Quelle: Archiv MG - BRD AUSSENPOLITIK OSTPOLITIK - Deutschland über alles


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       Münchner Hochschulzeitung, 30.06.1980
       
       Schmidt bei Breschnew:
       

UNSER MANN IN MOSKAU

Es ist schon seltsam. Einem demokratischen Politiker fließen Ach- tung und Sympathie der von ihm regierten Massen, und zwar der in- tellektuellen wie der weniger gebildeten, nie so hemmungslos zu wie in solchen Situationen, wo er demonstrativ und unzweifelhaft ausschließlich als Machthaber auftritt: vollständig emanzipiert von jedem wirklichen materiellen Interesse, das ein Normalunter- tan überhaupt haben kann; umgekehrt mit der Sicherheit, daß sein Volk sich den von ihm in die Welt gesetzten Interessen der Nation fügt und ihnen mit seiner Fügsamkeit auch und gerade dort, wo das voll auf seine Kosten geht, machtvolle Durchschlagskraft ver- leiht. Sternstunden dieser Art sind Staatsbesuche wie der derzeitige von Schmidt und Genscher in Moskau, bei denen die eigene Nummer Eins einen auswärtigen Herrscher höchstoffiziell darüber in Kenntnis setzt, welche Erpressungen der bundesdeutsche Staat als östlicher Eckpfeiler des Bündnisses gegen die gegnerische Nation vorberei- tet und in Frieden und Freundschaft, also mit des anderen Einver- ständnis, ans Ziel zu bringen gedenkt. Da kommt nirgends der Ver- dacht auf, hier würden Steuergelder verschwendet auch wenn mit dem Heizwert des verflogenen Benzins ein ganzes Stadtviertel warm durch den Winter käme, geschweige denn die Auffassung, die Staatsmänner sollten doch, was sie sich zu sagen haben, über ihr rotes, grünes oder gelbes Telefon abwickeln. Im Gegenteil. Es scheint ein Genuß ganz eigener Art für ein regiertes Volk zu sein, die Macht, deren bloßes M i t t e l es ist - mit seiner gehorsamen täglichen Arbeit bis hin zu der Aussicht, im Ernstfall für die Verteidigung der Nation verschlissen zu werden -, in der Person ihres Inhabers von fremden Machthabern isoliert zu sehen. Ein Souverän auf Reisen ----------------------- Dabei kann hier nicht einmal ansatzweise der demokratische Schein aufkommen, auf den ein Staatsbürger, ein gebildeter zumal, sonst so große Stücke hält: daß er vorher irgendwie gefragt worden wäre und sein Kanzler unterwegs wäre, um die Aufträge seiner Wähler zu erledigen. Umgekehrt wird dem wahlberechtigten Publikum ja erst von seiner Regierung mitgeteilt, was sie meint, der Gegenseite höchstpersönlich klarmachen zu müssen und worüber das interes- sierte Volk sich nunmehr anhand der offiziellen Sprachregelung Gedanken machen soll. Die öffentliche Debatte, die sich an- schließt, leistet denn auch nirgends der Illusion Vorschub, in ihr würde des Volkes genuines Interesse angemeldet und der Regie- rung als verbindliches Mandat mit auf den Weg gegeben, sondern sie folgt gehorsam den Winken der Regierung, wie sie ihre Rei- seaktivitäten verstanden haben möchte, als prominenten "Beitrag zur Friedenssicherung" nämlich. Was die Opposition in die Debatte wirft, ist genauso wenig Information oder Argument, sondern ihre entgegengesetzte Deutung des frommen Beginnens der Regierung, vorgetragen in so heißen Vorwürfen wie "Moskaureise ja, aber nicht jetzt", "unwürdiger Wettlauf", "Kapitulationspolitik" usw., die doch, für jeden ersichtlich, nur den Ärger der Christenseite darüber ausdrücken, daß es nicht der eigene Strauß ist, der als reisender Souverän dem Volk die weltpo]itische Wichtigkeit deut- scher Macht - und selbstverständlich ihres Macher! - vor Augen führen darf. Womit die Opposition ihren pflichtschuldigen Teil dazu beiträgt, daß der bundesdeutsche Wähler sich sogar noch jede Ahnung, die ihn vielleicht ja einmal beschleichen könnte: daß in der Außenpolitik, und zwar keineswegs bloß bei Gelegenheit sol- cher Feststunden, höchst souverän über ihn die kleinen Beiträger zu deutscher Macht und Herrlichkeit v e r f ü g t wird wie überhaupt sein politisches Schicksal in die saublöde Alternative übersetzt: wen er lieber über sich verfügen lassen will! Spielraum für den deutschen Bundeskanzler ----------------------------------------- Sehr vornehm also, was die eigenen Sorgen betrifft, verhält der mit einer außenpolitischen Meinung ausgestattete deutsche Bürger sich zu der Staatsgewalt, die er auf diese Weise "von sich ausge- hen" läßt (sie darf wirklich von ihm ausgehen!), und dafür sehr verständnisvoll in bezug auf die Sorgen seiner Regenten - so ver- ständnisvoll, daß er sogar darauf verzichtet, sich zu fragen, was und wie er eigentlich mit diesen Sorgen praktisch zu tun hat. Und genau so wird er von seinem Souverän auch gebraucht. Denn wirk- lich mal praktisch ernstgenommen, enthält der öffentlich beredete Zweck und Inhalt der Moskaureise von Kanzler und Vize Gründe für alles andere als Freude an bundesdeutscher Friedensmacht: Der "zerrissene Gesprächafaden" zwischen Ost und West soll wieder "geknüpft" werden; von tiefster Friedensliebe beseelt setzen Schmidt und Genscher allein durch das Faktum ihrer Reise ein di- plomatisches Zeichen, daß ihnen an Einvernehmen mit der Gegen- seite gerade jetzt mehr als sonst und über das diplomatische Nor- malmaß hinaus gelegen ist. Nur: Über was wollen sie sich eigent- lich mit Breschnew und Co ins Benehmen setzen? Was ist der Inhalt des "wiederangeknüpften" Gesprächs? Daß keinerlei Versprechungen von deutscher Seite zu erwarten sind, das ist ja nun hinreichend klargestellt; und da hat sich wieder einmal, entgegen politologischen Legenden über die Unfä- higkeit einer Demokratie zu effizienter Außenpolitik, die Kritik der Opposition als Garantie für öffentlich akzeptierte Härte be- währt, indem sie zur Unnachgiebigkeit der Regierung eine Alterna- tive noch härterer Unnachgiebigkeit aufgemacht hat (daß sie damit keinen Blumentopf gewinnt, ist wiederum nur ihr Problem). Auch ist es kein Zufall, daß diesmal keine Wirtschaftsbosse mitfahren, die sonst so schön praktisch das deutsche Interesse an gedeihli- cher Benutzung russischer Schätze und Arbeitskräfte beweisen - nicht als ob das Ostgeschäft zum Erliegen gekommen wäre; aber es war eben immer schon eine sowjetische Illusion, den Osthandel mit Entspannung gleichzusetzen. Auch den genialen Einfall, der sowje- tischen Seite ein wirklich mustergültiges westliches "Rüstungsbe- grenzungsangebot" zu unterbreiten - die NATO sollte sich für die drei Jahre, die die Produktion und "Dislozierung" der neu beschlossenen amerikanischen Raketenwaffe für Europa ohnehin braucht, zu Gesprächen über dieselbe bereitfinden, wenn die SU solange darauf verzichtet, ihre "eurostrategische" Raketenwaffe weiterzuentwickeln -, hat der Kanzler sich schmerzlos ausreden und ohne jeden Verlust an "Spielraum für den deutschen Bun- deskanzler" verbieten lassen, bloß weil das als Zeichen mangeln- der Entschlossenheit des Westens hätte mißverstanden werden können, Westeuropa wirklich und auf alle Fälle zum Träger einer ziemlich kompletten Zweitausgabe der amerikanischen "Erstschlags- kapazität" auszubauen. Eine ernste Drohung freundlich mitgeteilt ----------------------------------------- Was bleibt also an Gesprächsstoff und "Verhandlungsangebot"? Er- klärtermaßen: die freundschaftliche Mitteilung, daß die sowjeti- sche Besetzung Afghanistans für den Westen i n a k z e p- t a b e l ist und daß es sich dabei um eine ernst und auch so gemeinte Drohung handelt, die auch keineswegs dadurch an Bedrohlichkeit verliert, daß die NATO sie soeben mit dem ver- heißungsvoll klingen sollenden Zusatz versehen hat, an eine B e s t r a f u n g der SU sei dann nicht gedacht, wenn sie sich sofort und vollständig aus Afghanistan zurückziehe. Inhalt des "Arbeitsbesuchs" ist von bundesdeutscher Seite also die "mit den Verbündeten abgestimmte" Klarstellung der Bedingungen, in die der Westen die Aufrechterhaltung eines friedlichen west-östlichen Einvernehmens geknüpft hat daß die SU darauf verzichtet, der zu- nehmenden Infragestellung ihrer Weltmachtposition auf ökonomi- schem und politischem Gebiet - Erfolge nicht zuletzt des euro- päischen Osthandels und der amerikanisch-chinesischen Verbrüde- rung - durch militärische Aktionen entgegenzuwirken. Es handelt sich, wie man sieht, um eine F r i e d e n s- o f f e n s i v e im wahrsten Sinne des Wortes. Eben weil der Westen für die SU eine Lage geschaffen hat, die für sie einen Kriegsgrund darstellt - drum hat sie ja in Afghanistan einen begonnen -, und eben weil die Kompromißlosigkeit des Westens an dieser Stelle genau die Lage, gegen die die SU sich mit ihrem Afghanistan-Krieg zur Wehr gesetzt hat, für die SU erst recht verschärft und dem ersten Kriegsgrund eine Kriegsdrohung als zweiten Kriegsgrund hinzufügt, erscheint der Bundesregierung ein diplomatischer Vorstoß geboten, um diese A k k u m u l a t i o n v o n K r i e g s g r ü n d e n f r i e d l i c h abzuwickeln. Dasselbe umgekehrt: Indem die bundesdeutsche Staatsführung sich mit der sowjetischen zusammensetzt, um Maßnahmen zur Friedenssicherung zu erörtern, macht sie ihrem Gesprächspartner nachdrücklicher als durch militaristisches Säbelrasseln deutlich, daß westlicherseits mit dem Einmarsch der SU in Afghanistan eine Kriegsdrohung im Raum steht, die nur durch eine sowjetische Kapitulation aus der Welt zu schaffen ist. Und wer wäre wohl besser geeignet, den bitteren Ernst dieser Drohung deutlich zu machen, als die Regierung, deren Land im Ernstfall als erstes draufginge, und die sich trotzdem zur NATO-Linie der Kompromißlosigkeit "durchgerungen" hat! Erpressungsaktion diplomatisch ------------------------------ So geht eben imperialistische Erpressung arbeitsteilig. Das Bünd- nis als ganzes setzt die SU unter Druck, stellt sie vor die Al- ternative, nachzugeben oder durch Unnachgiebigkeit die Lage zu verschärfen; und der exponierteste Bündnispartner berät den Geg- ner hinsichtlich der Modalitäten des Nachgebens - exekutiert die Erpressungsaktion des Bündnisses also diplomatisch. Dabei darf es im Bündnis sogar jede Menge "Mißstimmung" darüber geben, wie die Erpressung der SU am erfolgreichsten abzuwickeln sei - die Einigkeit im Hauptpunkt, die SU zum Nachgeben zu z w i n g e n, wird so nur um so nachdrücklicher. Friedensmacht BRD? Ja eben! Und d a f ü r braucht es ein Volk, das längst davon Abstand genommen hat, die Aktivitäten seiner Staatsgewalt auch nur an seinen elementaren wirklichen Interessen zu messen, und die Macht seiner Herrschaft schätzt, als wäre sie die seine. Dann, allerdings, müßte es schon mit dem Teufel zuge- hen, wenn die sozialliberalen Friedensmacher sich nach ihrer Mos- kaureise noch um ihren Wahlsieg sorgen müßten. zurück