erlaubt,
ihre nationale Kriegskalkulation anzustellen. Die politisch
sprichwörtlich gewordene Redewendung aus Bonn steht für diesen
Sachverhalt: 'Für die Lösung der Deutschen Frage, die nur im eu-
ropäischen Rahmen möglich ist, brauchen wir die NATO und einen
langen Atem.'
Die Bundeswehr, das Mittel der Nation, kann nicht souverän, nach
Maßgabe nationalen Interesses, eingesetzt werden. Ausgerechnet
der Staat, der im Unterschied zu seinen Koalitionspartnern außer
der internationalistischen Systemfeindschaft gegenüber der So-
wjetunion sehr national ausgeprägte Kriegsgründe dieser Macht ge-
genüber aufmacht, der diese Feindschaft sogar in die Definition
seiner Souveränität aufgenommen hat, für den steht seine militä-
rische Macht in keinem unmittelbaren Verhältnis zu seinen impe-
rialistischen Ansprüchen; deren Vollstreckung liegt nicht in sei-
ner Hand. Durch die NATO ist die BRD zu einer keineswegs beschei-
denen militärischen Macht geworden, doch ist dieser Macht- und
auch Souveränitätsgewinn nicht identisch mit der Endlösung der
deutschen Hauptsache. So gesehen war der Brief im "Schlesier",
der davon träumte, daß die Bundeswehr Schlesien zurückerobert,
nicht weltfremd, sondern eine Reaktion auf den genannten Wider-
spruch, die es nicht mehr aushielt, ständig die zunehmenden Be-
schwörungen des deutschen Rechts auf den deutschen Osten zu hö-
ren, die gute deutsche Bundeswehr aber stillgestanden zu sehen.
Freilich hat der vorpreschende "Schlesier" nicht zur Kenntnis
nehmen wollen, daß die Lösung des spezifisch deutschen Anliegens
von den Verantwortlichen nie aus den Augen verloren wurde.
IV.
Die Schlagkraft der Bundeswehr reicht aus, um auf einem eindeutig
umschriebenen Kriegsschauplatz einem ebenso eindeutig festgeleg-
ten Feind einen K r i e g zu liefern, der von allem anderen
zeugt als von der O h n m a c h t des deutschen Militärs. Im-
merhin mißt dieses Militär sich in seinem Kampfauftrag mit den
Machtmitteln der "Supermacht" im Osten, des Warschauer Paktes.
Sooft von einer Ohnmacht die Rede ist bei den Befehls- und Lieb-
habern der deutschen Truppe, kommen sie auch niemals zu dem be-
trüblichen Schluß, daß die Bundeswehr aufgrund des erdrückenden
Übergewichts des Gegners überflüssig und wegwerfbar sei. Im Ge-
genteil.
Das mit allerlei kundigen Berechnungen beklagte Kräfteverhältnis
dient einer Auskunft ganz anderer Art. Gedeutet wird auf die
u n r e a l i s t i s c h e Perspektive, die nationalen Ziele
durch den Einsatz der nationalen Mittel a l l e i n zu errei-
chen. D a f ü r sind offenbar die letzteren zu beschränkt. Auf-
gegeben wird freilich die Kalkulation mit dem Sieg deswegen
nicht.
Die schlichte "Folgerung", die der bundesdeutsche Kriegssachver-
stand seinem Publikum offeriert, erklärt eine Tatsache - die Ar-
beitsteilung im westlichen Militärbündnis für enorm wünschens-
wert: Der Einsatz der Bundeswehr verspricht schon Erfolg - so die
Botschaft, die von deutschem Boden ausgeht -, wenn er der Unter-
stützung durch andere Mittel in Freundes Hand sicher ist. Kaum zu
übersehen, daß der Originalton Hardthöhe mit der ewigen Leier:
"nur im Bündnis", "nur unter dem Atomschirm der USA" etc. die re-
lative Selbständigkeit der Bundeswehr verlangt, die zu ihrer Ein-
richtung geführt hat und ihren Bündnisauftrag ausmacht.
Die schlagkräftigste konventionelle Armee, die je auf deutschem
Boden gestanden hat, ist dazu ausersehen und dementsprechend aus-
gestattet, eine m i l i t ä r i s c h e T e i l a u f g a b e
i n d e r N A T O - K r i e g s f ü h r u n g wahrzunehmen.
Dafür taugt sie ausgezeichnet, darauf ist sie stolz, davon läßt
sie sich auch nicht abbringen. Schon gleich gar nicht mit dem
Verweis darauf, sie könnte selbständig ja noch nicht einmal die
politischen Ansprüche der Nation einlösen.
V.
Mit ihrem Charakter als T e i l - S t r e i t m a c h t der
NATO hat sich die Bundeswehr auch vom ersten Tage an von jenem
antiquierten und bescheidenen Programm emanzipiert, das rührse-
lige Gemüter "Sicherheit und Verteidigung des Vaterlandes" nen-
nen. Von dieser Vorstellung verabschieden sich auch jene, die sie
vortragen, um sie dann rasch um ein "nur im Rahmen..." und ein
paar Systemfragen wie "Freiheit oder Sozialismus" zu ergänzen.
Auch sie künden nur von einem.
Die verteidigenswerte gute deutsche Republik ist mit Waffen voll-
gestopft, weil sie sich an einer großen Auseinandersetzung zwi-
schen West und Ost beteiligt. Das Konzept der n a t i o-
n a l e n Armee ist fester Bestandteil einer weitergehenden,
übergeordneten, g l o b a l e n K r i e g s f ü h r u n g.
Deshalb durfte und sollte die BRD eine "Mittelmacht" im Herzen
Europas werden. Und deshalb steht der Dienst der Bundeswehr am
nationalen Anliegen des deutsch eingefärbten Europa dauernd
hinter ihren Leistungen für das Bündnis. Die deutsche Wehrmacht
verteidigt und erstreitet für ihre Nation alles über den kleinen
Umweg, der sie auf die Pflichten innerhalb der NATO-Perspektive
festlegt.
Der bundesdeutsche Militarismus hat das nicht nur begriffen. Son-
dern auch akzeptiert. Allerdings nicht ohne den wesentlichen Zu-
satz, daß das nationale S o n d e r i n t e r e s s e, das so
gut i m B ü n d n i s aufgehoben ist, als "unsere" m i l i-
t ä r p o l i t i s c h e R o l l e zur Geltung gelangen muß.
VI.
Im Umgang mit diesem Widerspruch ihrer militärpolitischen Macht
stand und steht von vornherein fest, daß es "zum Bündnis keine
Alternative" gibt. Aber auch nicht zu der Tatsache, daß die BRD
militärisch abhängig von der Atom-Macht USA ist, ihre Aufgabe in
der NATO unterhalb der atomaren Auseinandersetzung liegt,
zugleich aber wegen der atomaren Waffen der Krieg der konventio-
nellen deutschen Streitkräfte wichtig, wenn auch wieder nicht
entscheidend ist. Anders als die Franzosen und Briten, die sich
mit ihrer atomaren Bewaffnung eine, wenn auch nur relative, ge-
wisse Unabhängigkeit von der nordamerikanischen Großmacht bewahrt
haben, sind die Westdeutschen keine Atommacht. Sie können und
wollen keinen Einfluß nehmen auf die atomare Aufrüstung der USA,
die tatsächlich ohne ihr Zutun und ganz unabhängig von ihren na-
tionalen Wünschen abläuft. Das SDI-Programm der Amerikaner ist
dafür ein aktuelles Beispiel. Freilich ist es dem westdeutschen
Militärgeist nicht gleich, welche Wirkung die atomare Aufrüstung
für den wichtigsten NATO-Pfeiler in Europa hat und wie sie dessen
Einsatz tangiert. Da möchten sie dann schon mitreden. Die BRD
hält sich aber sonst an die Devise, sich als bester Freund der
USA, ganz auf die Strategie der Atom-Macht USA
e i n z u s t e l l e n, von deren Überlegenheit für die Bundes-
wehr alles abhängt.
VII.
Die nationale Chance sieht der gar nicht selbstlose bundesrepu-
blikanische Wehrwille in der Aufgabe, die ihm von jeher im Bünd-
nis zugedacht ist: an vorderster Front des westlichen Militär-
blocks einem Angriff der Russen mit konventionellen Mitteln zu
begegnen, ihn aufzuhalten. Die USA, aber auch Frankreich und
Großbritannien, hatten sich das ursprünglich als Verzögerung ge-
dacht, die den nötigen Zeitgewinn für einen machtvollen Gegen-
schlag verschaffen sollte. Auf Ermüdung des Angriffs setzte die-
ser Plan, so daß dann die USA... usw. Frankreich hat immer noch
den Rhein als seine Verteidigungslinie angesehen, und England
weiß wohl zu unterscheiden zwischen seiner Inselfestung und dem
Eisernen Vorhang. Die westdeutschen Militaristen, denen dabei
Deutschland zu wenig gewichtig und zu "betroffen" vorzukommen
schien, haben mit der Forderung nach Übererfüllung dieses ihres
NATO-Auftrags einen Sprung nach vorn gemacht, also der deutschna-
tionalen Seite ihres Verteidigungswillens ein gutes Stück Wachs-
tum beschert. "Vorneverteidigung" heißt die spezifisch deutsche
Kriegsdoktrin, die die Bundeswehr im Rahmen der NATO durchsetzte
und mit der sie zum Motor des "Rüstungswettlaufs" in Europa
wurde. Mit dem bescheidenen Argument, daß die Bundesrepublik das
erste, am meisten betroffene und gefährdetste "Schlachtfeld" sei,
dem obendrein noch bei viel Volk der Raum abgehe, plädierten die
deutschen Sicherheitsspezialisten erfolgreich dafür, daß erstens
die konventionellen Streitkräfte der Bundeswehr mit den allermo-
dernsten Mitteln ausgestattet würden, in ihrer Wucht vergleichbar
mit taktischen Atomwaffen - daß zweitens atomare Mittelstrecken-
raketen die Tiefenschärfe des westdeutschen Schlachtfelds zu er-
höhen hätten: "Nachrüstung"; und daß drittens (das geschieht,
seit es die Bundeswehr gibt) der Nachschub an amerikanischen Sol-
daten schneller vonstatten gehe (Unterkünfte sowie Depots sind
gestellt). Daß die zweite und dritte Staffel des Warschauer Pakts
fern im Hinterland des Gegners angegriffen wird, ergibt sich
schon aus dem Prinzip der Vorne v e r t e i d i g u n g, welche
Offensiven schon um des Heimatschutzes willen selbstredend ver-
langt, und soll auch heute noch etwas anderes sein als
"Vorwärtsverteidigung".
Selbstverständlich sind diese Korrekturen an der ursprünglichen
NATO-Strategie nicht ohne Folgen für das Verständnis im Bündnis
geblieben. Die nützliche Beteiligung der Bundeswehr am Bündnis-
zweck ist mit einer sachdienlichen Einbeziehung deutscher Mili-
tärs in die Planungs- und Entscheidungsgremien der NATO verbun-
den. So sind wir auf dem Gebiet der internationalen Kriegskunst
durch unsere Armee wieder wer - und unsere Politiker nehmen sich
beim Umgang mit dem Hauptfeind ganz nationale Frei- und Frechhei-
ten heraus.
VIII.
Mit der Bundeswehr setzt die Nation bei ihren stets proklamierten
und stets zum Aufschub verurteilten Sonderrechten auf die
e f f e k t i v e B e t e i l i g u n g a n e i n e m
s i e g r e i c h e n W e l t k r i e g. Die militärpolitische
Rolle im Bündnis hatte nie den Charakter einer aus nationaler
Vorsicht gebotenen Behinderung der amerikanischen oder gemeinsa-
men Fortschritte hin zur Siegesfähigkeit. Wo die spezifisch deut-
schen Interessen, die dann auch gleich europäisch heißen, zur
Sprache kommen, wird S t ä r k e g e f o r d e r t und eine
extra d e u t s c h e S t ä r k e dazu. Dabei geht es zunächst
darum, die m i l i t ä r i s c h e E i n h e i t zu perfektio-
nieren - also die Kooperation zwischen den Soldaten der Teil-
streitkräfte der NATO und das Zusammenwirken des entsprechenden
Geräts zu befördern. Auf Vorschläge, die diese Abteilung Frieden
in Freiheit" betreffen, verstehen sich "deutsche Kanzler und Ge-
nerale seit der Gründung vor 30 Jahren prächtig. Ihre Anregungen
erschienen den Freunden in Übersee immer so nützlich, daß sie
sich durchsetzen konnten. Nicht minder erfolgreich waren die
deutschen Lotsen in Sachen Militarisierung ihrer Wirtschaft, auf
dem Felde der Rüstungsproduktion, die dem Willen zur Überlegen-
heit im Krieg das Material liefert.
Aus dem gewachsenen Gewicht der Bündnis-Streitmacht Bundeswehr,
deren Aufrüstung weitergeht - schließlich mißt sie ihre Bedeutung
daran, was sie zum Sieg über die östliche Großmacht beisteuert -,
leiten die Führer dieser Wehrmacht inzwischen wieder das politi-
sche Programm ab, das sie schließlich auch noch ins Bündnis ein-
gebracht haben. Die speziellen nationalen Belange, jene Grenzen,
die wir anerkennen, so lange wir ihnen das Trennende noch nicht
genommen haben, werden als der r e c h t m ä ß i g e
E r t r a g unserer weltpolitischen Anstrengungen gefordert und
gefeiert. Das national erwünschte Ergebnis der global angelegten
Rechtsfindung lautet "f r e i e s E u r o p a", in welchem
Deutschland alte Rechte wiederbekommt. Der Sieg soll so aussehen,
daß dieses Resultat zustandekommt: Der materielle Lohn, den die
Nation einstreicht, wenn sich ihre Untertanen ihrem Militarismus
zur Verfügung stellen, winkt in jeder Debatte der famosen 80er
Jahre. Und in gewissen aufgeklärten Kreisen der Republik ist es
wegen der deutschen Friedenspolitik kein Tabu, über die europäi-
sche Kapital"hilfe" der Zukunft nachzudenken
IX.
Mit der militaristischen Volksbetörung, die dem Verhältnis von
Volk und Wehrmacht seine Wende beschert, führt die Regierung
einen offenherzigen Kampf gegen ein Wörtchen, das im Zusammenhang
mit der Bundeswehr lange genug die Geister benebelt hat. Das
Wörtchen heißt "n u r" und dient der Verniedlichung der natio-
nalen Kriegskunst. Aus den W i d e r s p r ü c h e n, die die
deutsche Wehrmacht auszeichnen, verfertigen ihre kundigen Beob-
achter teilnahmsvoll lauter Botschaften, die von der
H a r m l o s i g k e i t des Vereins mit Zwangsmitgliedschaft
künden. "Nur"
- ein von den Siegermächten zugestandenes Militär
- konventionell bewaffnet
- für begrenzte Aufgaben tauglich
- den grundgesetzlich vorgeschriebenen Zielen verpflichtet, in
denen "Krieg" nicht vorkommt.
Bei einer gewissen Sorte Sprachkünstler steht die Verharmlosung
sehr eindeutig für das Bedauern, das sie angesichts des "nur"
überkommt. Anderen liefert es Trost und Beruhigung, wenn sie wie-
der einmal befürchten, die Geschichte - die doch so schlecht aus-
gegangen ist - könne sich auf ihre Kosten wiederholen. Beiden Ab-
teilungen ist zu sagen, da sie es fertigbringen, sich vorsätzlich
über die Natur der republikanischen Wehrmacht zu täuschen. Die
einen, weil sie ihren Vergleich mit einem widerspruchslosen, frei
zur deutschen Verfügung stehenden Militär in die Diagnose
"Schwäche" münden lassen. Das sind die, die gar nicht genug Waf-
fen und Soldaten kriegen können - nicht wenige von ihnen haben in
den letzten Jahrzehnten in Bonn am Rhein gewohnt. Die anderen,
weil sie denselben Vergleich in die Diagnose "nicht so schlimm,
minder gefährlich" übersetzen. Vom Vorurteil des zweiten Lagers
haben die ersteren folgerichtig ausgiebigen Gebrauch gemacht -
eine Zeitlang war es eben nützlich, D e m o k r a t i e
g e g e n K r i e g zu stellen und so zu tun, als wäre die
Übernahme einer T e i l aufgabe im Krieg die Verhinderung des
ganzen Projekts! So ist die dreißigjährige Geschichte der Bundes-
wehr mit Hilfe eines Wörtchens auch die Geschichte interessierter
Lügen über sie.
X.
Die nicht zu überhörenden Richtigstellungen zur Sache, die späte-
stens mit der "Nachrüstungsdebatte" übers Land gingen, haben der
Bundeswehr nicht viele F e i n d e eingebracht. Statt dessen
haben sich lauter p a t r i o t i s c h e L i e b h a b e r zu
Wort gemeldet und sich an einer nationalen Wehrdebatte beteiligt.
Virtuos gehandhabt wird in solchen echt deutschen Veranstaltungen
die Kunst im Umgang mit dem "nur", an das eine ganze
F r i e d e n s b e w e g u n g gegen alle sachlichen wie argu-
mentativen Anfechtungen glauben will.
"Ist die Bundeswehr echt deutsch und unabhängig?" Oder den USA
"untergeordnet", mithin nichts für "uns, unser Volk?" - lautete
der eine Dauerbrenner. Weder der leise Fingerzeig, daß gerade in
militärischen Dingen Volk und Staat so gut auseinanderzuhalten
gehen wie aktiv und passiv, Gehorsam und Befehl, konnte da etwas
ausrichten - noch der Wink, daß ganz nationale Strategien nicht
gemütlicher sind als Bündnisaufträge. Die sich zunächst wie Pazi-
fisten aufgeführt hatten, machten sich gegen diese Verwechslung
stark und meinten, den deutschen Soldaten gegen eine amerikani-
sche Gefechtsfeldvorschrift in Schutz nehmen zu müssen. Andere
versuchten sich an dem alten Spielchen "Grundgesetz contra Regie-
rung", während die meisten in enorm dumpfes Warnen vor den Ge-
sundheitsschäden des Krieges verfielen, die bei dessen Planung
ganz bestimmt nicht übersehen werden. Was dann noch an
"alternativer Verteidigung" geboten wurde und schnell mit "geht
nicht und nützt nichts" dem ideengeschichtlichen Papierkorb an-
vertraut werden konnte, war schon leicht absurd. Für die haupt-
amtlichen Betreiber der Bundeswehr war das ganze Spektakel nicht
nur eine Gelegenheit, gegen Wehrkraftzersetzung und fünfte Kolon-
nen zu Felde zu ziehen. Sie konnten auch die für deutsche Staats-
männer höchst erfreuliche Feststellung machen, daß die
W i d e r s p r ü c h e der Bundeswehr nicht nur sie, sondern
auch das V o l k zu Worten und Taten beflügeln. Der
P r o b l e m e d e r B u n d e s w e h r haben sich alle an-
genommen, die da sachkundig patriotisch für den einen oder ande-
ren Weg plädiert haben. Und selbst das trotzige Protestgetue, das
in dem Vorwurf gipfelte: "Mit diesem Schritt verlaßt Ihr aber das
'nur', an dem ich hänge!", schaffte nicht den Übergang zum nüch-
ternen Befund, die Bundeswehr sei eine imperialistische Wehrmacht
in einem Bündnis, in das sie hineinpaßt wie der Staat, dem sie
dient.
So werden auch die nächsten Fortschritte der deutschen Aufrüstung
wie gehabt begründet werden - sie sind die notwendige Konsequenz
unserer nationalen Interessen im Bündnis aus unserer Lage! Fehlen
dürfte freilich angesichts der wachsenden Anteilnahme im Lande,
am Für und Wider der M i t t e l, das überholte "leider"! Für
Leute, die sich in der Weise um die Wehrkraft ihrer Nation sor-
gen, daß sie Amateurstrategen werden und sich wehrkundlich mit
Vor- und Nachteilen vertraut machen, tun es auf die Dauer eben
die V o r t e i l e u n s e r e r S t ä r k e. Die stellt man
mit einem kräftigen H u r r a vor.
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