Quelle: Archiv MG - BRD BUNDESWEHR ALLGEMEIN - Vom deutschen Militarismus
zurück
Damit von deutschem Boden nie wieder ein Krieg ausgeht -
DER FRONTSTAAT RÜSTET SICH FÜR DEN ERNSTFALL
"1983 ist für die NATO ein äußerst kritisches Jahr", erklärt der
für Europa zuständige Unterstaatssekretär des amerikanischen Au-
ßenministeriums. Der deutsche Verteidigungsminister spricht
ebenso von einem "Schicksalsjahr der NATO". Erinnert wird damit
an die fiktive Gefahr, das westliche Militärbündnis könne an der
Frage der Nachrüstung in Europa auseinanderbrechen, was Europa
schutzlos dem Osten preisgebe. Dabei ist die Aufstellung der Mit-
telstreckenraketen Ende dieses Jahres längst keine Frage mehr, ja
war nie eine! Aufgeworfen wird damit gar das Problem, Nachrü-
stungsgegner würden ihren westeuropäischen Staaten in der Durch-
führung des Nachrüstungsbeschlusses möglicherweise Schwierigkei-
ten bereiten, was wiederum die Sowjetunion ausnützen könnte. Da-
bei bekunden die friedensbewegten Teile der westeuropäischen Völ-
ker in ihren Aufrufen und Aktionen längst, daß sie sich in die
Unvermeidlichkeit der kommenden Aufrüstung schicken. Die Erklä-
rungen der Bedeutung gerade dieses Jahres dienen der Unterstüt-
zung der unbedingten Durchführung des beschlossenen militärischen
Programms und seines Zwecks, die Bedrohung des kommunistischen
Ostens mit einer gewaltigen Aufrüstung zielstrebig und effektiv
zu eskalieren und sich von nichts daran hindern zu lassen. Die
Rede vom "Schicksalsjahr 1983" meint in ihrer Propaganda für die
Politik der NATO gerade nicht die Gefahr, die die gegen den Osten
gerichtete Aufrüstung nach sich ziehen muß: daß sich nämlich die
Sowjetunion gegen die militärische Einkreisung wehrt. Die neuen
Mittelstreckenraketen in Europa können dafür schon Grund genug
sein.
Nein, dieses Jahr 1983 wird für so wichtig erklärt, weil in ihm
ein Stück Aufrüstungsprogramm, das die westeuropäischen Staaten
seit drei Jahren beschäftigt, realisiert werden soll und wird.
Daß die ständig gesteigerte westliche Bedrohung gegen die So-
wjetunion von dieser nicht mit einer freiwilligen Kapitulation
beantwortet wird, wissen natürlich die Verantwortlichen der Staa-
ten der NATO. Also rechnen sie damit - und rüsten um jeden Preis
auf, so schnell es nur geht, um den unvermeidlichen Waffengang
mit dem Hauptfeind, dem man das Recht auf sein souveränes Inter-
esse bestreitet, siegreich zu bestehen. Alle Ideologien des
Gleichgewichts und seiner Verletzung durch die Russen, des Expan-
sionsstrebens der Sowjetunion mit ihren überriesigen Waffenar-
senalen, der russischen Weltmachtgelüste, die Europa lieber heute
als morgen vergewaltigen wollten, müßten vor der von der NATO
verfolgten Perspektive, mit dem Kommunismus endgültig abzurech-
nen, lächerlich wirken, wenn sie nicht eh für das anerkannte
Recht des Bündnisses der Freiheit stehen würden, allein über die
Welt herrschen zu dürfen, keinen Konkurrenten eines anderen Sy-
stems neben sich zu dulden.
Die Bundesrepublik Deutschland, der Frontstaat der NATO in Eu-
ropa, mag noch immer von Abrüstung, vom Ideal "Frieden schaffen
mit weniger Waffen!", von "N a c h rüstung, wenn die UdSSR
nicht..." reden. Längst beherzigt sie die Notwendigkeiten, die
die NATO und ihr Interesse gebieten, Land und Leute nämlich auf
die Rolle vorzubereiten, die sie als Frontstaat in Aktion zu er-
füllen haben. Wenn der Fall X, die Freiheit "verteidigen" zu
"müssen", nur noch eine Frage der Zeit ist, also gar nicht para-
doxerweise davon abhängt, wie forciert der freie Westen dem Osten
eine militär-politische Drohung und Erpressung nach der anderen
vor die Tür setzt, ihm ständig Anlässe 'bietet', sich wehren zu
müssen, dann tut der Staat selbstverständlich alles, um in keinem
Fall und an keiner Stelle unliebsam überrascht zu werden, wenn es
dann so weit sein soll. Natürlich läuft das alles unter dem Titel
"wachsame Friedenssicherung" - wie immer vor Kriegen; mit der da-
zugehörigen Opposition, die groß bemängelt, daß man mehr für den
Frieden tun könne, bessere Wege wüßte für die grundsätzlich aner-
kannte Lage, das Gewicht der eigenen Nation und ihre Verteidi-
gungsinteressen im Bündnis damit stärker zur Geltung bringen
könnte. etc.
Rüstung total - atomar und konventionell
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Ob sie Wörner oder Dregger, Rogers oder Burt, Kohl oder Reagan
heißen, alle NATO-Größen pflegen fast ohne Ausnahme die Rede von
der "Unmöglichkeit" eines Krieges heute, da er bei den vorhan-
denen Waffen in Ost und West einer Vernichtung beider Seiten
gleichkäme. Noch so massive Aufrüstungsanstrengungen, die nur aus
dem Grunde 'passieren', weil man mit dem Einsatz der Waffen rech-
net, können diese moderne Kriegs- oder Friedensideologie nicht
aus der Welt schaffen. Sie stellt im Gegenteil die unausrottbare
Grundlüge dar, von der aus man zügig zur Friedensideologie der
"Strategie der Abschreckung" übergeht. Ideologisch ist diese
Strategie deshalb zu nennen, weil der Zweck, dem Gegner so viel
kriegerisches Risiko zu bereiten, daß er lieber die Finger davon
läßt, die harte Logik nach sich zieht, dem Gegner in jeder Hin-
sicht und bei jeder Waffenart überlegen sein zu müssen und das
militärische Potential auch einsetzen zu wollen. Man braucht gar
nicht die offenkundigen Absichtserklärungen der NATO hinzuzuneh-
men, das kommunistische System im Osten nicht dulden zu wollen;
wer Abschreckung sagt, rüstet für den Krieg und kalkuliert mit
dem Ernstfall. Und für den Kriegsfall hängt die NATO - militärpo-
litisch ganz logisch - dem Ideal an, ihn berechenbar in Beginn
und Durchführung zu machen, von der Panzerfaust bis zur Interkon-
tinentalrakete über alle und zwar überlegene Mittel zu verfügen,
um die Freiheit zu haben, sie kalkuliert einzusetzen und nach dem
Einsatz jeder Waffenqualität noch eine weitere in der Hinterhand
zu haben. Zwar ist diese Strategie des "flexible response", die
tatsächlich stufenförmig denkt, insofern eine idealistische Ange-
legenheit, als der Feind sich kaum freiwillig an dieses Konzept
halten wird; aber das gewaltige und für alle Fälle schlagkräftige
Waffenpotential der NATO, Soldaten eingeschlossen, ist damit zu-
standegebracht. Genauso wie es gemäß dem Prinzip ständig erwei-
tert und effektiviert wird.
Die Aufstellung der neuen Mittelstreckenraketen in Europa ge-
schieht deshalb auch nicht, weil man wegen dieser "Raketenlücke"
den SS-20 der Sowjetunion machtlos ausgeliefert gewesen wäre. Ge-
rüstet und nicht n a c h gerüstet - wird auf diesem Felde, um
unterhalb der Interkontinentalschwelle und effektiver als bisher
(der SS-20 entsprechende Raketen gibt es bisher schon in Westeu-
ropa) über ein machtvolles "Abschreckungsmittel" zu verfügen, ja
um von Europa aus mit einem zweiten "Gleichgewicht" die So-
wjetunion zu bedrohen und für den Ernstfall eine weitere Option
der Eskalation vor der letzten zu besitzen. Dar die NATO mit dem
angeblich so hergestellten sogenannten Gleichgewicht zufrieden
wäre, diese Vorstellung würde der I d e o l o g i e der NATO
entsprechen. Die Realität sieht anders aus: Nicht nur gibt es auf
dem Felde der Interkontinentalraketen noch viel zu tun, wie Rea-
gan gegenwärtig beweist, auch auf dem Gebiet der konventionellen
Waffen weiß das Bündnis der Freiheit für ihr freidefiniertes
Gleichgewicht neue Abschreckungspotentiale zu entdecken, die
schleunigst hermüssen. Noch während man mit dem Scheingefecht
NATO-D o p p e l beschluß behelligt wurde, so als hätte der Be-
schluß zur Aufrüstung mit Mittelstreckenraketen am Abrüstungs-
und Entspannungswillen der NATO seine selbstgesteckte Grenze aus-
gerechnet auch noch nach dem erklärten Ende der Entspannung -,
noch während also um die feststehende "Nachrüstung" viel politi-
sches Theater gemacht wurde, wurde schon der Plan zu einer weite-
ren Aufrüstung angegangen, selbstverständlich wieder nur zu einer
N a c h rüstung. Der "Rogers-Plan" sieht die "konventionelle
Nachrüstung" vor, deren Verwirklichung in Angriff genommen wird.
Ideologische Begründung sowie Ziele wie gehabt:
"Die Modernisierung und Ausweitung der konventionellen Streit-
kräfte des Warschauer Pakts wird weiter beschleunigt und umfaßt
die Zuführung moderner Flugzeuge, Überwasserschiffe, Untersee-
boote, einen vollen Bereich gepanzerter Fahrzeuge und der Artil-
lerie und andere Systeme. In diesem Zusammenhang und in der be-
sonderen Erkenntnis des Bedarfs an starken konventionellen Kräf-
ten erörterten die Minister die Ergebnisse der Verteidigungserhe-
bung 1982, verabschiedeten den NATO-Streitkräfteplan für den
Zeitraum von 1983 bis 1987 und vereinbarten, die Mittel zur
Durchführung der erforderlichen Streitkräfteverbesserungen zur
Verfügung zu stellen. ...
Entsprechend dem Auftrag des Bonner Gipfels auf diesem Gebiet
prüften die Minister ein amerikanisches Dokument über die Nutzung
neuer Technologien zur Verbesserung der konventionellen Fähigkei-
ten und damit der Stärkung der Abschreckung und Verteidigungsfä-
higkeit. Sie waren sich darin einig, daß das Bündnis aktiv nach
Möglichkeiten zur Ausschöpfung dieser Technologien im Rahmen des
gemeinsamen Verteidigungs-Rahmenprozesses suchen sollte, und bil-
ligten die Weiterverfolgung von Maßnahmen des Bündnisses zur
wirtschaftlichen und effizienten Anwendung derartiger Technolo-
gien." (Ministertagung des Verteidigungsplanungsausschusses, Dez.
'82, Brüssel)
Mögen auch NATO-Generäle über die Schlagkraft der russischen kon-
ventionellen Streitmacht genau Bescheid wissen, mag auch immer
wieder darüber berichtet werden, daß Technologie und Wirksamkeit
der sowjetischen Schiffe und Panzer dem Westen unterlegen sind.
Die Größe der konventionellen Kräfte des Warschauer Pakts wird
noch immer als guter Grund vorgetragen - nicht nur für die Not-
wendigkeit nuklearer Überlegenheit (= Gleichgewicht) des Westens,
das sowieso -, sondern ebenso für das Erfordernis, im konventio-
nellen Bereich enorme Aufrüstungsanstrengungen unternehmen zu
müssen. Dabei ist der vorgeführte Schluß von der Zahl der die
furchtbare Größe der Bedrohung von der NATO selbst praktisch
längst widerlegt. Der 1952 aufgestellte Plan, an Divisionsstärke,
Panzern, Flugzeugen etc. in etwa mit dem Warschauer Pakt
gleichziehen zu wollen, wurde abgelöst von der - dann auch reali-
sierten Einsicht -, mit konventionellen Waffensystemen modernster
Technologie ein adäquates, effektives Mittel gegen zahlenmäßige
Überlegenheit zu erlangen. Nicht umsonst wurden Leo I und II ent-
wickelt, anstatt die vorhandenen Panzergenerationen einfach mög-
lichst schnell aufzustocken. Die Vermehrung der Waffenmenge ge-
schieht neben ihrer fortwährenden Modernisierung selbstverständ-
lich fortwährend und in den letzten Jahren mit zunehmender
Schnelligkeit. Was man an Gerät von hoher Qualität entwickelt
hat, muß dann auch so viel wie möglich her, sagt die militärische
Logik. Ganz ohne Vergleich zur östlichen Aufrüstung führe man
sich nur einmal zu Gemüte, was die EURO-GROUP-Länder (die NATO
ohne die USA und Kanada) allein 1983 für "Verbesserungen an Groß-
geräten" vorsehen:
"...Zuführung von fast 550 Hauptkampfpanzern und von etwa, 450
sonstigen gepanzerten Fahrzeugen. Bei den meisten neuen Kampfpan-
zern handelt es sich um den modernisierten Leopard 2... Diese
Zahl umfaßt darüber hinaus die erste Zuführung des neuen
Challenger-Kampfpanzers.
...Zuführung von Nachtzielgeräten und verbesserten Feuerleitanla-
gen.
... Mehr als 700 neue MILAN- und TOW-Flugkörpersysteme sollen zu-
geführt werden, davon zwei Drittel zusätzlich zu dem vorhandenen
Bestand... Herstellung der Allwetterfähigkeit für die MILAN- und
Swingfire-Flugkörpersysteme. Im Jahre 1983 werden den Landstreit-
kräften von EUROGROUP-Staaten mehr als 50.000 Einmann-Panzerab-
wehrraketen zugeführt.
Seestreitkräfte
Zuführung folgender Einheiten...: Zerstörer, Geleitboote, 11 Mi-
nenleger, Minensucher, Minenjäger, 8 Schnellboote, 2 Untersee-
boote, davon 1 mit Nuklearantrieb.
Der britische Flugzeugträger ILLUSTRIOUS ... Indienstnahme be-
reits 1982...
Luftstreitkräfte
...planen, im Laufe des Jahres 1983 mehr als 270 Kampfflugzeuge
zuzuführen. Bei den meisten wird es sich um TORNADO und F-16 han-
deln. Drei Mitgliedsstaaten führen das Allwetter-Schwenkflügel-
Kampfflugzeug TORNADO ein. ...
Etwa 20 Hubschrauber werden den Seestreitkräften zugeführt...
Hinzu kommen fast 40 Starrflügelflugzeuge, von denen die meisten
vom Typ TORNADO sein werden. ... die Dislozierung des neuen Se-
arde-Water-Radars wird fortgesetzt." (Anlage zum Kommunique der
Ministertagung der EUROGROUP, 29. Nov. 1982)
Soweit dieses reine Zahlenwerk aus der NATO-Werkstatt, die
gleichzeitig Landkarten des Warschauer Pakts vorführt, auf dessen
Gebiet die Panzer und Flugzeuge kaum noch Platz haben! Freilich,
vor dem Ideal der Überlegenheit auch auf konventionellem Gebiet
ist jeder russische Panzer, erst recht jede Modernisierung der
östlichen konventionellen Waffen, ein Ärgernis. So sieht der Ro-
gers-Plan vor, zusätzlich zu der laufenden Modernisierung und
Aufstockung (s.o.) der NATO eine "konventionelle Option" von ex-
tra Qualität zu verschaffen. Unterhalb des Einsatzes von Nuklear-
waffen, aber ohne daß deren Funktionsfähigkeit angetastet würde,
soll das konventionelle Potential so verbessert werden, daß es an
Wirksamkeit nuklearen Waffen gleichkommt, diese also für weitere
Eskalationsstufen geschont werden:
"...zielt auf den Zweck, das Bündnis konventionell zu starken,
ohne die Allianz darum aber in ihrer atomaren Substanz zu schwä-
chen. Diese Vorstellung hat weniger mit dem quantitativen Umfang
der Rüstung zu tun; sie ist mehr an dem qualitativen Inhalt die-
ser Rüstung orientiert. Plakativ ausgedrückt: Es bieten sich Mög-
lichkeiten, vor allem die Land- und Luftstreitkräfte so auszu-
statten, daß sie technisch und taktisch fähig werden, nicht nur
die Funktionen im Rahmen der Vorneverteidigung - trotz der Mängel
in der Menge des Aufgebots optimal zu erfüllen, sondern auch Auf-
träge zur Vorwärtsverteidigung zu übernehmen. Die waffentechni-
sche Entwicklung macht es also bereits in der Gegenwart, vor al-
lem jedoch in der Zukunft möglich, die einsatztaktische Konzep-
tion so zu gestalten, daß die Abwehr eines Angriffs nicht ledig-
lich rein defensiv (wann war das?) und allein auf dem Boden des
Verteidigers erfolgen muß, sondern ebenso und zugleich offensiv
in den Raum des Angreifers wirken kann." (Europäische Wehrkunde
2183, S. 54)
Von der "Vorneverteidigung" zur "Vorwärtsverteidigung"
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Wo nach militärischer Überlegenheit auf allen Ebenen gestrebt
wird, um über mehrere Optionen frei verfügen zu können, da stel-
len sich auch die rechten Begriffe ein, die man kaum abstrakt
nennen kann. An die Stelle der keineswegs defensiven Vornevertei-
digung tritt die "dynamische" Vorwärtsverteidigung und hebt die
Mängel der ersteren auf. Eine eh der Kriegsgeschichte angehörende
starre Front wird nicht nur sehr beweglich gemacht, sondern vor
allem weit in das Hinterland des Gegners getrieben, ohne daß die
Truppen den Raum erst gewinnen müßten. Im Klartext die Strategie,
die wieder einmal belegt, wie dumm die Rede von der
"Unmöglichkeit" eines Kriegs wegen seiner menschheitszerstörenden
Wirkung sich vor den Kriegskalkulationen der Machthaber ausnimmt:
"Vom militärischen Gesichtspunkt aus müssen wir so bald wie mög-
lich ein nicht-nukleares Potential für die Durchführung bestimm-
ter militärischer Operationen zur Verfügung haben, für die gegen-
wärtig der frühzeitige Einsatz nuklearer Waffen zwingend wäre.
Dieses Potential könnte bis 1986 aufgebaut werden. Hierbei han-
delt es sich um:
- Die Aufgabe der Bekämpfung der feindlichen Luftstreitkräfte
(Counter Air). Diese Aufgabe soll der Offensive des Paktes gegen
das Luftwaffen- und Kernwaffenpotential der NATO den Schwung neh-
men. Denn der sich abzeichnende Verlust dieses Potentials würde
die NATO veranlassen, frühzeitig den Ersteinsatz nuklearer Waffen
ins Auge zu fassen. Diese Aufgabe beinhaltet die Ausschaltung der
Flugplätze und Luftverteidigungseinrichtungen des Paktes.
- Abriegelung an Brücken, Eisenbahnknotenpunkten, Straßenkreuzun-
gen und anderen Engpaßstellen. Die Zerstörung dieser Ziele dient
der Unterstützung der Vorneverteidigung der NATO, da sie den An-
griff der Landstreitkräfte des Paktes verzögert und zersplittert.
Zur Zeit verlassen wir uns auf Nuklearwaffen zur Durchführung des
größeren Teils des Abriegelungsauftrags.
Wir stellen uns vor, daß diese zeitkritischen Aufträge mit Boden-
Boden-Flugkörpern mit präzisionsgelenkten nicht-nuklearen Ein-
satzmitteln durchgeführt würden. Flugzeuge mit vergleichbaren
Nutzlasten in neuartigen Streubehältern für Submunition oder - in
einem späteren Zeitpunkt - mit Abstands-(Stand-off-)Waffen würden
dann zur Bekämpfung von Flugzeugen auf Ausweichflugplätzen einge-
setzt werden. Flugzeuge würden außerdem gegen Landstreitkräfte
zum Einsatz gelangen, die sich an den abgeriegeltn "Engpaß-
stellen" massiert haben. Letztere wären die lohnendsten Ziele für
den Luftangriff in einer Abwehrkampfsituation.
Die vorstehend geschilderten Aufträge umfassen den Angriff auf
feste Ziele, und sie sind, wie ich ausführte, zeitkritisch. Die
NATO muß den 'Counter-Air'-Auftrag unverzüglich nach Beginn der
Feindseligkeiten durchführen. Ohne westliche Luftüberlegenheit
kann sich die NATO nur zwei oder höchstens drei Toge verteidigen.
Dieser Auftrag muß innerhaib von Stunden durchgeführt werden. Da-
her muß man hierfür Quick-reaction alert-Kräfte (Alarmkräfte zum
sofortigen Gegenschlag) mit nicht-nuklearen Flugkörpern einset-
zen. Ich behaupte, daß der Einsatz nicht-nuklearer Flugkörper zur
Durchführung dieser frühen Bekämpfungsaktionen ein zuverlässi-
geres und billigeres Verfahren ist als zur Zeit in Aussicht ge-
nommener nuklearen Bekämpfungsoptionen der NATO. Und dieser kon-
ventionelle Einsatz bewirkt natürlich keine nukleare Eskalation.
Die andere durchzuführende Aufgabe besteht darin, ein erheblich
verbessertes Potential für die Bekämpfung beweglicher gestaffel-
ter Landstreitkräfte des Paktes und ihrer Luftabwehrsysteme auf-
zubauen. Hierbei handelt es sich um eine schwierige Aufgabe, da
es um die Ortung, Verfolgung und Zuweisung einer großen, wenn
auch bestimmbaren Zahl von Zielen geht.
Die Konzeption sieht vor, Ziele jenseits des Horizonts, die sich
ausschließlich auf dem Territorium des Paktes befinden, zu be-
kämpfen. Dies ist ein wesentliches Element in der militärischen
und politischen Argumentation für eine starke Verteidigung. Dies
gilt insbesondere für die Bundesrepublik Deutschland, die damit
Streitkräfte auf gegnerischem Territorium statt auf dem eigenen
abschrecken oder, falls die Abschreckung versagen sollte, zer-
splittern, ihren Vormarsch verzögern oder sie vernichten
könnte... Wir sind der Auffassung, daß dieses Potential der NATO
bis 1988 zur Verfügung stehen könnte...
Bei der Behandlung der 'festen' Abriegelungsziele, die die
Haupteinsatz- und Ausweichflugplätze sowie andere feste Ziele um-
fassen, wie Brücken, Eisenbahnknotenpunkte, Straßenkreuzungen
etc. werden mögliche Einsatzsysteme, vor allem Flugkörper be-
schrieben. Neuartige Munitionsarten, die Start- und Landebahnen,
Rollbahnen, Brücken und andere Ziele zerstören können, werden be-
sprochen. Die zweite Gruppe von Zielen, die beweglichen, gestaf-
felten Landstreitkräfte und ihre Luftabwehrsysteme werden im Zu-
sammenhang mit den Zielarten besprochen, die durch Kampfverbände
und auf dem Marsch befindliche Truppen gebildet werden. Die Fä-
higkeit der NATO, diese Ziele zu erfassen, zu verfolgen und Ziel-
zuweisungsinformationen weiterzugeben, die die Vernichtung dieser
Kräfte gestattet, wird unter dem Aspekt neuer militärischer For-
derungen erörtert. So werden Sie eine technische Beschreibung von
Überwachungssystemen, Zielerfassungs- und -ortungssystemen und
von Informationsverknüpfungsverfahren erhalten, die eine Echt-
zeitzielzuweisung auf bewegliche Truppen gestatten. Außerdem er-
halten Sie technische Beschreibungen neuartiger Munitionsarten
und Einsatzverfahren unter Verwendung von Flugkörpern und Flug-
zeugen, die mit Abstandswaffensystemen ausgerüstet sind.
Die Gesamtsumme all dieser modernen nichtnuklearen Einsatzmittel
führt zu der Schlußfolgerung, daß die NATO mit einem Vornevertei-
digungspotential unter Verwendung moderner nichtnuklearer Systeme
ausgestattet werden kann, das der Wirksamkeit von Kernwaffen mit
niedrigem KT-Wert entspricht." (Europäische Wehrkunde 1/83)
Die klare Absicht, sich instand zu setzen, einen konventionellen
Krieg von Europa aus (noch) gewinnbarer zu gestalten, die Frei-
heit, die konventionelle Option optimal einsetzen zu können mit
den weiteren Optionen auf höherer Stufe in der Hinterhand die
neuen Mittelstreckenraketen werden als unabdingbares Glied der so
verbesserten Kette der Triade behandelt -, mag natürlich nicht
ohne die gängige NATO-Ideologie antreten. Wieder soll es um
Kriegs v e r h i n d e r u n g gehen, um ein Mittel gegen den
schrecklichen Atomkrieg:
"Hiermit wären der NATO glaubhafte (!) Abschreckungsoptionen auf
der konventionellen Ebene an die Hand gegeben, und ein wichtiger
Punkt: Es wäre die Möglichkeit gegeben, die Nuklearschwelle anzu-
heben." (ebd.)
Ja, wenn der in der Tiefe seines Raums schwer geschlagene Feind
seine nuklearen Waffen streckt!
Die zweite Nachrüstung - eine deutsche Chance
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Wie dem auch sei, die "konventionelle Option" der NATO, der Be-
ginn einer zweiten "Nachrüstung", bevor die andere schon voll-
ständig realisiert ist, entspricht in besonderem Maße den natio-
nalen Ansprüchen der Bundesrepublik. Der Frontstaat mit der größ-
ten konventionellen Streitmacht in Westeuropa, dem aber die
Schlüssel zum Nuklearpotential der NATO versagt sind, kommt in
die souveräne Lage, auch ohne über Atomwaffen zu verfügen, mit
den neuen Mitteln, die aus geostrategischen Gründen vor allem in
der Bundesrepublik ihren Standort haben, gegen "Moskaus Angriffs-
strategie" (Dregger) einen defensiven dynamischen Vorwärtsvertei-
digungskrieg führen zu können. Die 'Fehler' des unguten Zweifron-
tenkriegs in Weltkrieg I und Weltkrieg II sind von vornherein be-
seitigt. Mit dem ganzen Westen als Hinterland von einer Tiefe,
die nicht nur bis Spanien reicht, mit Unterstützung amerikani-
scher Truppen, die im Krisenfall zusätzlich zu den stationierten
herbeigeflogen werden, mit der Wucht der westlichen Nukleardro-
hung im Rücken, hätte der BRD-Imperialismus eine Rolle zu erfül-
len; die sein "Selbst" gehörig stärkt und ihm auch deshalb
schmeckt, weil idealiter das deutsche Schlachtfeld relativ unver-
letzt bliebe, wenn der Feind in seinem Hinterland fertiggemacht
würde. Die BRD hat dann nicht nur konventionelle Waffen, die
"Spitze" sind, sondern die Mittel für eine Strategie, mit der sie
insbesondere ihrem nationalen Interesse Geltung zu verschaffen
vermag.
Nicht von ungefähr plädierte der jetzige Verteidigungsminister
Wörner schon vor seiner Amtszeit in einer Studie für den Geist
des Roger-Plans.
"Die gegenwärtig wohl größte Chance für die Verbesserung der kon-
ventionellen Verteidigungsfähigkeit der NATO liegt daher in der
Erweiterung des strategischen Ansatzes um die Option, den Gegner
auch dort zu treffen, von wo sein Angriff gestartet, genährt und
unterstützt wird." (Mai 1982)
Er rechnete gar aus, mit wie wenig Mitteln optimale Erfolge er-
zielt werden könnten, wieviele Verluste von Flugzeugen vermieden
werden könnten, ja wieviel Nuklearwaffen man für den angestrebten
Effekt n i c h t einzusetzen brauchte. Man merkt. die neutrale
militärpolitische Absicht. Und wenn der neue Generalinspekteur
der Bundeswehr, Altenburg, davor warnt, "Nuklearwaffen... als
zwangsläufiges Mittel zur Korrektur konventioneller Unterlegen-
heit anzusehen" und gleichzeitig dafür plädiert "einen Krieg vor
dem totalen Holocaust zu beenden", deshalb schließlich für eine
"Stärkung der konventionellen Verteidigung" eintritt, dann er-
weist sich der General nicht nur wegen seiner Laufbahn ohne Wehr-
machtserfahrung als gutes Kind der Bundesrepublik, das die deut-
schen Zeichen der Zeit erkannt hat. Weil Altenburg ein guter
deutscher General ist, kritisiert er, daß die Bundesrepublik in
den Marine-Stärken der NATO "nicht in dem Maße vertreten (sei),
das ihrem Verteidigungsbeitrag entspreche" und fordert "ein stär-
keres Engagement der Bundeswehr in der Nordsee". Eine Mittelmacht
an der Nahtstelle Europas braucht ihren Radius, doch sollte nie-
mand auf die Idee kommen, die BRD fröne mit ihrer schlagkräftigen
Armee schon wieder Eroberungsgelüsten nach deutschem und anderem
Raum im Osten. Das hat der Erfinder des Plans, Rogers, entschie-
den dementiert. So ungeschickt wie Hitler ist man doch heute
nicht mehr:
"Unsere Operationspläne sehen nur (?) Schläge gegen das feindli-
che Hinterland mit Waffen vor, nicht mit massiven Truppenverbän-
den, die etwa durch Ostdeutschland in Richtung Warschau einge-
setzt würden. Mein Auftrag ist es nicht, auch nur einen Fußbreit
ostdeutschen Gebiets zu erobern." (Im Südwestfunk, 10.4.83)
Fortschritt allerorten!
Deutscher Soldat - wieder guter Soldat
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Wie das Schicksal es will, sind mit dem Fortschritt der westdeut-
schen Vorkriegszeit auch die richtigen Männer an die Schalthebel
ihrer Gewaltmaschinerie gekommen: Generäle, die nie vom Welt-
kriegsgefreiten für eine Niederlage Deutschlands mißbraucht wur-
den, also auf diesem Gebiet ohne Komplexe sind; ein Verteidi-
gungsminister, der "Gammeln" gar nicht leiden kann, weshalb er
sich bei der Truppe, im Starfighter, auf Truppenparaden, Manö-
vern, Zapfenstreichen, zwischen Orden und Trompeten offensicht-
lich sauwohl fühlt:
"Dieser Verteidigungsminister identifiziert sich nicht nur mit
seiner Aufgabe, sondern auch mit den Soldaten der Bundeswehr, und
er macht das zu aller Zeit nach außen deutlich in einer sehr
selbstverständlichen Art und Weise." (Wörner)
Selbstverständlich, Herr Verteidigungsminister, wer mag bestrei-
ten, "daß die Bundeswehr eine Braut ist, die man streicheln muß,
damit sie bei einem bleibt" - in selbstverständlicher Weise! Aber
hat denn Ihr Vorgänger diese seine Braut etwa unziemlich verge-
waltigt, so daß...? Nein, Apel hatte ja schon damit begonnen, die
Liebe zur Bundeswehr zu normalisieren. Und doch ist es ein Unter-
schied, ob ein Verteidigungsminister, der als Zivilist der Bun-
deswehr vorstehen möchte, Rekruten zackig grüßt, so daß ein Wi-
derspruch zur Kleiderodnung nicht zu übersehen ist, oder ob der
Wörner mit glänzenden Augen, Soldat im Zivilisten, die Parade ab-
nimmt, so daß die zivile Hülle kaum wahrgenommen wird. In der Ge-
stalt des Verteidigungsministers, der als Reserveoffizier mit Pi-
lotenschein einer der Truppe ist, der weiß, wann der Soldat nor-
mal ist, verkörpert sich der Abschied von der 'bloßen' Verwaltung
der Bundeswehr durch ein ziviles Ministeramt zum Chef der Truppe.
Ausgedient hat der "Bürger in Uniform"; dieses ideologische Pro-
dukt deutscher Vergangenheitsbewältigung wird eines Soldaten un-
würdig erklärt. Vorbehalte gegen einen Militarismus, der an Wehr-
machtszeiten erinnern konnte und in der Regel an Anzugsordnung
und Liedgut festgemacht wurde, gehören endgültig in die Mottenki-
ste der damals noch jungen und noch nicht weltweit engagierten
und anerkannten Republik. Es gibt ihn wieder, den guten deutschen
Militarismus ohne Nazi-Verunreinigung und ohne schlechtes natio-
nales Gewissen - so soll er auch zeigen, was die Gewalt darstellt
und kann. Soldatische Tugend, unsere Jungs, die selbstlos das Va-
terland verteidigen, das ist das adäquate Aushängeschild der
Truppe und nicht nurmehr Leute, die ein hochkompliziertes Gerät
bedienen können. Der Soldat, der "zum Kämpfen motiviert" ist und
'"kämpfen kann" ist wieder der echte Soldat, wobei die zugesetzte
NATO-Kriegsverhinderungs-Ideologie fast schon störend wirkt:
"Nur wenn die Bundeswehr kämpfen kann, wird sie nie kämpfen müs-
sen." (Wörner)
Das letztere wird Wörner sicher nicht als "Nihilismus" vorgewor-
fen, was er ja Friedliebenden - ausgerechnet diesen Anhängern mo-
ralisch sauberer Politik! - unterstellt hat. Selbstverständlich
bringt eine Armee, die für den Ernstfall fit gemacht wird, die
"Innere Führung" endlich auf den wabren Begriff: "mehr Führungs-
engagement" (Altenburg). Was als Kampf gegen das Gammeln ausgege-
ben wird - "die Ausbildung von Unteroffizieren und Offizieren
praxisnäher gestalten" (Würzbach) -, dürfte wohl niemand als
Handwerkelei mißverstehen: Die Innere Führung und ihre Ausbildung
dazu wird von truppenfremdem pädagogischem und soziologischem,
überflüssigem Hochschulwissen befreit werden.
Wie die Bundeswehr den Pillen-Knick und das Recht auf Wehrdienst-
verweigerung übersteht, ist keine Frage. Für das hohe Gut der
Kampfkraft für die Freiheit wird das Material herbeigeschafft:
Weniger werden wegen Bettnässerei und anderen zivilen Schwächen
für untauglich erklärt, Militär stählt ja die Gesundheit; länger
wird man dienen müssen; Frauen werden dabei sein - natürlich nur
mit Pistole und die nur zur Notwehr gegen Vergewaltigung. Bei al-
ler "Sorge" um die Auffüllung der Truppe mit den notwendigen
Wehrpflichtigen
"... hat die Aufstockung des freiwilligen Anteils für mich abso-
lute Priorität." (Wörner)
Das kostet zwar Geld, stärkt die Einsatzkraft der Truppe aber er-
heblich mehr als Wehrpflichtige, obzwar sie für das Sterben und
Töten für's Vaterland unverzichtbar sind.
Schutzmaßnahmen - für den Krieg
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Damit die gewaltsame Behauptung des nationalen Interesses im
Ernstfall nicht durch Volkes Widerwillen, Lebensangst und Krank-
heit gestört werde, wird Vorsorge getroffen. Wenn gegen den Feind
nur noch die Waffen sprechen, dann ist für die Abwicklung dieser
ungemütlichen Sprache gegenüber Zivilisten und Soldaten des Va-
terlandes ebenso nur ein Mittel geboten: Gewalt. Das Disputieren
hat sich dann aufgehört, an der Front sowieso, zu Hause auch.
Soldaten und Zivilisten haben automatisch zu gehorchen, nicht
weil zu Rechten auch Pflichten gehören, sondern weil Krieg, also
nurmehr Pflicht regiert. Was gegenwärtig läuft, ist die exakte
Vorbereitung des Notstandes, dessen Ausrufung demokratisch ge-
setzmäßig geregelt wird, damit dann die Notwendigkeiten des
Krieges allein Recht setzen. Für Soldaten werden Kriegsgerichte
des demokratischen Namens "Wehrstrafgerichte" mit Roben und Per-
sonal ausgestattet (wie man hört, soll es genug freiwillige Rich-
ter und Staatsanwälte geben, die ihr erlerntes Rechtswissen gern
in den höchsten Dienst am Vaterland stellen wollen; denn es wäre
ja unmöglich, wenn unsere Jungs an der Front sich hie und da dem
Befehl zum Töten und Sterben entzögen und mit solcher Befehlsver-
weigerung noch den normalen, langwierigen Rechtsweg begehen könn-
ten.) Wetten, daß gegen Verfehlungen gegen das Gebot des Töten-
und Sterben-Müssens die kriegsgerichtliche Todesstrafe als Alter-
native angeboten werden wird! Das verlangt doch unter solchen Um-
ständen die Logik.
An der Heimatfront, wo Zivilisten zu Ordnung und Arbeit angehal-
ten werden müssen, erst recht, wenn sie mit Bomben und Strahlen
dezimiert und durcheinandergewirbelt werden, muß die Führung und
Verwaltung der Ordnung stimmen. Gerade im Falle der allgemeinen
Versaftung kommt es darauf an, daß gewisse Leute gesund bleiben:
"Der Bundesminister des Innern
Geschäftszeichen (bei Antwort bitte angeben)
Tel (0228) 02221/781 11. Januar 1983
Der Bundesminister des Innern, Postfach 17290, 5300 Bonn 1
Dienstgebäude Nr. 1
Betr.: Unbedingt zu bergende Persönlichkeiten (UBP)
Sehr geehrter Herr
Im Ergebnis der kürzlich stattgefundenen Besprechung darf ich Ih-
nen mitteilen, daß das Bundesministerium des Innern durch den
Herrn Bundeskanzler mit der Federführung in der "UBP"-Frage be-
traut wurde.
Danach ist die Liste der "UBP" nach Abstimmung mit der Interes-
senlage des Bundesministeriums der Verteidigung umgehend abzu-
schließen. Ich bitte nunmehr um Mitwirkung. Ich erneuere gleich-
zeitig den Hinweis darauf, daß insbesondere solche Personen er-
faßt werden sollen, die vom Standpunkt der Verteidigung und der
inneren Sicherheit im Falle einer Nuklearkatastrophe den Überle-
bensanspruch absolut rechtfertigen. Damit ist vorrangig der Stel-
lenwert der Personen in verteidigungspolitischer Hinsicht ange-
sprochen, das heißt parteipolitische Interessen haben Sekundärbe-
deutung.
Prinzipiell bitte ich bei Ihren Vorschlägen zu beachten, daß es
nicht um eine Neuanfertigung der Personenübersichten geht, son-
dern um eine Ergänzung der bereits vorliegenden "BP"-Materialien,
soweit sie bisher aus dem angenommenen Fall "A" (Atomarer An-
griff) und dem Fall "B" (Havarie Kraftwerk) abgeleitet wurden.
Diese Ergänzung bezieht sich ausschließlich auf angenommene Kata-
strophensituationen, die mit der anstehenden Stationierung des
amerikanischen Mittelstreckenpotentials zusammenhängen und ab
1.1.1984 als Fall "C" klassifiziert werden.
Zu einer Erörterung aktueller Probleme lade ich sie deshalb für
Montag, den 14,. Februar 1983, 10.00 Uhr in das
Bundesministerium des Innern, Bonn,
Graurheindorfer Straße 198, Kasino Raum B
ein.
Mit freundlichen Grüßen
(Dr. Friedrich Zimmermann)"
Für die Verteidigung, für die innere Sicherheit im Verteidigungs-
fall und für die bruchlose Kontinuität der Staatsmacht muß die
Gewalthierarchie personell geschützt werden. Für das hohe vater-
ländische Sicherheitsziel haben die erfaßten Ärzte die hohe Kunst
der Aussortierung der noch kriegsfähigen Soldaten zu pflegen.
Kriegsmedizin dient der Kampfkraft der Truppe. Unter Zivilisten,
die irgendein Erst- oder Zweitschlag getroffen hat, sind sie be-
auftragt, Schaden vom Volk dadurch abzuwehren, daß sie vor allem
Ruhe bewahren und panikartige "Unregelmäßigkeiten" der noch le-
benden befrieden. Mit dem "Gesetz zum Schutze der Gesell-
schaft..." sind Ärzte angewiesen auch andere geschulte Kräfte
können dies bewerkstelligen -, daß so unvernünftige Menschenmas-
sen "chemisch ruhig gestellt" werden.
Jetzt weiß man auch, warum die Bunkerkapazitäten immer begrenzt
bleiben müssen. Erstens sind die für den Zweck der Verteidigung
notwendigen Bunker vorhanden; zweitens kommt es doch wohl nur auf
die an; denn drittens wäre ja das Ansinnen, jedem Bürger eine si-
chere Unterkunft zu verschaffen, eine nicht zu bezahlende Ver-
rücktheit, die dem Zweck der Landesverteidigung total widerspre-
chen würde. Es sollte doch reichen für das Gefühl der Geborgen-
heit, daß die unbedingt zu bergenden Persönlichkeiten in Sicher-
heit sind, damit man weiter weiß, woran man ist. Doch, es gibt
noch weiteren Bunkerschutz - wir meinen nicht das ausgiebige U-
Bahn-Netz für die Einwohner von Castrop-Rauxel -, wir meinen die
prophylaktische Unterbringung des Kulturschutzguts gemäß Haager
Konvention von 1954. Was ein solides demokratisches Staatswesen
ist, das denkt schon vorher an die Fortführung der geschichtli-
chen Repräsentation nachher. Damit nicht wieder so "sinnlose" Mu-
seumsbombardierungen wie im letzten Weltkrieg passieren oder lau-
fend gefälschte Tagebücher auftauchen, haben sich Staaten darauf
geeinigt, Kulturdenkmäler zu Schutzgütern erklären zu dürfen,
die, weil man mit dem Gegenteil rechnet, tunlichst nicht ange-
griffen werden sollten. Und da man dem Feind nie traut, werden
Kulturen von nationaler Wesentlichkeit in sicheren Behältern und
Unterkünften untergebracht, z.T. atombombensicher. 'Report' hat
kürzlich die passenden Bedenken angemeldet: Geht hier nicht, an-
gesichts "knapper Bunkerplätze", "Objektschutz vor Menschen-
schutz"? Antwort: Man kann es verantworten.
"Man sollte sich hier klarmachen, daß das menschliche Leben ja
doch nichts anderes ist als eine Aneinanderreihung von lauter be-
grenzten Einzelexistenzen, die Kultur aber der Lebenszusammenhang
der menschlichen Existenz über die Generationen hinweg." (Aus
'Report' vom 8. März 1983)
Bemerkenswert ist nicht Karl des Großen goldene Truhe, in die
zweier fremder Königskinder Köpfe gefallen sein sollen, als sie
unvorsichtig hineinblickten, sondern die Selbstverständlichkeit,
mit der die alten deutschen Stücke für offiziell schützenswert
erklärt werden. Einmaliges deutsches Traditionsgut geht vor bie-
deren, konkreten deutschen Untertanen, wie sie heute massenhaft
herumlaufen. Ihnen wird praktisch erklärt, daß sie angesichts der
Entscheidungsschlacht der Nation eitel Gut zu sein haben. Ganz zu
schweigen von den demokratischen Rechten des Inventars des Vater-
landes, genannt "liebe Mitbürger". Meinungsfreiheit ist ein
Recht, das angesichts des "Notstands", in dem sich die Freiheit
der demokratischen Bundesrepublik zu bewähren hat, die Klappe
halten muß, um der Gradlinigkeit der demokratischen Front gegen
den Osten willen. Da gilt es, das Vaterland gegen seine divergie-
renden Miesmacher zu verteidigen. Obwohl es noch nicht, so weit
ist, bemerken die Freunde der Menschlichkeit und Menschenrechte
in Bonn schon jetzt, daß das Demonstrationsrecht wegen der Auf-
stellung der Mittelstreckenraketen Ende des Jahres unbedingt ver-
schärft gehört. Wenn das Vaterland mit seinen NATO-Waffen
spricht, kann es keine demonstrative Widerrede gebrauchen. Das
geforderte demokratische 'Hurrah' verträgt keine Kritik. Also
wird es in Vorkriegszeiten per Gesetz so auf Vordermann gebracht,
daß sich jeder ganz selbstverständlich an diese demokratische
Pflicht gewöhnt. Fehlende Einsicht kriegt eins auf die Schnauze,
was ja kein schlechtes Gewöhnungsmittel ist.
Psychologische Aufrüstung - mit wenig Psychologie
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Die Union will die Bevölkerung "psychologisch darauf vorberei-
ten", daß Ende des Jahres die neuen Mittelstreckenraketen kommen.
Darunter sollte man sich nicht eine individuelle Massenseelsorge
landauf landab durch die C-Parteien vorstellen. Sehr unpsycholo-
gisch ist das Volk großenteils schon bestens vorbereitet, wenn es
die gar nicht verheimlichten Absichten mit den dazugehörigen Heu-
cheleien und ideologischen guten Gründen entgegen- und zur Kennt-
nis nimmt, sich auf die materiellen Einschränkungen einstellt und
dem Verursacher seiner Betroffenheit auch noch per Wahl das Pla-
cet gibt, ruhig so weiterzumachen. Zweitens vertraut ein Staat
nie, erst recht nicht, wenn er für den Ernstfall rüstet, auf
seine Überzeugungskraft, nicht einmal auf die psychologische. De-
mokratische Meinungsmache ersetzt nicht die Gewalt. Daß Aufrü-
stungsgegner, wie gewaltfrei sie sich auch immer irgendwo postie-
ren werden, dieses Recht des Staates zu spüren bekommen und man
in Bonn nicht auf das Umdenken solcher Kritiker wartet, gar per
Diskussion sich um sie bemüht, ist bereits angekündigt. Wo die
höchsten Werte der Nation, Frieden in Freiheit, in den Osten ge-
tragen werden sollen, werden die Maßstäbe selbst der erlaubten
Meinung und Kritik noch immer sehr eng gezogen. Und sehr schnell
gewöhnt man sich daran, daß, was gestern noch eine bedenkenswerte
Meinung, ein nicht unwichtiges Problem war, heute als teuflischer
Ungeist angeprangert wird, der das Klima der Nation verseucht.
Die früher gängige, reichlich harmlose Kritik an militaristischem
"Gepränge", staatlichem Glanz und Gloria und irrationalem Unter-
tanengeist wird von Wörner, der mit der ganzen Anerkennung der
Bundeswehr auch Achtung vor ihrem Zapfenstreich verlangt, mit ei-
nem Rückblick in die Geschichte zurückgewiesen:
"Wer glaubt, daß ein demokratischer Staat ohne Symbole und ohne
gefühlsmäßige Bindungen auskommen könne, der soll sich in der Ge-
schichte unseres eigenen Volks und in der Geschichte anderer De-
mokratien umsehen. Die Weimarer Demokratie ist nicht zuletzt
daran zugrundegegangen, daß die Demokraten damals gemeint haben,
man könne diese Demokratie nur in den Köpfen und brauche sie
nicht in den Herzen zu verankern."
Ja, hätten die Demokraten damals ein Hakenkreuz gehabt, wer weiß?
Hitlers Therapie - die deshalb nicht richtiger wird: Mit Gefühlen
läßt sich kein Staat machen, die kommen, wenn die Nation steht,
von selbst hinterher - wird vom demokratischen Verteidigungsmini-
ster umstandslos für treffend befunden.
Überhaupt werden mit dem Fortschritt der Vorkriegszeit die grund-
sätzlichen Staatsgebote an seine Untertanen, die höchsten Tu-
genden des Untertanen aller sozialdemokratischen, liberalen, de-
mokratisch-idealen Zutaten entkleidet werden - und dann sind
diese Werte, deren Substanz die Nation ist, identisch mit den fa-
schistischen unter Adolf selig. Niedersachsens Innenminister
sprach kürzlich vor Militärpfarrern, vor Geistliehen also, von
denen man meinen sollte, daß sie das Gebetbuch ihrer Soldaten
kennen. Und doch fühlte er sich bemüßigt, sie vor dem
"Umsichgreifen anarchistischer und nihilistischer Strömungen" als
einer "Undankbarkeit" zu warnen; da "die staatliche Ordnung in
der Bundesrepublik ein Geschenk Gottes" sei. - Und da dachte man
immer, die Amis hätten sie eingesetzt und dann sei sie vom Volk
ausgegangen. Von wegen! Ungefähr so ähnlich und unisono mit einem
längst verstorbenen Führer greift F.J. Strauß die sozialdemokra-
tischen Bildungsmodelle und deren geistige und Kunstprodukte als
"kulturelle Ermattung", "kulturelle Entartung" an, die die na-
tionale "große Kultur zugunsten von Afterkulturprodukten vernach-
lässigt" hätten. Nieder mit den gottlosen Intellektuellen, vor-
wärts mit dem Geist, der seine Dummheit mit ganzer Kraft der Un-
terwerfung der Nation und ihrer reinen Geschichte widmet. Da kann
das Glück nicht ausbleiben:
"Niemand fühlt sich unglücklicher im Leben als derjenige, der ei-
ner Aufgabe nicht gewachsen ist. Am Ende einer solchen Entwick-
lung steht dann der rechtschreibschwache Realschulabsolvent
(anstatt der Hauptschulabsolvent und Kenner der deutschen Gramma-
tik), der nicht weiß, ob Bismarck das deutsche Reich vor oder
nach Napoleon gegründet hat."
Für den rechten Glauben an die Nation reicht eben das Einmaleins
bis zehn und das Wissen darob, daß Adenauer die Teilung Deutsch-
lands (fast) verhindert hat und Deutschland deswegen unbedingt in
Freiheit wiedervereinigt werden muß. Schließlich und endlich darf
auch wieder ohne antifaschistische Gegenbewegungen bis ins Parla-
ment hinein frei behauptet werden, daß "das Leben ein Kampf" ist,
ohne die Quelle zitieren zu müssen, denn der Beweis liegt ja mor-
gen auf der Hand. Wir sind, da wir in der letzten MSZ Wörner zi-
tiert haben in Sachen "unchristlicher Verabsolutierung des Über-
lebens" und so, einem Oberst i.R. dankbar, daß er mit einem Le-
serbrief an die Frankfurter Rundschau auch unsere Zitierung rich-
tiggestellt hat.
"Auch die Äußerung vom Überleben (wir hatten sie aus der FR) ist
völlig aus dem Zusammenhang gerissen und überdies noch sinnent-
stellend wiedergegeben. In Wirklichkeit hat Bundesminister Wörner
erklärt, es gehe nicht nur um das physische Überleben, sondern um
ein Leben in Freiheit und Menschenwürde. Beides zu sichern sei
möglich: das Überleben und die Freiheit." (FR, 16.4.83)
Wir geben zu, wir hatten Ihre "konventionelle Option" vergessen.
Wie gesagt, die psychologische Aufrüstung ist wenig psychologi-
scher Natur. Eine extra "Nach"-Rüstung auf diesem Gebiet ist
überhaupt nicht das A und O. Sie wird gemacht nach dem Motto: Wo
die Nation die ultima ratio ins Auge faßt, stellen sich die rech-
ten moralischen Gedanken schon ein. Und auch schon gesagt: Man
gewöhnt sich daran, wenn's sonst im Leben härter wird. Ein Fehler
mit tödlichen Folgen! Leider steht das Kräfteverhältnis gegenwär-
tig noch so, daß der optimistische Spruch -
"Stellt Euch vor, es ist Krieg, und keiner geht hin"
falsch ist. Er müßte heißen, und wäre so der Anfang für Besse-
rung:
"Stellt Euch vor, es ist Krieg, und jeder geht hin!"
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