Quelle: Archiv MG - BRD AUSSENPOLITIK OSTPOLITIK - Deutschland über alles


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WAS WILL KOHL IN MOSKAU?

"Gut Wetter machen!" lautet die offizielle, regierungsamtliche Antwort, die das freie westdeutsche Pressewesen pflichteifrig nachbetet. Keineswegs "nur" die Raketen-"Frage"; auch gute Wirt- schaftsbeziehungen; gewiß auch das Aussiedler-"Problem"; aber auf alle Fälle: "Helmut Kohl fährt mit den besten Absichten und mit viel gutem Willen nach Moskau." Nun hat es mit den "besten Absichten" deutscher Kanzler auf Be- suchsfahrt beim sowjetischen Hauptfeind seit jeher seine beson- dere Bewandtnis. Als vor drei Jahren der Entdecker der westeuro- päischen "Raketenlücke", Helmut Schmidt, voll guten Willens zum Obergenossen Breschnew reiste, um nach dem Olympiaboykott des We- stens "den Gesprächsfaden nicht völlig abreißen zu lassen", da hatte seine "Verständigungsmission" nur einen Inhalt. Den sowje- tischen Führern wurde "die Geschlossenheit" der NATO "verdolmetscht" und ihre fraglose Entschlossenheit, die So- wjetunion für ihre Weltpolitik zu "bestrafen" und vor die Alter- native: Selbstentwaffnung oder Totrüsten! zu stellen. Ein "verständigungsbereiter" westdeutscher Kanzler war zu dieser Klarstellung deswegen so prädestiniert, weil die andere Seite auf die westdeutsche "Verständigungsbereitschaft" so große Stücke hielt - um so mehr mußte westdeutsche Intransigenz sie beeindruc- ken. Drei Jahre später ist das "Ende der Entspannung" keine Frage mehr. Wo immer die Sowjetunion noch Einfluß zu gewinnen oder zu retten sucht, werden ihr vom Westen lauter Fronten eröffnet und Schwierigkeiten bereitet. Nach Polen und Rumänien wird hineinre- giert, als wären es die Satelliten des Vatikan und des Bonner Au- ßenamtes. Und der Aufbau einer amerikanischen Atomraketenstreit- macht in Westeuropa, mit der die NATO-Politik sich für ihren Geg- ner um ein entscheidendes Stück bedrohlicher und unberechenbarer macht, ist in die Wege geleitet. Kohl selbst hat zum Auftakt sei- ner "Good-will-Tour" an die Moskwa an die völlig unbezweifelte NATO-Maxime erinnert: "Die Sowjets werden erst ernsthaft verhan- deln, wenn die neuen Raketen stationiert sind" - im Klartext: Mit den Russen verhandelt man nur, wenn man sie erpressen kann; denn N a c h g i e b i g k e i t a u f d e r g a n z e n L i n i e ist das einzige, was der Westen als ernsthafte Verhandlungsbe- reitschaft der Gegenseite gelten lassen will. "Die verstehen nur die Sprache der Gewalt!" - diese letzte Weisheit des Imperialis- mus wird innerhalb des nächsten halben Jahres mit Pershings und Cruise Missiles um ein weiteres, wesentliches Stück in die Tat umgesetzt: "Es müßte in Genf schon ein Wunder geschehen - und danach sieht es nicht aus! wenn nicht stationiert werden sollte." Und da fährt derselbe Herr Kohl zum Obergenossen Andropow, um ihm sein fortdauerndes "Interesse an freundschaftlichen Beziehungen" zu versichern?! Der gegen die Sozialliberalen bisweilen vorgebrachte Verdacht, sie würden mit ihrer "Verständigungsbereitschaft" aus der gesamt- westlichen Freiheitslinie ausscheren, kommt beim neuen Helmut zu Recht überhaupt nicht auf. Von allen Seiten wird glaubhaft versi- chert, noch nie sei die Abstimmung mit dem amerikanischen Verbün- deten so eng und innig gewesen. Nur wie es zusammenpaßt: das ame- rikanische Totrüsten und Zurückdrängen der Sowjetunion und die westdeutsche Besuchsdiplomatie, darüber wird das mündige Bürger- volk nicht so recht aufgeklärt. Der erste diplomatische Raketentest ----------------------------------- Obwohl diese Einsicht leicht zu haben ist. Die ganze Besuchsak- tion, samt Vorbereitung durch Lambsdorff und Begleitung durch Genscher, mit ihrer penetranten Betonung eines unerschöpflichen westdeutschen Interesses an guten Beziehungen, enthält nichts als den einen A n s p r u c h a n d i e S o w j e t u n i o n: Sie soll die neue NATO-Überlegenheit - das "eurostrategische Gleichgewicht" zusätzlich zu allen sonstigen "Gleichgewichten" - a l s d e n n e u e n N o r m a l f a l l h i n n e h m e n. Der Westen hat "Afghanistan" und "SS20-Raketen" zum Anlaß genom- men, der Sowjetunion den zuvor - vorbehaltvoll und berechnend - zugestandenen normalen diplomatischen Verkehr aufzukündigen; ihre Weltpolitik an jeder Ecke zu bekämpfen; auf Grundlage der herge- stellten Wirtschaftsbeziehungen in ihre Wirtschaftspläne hinein- zuregieren; durch eine ganz extra tödlich bedrohliche Raketen- waffe die friedliche Unterwerfung des Gegners zu erzwingen. Umge- kehrt soll die Sowjetunion diese letzte Rüstungsoffensive der NATO zum Anlaß nehmen, sich in das dadurch revolutionierte Kräf- teverhältnis - und das heißt nichts Geringeres als: in den da- durch bekräftigten und mit den nötigen Gewaltmitteln ausgestatte- ten M o n o p o l a n s p r u c h d e r N A T O a u f W e l t p o l i t i k - ohne große Fisimatenten zu fügen. Als "freundschaftliches" A n g e b o t kommt so - in Gestalt des Helmut Kohl - den Sowjets die imperialistische Zumutung daher, von den Ambitionen einer dem Westen gleichgewichtigen "Supermacht" friedlich abzulassen und ihre Inferiorität als die Ausgangsbasis der ost-westlichen "Völkerfreundschaft" der 80er Jahre a n z u e r k e n n e n. Daß die Sowjetregierung den Kohl aus Bonn mit ziemlich offenen Armen empfängt und seinen Besuch vorab für "sehr wichtig" er- klärt, ist alles andere als tröstlich. Damit allein schon läßt sie sich nämlich ein gutes Stück weit auf den ersten politischen Raketentest ein, den die NATO anstellt. Sie relativiert damit alle vorherigen "Warnungen" an die westliche Adresse, sie könnte und würde den demokratischen Imperialisten ihr Dasein ähnlich un- gemütlich machen wie diese ihr. Den auf die westdeutsche Ge- schäftswelt gemünzten "Drohungen" mit Einschränkungen des Ostge- schäfts hat die Sowjetunion bereits durch ihren freundlichen Emp- fang für den Wirtschaftsgrafen Lambsdorff jede Schärfe und Glaub- würdigkeit genommen. Mit dem großen Bahnhof für den westdeutschen Kanzler macht sie sich erst recht des - unter imperialistischen Staaten unverzeihlichen - Mißgriffs schuldig, ihre "Warnungen" nicht wahrzu m a c h e n, also "glaubwürdige" diplomatische F a k t e n zu setzen, sondern mögliche Reaktionen quasi zur Diskussion zu stellen; womit die westliche Offensive, deren di- plomatischen Sachwalter Kohl spielen darf, schon halb gewonnen ist. Die Anstrengungen, die die Bundesregierung unternimmt, um diesen Anspruch auf sowjetische Hinnahme der NATO-Raketenrüstungsoffen- sive dem Gegner als Angebot nahezubringen, zeugen alle nur davon, daß die imperialistischen Freiheitsstaaten des Westens sich über die Härte ihrer Offensive völlig im Klaren sind. Sie wissen, daß die Sowjetunion es sich eigentlich überhaupt nicht leisten kann, über die Pershings "zur Tagesordnung" überzugehen; "Westhandel" zu betreiben, als wäre gar nichts weiter geschehen; "Rüstungs- kontrollverhandlungen" fortzuführen, so als ginge es da noch um diplomatische Geschäfte zu beiderseitigem Vorteil. Sie wissen, daß sie sich mit ihrer neuen Waffe militärisch in einer Weise u n b e r e c h e n b a r g e f ä h r l i c h machen, die der drei Jahre alten Politik "Ende der Entspannung" fast schon den Charakter eines l e t z t e n p o l i t i s c h e n H i n- t e r h a l t s verleiht. Deshalb und nur deshalb liegt ihnen so viel daran, die Reaktionen der Sowjetunion a) zu erfinden und b) zu b e e i n f l u s s e n - erst einmal in Richtung Stillhalten und Hinnehmen. Ist das geschafft, wird sich m i t d e r n e u e n W a f f e a u c h e i n e n e u e, n o c h h ä r t e r e P o l i t i k machen lassen - dann lassen sich Afghanistan, Polen und vielleicht sogar die "deutsche Frage" ganz neu aufrollen... Ein Milliardenkredit für die DDR -------------------------------- paßt nicht nur in diese NATO-Strategie, die Sowjetunion zur Hin- nahme westlicher Überlegenheit zu bringen, erstklassig hinein. Er zielt gleich noch weiter - auf den Z u s a m m e n h a l t d e s ö s t l i c h e n B ü n d n i s s e s. Nicht bloß die Sowjetunion soll zu der Berechnung gezwungen werden, daß Nachgie- bigkeit ihr weniger schade als Selbstbehauptung. Erst recht sol- len die - angeblich so unterdrückten und unmündig gehaltenen - "Satelliten Moskaus" eine politische Rechnung aufmachen, die in- nerhalb der NATO keinem der freiheitlichen Bündnispartner gestat- tet ist: Daß i h n e n die Unterstützung sowjetischer Reaktio- nen auf die amerikanische Raketenrüstung in Westeuropa nur scha- den kann. Der rumänische "Führer" Ceausescu hat diese Lektion schon zur Zufriedenheit gelernt. Sie dem "Musterschüler" DDR na- hezubringen, ist der tiefere Sinn des christlich-liberalen Ent- schlusses, mit 1 Milliarde DM den nationalen Eigennutz des ost- deutschen "Unrechtsregimes" zu reizen. "Die Bundesregierung, zur Stationierung entschlossen, wie Moskau weiß, hat ein innen- und außenpolitisches Interesse daran, daß bei dem großen Theaterdonner nicht allzuviel Porzellan zerschla- gen wird. Hierfür den Russen ein Zeichen zu geben, ist unter an- derem der Sinn von Kohls Moskau-Reise. Wenn es aber wirklich ans Porzellan gehen sollte (was nach aller Erfahrung mit dem sowjeti- schen Realismus überraschen würde), dann sollen wenigstens die Preise - oder auch: die entgangenen wirtschaftlichen Vorteile - rechtzeitig bekannt sein. Ein Kalkül, das den Milliardenkredit an Honecker erträglicher macht..." So kommentiert sehr offenherzig die "Frankfurter Allgemeine die westdeutsche Berechnung - und täuscht sich und ihre Leser dabei (von der Deutung eines "marktüblich verzinsten" Kreditgeschäfts als enormer Vorteil für den Schuldner einmal abgesehen) aller- dings in dem einen entscheidenen Punkt: daß der Sowjetunion ihr "Realismus" auf alle Fälle zur Hinnahme westlicher Fortschritte bei der "Befreiung" der Welt von sowjetischem Einfluß raten müsse. Mit solchen Täuschungen macht eine westliche "Friedens- politik" sich Mut, die die Sowjetunion in eine Alternative hineinmanövrieren will, die diesseits des "Eisernen Vorhangs" lässig ausreichen würde, um den "Bündnisfall" auszulösen. Gegen die Friedensbewegung -------------------------- setzt die christlich-liberale Bundesregierung sich mit ihrer di- plomatischen Offensive gleich auch noch ins Recht; in einer Weise, der die Friedensfreunde der Nation mit ihren (bisherigen) Argumenten nicht entfernt gewachsen sind. Was können die Ideali- sten "ernsthafter Verhandlungen" an Kohls unbedingt "ernsthaftem Willen" zur "Normalität" in den Ost-West-Beziehungen denn auszu- setzen finden? Was könnte ihnen daran verdächtig sein, wenn auf einmal der Wirtschaftsgraf Lambsdorff öffentlich mit einem "Argument" daherkommt, das bislang in der Rüstungskammer der DKP- Agitation ein unscheinbares Dasein gefristet hat: Die wirtschaft- liche Kooperation mit der DDR "sichert hierzulande Ar- beitsplätze!"? Doch allenfalls: bei Kohl und Lambsdorff sei der Wille zu gedeihlichen Ost-West-Beziehungen womöglich doch n i c h t e h r l i c h genug. Und über den Verdacht sind die führenden bundesdeutschen Politchristen und liberalen Gewalthaber tatsächlich erhaben: Es ist ja viel schlimmer! Jedes Grinsen und jedes Stirnrunzeln, mit dem Kohl sich mit seinen sowjetischen Gastgebern in ein öffentliches Einvernehmen setzt, ist ein Erfolg in dem Bemühen, das westeuropäische Raketen-"Gleichgewicht" zur neuen selbstverständlichen Ausgangsbasis der NATO-Weltpolitik ge- gen den Osten zu machen - und setzt zugleich jedes Bedenken gegen diese "NATO-Erstschlagswaffe" scheinbar ins Unrecht: Wer wollte denn, gerade aus der Friedensbewegung, prosowjetischer sein als die Sowjetregierung selbst?! Wenn westdeutsche Kanzler in "Verständigungsmission" gen Osten reisen, wird jedesmal die "Weltlage" ein Stück brenzliger. Kohls "Good-will-Tour" hat in diesem Punkt mit den Hoffnungen von Friedensidealisten nichts zu tun - weit mehr mit solchen Großtaten diplomatischer Kriegsvorbe- reitung wie dem Hitler-Stalin-Pakt: Auch damals kam es der deut- schen Diplomatie darauf an, den Feind durch "überraschende Freundschaftsbeweise" b e r e c h e n b a r zu machen - bis zum und f ü r d e n K r i e g g e g e n i h n! zurück