Quelle: Archiv MG - BRD AUSSENPOLITIK VERTRIEBENE - Vom östlichen Unrecht
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Die Vertriebenen
EINE POLITIKFÄHIGE SEKTE
Justament da das offizielle Bonn sich anschickt, das 40jährige
Jubiläum des verlorenen Krieges zur nationalen Feier einer von
Selbstvorwürfen gereinigten, weil zur Wirtschafts- und Militär-
macht erstarkten Demokratie auszugestalten, erfreuen sich auch
wieder Vereine aktueller Beliebtheit, von denen man eigentlich
annehmen müßte, daß sie sich durch natürlichen Mitgliederschwund
allmählich selbst erledigt hätten: die Vertriebenen.
Offensichtlich verdankt sich die über vier Jahrzehnte erhaltene
und jetzt wieder aufblühende Frische der Flüchtlingsbünde nicht
der sportlichen Ertüchtigung in ostdeutschen Volkstänzen oder dem
ausgiebigen Genuß sudetschlesischer Hausmannskost. Als "traurige"
Seite eines ansonsten auf Nationalstolz programmierten Kriegsju-
biläums repräsentieren sie die nie aufgegebene Unzufriedenheit
des westdeutschen Staates mit dem Kriegsergebnis.
Das vielzitierte und nach wie vor zur Sühne anstehende "Unrecht",
das den Ostflüchtlingen 1945 angetan worden sein soll, reklamie-
ren die Regierenden heute als ihr Recht, die Lage im Osten als
noch zu bereinigende zur Disposition zu stellen.
Ausschließlich für dieses politische Programm werden die Vertrie-
benenverbände systematisch am Aussterben gehindert.
Die "Vertreibung"
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Was der Minister für innerdeutsche Beziehungen Windelen als unge-
rechten Doppeltribut der Flüchtlinge an die Geschichte 1984 nicht
ruhen lassen will -
"Das Gefühl vieler Heimatvertriebener, daß sie doppelt für histo-
rische Schuld zahlen mußten, obwohl sie nicht schuldiger waren
als die glücklicherweise verschonten Landsleute, ist eine Bela-
stung, die 40 Jahre danach getilgt werden muß." -,
stellte sich im Kapitulationsjahr '45 weit schlichter dar. Die
alliierten Siegermächte teilten sich auf ihren Konferenzen in
Jalta und Potsdam die Kriegsbeute, einigten sich über neue Grenz-
verläufe und beschlossen neben anderem auch "die Überführung der
deutschen Bevölkerung oder Bestandteile derselben, die in Polen,
Tschechoslowakei und Ungarn zurückgeblieben sind, nach Deutsch-
land." (Potsdamer Abkommen XIII) Dabei hatten weder die zur Um-
siedlung gezwungenen noch die davon "glücklicherweise verschon-
ten" Mitmacher am faschistischen Krieg Probleme mit der Rechtmä-
ßigkeit ihres jetzigen Elends oder gar seiner Übereinstimmung mit
der Haager Landkriegsordnung und dem Völkerrecht, wie sie wenig
später seitens der Politik hierzulande zur ideellen Untermauerung
der Hetze gegen "die kommunistischen Vertreiberstaaten" in An-
schlag gebracht wurden. Als übrig gebliebene Deutsche, die einen
totalen Krieg geführt und verspielt hatten, wurden sie alle be-
handelt, in kontrollierbare Besatzungszonen aufgeteilt und glei-
chermaßen dem Beschluß der Siegermächte unterstellt:
"Das Deutsche Volk muß überzeugt werden, daß es eine totale mili-
tärische Niederlage erlitten hat und daß es sich nicht der Ver-
antwortung entziehen kann für das, was es selbst dadurch auf sich
geladen hat, daß seine eigene mitleidlose Kriegführung und der
fanatische Widerstand der Nazis die deutsche Wirtschaft zerstört
und Chaos und Elend unvermeidbar gemacht haben."
(Potsdamer Abkommen, III)
Das "Leid der Vertreibung", für das sich wiedererstarkte deutsche
Politiker und Vertriebenenfunktionäre (meist in Personalunion)
bis heute begeistern, um ihr antikommunistisches Feindbild blank
zu putzen, war damals - schlicht aufgrund einer nicht mehr exi-
stenten deutschen Staatsgewalt - absolut diskussionsunfähig.
"Selber schuld" lautete die übereinstimmende Auskunft aller vier
Gewinnerstaaten. Und was die zu Verlierern erklärten Deutschen
anbetraf, für die stand Leid und Elend genug zur Verfügung, so
daß sich jede Quantifizierung erübrigte. Wo den meisten nichts
geblieben war als das Überleben, kamen die zwölf Millionen
Volksgenossen aus den Ostgebieten eher ungelegen und wurden als
"Flüchtlinge " weitgehend auch so behandelt. So galt die Sorge
der Umsiedler sicher auch nicht dem verlorenen "Heimatrecht" oder
gar der "Rettung ostdeutschen Kulturgutes", sondern der blanken
Existenzerhaltung. Daß sich diese ab jetzt unter einer demokrati-
schen Herrschaft mittels der noch raren Chance zur Lohnarbeit ab-
spielen sollte, für diese Neuerung bedurfte es weder bei den Ein-
heimischen noch Zugewanderten großer Überzeugungsarbeit. Geschult
darin, daß der Buckel vor der Staatsgewalt die Grundvoraussetzung
fürs eigene Fortkommen ist, erbrachten (auch) die Ostdeutschen
die von ihnen erwartete "gewaltige Leistung beim Wiederaufbau".
Dieses "Wunder" (Windelen) an volkswirtschaftlich nützlicher
"Integrationsfähigkeit", dem mit 120 Milliarden aus dem Lasten-
ausgleich nachgeholfen wurde, wäre keines, wenn nicht alsbald
eine neue Garnitur deutscher Regierender dem Sonderlob der Ver-
triebenen eine ideologische Favoritenrolle für ihre Ostpolitik
zugedacht hätten.
Was meint eigentlich ein Minister Windelen, wenn er noch im
Herbst des vergangenen Jahres auf einem "Tag der Heimat" Ver-
ständnis für folgende nicht eingetretene Konsequenz bei den Ost-
flüchtern zeigt:
"Sie fielen nicht dem Radikalismus anheim - und das alles nach
dem schrecklichen Erlebnis einer gewaltsamen Flucht und Vertrei-
bung."
Was meinten eigentlich die Flüchtlingsbünde selbst, als sie sich
kaum fünf Jahre nach Kriegsende in ihrer "Stuttgarter Charta"
feierlich zum Verzicht auf Vergeltung und Gewalt entschlossen
("eine große Stunde in der deutschen Nachkriegsgeschichte",
Kohl)? Im Bezug auf ihre v e r t r i e b e n e n Staatsbürger
bekennen sich deutsche Politiker bis auf den heutigen Tag zu
Handlungsmöglichkeiten, die sie sonst nur "irregeleiteten Wirr-
köpfen" zurechnen und der polizeilichen Behandlung überantworten.
Radikalismus, Rache, Gewalt - dafür gäbe es bei den vom Osten
Rübergemachten nur g u t e Gründe. Und mag auch die prakti-
sche.Mö,qlichkeit dazu nie bestanden haben, daß die Vertriebenen
selbst auf "Vergeltung" verzichtet haben - "trotz ihres bitteren
Schicksals" - beweist, wie gut sie dieses berechtigte Anliegen
bei den Regierungen des neuen Frontstaates BRD aufgehoben wußten.
Radikal waren die Politvereine der ehemaligen Ostansässigen in
ihrem grundsätzlichen Revanchismus immer, genauso radikal eben
wie die Ostpolitik ihrer Herrschaft, und die hatte in der
40jährigen Nachkriegsgeschichte bekanntlich Dauerkonjunktur.
Die Vertriebenenpartei
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Als die Westalliierten Ende der 40er Jahre dem deutschen Volk die
Demokratie in Form freier Wahlen und dafür notwendiger Wahlalter-
nativen schenkten, machte sich ein "Block der Heimatvertriebenen
und Entrechteten" (BHE) auf, um das politische Interesse am Ver-
triebenenschicksal in Wählerstimmen für sich umzusetzen. Partei-
führer wie der Alt-Nazi Oberländer (schon '23 beim Marsch auf die
Feldherrnhalle mit dabei) brachten es so bis zum Vertriebenenmi-
nister in der Regierung Adenauer. Bald galt die Hauptsorge der
Parteiorganisatoren dem Umstand, daß sich ihre Klientel in der
ganz unspezifischen Sorge ums Zurechtkommen unter den neuen Her-
ren und Verhältnissen als Stimmvieh für den BHE zu verflüchtigen
drohte.
"Das Unglück unserer Partei ist allein das eine, daß wir zwar un-
gezählten Tausenden wieder Hoffnung, Beschäftigung und Verdienst
geschaffen haben, daß diese aber... sich nach ihrer Eingliederung
den saturierten Kreisen zuwandten und für die Zukunft jegliche
politische Aktivität vermissen lassen."
Wo die Umsiedler begannen, sich ganz flüssig ins neugeschaffene
Rechts- und Wirtschaftssystem einzuordnen und als willfährige
Westuntertanen ihr Heimatbedürfnis voll sättigten, ventilierten
Vertriebenenfunktionäre zunehmend das Problem, wie getrennt von
jedem praktischen Interesse dem politischen Anspruch auf eine Of-
fenhaltung der östlichen Grenzen anhand der Ehemals-Ostler Gel-
tung verschafft werden könne. Vertriebenenminister Oberländer:
"Nicht alle Vertriebenen dürfen sich assimilieren. Wir müssen
Heimatvertriebene behalten, um einer Tages ein Abstimmungsreser-
voir zu haben, wenn das Selbstbestimmungsrecht zum Zuge kommt."
Dem Prinzip dieses Anliegens wurde in der Folgezeit voll entspro-
chen. Zwar assimilierten sich die Vertriebenen derart zügig an
die wirtschaftlichen und politischen Zwänge ihrer neuen Westhei-
mat, daß es der Sau graust - der darüber erhabene Status des An-
schauungsmaterials für ein im kommunistischen Osten zu verwirkli-
chendes Heimatrecht blieb ihnen dennoch erhalten. Zwar verschwand
der BHE 1957 endgültig aus der Parteienlandschaft - sein (zu)
spezielles Programm aber lebte weit effektiver in den großen po-
litischen Volks-Parteien fort.
- "Im Namen aller Fraktionen und Gruppen des Bundestages mit Aus-
nahme der kommunistischen Fraktion, zugleich mit Zustimmung der
Bundesregierung und des Bundesrates" verkündete der Bundestags-
altpräsident Löbe am 6. Juni 1950 folgendes gegen eine Grenzver-
einbarung zwischen der DDR und Polen:
"Gemäß dem Potsdamer Abkommen ist das deutsche Gebiet östlich von
Oder und Neiße als Teil der sowjetischen Besatzungszone Deutsch-
lands der Republik Polen nur zur einstweiligen Verwaltung überge-
ben worden. Das Gebiet bleibt ein Teil Deutschlands."
- Im Deutschland-Vertrag vom 16. Mai 1952 legten die drei West-
mächte zusammen mit ihrem neuerschaffenen Partner Bundesrepublik
dessen Rolle in der Austragung der Ostfeindschaft fest: daß bis
zu einer "friedensvertraglichen Regelung für ganz Deutschland"
die "endgültige Festlegung der Grenzen... aufgeschoben werden
muß".
Die Vertriebenenpolitik
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Für diesen von oben festgelegten Westkurs bedurfte es nun wirk-
lich keines Flüchtlings mehr, der partout die Hühner auf seinem
angestammten pommerschen Bauernhof füttern wollte. So getan
sollte allerdings schon noch werden. Weil demokratische Herrscher
eben Wert darauf legen, daß bei ihren Vorhaben die Massen als Be-
rufungsinstanz parat stehen, gründeten sie extra einen "Bund
deutscher Vertriebener" (BdV), gliederten ihn in mindestens zwan-
zig Landsmannschaften mit Wappen und eigener Hetzpostille für Su-
deten- und Karpatendeutsche bis hin zur beachtlichen Splitter-
gruppe der Sathmarer Schwaben und ließen das Ganze völlig frei-
willig, ab er zuverlässig von Bundestagsmitgliedern organisieren.
Und damit das "von Gott geschenkte Grundrecht der Menschheit",
das "Recht auf Heimat" nicht mangels Masse den Herrgott mit sei-
nem NATO-Geschenk des Vorzeigeadressaten beraubt, erklärte das
Bundesvertriebenengesetz den Flüchtlingsstatus für erblich und
verband die Übernahme dieses "Schicksals" durch die nächste Gene-
ration mit einigen materiellen Anreizen. Für die Demonstration
des gesamtdeutschen Interesses durfte zu keiner Zeit der organi-
sierte Heimatanspruch altersbedingt wegschrumpfen. Damit das
"unabwendbare Abtreten" (Bericht der Bundesregierung, 1984) der
Erlebnisgeneration nicht zu "Leistungsverlusten" führt, gibt es
nach wie vor eine staatlich finanzierte "Deutsche Jugend des
Ostens" und jede Menge anderer "Gesinnungsvertriebener", die die
Fahne für ein Deutschland in den Grenzen von 1937 hochhalten.
Und mag der von Vertriebenenpolitikern wie Hans-Christoph Seebohm
oder Walter Becher gewählte "Jargon" aus der Ära des Kalten
Krieges auch heute manchem staatsbesonnenen Journalisten "zu
schrill" in den feinen Ohren klingen -
"Wir sind an der vordersten Front die Vorkämpfer für ein Abschüt-
teln des Jochs des bolschewistischen Kolonialismus in Europa."
"Die Haltung der Vertriebenen hat die Welt noch weit mehr vor dem
Bolschewismus bewahrt als das (von den Amerikanern) in Korea und
Indochina vergossene Blut." -;
mag den markigen Sprüchen auch einiges an bewußter Überschätzung
der Vertriebenenvereine zugrundeliegen - die darin beschworene
Funktion des BdV als ideologischer Kettenhund für die praktische
Feindschaftserklärung an die Sowjetunion durch den NATO-Staat BRD
wird keineswegs verfälscht.
"Neue" Ostpolitik
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Als Anfang der 70er Jahre mit der Regierung Brandt/Scheel unter
dem Etikett "Aussöhnung" die ökonomische Erschliessung und Auf-
weichung des Ostens auf die Tagesordnung kam und dafür die vorbe-
haltliche Anerkennung der Westgrenze Polens (Warschauer Verträge,
Dez. 1970) als Mittel diente, wechselte kein exschlesischer deut-
scher Wertarbeiter von seinem Arbeitsplatz auf die Barrikaden,
dafür traten einige Vertriebenenführer aus der SPD aus und in die
CDU ein. Der schlesische Oberlandsmann Hupka begründete seinen
Sitzplatzwechsel im Hohen Haus feindbildgerecht. "Der Kommunismus
hat gesiegt, Deutschland hat verloren " und widmete sich hinfort
der Initiierung einer Verfassungsklage in Karlsruhe. Von dort
wurde ihm postwendend bescheinigt, daß Deutschland noch lange
nicht verloren hat: Zwar habe die Bundesrepublik "die Unverletz-
barkeit der Grenzen und die Achtung der territorialen Integrität
aller Staaten in Europa in ihren gegenwärtigen Grenzen" vertrag-
lich zugesichert, ein künftiger - vom Grundgesetz befohlener -
"gesamtdeutscher Souverän" sei daran aber nicht gebunden. Und
während Vertriebenenpolitiker aus Gründen der Parteienkonkurrenz
noch eine Zeit lang am Vorwurf der "Verzichtspolitik" und der
"Demontage deutschen Selbstbehauptungswillens" Gefallen fanden,
behauptete sich schon - dank sozialliberalen "Ausverkaufs" -
deutsches Kapitalinteresse mitten in Polen und anderen Feindstaa-
ten. Den Erfolg der Entspannung, wie er sich als geschäftsmäßig
abgesichertes Mitspracherecht deutscher Politik beim östlichen
Planwirtschaften niederschlug, will inzwischen niemand mehr mis-
sen.
Verständlicherweise aber büßte das organisierte Heimat-Gemosere
der Vertriebenen in dieser Etappe deutscher Ostpolitik etwas an
politisch brauchbarer Aktualität ein - wo doch gerade über einen
schwunghaften Osthandel ganz neue Erpressungsmittel ins Haus
standen.
Aufgegeben wurde dennoch nichts! Zur "Erhaltung und Wahrung des
kulturellen Heimaterbes" deutscher Nation erfreuten sich die
Landsmannschaften weiterhin reichlicher finanzieller Gunst aus
Bundes- und Länderkassen. Da wurde nicht nur in den aben-
teuerlichsten Verkleidungen verbissen volksgetanzt, ostdeutsches
Musikgut gepflegt (unschlagbar: S. Avsenik mit seinen Ober-
krainern) und laiengespielt, es wurde auch weiter unverdrossen in
Flüchtlingsgazetten und auf Podien von eigens dafür abgestellten
Politikern gehetzt.
- Nur nahm zu der Zeit niemand groß Notiz davon. Politik wurde
woanders gemacht. Kein Sozialdemokrat befand es für nötig, die
Einstellung der staatlichen Zuschüsse an die Sudeten-, Pommern-
oder Ostpreußenclubs zu verlangen, nur weil deren Wortführer be-
ständig den amtierenden Staatschef in gekonnt faschistischer Ma-
nier als vaterlandslosen Gesellen beschimpften, dem der Ehrenti-
tel "deutscher Bundeskanzler" abzuerkennen sei. Kein liberaler
Pastor erregte sich über derartige Verunglimpfungen seines Glau-
bensbekenntnisses:
"Aber die SPD glaubt weiter an Herbert Wehner, den gerissensten
aller Intriganten und mächtigen Vater in Ewigkeit. Sie glaubt an
Willy Brandt, hörigen Sohn und Bundeskanzler zur Rechten Heine-
manns."
Jeder Verdacht auf Rechtsradikalismus erübrigte sich ohnehin - es
handelte sich ja um staatlich geförderten Radikalismus.
Deutschlandpolitik
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Es mußten schon erst "Wende"-Politiker sich Regierungsgewalt ver-
schaffen, um die alten Ostheimatverweser vom Schlage eines Hupka
oder Czaja von den Hinterbänken wieder ins Rampenlicht des öf-
fentlichen Interesses rücken zu lassen. Der Ton wurde von den
neuen Herren in Bonn angegeben:
"Das Recht auf Heimat darf nicht für ein Linsengericht verhökert
werden." ( Kanzler Kohl )
"Tendenzen, die Deutsche Frage auf die Bundesrepublik Deutschland
und die DDR zu beschränken..., wird es bei der neuen Bundesregie-
rung nicht geben." (Innenminister Zimmermann)
Dank der gelungenen Entspannungspolitik ihrer Vorgänger hatte die
"Wende"- Regierung ihre Finger schon weit in östlichen Ökonomien
drin; dank der Aufwertung zum Pershing II-Stationierungsland sich
den Status eines prinzipiell gleichrangigen Atomkriegsgegners des
Ostblocks verschafft. Jetzt galt es ohne falsche Scheu beim
Hauptfeind alte Ansprüche neu einzuklagen.
Da diese ohnehin in den Ostheimatbünden frisch erhalten worden
waren, fand sich auch der militante Antikommunismus der Vertrie-
benen wieder voll ins Recht gesetzt. Wo sich neuerdings Politiker
aller Couleur auf Heimattagen drängeln und der Kanzler höchst-
selbst - erstmals seit Erhards Zeiten - den Oberschlesier auf ei-
nem ihrer Treffen machen will, da sind die "Ewiggestrigen " wie-
der hochmodern. Einen Kohl, der sich regierungsamtlich zur
"Offenhaltung der g a n z e n deutschen Frage " bekennt, bringt
kein Parteifreund "in Verlegenheit", der als bestallter Vertrie-
benenfunktionär tönt: "Wir finden uns mit dem Raub unserer Heimat
nicht ab!" und locker 300 Milliarden Mark an Entschädigung von
den neuen "unrechtmäßigen" Eigentümern einklagt.
Wo die regierenden Unionschristen einen öffentlichkeitswirksamen
Streit darüber anzetteln, ob das geplante Gesetz gegen die
"Auschwitz-Lüge" nicht absolut einseitig der moralischen Verur-
teilung nationalsozialistischer Taten diene und nicht mindestens
gleichermaßen das Leugnen und Verharmlosen von Verbrechen während
der Vertreibung von Deutschen unter Strafe zu stellen sei; - da
sieht das Vertriebenenorgan "Der Schlesier" mit seiner Rechnung
aus den 60er Jahren glatt alt aus:
"Ist doch das Unrecht, das Hitler Polen zufügte, von den Ostdeut-
schen... wieder vergolten worden."
Damals wurde noch pflichtschuldig ein nationalmoralisches Schuld-
bekenntnis namens Hitler mit der Umsiedlung der Ostdeutschen auf-
gewogen. Heute wird schon ein - als diplomatische Geste an Israel
versprochenes - Gesetz gegen Neonazis für zu schwerwiegend befun-
den, weil in ihm die Pflicht zum richtigen nationalen Feindbild
nicht gleich mitformuliert ist.
Auch die jüngste Kanzlerkritik am Motto des Schlesiertages: "40
Jahre Vertreibung - Schlesien bleibt unser" war keine am Anspruch
auf die offensive Infragestellung der Existenz und Souveränität
östlicher Staaten; vielmehr eine am "propagandistischen Mißbrauch
der legitimen Anliegen der Schlesier".
Wo ein Hupka ("Die Zeit arbeitet nicht gegen uns, wenn wir gegen
die Zeit arbeiten") noch immer frei über die Rückführung seiner
Mannschaft in die angestammten Osträume spekuliert:
"Eine 'Repatriierung' der dort nach 1945 angesiedelten Menschen
wäre beileibe keine 'zweite Vertreibung'. Es ist nicht unbillig,
vom Unrechtsverursacher zu verlangen, die ihm durch Wiederher-
stellung des Rechtszustands entstehenden Härten in Kauf zu neh-
men.",
da wird ihm zwar von niemand die Legitimität solcher praktischen
Überlegungen bestritten; ob sie noch zeitgemäß und für die we-
sentlich globaler angelegten Ziele des zweitstärksten NATO-Staa-
tes propagandistisch brauchbar sind, wird bezweifelt. So muß sich
der altgediente Berufsrevanchist von Reaktionären aus der eigenen
Partei den Vorwurf der "ausgesprochenen Rückwärtsgewandtheit"
seiner Verbandspolitik gefallen lassen, wo es doch heute um "eine
Neuordnung für ganz Europa" unter der Parole "Freiheit" geht. Da-
gegen sind Rechtereien um "Grenzfragen" nun wirklich etwas klein-
kariert. Absolut auf Linie allerdings liegt der Vertriebenenchef
mit folgender Problematisierung des "Heimatrechts":
"Man kann jetzt nach 40 Jahren nicht sagen, aus dem Unrecht der
Vertreibung sei Recht geworden, nur weil man nicht weiß, wie das
Recht auf friedlichem Wege wiederhergestellt werden kann. Ich
weiß es auch nicht." (Herbert Hupka)
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Revanchismus im Dialog
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Die Sudetendeutschen wollen bekanntlich ein Deutschland in den
Grenzen von 1938, weil 1937, was offiziell als Rechtsanspruch des
Grundgesetzes auf die Nachfolge des Deutschen Reiches geführt
wird, das "Münchner Abkommen" noch nicht da war. Die darin ausge-
handelte Heim-ins-Reich-Holung von Teilen der damaligen CSSR ge-
schah ungefähr ebenso "friedlich", wie sich das die Sudetenfunk-
tionäre heute anscheinend vorstellen:
"Sudetendeutsche wollen ihr Heimatland besitzen
Die Sudetendeutschen erheben nach den Worten des Bundesvorsitzen-
den der Sudetendeutschen Landsmannschaft, Jörg Kudlich, den An-
spruch, 'das Sudetengebiet als unser Heimatland tatsächlich zu
besitzen'. Zum Tag des Selbstbestimmungsrechts am 4. März er-
klärte Kudlich: 'Wir wollen aufgrund des Rechts auf unsere Heimat
friedlich in das Sudetengebiet zurückkehren.' Die Ostverträge
müssen nach Ansicht des Vertriebenenfunktionärs durch eine sich
ändernde Politik überwunden werden. Die Abkommen mit dem Osten
seien Gewaltverzichts-, aber keine Grenzanerkennungsverträge, wie
vom Bundesverfassungsgericht ausdrücklich festgestellt."
(Süddeutsche Zeitung, 5.3.)
"Dissens unter Sudetendeutschen: Neubauer rückt von Kudlich ab
Der Sprecher der Sudetendeutschen Landsmannschaft, Bayerns Sozi-
alminister Franz Neubauer (CSU), ist von Äußerungen des Bundes-
vorsitzenden 'der Vertriebenenorganisation, Jörg Kudlich, zur
Frage einer Rückkehr der Sudetendeutschen in ihre Heimat abge-
rückt.... Kudlich, der als Ministerialrat in Neubauers Ministe-
rium arbeitet, gehe damit über die Beschlußlage der Landsmann-
schaft hinaus.... Neubauer verwies auf den einstimmigen Beschluß
der Bundesversammlung der Landsmannschaft vor knapp zwei Wochen.
Dort habe der Verband seine offizielle Haltung festgelegt, wonach
der Verzicht auf Rache und Vergeltung keinen Verzicht auf das
Recht auf Heimat bedeute und über den endgültigen Charakter der
deutschen Ostgrenzen erst in einem Friedensvertrag entschieden
werde." (Süddeutsche Zeitung, 7.3.)
Das ist natürlich alles andere als ein D i s s e n s: Neubauer
betont nur noch einmal die "Beschlußlage", deren politische
A b s i c h t sein Kudlich öffentlich ausgesprochen hat.
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