Quelle: Archiv MG - BRD AUSSENPOLITIK OSTPOLITIK - Deutschland über alles
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Marxistische Studentenzeitung, 03.12.1981
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Weltpolitik und demokratische Öffentlichkeit nach dem Breshnew-
Besuch:
ZEUGNISSE IMPERIALISTISCHER SELBSTGERECHTIGKEIT
"Breshnew drohte und schmeichelte vergeblich: Schmidt steht wie
'ne Eins." (BILD)
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Wenn die Friedenssicherung soweit fortgeschritten ist, daß
Staatsbesuche von rührenden Repräsentanten des Ostblock den aus-
schließlichen Inhalt haben, dem angereisten Feind mit dem Waf-
fenarsenal des freien Westens zu drohen für den Fall ausbleiben-
den Wohlverhaltens, dann begrüßt die Öffentlichkeit so etwas als
den (Wieder-)Beginn lang ersehnter Verhandlungen. Der Kanzler,
mit seinem Eigenlob überschüttet, er sei rastlos um ein
A u f e i n a n d e r z u g e h e n und die
V e r h a n d l u n g s b e r e i t s c h a f t der "Großen" be-
müht, wird nach vier Tagen anstrengender Gesprächs- und Freßge-
lage für seine absolute U n n a c h g i e b i g k e i t gegen-
über den Russen gepriesen: "All dies, ohne daß auch nur der
Schatten eines Verdachts aufkommen konnte, die Bundesrepublik sei
im Begriff, zur Wanderniere zu werden." Schmeicheleien jedenfalls
hat ein NATO-Friedenskanzler nicht nötig.
2
"Als Geste des guten Willens könnten wir einen gewissen Teil un-
serer nuklearen Waffen mittlerer Reichweite im europäischen Teil
der UdSSR einseitig reduzieren lassen. Wir könnten reduzieren so-
zusagen auf Vorschuß, im Begriff, uns auf ein niedrigeres Niveau
hinzubewegen, über welches sich die UdSSR und die USA im Ergebnis
der Verhandlungen verständigen könnten." (Breshnew)
Daß diese einseitige Vorleistung den Bonner Ausrichtern des
Breshnew-Besuchs nicht "ausgewogen" genug ist, liegt daran, daß
der Staatsgast nicht gleich die Rote Armee "sozusagen auf Vor-
schuß" zur Verschrottung serviert und sich anscheinend eine gar
nicht vorgesehene G e g e n leistung erwartet: "Breshnews Vor-
schlag hat niemanden erstaunt aufblicken lassen und keinen mieden
Lidschlag bewirkt."
Selbst der A n s c h e i n, es ginge ums Verhandeln von Lei-
stung und Gegenleistung, wird in und nach Bonn nicht mehr gedul-
det.
3
Worin also liegt eigentlich die als historisch veranschlagte Lei-
stung eines "Dolmetschers Schmidt", der überhaupt kein Russisch
kann? Er hat ganz ohne Fremdsprachenkenntnisse "Mißverständnisse"
beseitigt, die "lebensgefährlich" sind.
Dreimal der Kanzler:
"Wenn wir mit halben oder vagen Andeutungen uns hier dargestellt
hätten - was wir, weiß Gott, nicht vorhatten -, dann wären die
Russen konsterniert gewesen, dann wußten sie nicht, wo sie dran
sind. Sie hatten das Gefühl sehr redlich und offen und wahrhaftig
bedient zu werden..." (ARD, 26.11.81)
"Wörtlich sagte der Bundeskanzler: Wenn Sie wünschen, daß es
keine amerikanische Stationierung gibt, dann müssen Sie alle SS20
wegnehmen." (DIE ZEIT)
"Wenn man sich mißversteht, und dann möglicherweise ein Kompromiß
(nicht: ausbleibt, sondern:) zustandekommt, der auf Mißverständ-
nissen beruht, das ist lebensgefährlich." (ARD, 26.11.81)
Für w e n wird da w e l c h e s Mißverständnis zur
"Lebensgefahr" erklärt?
Die Selbstgerechtigkeit des bundesdeutschen Imperialismus besteht
darin, daß er die westliche Feindschaftserklärung gegen den Osten
als sehr "redliches", "offenes" und "wahrhaftiges" Bekenntnis zu
ihr, als seine R e c h t s c h a f f e n h e i t eben präsen-
tiert. Und der Gestus nationaler Bescheidenheit - "Wir sind nicht
klein genug, um immer den Mund zu halten - doch wir sind zu
klein, um mehr als reden zu können." (Der Kanzler) - tritt mit
der ganzen Unverschämtheit einer Nation auf, die ihrer Sorte
Friedenspolitik weltpolitische Bedeutung dadurch verschafft, daß
sie das versammelte NATO-Kriegsgerät für sich sprechen lassen
darf, weil sie für nichts als dessen letzten und endgültigen Ein-
satz Diplomatie betreibt. Auf deutsch liest sich das so:
"Kein Wort mehr von linkage: davon, daß Rüstungskontrolle sowje-
tisches Wohlverhalten in aller Welt voraussetze. Kein Wort auch
davon, daß die Vorgänge in El Salvador oder Nicaragua oder Tschad
wichtiger seien als das Verhältnis zwischen Moskau und Washing-
ton..."
Ein schöner Fortschritt. Die Verhandlungen machen sich vom abver-
langten Wohlverhalten der Sowjetunion auf dem freien Globus nicht
länger a b h ä n g i g, weil sie es zu ihrem I n h a l t ma-
chen. Und der buchstabiert sich einfach als "Abrüstung" - der
Russen natürlich.
5
Soll man da noch den westlichen Friedenssicherungswillen nach
Genf mit allerlei Erwartungen und Hoffnungen begleiten? Man soll.
So will es seine Regie, die die Erwartungen gleich so definiert,
daß sich die vorprogrammierte Enttäuschung gegen die Richtigen
richtet.
Erstens ist Mr. Reagan der neue Vorsitzende der Friedensbewegung:
"Sein (Schmidts) ständiges Reden... hat Ronald Reagan bewogen, im
elften Monat seiner Amtszeit zum ersten Mal sein Konzept zur Ab-
rüstung zusammenhängend zu formulieren. Jede Wette: Hätte Reagan
es früher getan,... die Friedensbewegung wäre gar nicht erst so
dramatisch ins Kraut geschossen."
Womit zweitens also der Feind des Friedens dingfest gemacht ist.
Eben der Verhandlungspartner, der in das Ultimatum seiner fried-
lichen Entwaffnung nicht begeistert einwilligt und seine Raketen
"wegnimmt".
6
Während die Prawda noch damit beschäftigt ist, den "Entspannungs-
willen" Bonns über den grünen Klee zu loben und die häßlichen
Schmidt-Töne über SS20 und Afghanistan aus seiner Tischrede vor
dem Nachdruck zu streichen, genießt der deutsche Blätterwald das
politische Vorweg-Urteil des Westens über den Osten als Studium
der "entspannungsfeindlichen" russischen Physiognomie, ihrer
unabweisbar den Untergang des Sowjetreiches signalisierenden
körperlichen Gebrechen und einer zweifellos "aggressiven" Wodka-
Seele.
So bereitet sich eine demokratische Öffentlichkeit auf den Krieg
vor: sie läßt ihre Politiker nicht nur beweisen, daß F e i n d e
der Nation prinzipiell verhandlungsunwürdig sind. Sie stellt dem
politischen Urteil aus dem Führungsbunker auch die ganze
V e r a c h t u n g des feindlichen Menschenschlags zur Seite,
die dem militärischen Programm gegen den Feind angemessen ist:
"Heute hat Breshnew parkinsonähnliche Züge. Trippelschritt...
Stolperneigung, mimische Armut, unkontrollierte Mundbewegungen.
Wenn der fast 75-jährige dennoch bisweilen einen geistreichen
Eindruck machte, dann dank eines Tricks."
"Breshnews Russen waren in Bonn in einem regelrechten Kaufrausch.
In den Kartons aus dem Mülldepot des Hotels war alles, was in
Moskau seiten und teuer ist: Kernseife, Nescafe..."
"Die Russen machten auch ihrem Ruf, trinkfest zu sein, alle Ehre.
Ein russisches Sprichwort: Was ist so gut wie nichts? Antwort:
Eine Flasche Wodka für zwei!"
7
Für alle Freunde von Verhandlungen ein letztes Mal:
"Die Gespräche fanden in einer offenen und streckenweise fast
freundschaftlichen Atmosphäre statt." (Abschlußkommunique)
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