Quelle: Archiv MG - BRD BUNDESWEHR ALLGEMEIN - Vom deutschen Militarismus
zurück
30 Jahre Bundeswehr
DIE BUNDESREPUBLIK PRÄSENTIERT IHREN GUTEN MILITARISMUS -
AUFERSTANDEN AUS RUINEN UND DER ZUKUNFT ZUGEWANDT!
"Die Bundeswehr steht heute besser da als seit langem. Das gilt
vor allem auch für das innere Gefüge - Haltung, Motivation und
Einstellung ihrer Soldaten.... Die Einsatzbereitschaft und die
Kampfkraft der Bundeswehr sind gestiegen. Die Stimmung ist deut-
lich verbessert. ... Die anhaltende Friedensdiskussion hat die
Bundeswehr weder beeinträchtigt noch verunsichert. Im Gegenteil:
... Die Zahl der öffentlichen Gelöbnisse hat sich in der Zeit un-
serer Regierungstätigkeit verdreifacht. Wir können ohne jede
Übertreibung sagen: Die Bundeswehr ist eine der besten Armeen der
westlichen Welt." (Verteidigungsminister Wörner am 19.6.1985)
Ehre, wem Ehre gebührt, nämlich dem Soldatenstand; Glanz und Glo-
ria dieser tapferen und zu Höherem berufenen Zunft; Stolz auf
deutsche Waffen und deutsche Kampfkraft. Feldparade, Ordensver-
leihung, Manöverball, Großer Zapfenstreich mit Fackeln, "Helm ab
zum Gebet!" ... Das gehört halt zum Militär, mag die Armee mit
noch so modernem Gerät ausgerüstet sein. Und wenn die Bundeswehr
sich anschickt, ihren Geburtstag zu feiern, dann präsentiert sie
eben nicht mehr nur das Gewehr, sondern ganz viel Glanz, Gloria
und Waffenstolz auf einmal.
Zum Anlaß ward gewählt: Am 12. November 1985 wird die Bundeswehr
30 Jahre alt. Aber hat denn die demokratische Wehrmacht nichts
besseres zum Fest zu bieten als nur diese krumme Zahl 30, also
daß es die Bundeswehr so lange schon g i b t? Ein Jahresdatum,
das im Grunde zusammenfällt mit der Wiedergewinnung bundesrepu-
blikanischer Souveränität, welche bekanntlich ohne Armee eine
matte Sache ist. Weiß die westdeutsche Armee keine militärischen
Ruhmestaten zu feiern? Sicher, die Bundeswehr ist bisher nicht
zum Kriegseinsatz gekommen und kann deshalb auch nicht stolz auf
irgendeinen Sieg zurückblicken. Aber aus der vollen Geschichte
deutschen Soldatentums böte sich doch einiges an für den Tag der
Streitkräfte. Etwa der 3. Juli 1986: 120 Jahre siegreiche
Schlacht bei Königgrätz; oder (statt Antikriegstag) der 1. Sep-
tember 1980: 110 Jahre Schlacht bei Sedan; oder die Schlacht bei
Tannenberg aus dem 1. Weltkrieg, der Blitzsieg über Frankreich
aus Weltkrieg II usw. Nun, so ganz bei Null hat die neue Armee
auch nicht begonnen. Bevor es ans Wiederbewaffnen ging, war die
jüngste soldatische deutsche Vergangenheit schon etwas bewältigt
worden. 1951: Öffentliche Ehrenerklärung des Obersten Befehlsha-
bers der Alliierten Streitkräfte Europas (SACEUR), General Eisen-
hower, für die Soldaten der ehemaligen deutschen Wehrmacht. Im
gleichen Jahr: Ehrenerklärung des Bundeskanzlers vor dem Bundes-
tag für die deutschen Soldaten der ehemaligen Wehrmacht. Und die
Überreichung der Ernennungsurkunden an die ersten 101 Freiwilli-
gen der Bundeswehr am 12. November 1955 fiel doch glatt auf den
200. Geburtstag des berühmten Generals Gerhard von Scharnhorst,
der mit der Einführung der Allgemeinen Wehrpflicht in Preußen
endlich allen Bürgern Zugang zum Soldatenhandwerk verschafft
("Volk in Waffen") und so ein großes Vorbild ist. Aber das An-
knüpfen an deutsche militärische Tradition kam recht leis daher.
Sehr viel mehr Wert legte man darauf, mit der Bundeswehr die er-
ste d e m o k r a t i s c h e Armee auf deutschem Boden zu be-
sitzen.
Die real existierende ganz andere Wehrmacht
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Die Nazi-Herrschaft und der verlorene Krieg, das damit ein wenig
lädierte internationale Ansehen Deutschlands ließ bei den neuen
Herrschaften, als sie sich wieder darüber freuen konnten, eine
eigene Armee haben zu dürfen, die interessante Idee aufkommen,
ein Militär aufzubauen, dem seinem Wesen nach jede Art von Mili-
tarismus fremd sein sollte. Eine gar nicht so leichte Aufgabe,
wenn man weiß, daß die staatliche Tötungsmaschinerie mit ihrer
Feuer- und Kampfkraft steht und fällt, und für dieses Soldaten-
handwerk das einfache Prinzip von Befehl und Gehorsam unerläßli-
che Voraussetzung ist. Oder sollte es noch einen anderen Milita-
rismus geben? Andererseits war das Vorhaben, das sich die Mini-
ster und Generäle der ersten Stunde vorgenommen hatten, nämlich
eine blitzsaubere Bundeswehr einzurichten, dann doch auch wieder
nicht so schwer. Denn wenn man noch fast bei jedem unterstellen
kann - selbst bei den sagenhaften "Ohnemich"-Hängern nach dem ge-
rade beendeten 2. Weltkrieg -, da eine Armee schon sein muß - von
wegen Verteidigung von Vaterland und Freiheit und so -, dann läßt
sich doch leicht dem eigenen Volk und der internationalen Staa-
tenwelt eine Bundeswehr mit rundum gutem Gewissen präsentieren.
Leute, die am preußischen Stechschritt (zumal, wenn die DDR ihn
pflegt), an Glitzer und Orden, an Kommißköppen und Offiziers-Or-
gien Militarismus entdecken, haben ja nichts gegen Soldaten und
ihr ehrenwertes Handwerk.
Also wird die Ideologie, daß ein Militär ohne Militarismus kein
Militarismus sei, zum Wesensmerkmal der Bundeswehr erklärt. Sie
erhält sogar institutionelle Gestalt in der Bundeswehr selbst.
Das fängt schon ganz prinzipiell an: Daß vom deutschen Boden nie
wieder ein "Angriffskrieg" ausgehen darf, steht irgendwie im
Grundgesetz. Und diese erfreuliche Meldung, daß es ans Töten und
Sterben nur geht, wenn "wir" den "V e r t e i d i g u n g s-
fall" erklären, wird noch erhärtet durch die Mär von der
F r i e d e n s armee, die nur deshalb voll kampfbereit sein
müsse, damit so kein Krieg nie zustandekäme. In diesem Sinne hat
der Bürger-Präsident Heinemann seinen Jungs den "Ernstfall
Frieden" ins Gesangbuch schreiben wollen heute würde er damit
kein Präsident mehr werden. Ja, und dann soll noch der
"P r i m a t d e r P o l i t i k" die harmlose Güte der
Bundeswehr belegen (kein "Staat im Staate"), die Verrücktheit,
daß es demokratischer wäre, wenn die Herrschaften in Bonn ihr
Gewaltmittel selbst in Gang setzen, anstatt daß Generäle ihre
Auftraggeber überrumpeln, wofür es in der deutschen Geschichte
ungemein viele Beispiele geben soll. Schließlich bürgt noch die
Allgemeine Wehrpflicht für militärische Unschuld: das "legitime
Kind der Demokratie" (Heuß). Durchs Bündnis ist deutsches
Angriffstum auch noch gebremst, können wir doch unserem
Hauptfeind Rußland nur militärisch begegnen, wenn die NATO diesen
Hauptfeind endgültig nicht mehr leiden kann.
Lauter gestanzte Selbstcharakterisierungen, mit denen der Schein
erweckt werden soll, das nationale Mittel Militär wäre wegen des
kontrollierten Zwecks, der sowieso ausgesprochen gut, etwas an-
deres, besseres, über jede Kritik erhaben. Die Kommißköppe der
ersten Stunde sind aber noch weiter gegangen. Sie haben den irr-
witzigen Gestus des demokratischen Antimilitarismus der stinknor-
malen Armee eingeprägt. Sie werben damit noch heute:
"Die Konzeption der Inneren Führung verbindet das Werte- und Nor-
mensystem des Grundgesetzes mit Führung, Erziehung und Ausbildung
in der Bundeswehr. Sie bestimmt damit den Standort der Armee in
der Demokratie und setzt einen wertorientierten Bezugsrahmen für
soldatisches Selbstverständnis. Dies drückt sich aus im Leitbild
vom 'Staatsbürger in Uniform'." (Weißbuch 1985)
Der Quatsch entbehrt nicht gewisser logischer Feinheiten: Soldat,
der er nun mal ist, soll er sich vorkommen als einer, der grad
mal statt eines Trenchcoats einen Helm angezogen hat. Ein echter
Staatsbürger zu sein, ist ja bekanntlich 'Spitze', da man als
solcher alles tun und lassen kann, was einem die Rechte und
Pflichten vorschreiben. Nun hat aber der Soldat die Angewohnheit,
daß er nicht einfach sein Gewehr in die Ecke stellen darf, wenn
seine Braut vorbeikommt. Macht auch nichts! Er kann selbstver-
ständlich seinen wertorientierten Bezugsrahmen hervorzerren und
aufs Grundgesetz verweisen. Schon tobt er sich aus - wenn da
nicht Befehl und Gehorsam, modern "Innere Führung" wären, die,
wie der Name "Führung" schon sagt, gewisse erlaubte staatsbürger-
liche Freizügigkeiten einschränken, weil das der Soldatenberuf
nun einmal erfordert. Diese militärische Notwendigkeit aber weiß
die Bundeswehr in ein demokratisches Licht zu setzen, indem sie
sich extra in Stammbuch schreibt, daß es sich bei den geführten
Soldaten um M e n s c h e n handelt.
"Menschenführung ist der lebendige und entscheidende Teil der mi-
litärischen Führung. Ihr Erfolg ist wesentliche Voraussetzung für
die Einsatzbereitschaft der Streitkräfte.... Menschenführung wird
bestimmt von der Erfüllung des Auftrags und ist orientiert an der
Rechtsordnung der Bundesrepublik Deutschland. Sie berücksichtigt
die Persönlichkeit und die berechtigten Anliegen der Geführten.
Menschenführung ist daher mehr als fehlerfreie Umsetzung von Ge-
setzen, Dienstvorschriften und Befehlen." (Weißbuch 1985)
Wie dieses Mehr an Menschlichkeit den Soldaten zuteil werden
soll, die den Auftrag haben, fürs Vaterland zu töten und zu ster-
ben, wissen die Generäle auch nach 30 Jahren Bundeswehr nicht so
genau. Aber daß diese spezifisch deutsche Erfindung das gute An-
sehen der Bundeswehr vermehren hilft, davon sind sie sehr über-
zeugt.
"Mit der Bezeichnung 'Innere Führung' ist im Bereich der militä-
rischen Führungslehre ein neuer Begriff geschaffen worden, für
den es in anderen Sprachen keine zutreffende Übersetzung gibt.
Vielleicht ist der Grund darin zu suchen, daß Innere Führung zwar
den einzelnen Soldaten und die soldatische Gemeinschaft beein-
flussen, nicht aber unmittelbare mililtärische Wirkung auslösen
will. Der Mensch selbst war schon im Altertum Gegenstand militä-
rischer Führungseinwirkung; auch sprach man in der Reichswehr be-
reits vom 'Feldherrn Psychologos' und in noch älteren Unterlagen
davon, daß der Soldat innerlich geführt werden wolle. Die Beein-
flussung von Willen und seelischen Kräften als entscheidende mi-
litärische Führungshandlung ist also nicht neu. Als eigentliches,
in sich geschlossenes Führungsgebiet und Grundlage aller anderen
Führungsgebiete jedoch war innere Führung zuvor nie definiert.
Es verwundert nicht, daß auch der Bundeswehr eine solche Defini-
tion nicht gelungen ist." (Generalleutnant a.D. Siegfried Schulz,
Das neue Heer, S. 104)
Die Zubereitung des Willens für das ungemütliche soldatische
Handwerk, Disziplin, Befehl und Gehorsam, soll eben zugleich noch
den Anschein haben, als seien sie etwas anderes und so erst recht
von demokratischem Charakter. Dabei wird im Grunde nur zweierlei
betont: Erstens, daß alles, was der Soldat zu tun hat, rechtlich
geregelt ist, und zweitens, daß der demokratische Soldat das
ideale Gegenstück zum Söldner zu sein habe, ein überzeugter Ver-
teidiger des Vaterlands.
"Innere Führung soll drei Hauptziele erreichen:
- Legitimation: die rechtliche, politische und ethische Begrün-
dung des Auftrags der Bundeswehr und der Inpflichtnahme des
Staatsbürgers als Soldat.
- Integration: die Einbindung der Bundeswehr und des einzelnen
Soldaten in Staat und Gesellschaft.
- Motivation: die Bereitschaft des Soldaten der Bundeswehr, aus
Überzeugung treu zu dienen, seine Pflichten nach besten Kräften
zu erfüllen und dabei die durch das Soldatengesetz auferlegten
Einschränkungen seiner Grundrechte zu akzeptieren." (Weißbuch
1985)
Etwas schnörkelloser und leichter einsehbar benennt "Das Handbuch
für den Soldaten", was das 'Innere' an dem ist, das sich für den
Soldaten gehört, und was der Rekrut auswendig lernen muß:
"Aufgaben und Gundsätze der Inneren Führung
1. A u f g a b e der Inneren Führung ist es, die
P f l i c h t e r f ü l l u n g d e s S o l d a t e n
d u r c h z u s e t z e n und zugleich seine R e c h t e z u
g a r a n t i e r e n. Sie fordert vom Vorgesetzten, Würde und
Rechte des Soldaten zu respektieren.
2. Die Innere Führung dient der E i n s a t z b e r e i t-
s c h a f t d e r B u n d e s w e h r i m R a h m e n d e r
r e c h t l i c h e n O r d n u n g der Bundesrepublik. Ihre
Grundsätze sind daher im Grundgesetz, in den Wehrgesetzen, in
Verordnungen, Erlassen und Dienstvorschriften festgelegt.
3. Folgende G r u n d r e c h t e sind für den Soldaten einge-
schränkt:
... " (Der Reibert, Ausgabe 1985/86)
So ist es kein Wunder, daß die "unantastbare Würde und Persön-
lichkeit des Soldaten" mit recht einfachen Rezepten bedacht wird,
wenn sich die "praktische Menschenführung" an ihn ranmacht:
"Wer Menschen führen soll, muß sie kennen.... Der Kompaniechef
kann 60 bis 100 Soldaten kennen, der Bataillonskommandeur jedoch
nicht mehr 400 bis 600. Er sollte aber jeden Unteroffizier seines
Bataillons persönlich gesprochen haben. ... Im menschlichen Kon-
takt mit seinem Vorgesetzten muß der Soldat - gleich welchen
Dienstgrades - deutlich spüren, daß er als Persönlichkeit geach-
tet und gewürdigt wird. ... Vertrauen... Das dienstliche Vorbild
muß durch Fürsorge und Verständnis ergänzt werden; Humor und ein
'warmes Herz' helfen dabei. ... Die Ziele der Ausbildung und Er-
ziehung werden vor allem durch Ermutigung und Anerkennung er-
reicht. ... Die Notwendigkeit von Befehlen ist, wenn irgend mög-
lich, sachlich zu begründen... Motivation wird durch Übernahme
von Verantwortung verstärkt. ... Anbiederung und Führungsschwäche
sind ebenso verderblich, wie Selbstherrlichkeit und Machtmiß-
brauch..." (Generalleutnant a.D. Schulz, a.a.O., S. 108/109)
Für die Demonstration der Ideologie, daß die Bundeswehr die erste
menschlich-demokratische Armee sei, reicht das allemal. Der Sol-
dat hat sogar einen Wehrbeauftragten; auch einen Vertrauensmann;
er darf sich beschweren. Der Vorgesetzte darf längst nicht alles.
Zum Beispiel:
"Zulässig ist
- eine erzieherische Maßnahme, wenn ein Vorgesetzter beim Stuben-
rundgang nach seiner Überzeugung Unordnung feststellt... Unzuläs-
sig ist...
- einen bereits gereinigten sauberen Flur nochmals reinigen zu
lassen;
- dienstlich nicht notwendige Erschwerungen (Schikanen), wie das
Ausschütten eines Aschenbechers in die Stube, das Stehenlassen im
Unterricht mit dem Gesicht zur Wand oder der Befehl, im Gelände-
dienst bei sonst trockenem Boden durch eine Pfütze zu kriechen.
Zulässig ist...
- den Soldaten wegen einer ungehörigen Antwort durch den Diszi-
plinarvorgesetzten zu einem zusätzlichen Dienst einzuteilen, der
geeignet ist, den Soldaten zur Disziplin zu erziehen. Unzulässig
ist...
- wegen schlechten Gesanges sogenannte Gefechtseinlagen wie
'Atomblitz' oder 'Volle Deckung' zu befehlen.
...
- einen Nichtschwimmer ins Becken für Schwimmer springen zu las-
sen, um ihn zum Mut zu erziehen..." (Militärische Ordnung; a) Er-
zieherische Maßnahmen, ZDv 14/3 B 160)
Welch süße Beispiele der Image-Pflege der Bundeswehr! Für ihre
Güte ist einmal eine ganze Ausbildungskompanie in Nagold aufge-
löst worden. Der Wehrbeauftragte beklagt alle Jahre wieder die
"Gammler" in der "Saufschule" der Nation, so als wären beide dem
Militär fremde Erscheinungen.
Doch erfindet man heute keine pädagogisch raffinierte neue Abtei-
lung der Inneren Führung, um das soldatische 'Unwesen' aus der
Bundeswehr zu schaffen. "Erziehung zur Härte und kriegsnahe Aus-
bildung" (Weißbuch 1985) gelten als das rechte militärische Mit-
tel, um die Jungs auf Vordermann zu bringen. Wie überhaupt seit
geraumer Zeit der ganz normale Militarismus das langjährige Bemü-
hen abgelöst hat, der Bundeswehr ein extra demokratisches Mäntel-
chen umzuhängen. Heute muß der "Staatsbürger in Uniform" sich die
ernste Frage stellen lassen, ob er auch ein guter S o l d a t
ist. Wie es mit der Kampfkraft und Durchhaltefähigkeit im wirkli-
chen Gefecht steht? Welche Nachteile es mit sich bringe, daß die
Bundeswehr keine Kriegserfahrung besitze und ihr auch noch die
geübten Soldaten aus Weltkrieg 2 ausgegangen sind? Ob die Haupt-
leute und Majore bei der Kämpfenden Truppe nicht dafür zu alt
sind? Stimmt die Motivation bei jungen Leuten, die großenteils
nicht mit Hurra zum Bund gehen? Mängel an Ausrüstung, Personal-
stärke, Führungsqualität der Offiziere im Gefecht werden debat-
tiert, und kaum jemand macht sich noch die Sorge, ob es militäri-
sche Tendenzen bei der demokratischen Wehrmacht gebe. Eher umge-
kehrt: Hat nicht Heinemanns "Ernstfall Frieden" zur Vernachlässi-
gung der Kampfkraft geführt? Leidet nicht die Offiziersausbildung
unter "Kopflastigkeit"? Ist die Tugend der Tapferkeit "bis zum
Tode" noch anerkannt? Der deutsche Militarismus ist wieder sehr
normal geworden.
Traditionsrisse überwunden - fast!
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"Darf nun der Soldat der Bundeswehr Mut, Tapferkeit, Kamerad-
schaft, Ritterlichkeit der Soldaten des Zweiten Weltkrieges nicht
ehren?
Er darf es - mit Trauer; mit Trauer darüber, daß all das, was die
Ehre seines Berufs im Kriege ausmacht, auf schändliche Weise miß-
braucht wurde." (Bundespräsident Scheel 1978)
Ein feines Problem hat sich die junge Bundeswehr gemacht: Woran
sollte die neue Armee anknüpfen; aus welcher militärischen Tradi-
tion schöpfen, um den militärischen Werten dadurch eine extra
Weihe zu verleihen, daß es sie schon immer gegeben hat. Die Not-
wendigkeit von "Traditionspflege" war natürlich keine Frage. Sie
gehört zum Militär, ihre Begründung ist deshalb auch gar nicht
schwer.
"Der Krieg hat mit dem Tode zu tun. Und hierin liegt auch der
tiefere Grund dafür, weshalb alle Streitkräfte auf der Welt Tra-
ditionen brauchen. Verwaltungsvorschriften und Ausbildungsricht-
linien allein sind keine ausreichende Grundlage für das, was vom
Soldaten im Kriege gefordert wird. Der Soldat braucht, um ein
guter Soldat sein zu können, das Vorbild guter Soldaten. Der Sol-
dat ist auf den Krieg nur richtig vorbereitet, wenn er sich auch
im Kriege seine Menschlichkeit bewahren kann. Dazu braucht er
Vorbilder." (Scheel 1978)
Mit geradezu militärischer Geradlinigkeit (kurz, klar, bestimmt)
wird vom Tode auf die Menschlichkeit geschlossen und aus beiden
die höhere Notwendigkeit vorbildhafter Tradition abgeleitet.
'Sterben ist der schönste Tod' hat eben immer schon für sich ge-
sprochen.
Aber diese Selbstverständlichkeit der Traditionspflege beim Mili-
tär war ja gerade auch das Problem der jungen deutschen Armee.
Welche Tradition sollte die Bundeswehr wählen, die sich doch eine
entschieden antifaschistische, antimilitaristische, also republi-
kanische Gestalt geben wollte. Das Preußentum des alten Fritz
sollte es nicht sein, der "selbstherrliche" Generalsstand mit all
seinem Lametta unter Kaiser Wilhelm auch nicht. Die tapferen Sol-
daten und Offiziere des Zweiten Weltkrieges erschienen für die
Traditionspflege auch problematisch: Sie hatten den Krieg verlo-
ren und sich - zumindest - von den Nazis "mißbrauchen" lassen. So
wählte man sehr vorsichtig seine Vorbilder aus: Scharnhorst wegen
der Einführung der Allgemeinen Wehrpflicht; General Yorck, weil
er Freiheitskriege gegen Napoleon geführt hatte; General Beck,
weil er Hitlers Kriegspläne für gefährlich hielt, 1938 ausstieg
und dann zum deutschen Widerstand von '44 gehörte; bei Rommel war
zwar die Sache mit dem Widerstand nicht so klar, dafür war er
aber der international anerkannte "Wüstenfuchs". Langsam aber si-
cher stieg mit dem Alter der Bundeswehr die Zahl der vorbildhaf-
ten Namen aus Deutschlands Militärgeschichte, und die Bedenken
nahmen ab. Aber noch 1978 hatte der damalige Bundespräsident
Scheel den bezeichnenden Einfall, Kasernen nach Nobelpreisträgern
zu benennen. 1976 entließ Verteidigungsminister Leber seinen par-
lamentarischen Staatssekretär, weil dieser dem Spitzen-Soldaten,
aber Faschisten Rudel erlaubt hatte, an einer Bundeswehr-Feier
teilzunehmen.
Inzwischen hatte und hat die Komplettierung der Tradition der
Bundeswehr mit Vorbildern aus Reichswehr und Wehrmacht Fort-
schritte gemacht. "Ewige Werte des Soldatentums" (Ex-Generalmajor
Horst Niemack) hat es in Deutschland immer und ohne Unterbrechung
gegeben, heißt heute die Parole. Verteidigungsminister Wörner be-
sucht demonstrativ Kameradentreffen der Frontkämpfer des 2. Welt-
kriegs; die Waffen-SS bestand zum großen Teil aus normalen, tap-
feren Soldaten, hieß es anläßlich der Feiern zum 8. Mai. In Wör-
ners Vorentwurf zum neuen Traditionserlaß kommt die "schuldhafte
Verstrickung" der Deutschen Wehrmacht nicht mehr vor.
Die, vom militärischen Standpunkt aus gesehen, schmucklose Uni-
form der Soldaten der ersten Stunde hat auch wieder ihr normales
Lametta bekommen: Orden (selbstverständlich auch das Eiserne
Kreuz) und Medaillen, Schießschnüre für gelungene Treffer, Ver-
bandsabzeichen für jede Kompanie und jedes Kommando... Die Ba-
taillone erhielten ihre Truppenfahnen. Die letzte Strophe des
Panzerlieds darf auch wieder gesungen werden:
"Wenn uns ein feindliches Heer erscheint, wird Vollgas gegeben
und 'ran an den Feind. Was gilt denn unser Leben? Für unseres
Reiches Heer, für Deutschland zu sterben, ist uns höchste Ehr."
Aber bei aller Normalisierung der militärischen Vergangenheitsbe-
wältigung, mit der einige antimilitaristische Zöpfe der jungen
Bundeswehr nach 30 Jahren abgeschnitten werden, ganz normal ist
der neue deutsche Militarismus doch noch nicht geworden. Was
schon bei der Beurteilung der Kampfkraft der Soldaten als Manko
festgestellt wird, der fehlende Einsatz im Ernstfall, die man-
gelnde Kriegserfahrung, wird bei der Traditionspflege von der
Bundeswehr und ihren politischen Führern als ziemliche Lücke emp-
funden. Vom "ran an den Feind" können sie nur singen. Sonderur-
laub gibt es vielleicht für einen gewonnenen Eilmarsch oder eine
besonders blitzblanke Stube. Die Schießschnur steht nicht für
wirkliche Abschüsse. Orden und Tapferkeitsmedaillen bekommen Sol-
daten, weil sie bessere Feuerwehr gespielt, über Äthiopien Milch-
pulver abgeworfen haben. In ihren Tagesbefehlen zum Weihnachts-
fest gedenken Generalinspekteur und Verteidigungsminister Solda-
ten, die beim Manöver oder im Auto zurück auf dem Weg in die Ka-
serne fürs Vaterland gestorben sind. Nicht ein Sieg, den die Bun-
deswehr feiern könnte. Keine Niederlage, für die sie offen und
ehrlich Revanche fordern dürfte. Es klingt fast resignativ, was
ein General a.D. und Verteidigungsminister Wörner zu diesem Punkt
bemerken:
"Traditionen durch Leistung zu schaffen, ist sicher schwieriger,
als auf den Leistungen der Vergangenheit auszuruhen. Das Heer
wird gültiges geistiges und sittliches Erbe bewahren, darauf auf-
bauend aber durch eigene Leistung selbst Vorbilder für kommende
Generationen schaffen." (Generalleutnant a.D. Schulz, a.a.O., S.
218)
"Traditioinspflege muß Offenheit und Mut zur Bildung neuer Tradi-
tionen einschließen. Sie setzt aber auch die Geduld voraus, Ent-
wicklungen reifen zu lassen." (Weißbuch 1985)
Feiertagsprobleme
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hat die Bundeswehr deswegen. Die Feste kommen nicht, wie sie fal-
len, weil der großartige Einsatz der Marine vor Namibia zu beböl-
lern wäre. Mogadishu ist da, bei aller Begeisterung damals, doch
wieder nur die GSG 9. Den 30. Geburtstag der Bundeswehr zum Anlaß
zu nehmen, mit 370 Feiern (Gelöbnissen und Vereidigungen, Tage
der offenen Türen, Gefechtsschießen mit scharfer Munition, Großer
Zapfenstreich gleich 17 mal) auszuschwärmen, hat vom Standpunkt
der "Werte an sich", die dem Militär eigen sind, etwas Willkürli-
ches. Irgendeine tapfere Sache ist vor dreißig Jahren nun wirk-
lich nicht vollbracht worden. Westdeutschland wurde die Armee und
damit die Souveränität zugestanden. Mehr als die sentimentale Er-
innerung an die Souveränitätsfindung der Bundesrepublik ist der
Dreißigste also eigentlich nicht. Er soll aber offensichtlich
mehr sein. Warum sonst die -zig Vorstellungen, auf denen sich die
Bundeswehr dem Volk präsentieren will? Weshalb wird mit Kunstflü-
gen und Panzern zum Anfassen bei Weib und Kind g e w o r b e n?
Wieso bittet der Verteidigungsminister um mehr Achtung, ja Vereh-
rung der Soldaten mit dem Argument, "daß die einen dienen und die
anderen verdienen"? Warum legen er und die "Bild-Zeitung" so viel
Wert darauf, daß beim Manöver "Trutzige Sachsen" ganz viele Bür-
ger (obwohl der Flurschaden nicht zu übersehen war) ganz viele
Soldaten mit Liebe aufgenommen haben? Warum fordert Wörner von
der Truppe, mehr Uniform zu zeigen?
An den Bürgern kann es doch wohl nicht liegen. Der gemeine Mili-
tarismus des Volkes der Staatsbürger (nicht einmal die Friedens-
bewegung möchte 'unseren' Soldaten ein verbales Leid antun) hat
doch noch immer den Gefreiten mit Achtung angeschaut sowie den
Offizier mit Hochachtung angesehen -, es sei denn die Bundesrepu-
blik selbst hat die Parole ausgegeben, die Soldaten möchten vor-
erst lieber in der Kaserne bleiben. Die Bürger ohne Uniform rümp-
fen doch nicht die Nase, wenn sie besoffene Reservisten mitbekom-
men - es sei denn die Minister in Bonn agitieren selbst gegen
Gammelei in der Bundeswehr. Die Leute nehmen doch selbstverständ-
lich das Angebot an, wenn sie ihren Kindern etwas Besonderes bie-
ten wollen, an Tagen der offenen Tür denselben Kindern, die zu
Hause kein Kriegsspielzeug bekommen, die kleine Freude zu gewäh-
ren, in einem echten Panzer sitzen zu dürfen. Nein, an den Bür-
gern liegt es nicht, daß die Bundeswehr meint,- bei den Bürgern
extra für sich werben zu müssen. Es kommt daher, daß die neuen
alten Haudegen vom Militär, ihre politisch Verantwortlichen
ebenso, komplizierter denken, als wie Volkes Meinung so meint.
Andererseits denken sie wieder auch sehr einfach. Sie meinen näm-
lich, daß ihr gesunder Militarismus bei den normalen Deutschen
nicht so verankert wäre, wie sie es sich wünschen: Weil sie
selbst begründete, Zweifel daran haben, daß einem Militär die
selbstverständliche Ehre gebührt, wo es doch, was seinen tapferen
Einsatz anbetrifft, diesen bisher nicht leisten konnte. Denn die
Nation, für die 'Unsere Jungs' antreten, hat sich notgedrungen
einige Beschränkungen ihrer Souveränität eingefangen: Der Feind
steht zwar fest, aber Schlesien zurückerobern dürfen die Deut-
schen von sich aus auch nicht - das ist höchstens und erst im
größeren Projekt des B ü n d n i s s e s fällig. "Unsere" öko-
nomische Macht ist ganz ausgezeichnet, aber mit der besten kon-
ventionellen Armee kann die BRD kaum zwischen den Atommächten ei-
genwillige deutsche Interesse durchsetzen. Diese gebremste deut-
sche "Mittelmacht", diese eingeschränkten imperialistischen An-
sprüche Westdeutschlands färben auf das Mittel des Nationalismus
ab. Da hilft es auch nichts, daß dank dem Bündnis die politische
Macht der BRD durchaus weiter reicht als ihre Kanonen.
Die Bundeswehr hat nichts zu tun, weil die BRD in eigener Regie
ihr immer noch nichts Gescheites zu tun geben darf. Aus diesem
Grund wirbt die Bundeswehr, weil sie keine Kriegserfolge vorzu-
weisen hat, damit, was sie alles vorzuweisen hat. Deshalb lobt
Wörner seine Bundeswehr ob ihrer Kriegs f ä h i g k e i t: "Eine
der besten Armeen der westlichen Welt." Nur hat sie's noch nie
gezeigt! Die Feiern gelten daher den Leistungen, die unsere Wehr-
macht bringen k a n n: ausgiebige Präsentation des Militaris-
mus, der darunter l e i d e t, seine eigentliche nationalisti-
sche Bestimmung immer noch unter "Frieden, Frieden" verstecken zu
müssen. Heute klingt die damals so "lässig hingeworfene zivile
Aufforderung des Bundespräsidenten Heuß: "Nun siegt mal schön!"
nicht mehr wie eine passende Ironie auf die Bedeutungslosigkeit
einer noch zu nichts tauglichen Armee. Angesichts der Tauglich-
keit des über drei Jahrzehnte angehäuften Gewaltapparats wird der
Imperativ zum Siegen ernst genommen - und die Gelegenheit für
seine Befolgung vermißt.
An solch feinen Widersprüchen leidet eine imperialistische Na-
tion.
Bild ansehen
Denksportaufgabe für die junge Generation
Aufgespießt
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"Teilladen, Fertigladen, zehn Schuß Feuerstöße... Feuer frei! Der
15jährige zieht sein Gewehr fest an die Wange und drückt ab.
Stolz kehrt er zu seinen Klassenkameraden zurück. Sieben Treffer
am Mann. Ziel der Übung erfüllt."
Aus einem Bericht der "Hamburger Rundschau" über den einwöchigen
Besuch der 9. Klasse einer Goslarer Hauptschule bei der Bundes-
wehr. (FR 1985)
Sonst wohl keinen Militarismus gefunden, was?
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