Quelle: Archiv MG - BRD AUSSENPOLITIK OSTPOLITIK - Deutschland über alles


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       (Keine) "Wohlstandsgrenze" durch Europa?
       

EINE MAUER FÜR ÖSTLICHE HUNGERLEIDER, KEINE GRENZEN FÜR DIE HERRSCHAFT DES KAPITALS!

Nach der erfolgreichen Eingemeindung der DDR durch die Bundesre- publik gibt unser großdeutscher Kanzler die nächste Parole aus: "Nach der Öffnung der Staatsgrenzen in Osteuropa dürfen jetzt keine Wohlstandsgrenzen verfestigt werden, überwundene Grenzen der Ideologie dürfen nicht durch soziales Gefälle neu aufgebaut werden." (Kohl bei der Pariser KSZE-Konferenz) 1. Wie kommen die politischen Grenzöffner aus Bonn auf die Idee, vor einer "neuen Grenze" zu warnen? Zuallererst einmal deshalb, weil sie s e l b e r eine aufmachen wollen. Genauer gesagt: Sie wol- len ihre Staatsgrenzen dicht machen für "massenhaft Flüchtlinge aus den armen Ländern Osteuropas". Die erwarten sie nämlich und wollen sie nicht haben. Wenn deutsche Machthaber dieser Tage im- mer wieder das Gespenst einer "Völkerwanderung von Ost nach West" an die Wand malen, dann stellen sie damit eines klar: Der "Wohlstand", den sie verwalten, ist nicht dazu da, daß Leute an ihm "partizipieren", die sich persönlich von den glorreichen "Reformen" in ihren Heimatländern nur Elendsperspektiven verspre- chen und deshalb ihr Glück in der D-Mark-Republik (ver-)suchen wollen. Schon wälzt die freie demokratische Öffentlichkeit des- halb das aparte Problem, wie man den Russen beibringen kann, daß die Reisefreiheit ihrer Bürger spätestens an der deutschen Ost- grenze enden wird. Wo "wir" sie doch gerade dazu gebracht haben, ihr "Völkergefängnis" für westliche Werte zu öffnen und "Freizügigkeit" zu gewähren. Die tritt jetzt, am 1.1.1991, in Kraft. So war und ist das mit den Menschenrechten offenbar nicht gemeint, daß sich die glücklichen neuen Inhaber derselben davon irgendwelche Auswege aus ihrer ökonomischen Misere versprechen und das Herumreisen anfangen. Wenn das die Polen, Rumänen und Russen so schnell nicht kapieren, dann müssen sie vom deutschen Kanzler und seiner Rechtsprechung eben als ,,Wirtschaftsflüchtlinge'' ausgesperrt werden. Die Justizminister der EG haben letzte Woche in diesem Sinne getagt. S o eine Mauer muß sein, weil sie eben sein muß. 2. Warum sind sich Kohl, Genscher, Vogel und die Journalistenzunft eigentlich so sicher, daß es "Millionen heutiger Sowjetbürger" und andere Osteuropäer danach drängt, ihren Wohnsitz aufzugeben, um sich hierzulande in die Schlangen vorm Asylanten- oder Ar- beitsamt einzureihen? Keine Frage. S i e wissen nur zu genau, daß die von ihnen so gefeierte "Befreiung der Menschen Osteuropas vom Joch der kommunistischen Planwirtschaft" massenhaft Menschen von jeder Existenzsicherheit befreit und ihnen den Kampf ums tägliche Überleben beschert. Und daß sich das auch nicht so schnell ändern wird. Denn sie wissen und bestehen darauf, daß die Einführung der Gesetze des marktwirtschaftlichen Geschäftslebens keine Rücksicht auf die Lebensbedürfnisse derer nimmt, die der Profitmacherei dienstbar gemacht werden sollen. Und sie rechnen damit, daß die von der r e a l s o z i a l i s t i s c h e n "Bevormundung" freien Ost-Bürger sich also wie bisher alles, d.h. auch das neue System gefallen lassen und nicht an Gegenwehr, son- dern höchstens an Abhauen denken. Und daß sich nicht wenige von ihnen auf die trostlose Suche nach Chancen begeben, die sich vielleicht woanders bieten -- und sei es nur in ihrer Einbildung. Die werden dann wohl in die BRD "strömen". Denn das "reiche Land" der D-Mark ist derzeit eben der größte Renner an der internatio- nalen Gerüchtebörse der Habenichtse. 3. Die deutsche Regierung will, daß die Hungerleider des Ostens drü- ben bleiben und warten, bis sie dort gebraucht werden. Das darf nicht als unmenschlich gelten, denn drüben in ihren Heimatländern können "wir" ihnen viel besser helfen als hier bei uns. Heißt es. Indem unser Staat und seine privaten Reichtumsbesitzer dafür sor- gen, daß "die Teilung Europas in arme und reiche Länder überwun- den wird" bzw. sich "nicht zu einer Wohlstandsgrenze verfestigt", wie der Kanzler sagt. Wie ist das gemeint? Will der Mann aus den Bürgern Osteuropas lauter sorgenfreie Wohlstandsbürger machen? Das kann ja wohl nicht wahr sein. Man braucht sich bloß die Mehr- heit seiner "Wohlstandsbürger" einmal unvoreingenommen anzu- schauen und nicht immer gleich mit den Habenichtsen anderswo zu vergleichen. Er will die Länder und Volkswirtschaften unserer "östlichen Nachbarn" sanieren? Seit wann ist das Versprechen, dem nationalen Reichtum Beine zu machen denn dasselbe wie ein Ange- bot, den Bürgern materiell auf die Beine zu helfen? Und wann und wo hat die Bundesrepublik je ein Land saniert? Seit wann stört sich eine kapitalistische Wirtschaftsmacht wie die BRD überhaupt an der Existenz armer Länder? Die sind doch eigens so hergerich- tet worden für den Dienst an der Vermehrung des DM- und Dollar- Reichtums anderswo, und dafür werden sie tauglich und stabil ge- halten. Wenn der deutsche Einheitskanzler jetzt vor den versammelten Staatsmännern des nicht mehr "geteilten" Europas sich und sein "reiches" Europa feierlich auf die Rolle des E n t w i c k l u n g s h e l f e r s für das "arme" Osteuropa verpflichtet, dann meldet er nichts als A n s p r ü c h e an. Ansprüche auf die Herrichtung der befreiten Ostgebiete für das Deutschland und das Europa des Kapitals. D a f ü r hat seine Politik schließlich nach Kräften an der Bekämpfung des Systems gearbeitet, das der Herrschaft des Privateigentums und der es exportierenden Nationen Grenzen gesetzt hat. Und d a f ü r müs- sen die ruinierten Wirtschaften des Ostens erst so richtig er- schlossen werden - als zusätzliche und möglichst exklusiv nutz- bare Quellen eines wachsenden Reiches der D-Mark. Der Wohlstand des Kapitals und seiner Staatsgewalt duldet keine Schranke. Und die grassierende Armut der Opfer dieses Programms der Vermarktung Osteuropas bis nach Sibirien sowie die Warnung vor möglichen "nationalistischen Explosionen" vor unserer Haustür sprechen laut Kohl nur für eines: daß die Regierungen von Polen bis Moskau ihm und seinen kompetenten Wohlstandsbürgern freie Bahn in ihrem künftigen Hinterhof verschaffen. Damit wäre die Erblast des Stalinismus endgültig in guten Händen. zurück