Quelle: Archiv MG - BRD BUNDESWEHR ALLGEMEIN - Vom deutschen Militarismus
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ÖFFENTLICHE WEHRERTÜCHTIGUNG
Die Stärke der Demokratie liegt immer noch in der - zugegebener-
maßen mit einigen Hilfestellungen versehenen - Freiwilligkeit,
mit der sich die räsonnierenden Bürger selbst die härtesten An-
forderungen ihrer Herrschaft zueigen machen. Mit den Feierlich-
keiten, die so aussahen, wie Militäraufzüge nun einmal aussehen,
setzte deshalb eine öffentliche Bestandsaufnahme und Diskussion
ein, die das faschistische Gebot der geistigen Wehrhaftigkeit auf
gut demokratische Weise in Angriff nahm, nämlich als Werk der Öf-
fentlichkeit und des freien Meinens selber.
Frank und frei verhandelten lauter gebildete Leute in Fernsehen,
Rundfunk und Presse über Zustand, 'Krisen' und Perspektiven einer
bis an die Zähne bewaffneten staatlichen Tötungsmaschinerie für
den Frieden und über den eigentlichen Skandal in unserer nunmehr
wiedermal sehr wehrhaften Demokratie: die unwürdigen Störungen
eines würdigen Staatsschauspiels.
Die Intellektuellen an der Wehr-Macht
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in Gestalt des Bundesverteidigungsministers höchstpersönlich zet-
telten diese Debatte an und zwar mit der Generosität von Leuten,
die eigentlich nur zu befehlen brauchen und als Macher schon des-
wegen das kompetenteste Urteil besitzen, weil über den Einsatz
von Soldaten und Bomben nicht mit Argumenten entschieden wird.
Mit der Arroganz und dem guten Gewissen anerkannter Machtinhaber
stellt Apel den offiziellen Unwillen, Kritik zuzulassen, ge-
schweige denn zur Kenntnis zu nehmen, als Offensivverteidigung
einer geplagten Instanz vor, die man schon deshalb über alle Kri-
tik erhaben vorstellen soll, weil sie sich überhaupt den Schein
des Argumentierens leistet:
"Die große Debatte werden w i r führen. Das wird keine Debatte
sein, bei der wir uns in die Defensivposition begeben, aber wir
wollen miteinander reden, wie es sich gehört." ('Wir' Nr. 1 und 2
sind plurales majestatis, während der echte Plural des dritten
'wir' jedermann auf die mit 'wir' 1 und 2 angegebenen Maßstäbe
des Sich-Gehörens festlegt!)
Das Endergebnis seiner intellektuellen Redlichkeit ist deshalb
mit dem Ausgangspunkt identisch: Wer an den Prinzipien des Mili-
tärs zu rütteln wagt - und zu diesen Prinzipien zählen jetzt
schon die militaristischen Weisen seines öffentlichen Auftretens
-, trägt angeblich in die Bundeswehr den unmilitärischen Geist
des freien Meinens und erschüttert die Moral der Truppe, die -
Fahne hoch und Reihen fest geschlossen - fraglos der Befehle zu
harren und sie zu befolgen hat:
"Die Bundeswehr kann und wird kein Debattierverein werden können,
das heißt, hier muß auch von außen stärker deutlich gemacht wer-
den, was Bundeswehr ist und sein muß... Am Ende bleibt das Prin-
zip von Befehl und Gehorsam unangetastet." (in: FRANKFURTER RUND-
SCHAU vom 3.11.80)
Der Herr über
"vier Millionen Soldaten, die er in zwölf Tagen unter hervorra-
gende - Waffen stellen kann " (Kollege Matthöfer)
beherrscht die militärische Logik: Der öffentliche Debattierver-
ein hat sich gefälligst wie die Bundeswehr zu organisieren. Von
Anfang an nach dem Prinzip von geistigem Befehl und Gehorsam!
Der Wille, keine - wie auch immer gelagerten - ernstgemeinten
Einwände zu dulden, gibt sich da die Form des bedächtigen und be-
rechtigten Zweifels:
"Ich bin bis heute noch nicht frei von der Befürchtung, daß der
Zapfenstreich für viele nur ein Vehikel ist, um ihre Ressenti-
ments gegen die Bundeswehr, gegen die Nato zu artikulieren."
So geht Frieden in "diesen harten Zeiten", wo seine Verteidigung
nach innen und außen vorbereitet wird: Das öffentlich inszenierte
geschlossene Ja von Staat und Volk zum Friedensauftrag der Bun-
deswehr schließt den Beweis des Volkes ein, zum i n n e r e n
Frieden in der Weise fähig zu sein, daß selbst auf den Gebrauch
des Demonstrationsrechts (also auf das bloße öffentliche Vorzei-
gen einer oppositionellen Meinung) verzichtet wird - notfalls mit
Gewalt. Demonstrationen wurden verboten, und wer am Ort der Fei-
erlichkeiten unter freiem Himmel nicht die "Macht der Liebe"
(eine schöne Umdrehung!) "anbeten", sondern pfeifen wollte, er-
füllte den Tatbestand des "Hausfriedensbruchs", derweilen Franz
Josef Strauß den Hausfrieden mit einem flammenden Aufruf zur Ge-
walt wahrte:
"Frieden ohne Freiheit wäre ein menschenunwürdiges Untertanenda-
sein!"
Es ist das alte demokratische Freiheitslied, unmittelbar zur An-
schauung gebracht: Diejenigen, deren Freiheit angeblich gerade
durch die Existenz der Bundeswehr geschützt wird, haben sie nicht
zu gebrauchen; stirbt man aber für sie, dann hat man ein men-
schenwürdiges Untertanendasein geführt. Gott segne diese Liebe
zur Macht, die man sich ohne jegliche Distanz zum Inhalt des ei-
genen staatsbürgerlichen Fühlens machen soll!
Die Feier des gelobten Opfers wird da noch zum Argument gegen je-
den Anflug von Distanz, die nicht gleich die untertänige Hingabe
der ganzen eigenen Person an das höhere Ganze akzeptiert und im
stellvertretenden Rekrutenschwur auch noch genießt.
Soldatische Tugenden sind also wieder gültiger Maßstab
'öffentlicher Wertschätzung, was mit der ebenfalls altbekannten
Logik von Ge- und Mißbrauch guter deutscher Traditionen bewiesen
wird, die unter einem verlorenen Krieg also keineswegs gelitten
haben:
Strauß: "Die soldatische Opferbereitschaft wurde im 3. Reich miß-
braucht... Ihr Soldaten seid Mitglieder einer Gemeinschaft, der
Ihr dient und für die Ihr Opfer bringt." (Mehr kann man von einer
Gemeinschaft nicht verlangen!)
Apel: "Die Generation der Soldaten, die jetzt die Bundeswehr ver-
läßt und die noch bei Hitler gedient hat, war eine Generation,
die nicht nur am eigenen Leibe erfahren mußte, wie sie brutal für
verbrecherische Ziele ausgebeutet wurde." (Es erfährt sich natür-
lich viel angenehmer, für einen gerechten Zweck, am besten den
weltweiten Sieg des Westens Leib und Leben zu opfern!)
Man braucht sich nur mit Hitler zu vergleichen, schon lohnt sich
"soldatische Opferbereitschaft"! Zugleich erhält die staatliche
Offensive für ein öffentlich geschätztes Militär und seinen Ge-
brauch den verständnisheischenden Schein, als ob das Militär es
so schwer habe, seine echten Traditionen zu finden und zu pflegen
- ausgerechnet jetzt, wo mit dem Einsatz aller guten militäri-
schen Traditionen demonstriert wird, daß die Feier und das
Selbstbewußtsein der Armee alles andere als Traditionsfrage sind.
Militarismus? Keine Spur. Generalmajor Kessler wies vor 2000 Re-
kruten auf einen weiteren entscheidenden Unterschied hin:
"Wir veranstalten keine Machtdemonstration mit Panzern, weil wir
eine Verteidigungsarmee sind."
Verteidigung des Friedens ist ein so unangreifbarer Zweck, daß
schon das Fehlen des schweren Kriegsgeräts bei den Feierstunden
für ihn spricht.
Die Verantwortlichen denken also nicht nur den ganzen Tag darüber
nach, wo im Lande die "nachgerüsteten" Atomsprengköpfe der NATO
zu plazieren sind, sie hecken nicht nur Schlachtpläne für alle
möglichen Sorten von Krieg aus und scheuchen das Menschenmaterial
durch deutsche Stoppelfelder und manchmal in den Indischen Ozean,
damit es im Frieden nicht rostet. Sie verschaffen sich auch sel-
ber die Gelegenheit für eine Offensive an der Heimatfront, um de-
ren geistigen Verlauf um einiges näher in Richtung Schützengraben
vorzuschieben. Da warnt der alte Haudegen Steinhoff vor der Ver-
wechselung von Post und Militär - als ob der Unterschied nicht
bekannt wäre - und fordert mit dem Hinweis auf die Brutalitäten
des Soldatenlebens auch in friedlichen Kasernenzeiten, gebühren-
den Respekt vor dieser höchsten aller Bürgerpflichten. Da ver-
langt der CDU-Verteidigungsexperte Wörner die Gefühlsbeteiligung
der Zivilisten beim militärischen Gepränge, und ein innerer Füh-
rungsmensch wirft dem Heer vor, die Jugend nicht genügend zur in-
neren Selbstführung und zur Begeisterung für den Bund gewonnen zu
haben. So geht verantwortliche Kritik an unserer und für unsere
Bundeswehr und ihren Auftrag heutzutage!
Die intellektuellen Werber für die Wehrmacht
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stimmen öffentlich-rechtlich oder privat, in jedem Falle völlig
frei und umsonst ein. Sie besorgen den deutschen Bürgern zum Ju-
beltag der Wiederbewaffung eine Woche totale Kriegspropaganda in
Bild, Ton und Schrift, ohne ihnen die plumpe Frage nach dem tota-
len Krieg vorzulegen. Das Fernsehen zeichnete die Feiern mit ei-
ner staatstragenden Unterwürfigkeit, die nur die freie, demokra-
tische Öffentlichkeit so überzeugend zustandebringt, eifrig nach
und machte daraus ein Filmkunstwerk bildgewordener Ehrfurcht,
Feierlichkeit und Berechnung: Fesche Soldaten symmetrisch still-
gestanden, aus der Totale über ein berauschendes Farbenspiel und
verschwimmenden Fackelschein mitten hinein in bewegte Milchge-
sichter, "Tapferkeit und Treue" gelobend fürs Vaterland in Groß-
aufnahme, dazu ein Kommentar mit gedämpfter Stimme, der das
"Gelobt sei, was hart macht" für unsere Zeit formulierte:
"Die Bundeswehr ist so kommod und so zivil, daß sie den Rekruten
heute erlaubt hat, die warmen Feldanzüge anzuziehen." (G. v. Lo-
jewsky)
Dieselben Journalisten, die jedes Jahr an läßlich der Militärpa-
raden im Osten über das unfreie 'Militärspektakel' die Nase rümp-
fen und andererseits bemäkeln, daß die Kremlzaren nicht einmal
die neuesten Waffen besichtigen lassen, würdigen die hiesigen
Aufmärsche mit der selbstverständlichsten Einfühlung in die äs-
thetischen und politischen Qualitäten demokratischer Soldaten-
schau. Damit jedoch nicht genug: Demokratische Militärpropagandi-
sten sind ja nicht einfach Jubel-von-Schnitzlers oder Kriegshet-
zer à la Goebbels. Sie beleuchten die Bundeswehr kritisch - und
fragen ausgerechnet beim Militär, das der Staat bekanntlich am
allerwenigsten vernachlässigt, ob es auch f u n k t i o-
n i e r t und ob es seinem Bild als Friedenswahrer entspricht.
Die intellektuellen Schuhwichser des Kriegsministeriums beklagen
sich allen Ernstes über zu wenig Durchschlagsvermögen und sehen
das geliebte deutsche Bollwerk 1980 "in seiner schlimmsten Krise"
(SPIEGEL). Dementsprechend sehen die kritisch gewälzten Probleme
aus.
Problem Nr. 1: Ver(t)eidigungsfeinde trüben das frohe Bild
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"Sie plappern das 'lieber rot als tot' nach. Sie hinken hinter
der Zeit her. Vielleicht nur deshalb, weil ihnen niemand beipe-
bracht hat, das Wort 'Freiheit' zu buchstabieren. Denn dafür ste-
hen die jungen Männer, die gelobt haben." (DER ABEND, 14.11.80)
Wie buchstabiert man Freiheit? Indem man sich auf seine vier
Buchstaben hockt, 'Rotarsch' beim Bund wird und sich ganz zeitge-
mäß für die bundesrepublikanische Armee zu opfern gelobt.
Problem Nr. 2: "Ritual der Vergangenheit"
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"Gerade wer Tradition nicht als billige Rührungsschau mißver-
steht, sondern sie ernst nimmt, gerade für den sind Verständnis
und Form, mit denen Rekruten ihren Dienst beginnen, von großer
Bedeutung." (Abendzeitung, 14.11.80)
"Der Showcharakter des Gelöbnisses entspricht nicht dem Ernst der
Sache." (Wolf Graf von Baudissin)
Für glaubwürdige Gelöbnisse! Die öffentliche Vereidigung darauf,
"das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu ver-
teidigen" - eine Stilfrage, das ist verantwortungsvolle Kritik!
Ihr spinnt ja wohl!
Problem Nr. 3: "Deutschlands müde Krieger" (Stern)
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Für eine Bundeswehr, in der nicht "der Frust regiert" (ebd.),
sondern die Lust (worauf wohl?)! So eröffnet sich das uner-
schöpfliche Thema der "kaum motivierten Soldaten" (Spiegel).
Schon die Unlust des Alltagsverstandes, sich fürs Militär mehr
als nötig zu engagieren - und das ist schließlich militärisch ge-
regelt -, gilt unter aufgeklärten Begutachtern als mangelnde Zu-
stimmung und zweifelhafte Schlagkraft. Diese Propagandisten eines
selbstverantwortlichen Soldatentums besprechen zwar kein existen-
tes Problem; denn solange Rekruten "am Wochenende unter der Bahn-
hofskuppel" nach der Woche Befehl und Gehorsam ihren liebsten
Song singen:
"Was machen wir, was machen wir mit der Bundeswehr? - Wir schei-
ßen, wir scheißen auf die Bundeswehr.",
"machen" sie "mit" der Bundeswehr überhaupt nichts, außer willig
mitzumachen. Aber daß solche Soldaten auch tapfer und mutig ihren
ganzen Mann stehen und fallen, wenn es drauf ankommt, wissen die
öffentlichen Kokettierer in Sachen Kampfkraft natürlich auch
schon in Friedenszeiten:
"Im Manöver wird der Soldat gefordert, da gibt es keinen Frust!"
(ARD)
Problem Nr. 4: "Der Friede wird immer teurer und komplizierter"
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Wie Miniaturausgaben von Friedensministern, Reißbrettstrategen
und Waffenexperten führen sich die Journalisten auf: Unser Leo II
"mit seiner komplizierten Elektronik ist für den normalen Wehr-
pflichtigen viel zu schwierig" (für den Waffenexport aber super).
Eine entsetzliche Vorstellung! Aber keine Bange, Heimat: Das
schaffen die schon - todsicher. Außerdem gibt es da noch die vor-
zeigbaren Phantompiloten, die "begriffen" haben, daß Abschreckung
auch die Bereitschaft bedeutet, das Kriegsgerät vor dem Feind an-
zuwenden, und die pausenlosen Kampfeswillen vorleben:
"Abschreckung ist kein Geschäft von 8-17 Uhr. Wir müssen immer
einsatzbereit sein!"
Sprach's und flog eine Übungsrunde. Mehr kann auch ein Presse-
mensch nicht verlangen, der so tut, als würden
"sich Wehrpflichtige mehr und mehr ein eigenes Feindbild
(schaffen), nämlich das eigene Militärsystem und seine Symbole."
(Spiegel)
Solche bedingungslose öffentliche Staatsdienerschaft beweist, wie
schief die diversen Friedensmarschierer liegen, wenn sie in den
Auftritten anderer dienender Söhne des Vaterlandes und ihrer
Dienstherren falsche, verantwortungslose und von reaktionären
Sehnsüchten getriebene Kräfte am Werk sehen. Das allgemeine Ein-
verständnis mit einem Land, das inzwischen überall und gegen
Osten lebenswichtige Interessen des Westens zu verteidigen hat,
ist so schrankenlos und gibt sich zugleich so aufgeklärt kri-
tisch, daß sich zum besserwisserisch ausgesprochenen Vertrauen in
die guten Absichten der Politiker auch noch ganz frei und zwang-
los die vaterländische Bewunderung oder teilnahmsvolle Besorgnis
gegenüber dem Militär gesellt, das die guten Absichten der Poli-
tiker gewalttätig zu exekutieren hat und damit wirbt.
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