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EIN FILM, WIE NOCH KEINER WAR
"Thema Weltkrieg
ARD Dokumentarserie: Die Deutschen im Zweiten Weltkrieg
Die ersten beiden Folgen waren wirklich das Anschauen wert. End-
lich mal wieder eine vernünftige Weltkriegs-Dokumentation.
Eberhard Sühl, Swisstal-Morenhoven
In den Kriegsjahren bekam man Filme zu sehen, die erheitern und
das Kriegsgeschehen wenigstens für Stunden verdrängen und verges-
sen machen sollten. Keine Bange! Wer es sehen will, bekommt alles
nachgeliefert, um es noch mal zu erleben. Fernsehen macht's mög-
lich.
Helene Nickel, Brechen-Werschau"
(Leserbriefe an den "Gong")
Eine "vielleicht letzte authentische Bestandsaufnahme" der Ereig-
nisse des Zweiten Weltkriegs bot das ARD-Fernsehen auf, "weil der
Kreis jener, die diese Zeit miterlebt haben, immer kleiner wird
und die Fäden ihrer Erinnerung immer dünner." Das brachte sechs-
mal zur besten Sendezeit hohe Einschaltquoten: der spannendste
Kriegsfilm seit langem!
Action und Authentizität
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Dafür bürgten jede Menge packende Bilder von den Kriegsschauplät-
zen zwischen "fast in Moskau" und im U-Boot "vor der Küste New
Yorks". Erstmals ganze Passagen in Farbe (immerhin ist die
"Hälfte des Materials noch über keinen Sender gegangen"!). Dazu-
gemischt Originalclips der großdeutschen Wochenschau, aus denen
man den O-Ton "zurückgenommen" hat, weil "zu martialisch". Statt
dessen deklamierte Will Quadflieg den Kommentar: Deutschlands be-
ster Schauspieler für das größte Schauspiel, das in Deutschland
je gegeben wurde. Gesendet wurde das "Bildmaterial" immer schön
der Reihe nach, es war ja eine "Fernseh-D o k u m e n-
t a t i o n": vom "siegreichen Polenfeldzug" bis zum "Bombarde-
ment deutscher Städte" und dem "totalen Zusammenbruch des Rei-
ches". Und D e u t s c h e, die "in diesen Krieg h i n e i n-
g e r i e t e n", kamen zwischen den Action-Szenen zu Wort. Das
steigerte den Unterhaltungswert der Serie, deren 12-teiliges
Vorgängerprodukt (zum 20. Jahrestag 1965) noch durch langatmige
Gutachten einer deutschen und internationalen Professorenriege
unterbrochen worden war. Diesmal kam "der einfache Soldat" zu
Wort und was er e r l e b t hat. Nebst Kriegerwitwen, ehemalig
landverschickten Kindern und Trümmerfrauen. Sie lieferten
Kurzgeschichten nach dem Motto: 'Was ich einmal mitten im 2.
Weltkrieg persönlich erlebt habe.'
Die Lage
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Die Bilder von sämtlichen Kriegs- und Heimatfronten standen für
die Realität, mit der das deutsche Volk damals konfrontiert war.
Oder kurz: Die Lage war da, und sie war ernst, und die Menschen
mußten damit fertig werden. Diese Betrachtungsweise ist auf ihre
Weise unanfechtbar. Denn das leuchtet doch jedem anständigen Men-
schen ein: Wenn es mal soweit ist, daß die Kanonen schießen, dann
steckt man drin und schaut, wie man zurechtkommt. Andererseits
ist sie saudumm. Die "Lage 1. Weltkrieg" war nämlich nicht ein-
fach da, sondern wurde von der damaligen deutschen Herrschaft ge-
mäß ihren weltpolitischen Ansprüchen und unter tatkräftiger Be-
nutzung und Zustimmung ihres Staatsvolks zielstrebig vorbereitet.
Wenn man die Sache freilich so betrachtet, daß man nun mal in der
Scheiße drin steckt(e), dann bleibt in der Tat nur noch eins:
Die Frage: "Wie komme ich durch?"
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Zur Beantwortung dieser Frage saßen die diversen "Zeitzeugen" vor
der Kamera, lauter stinknormale gute Deutsche aller Bevölkerungs-
schichten. (Die "Bild"-Zeitung stellte als Begleittext zur Sen-
dung dem amtierenden Außenminister und dem SPD-Vogel einige Spal-
ten zur Verfügung, damit auch die heutigen Machthaber in ihrer
Eigenschaft als "Menschen der damaligen Zeit" ihren Senf zu die-
sem Thema dazugeben können.) Weitere Kommentare waren nicht nö-
tig. Die Leute haben einfach von ihren persönlichen Kriegserleb-
nissen erzählt. Zu erfahren war, daß jeder auf seine Weise ver-
sucht hat, das Beste aus der ganzen Angelegenheit zu machen. Be-
zeugt haben diese Zeitzeugen damit von vorn bis hinten nur eins:
den unerschütterlichen staatsbürgerlichen Realismus, mit dem man
sich zeit seines Lebens, von der Wiege bis zur Bahre, auf alles
einläßt und einstellt, was die jeweilige Staatsgewalt ins Werk
setzt. Weil - das ist nun mal die "Realität". Nichts ist einem
Arbeitnehmer, Steuerzahler, Wehrpflichtigen, Familienvater, Rent-
ner... vertrauter. Und nichts ist weltfremder als diese Sorte Re-
alismus. Sie wendet sich nämlich ganz entschlossen davon weg,
welche Absichten die Staatsgewalt verfolgt, was man selber von
ihren politischen Zielsetzungen hat, und wie man für sie herge-
nommen wird. Der Realismus des Staatsbürgers fängt immer erst an,
nachdem seine Herrschaft entschieden hat, wo's lang geht. Und
wenn die beschließt, ihn als Kanonenfutter in einen Krieg zu
schicken, dann ist eben das die neue "Lage", die es als Aufgabe
zu bewältigen gilt. So gesehen bietet sogar und gerade der Krieg
jede Menge Gelegenheiten für die Entfaltung der Individualität.
Die Erlebnisberichte im deutschen Fernsehen waren danach: "Mitten
im Bombenhagel auf Monte Cassino alte Kunstwerke gerettet", als
"Fallschirmspringer auf Kreta einer Frau Geburtshilfe geleistet",
"amerikanischen Militärpfarrer inklusive zweier Meßdiener gegen
deutschen Hauptmann ausgetauscht", "Kameraden gerettet und dann
sterben gesehen", den "unvergeßlichen Hit 'Bomben auf England'
komponiert, dafür UAK erklärt worden"...
Die Botschaft
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dieser Sorte von R e p o r t a g e stellt sich von selbst ein,
so daß 'bewertende Anfangs,- Zwischen- und Schlußkommentare über-
flüssig waren: Die Mitmacher haben viel mitgemacht, Privatleben
ist Zeitgeschichte, Dienst und Charakter sind ein und dasselbe.
Der Mensch lebt auch in der Charaktermaske des Soldaten - und er
lebt in ihr sogar noch auf! Damit konnte die Sendereihe beim Pu-
blikum kein Reinfall werden, denn das hält sowieso jeder gute
Deutsche (Amerikaner, Engländer, Franzose...) für das Normalste
von der Welt. Und wer wirklich immer noch eine Antwort haben will
auf die etwas außer Mode gekommene Frage: "Wie konnte das Unfaß-
bare geschehen?" - der hat sie damit: so halt!
Kritik
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gab's bei den aufs 'Hinterfragen' abonnierten Organen, die sol-
chen Service ihren gebildeten Abonnenten bieten. Das Fernseh-
feuilleton der "Süddeutschen Zeitung" vom 4./5. Mai hätte den
"200 Männern und Frauen vor der Kamera dringend oft näherrücken
wollen", um durch Nachfragen den "mißverständlichen Heroisierun-
gen" in den Stories der Veteranen entgegenwirken zu können. Der
"Spiegel" vom 6. Mai läßt seinen Kritiker Wolfgang Malanowski im
Ersten Deutschen Fernsehen "die leidige Geschichtsbetrachtung des
Positivismus" entdecken, in der bloß "Fakten an Fakten gefügt"
würden: "Die äußerliche Bewegung läßt die Beweggründe offen". Da
werden in der gleichen Ausgabe die "Spiegel"-Leser besser be-
dient. Unter dem nicht "positivistischen", sondern echt-metaphy-
sischen Titel "Absturz ins Bodenlose" beginnt Teil V der Serie
über "Kapitulation und Besatzung" so:
"Beinahe über Nacht ist Cottbus, die Provinzstadt hundert Kilome-
ter südlich von Berlin, zur Frontstadt geworden. Der Krieg
kriecht unaufhaltsam dorthin zurück, woher er gekommen war - nun
also über die Oder und die kaum eine Autostunde entfernte Neiße."
"Spiegel"-Redakteur Mettke "verschont uns" auch "mit den Albern-
heiten" eines Komponisten, der in der Fernseh-Serie eine Begeg-
nung mit Goebbels kolportieren durfte. Bei ihm kommt statt dessen
eine "Gutsbesitzerin aus dem Cottbuser Umland" ausführlich zu
Wort, die den "psychischen Schock konserviert hat", den bei ihr
Sowjetoffiziere "mit mongolischen Gesichtern vor der Kirche" aus-
gelöst haben. Das freilich macht "uns" gerade heute wieder
"betroffen und nachdenklich".
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