Quelle: Archiv MG - BRD BUNDESWEHR ALLGEMEIN - Vom deutschen Militarismus
zurück
ARBEITSPLATZ BUNDESWEHR ODER DER GANZ NORMALE MILITARISMUS
"Eine Armee aus dem Discount-Laden gibt es nicht! Es wird Geld
kosten." (Bild am Sonntag)
Dann hat der Steuerzahler aber auch ein Recht zu erfahren, ob für
sein Geld das Maximum an "Sicherheit" produziert wird.
Nach vorübergehenden Schreckensmeldungen über Gammlertum und Al-
koholismus in den Kasernen und den darauffolgenden Klarstellun-
gen, daß dies der Erfüllung der Arbeitsplatzanforderungen nur
teilweise widerspricht bzw. Abhilfe geschaffen wird, nun die Mit-
teilung, daß der s o z i a l e F r i e d e gerade an den qua-
lifiziertesten Arbeitsplätzen ausgezeichnet funktioniert:
"Alle Flugzeugführer, die zur Zeit auf dem Tornado eingesetzt
sind, sind von dem Flugzeug begeistert; sagte Luftwaffeninspek-
teur Eberhard Eimler."
Der technische Fortschritt wurde hier ganz in den Dienst der Si-
cherheit am Arbeitsplatz gestellt, denn endlich müssen die Flug-
zeugführer kaum mehr Abstürze in Friedenszeiten befürchten:
"Eine Krise wie seinerzeit Mitte der 60er Jahre beim Starfighter
sei 'auf keinen Fall zu befürchten'."
Damit nicht genug - auch riskante Manöver werden ihnen durch ein
neues Zusatzgerät erspart:
"Ein neuartiges System zur vollautomatischen Panzerabwehr aus der
Luft hat MBB vorgestellt...
Für die Piloten bedeutet die Automatisierung nach den Worten des
Führers des Experimentalflugzeuges eine 'wesentliche Erleichte-
rung' und ein vermindertes Sicherheitsrisiko, da man zum Einsatz
von Bomben, Kanonen oder Raketen bisher gezwungen gewesen sei,
die Maschine hochzuziehen und genau auf das Ziel auszurichten.
Nun entfalle dieses umständliche Verfahren und damit die Gefahr,
früher vom Radar der gegnerischen Flugabwehr entdeckt zu werden."
Das ganze läuft also auf eine V e r e i n f a c h u n g d e r
A r b e i t hinaus:
"Die unter den Tragflächen angebrachte Waffe sucht, erkennt und
bekämpft 'Ziele' ohne menschliches Zutun."
Während die Arbeiter in den gewöhnlichen Fabriken der Republik
regelmäßig die Erfahrung machen müssen, daß Vereinfachung der Ar-
beit durch neue Maschinerie ihre Handgriffe nur stumpfsinniger
und keineswegs leichter macht oder den Arbeitsplatz gleich ganz
beseitigt; hat man von Entlassungen bei der Bundeswehr noch
nichts gehört; vielmehr sind die neuen Geräte ausschließlich dazu
da, das Wohlbefinden der Piloten zu erhöhen, und sie ermöglichen
ihnen, die leidige Ausschußrate zu senken:
"Ein Phantom-Jagdbomber erzielte mit der Anlage in einem Anflug
mit drei Schüssen drei Treffer auf drei verschiedene 'Ziele', die
in einem Abstand von 50 Metern seitlich leicht versetzt von einer
Überfluglinie aufgebaut worden waren."
Damit werden technische Mängel im Produktionsapparat "Sicherheit"
aufgedeckt zunächst beim Feind, dann aber auch bei der eigenen
Panzerwaffe, die ja ähnlichen Erfindungen des Feindes zu wider-
stehen hat:
"Die Übungsgeschosse schlugen von oben ein, also dort, wo Tanks
wegen der geringen Oberflächenpanzerung am verwundbarsten sind."
So erhärtet die Bundeswehr schließlich den Lehrsatz, daß techni-
scher Fortschritt und "Innovationskraft" die Stützen der i n-
t e r n a t i o n a l e n K o n k u r r e n z f ä h i g k e i t
sind (die Funktionstüchtigkeit der Belegschaft vorausgesetzt):
"Luftwaffeninspekteur Eimler glaubt, daß wir mit diesem System
(Tornado) wirklich an der Spitze der westlichen Luftwaffen mar-
schieren'."
Der internationalen Konkurrenzfähigkeit ist freilich abträglich,
daß Qualifikationen verschleudert werden. An bestimmten Ar-
beitsplätzen empfiehlt sich die Einführung von L e i c h t-
l o h n g r u p p e n.
"Wehrbeanftragter Wilhelm Berkhan hielt dagegen Frauen in den
Schreibstuben für eine Möglichkeit, männliche Soldaten für die
Truppe freizumachen."
"In vielen Einheiten sehe ich knackige junge Unteroffiziere mit
Sportabzeichen und schlankgewachsene Wehrpflichtige, die Wochen
und Tage nichts anderes tun, als Karteikarten anszufüllen. Und
ich frage mich, ob man das nicht auch mit einer zivilen Arbeits-
kraft tun kann?"
Das Phänomen der A r b e i t s u n f ä l l e ist allerdings
auch der Bundeswehr nicht unbekannt. Anläßlich des Granatenun-
glücks bei Münsingen wollte sich eine geschmäcklerische Kritik
anmelden, ob wegen des "Show-Effekts" Zivilisten in Mitleiden-
schaft gezogen werden mußten - Soldaten müssen beim Üben wohl mal
dran glauben, Zivilisten aber doch erst bei der wirklichen
Show... Das Verteidigungsministerium wies darauf hin, daß s o
die Frage nach der Effizienz der Bundeswehr genau falsch gestellt
ist. Man kann ihr doch unmöglich den Vorwurf machen, daß sie
B e t r i e b s b e s i c h t i g u n g e n durchführt, die wie-
derum auf ihrem ausgesprochen d e m o k r a t i s c h e n
Selbstverständnis beruhen. König Kunde hat ein Recht, die Lei-
stungsfähigkeit seines Sicherheitsproduktionsapparates zu kon-
trollieren - kleinere Pannen eingeschlossen:
"...werden auch zivile Gäste als Zuschauer eingeladen... Die
Schießausbildung kostet den Steuerzahler viel Geld. Er hat daher
ein Recht, sich von der Leistungsfähigkeit der Truppe ein eigenes
Bild zu machen. Das tragische Schießunglück... darf uns nicht
dazu verleiten, die Öffentlichkeit künftig von der Kontrolle der
Einsatzbereitschaft der Truppe auszuschließen."
Der kontrollierende Bürger weiß, daß er sich an eine vorgezogene
Front begibt und ist wegen der Bedeutsamkeit seines demokrati-
schen Auftrages auch bereit, Gefahren auf sich zu nehmen:
"Dies geschieht, weil von Seiten der Bürger immer wieder die
Bitte vorgebracht wird, sich von der Ausbildung der Bundeswehr
und den Bedingungen des Wehrdienstes einen Eindruck verschaffen
zu können. Diesen Bürgern Schaulust zu unterstellen, läßt auf
eine geringe Sorgfalt in der Kommentierung schließen."
Wenn überhaupt, liegt ein Fehler beim Steuerzahler, der für die
Bundeswehr nicht genügend leistet:
"Wegen der begrenzten Übungsräume, Munitionsvorräte und Schieß-
zeiten..."
Nachweis der Zitate:
Luftwaffeninspekteur: "Tornados haben sich hervorragend bewährt"
(Süddeutsche Zeitung, 31.10.)
"Automatische Panzerabwehr aus der Luft" (Süddeutsche Zeitung,
3.11.)
Leserbrief des Leiters des Informations- und Pressestabs im Bun-
desministerium der Verteidigung, Oberst i. G.: Jürgen Reichardt
(Bild am Sonntag, 9. und 30. Oktober.)
zurück