Quelle: Archiv MG - BRD AUSSENPOLITIK OSTPOLITIK - Deutschland über alles


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HÖHEPUNKT BONNER KRIEGSDIPLOMATIE

1. Wenn im gewöhnlichen Leben ein Individuum dem anderen Gewalt androht für den Fall, daß jener Partner sich nicht fügt, so heißt das E r p r e s s u n g. Wenn dasselbe in der internationalen Politik geschieht, so heißt das D i p l o m a t i e. Auf diesem Felde ist die Androhung von Gewalt und die Anhäufung der Mittel legitim, mit denen ein Souverän dem anderen die Handlungsfreiheit bestreitet. Das Argument lautet "unsere Interessen" und gilt als selbstverständlich. 2. Wenn Staaten miteinander verhandeln, zu welchen Preisen sie den Austausch welcher Waren vornehmen; unter welchen Bedingungen sie ihren Markt öffnen oder zumachen; wie sie ihre Stahl-, Auto- mobil und Elektronikindustrie protegieren oder der Konkurrenz aussetzen - so geht es ums nationale Geschäft. Die Verhandlungen heißen europäischer oder Weltwirtschafts-Gipfel, und sie ent- scheiden über die Konjunkturen des Weltmarkts mit seinem merkwür- digen Nebeneinander von arm und reich 3. Wenn Not und Überfluß nicht nur wie üblich auf die "erste" und "dritte" Welt verteilt werden, und zwar so, daß sich die glückli- chen Besitzer eines Arbeitsplatzes in den USA und in Westdeutsch- land reich vor kommen, wenn sie sich nach landesüblicher Sitte mit den hungernden Opfern der Weltwirtschaft in anderen Breiten vergleichen; wenn der Überfluß im freien Westen bevorzugt in Ge- stalt von Panzern und Raketen auftritt und die Bevölkerung mit einem Sparprogramm bedacht wird, dann steht die Konkurrenz der Waffen auf der Tagesordnung. 4. Wenn Fragen der R ü s t u n g die Außenpolitik bestimmen, dann sind die Staaten des freien Westens nur noch Partner; und das Wirtschaftswachstum, um das sich die Nationen ansonsten streiten, dient in jeder einzelnen dem Beitrag zum B ü n d n i s, das NATO heißt. Der Konkurrent heißt Sowjetunion oder Warschauer Pakt, und die Waffen des Westens sogen diesen Gegner davon überzeugen, daß die Weltwirtschaft, also auch der weltpolitische Einfluß seine Sache nicht ist. 5. Wenn der Sowjetunion vorgerechnet wird, sie verfüge nach west- lichem Geschmack über zuviel Waffen, müsse also einiges von ihren Gewaltmitteln verschrotten, so heißt das "K r i e g s g e- f a h r". Immerhin beschränkt sie mit ihren Raketen die Freiheit des Westens, überall und jederzeit zu bestimmen, was in der Staatenwelt erlaubt und verboten ist. Deshalb wird der SU auch in Rüstungskontrollverhandlungen klargemacht, daß nur i h r e N a c h g i e b i g k e i t d e n F r i e d e n s i c h e r n kann. 6. Wenn der freie Westen a u f r ü s t e t und über die sowje- tische A b r ü s t u n g verhandeln will, so v e r t e i- d i g t e r s e i n e I n t e r e s s e n, die auf der ganzen Welt zu Hause sind. Wenn die Sowjetunion sich Waffen hinstellt, mit denen sie der NATO gewachsen ist und dem freien Westen das letzte Mittel seiner Freiheit bestreitet, so ist das u n t r a g b a r. Ihre militärische Gegendrohung ist "mehr als zur Verteidigung nötig ist" - und muß unwirksam gemacht werden. 7. Wenn nach jahrelangem Zählen von Raketen, nach öffentlicher Besichtigung der strategischen Möglichkeiten der NATO einerseits ein auf Jahre hinaus kalkuliertes Aufrüstungsprogramm b e- s c h l o s s e n wird, andererseits der Ruf nach V e r- h a n d l u n g e n ertönt, dann ist der Inhalt dieser Ver- handlungen kein Geheimnis. Die Russen werden befragt, ob ihnen die neuen Waffen des Westens einleuchten als Argument, und ihre B e r e i t s c h a f t z u r A b r ü s t u n g gilt als ihr Verhandlungswille. 8. Wenn das Angebot der NATO an die Sowjetunion, diese könnte doch nachgeben, auf d e u t s c h vorgetragen wird, so heißt das nicht "totrüsten", sondern F r i e d e n s p o l i t i k. 9. Und weil die strategischen Erpressungen gegenüber den Russen gar nicht auf ihre Erfüllung berechnet sind, sichern einzig d i e Mittel den Frieden, mit denen sich eine sowjetische Kapitu- lation e r z w i n g e n läßt. Den Anlaß definiert der freie Westen, aus dessen Interessen ja auch hervorgeht, was Gleichge- wicht ist. 10. Wenn die NATO 35 Jahre lang mit dem Krieg kalkuliert hat, so war das eben keine Friedenssicherung. zurück