Quelle: Archiv MG - BRD AUSSENPOLITIK OSTPOLITIK - Deutschland über alles


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       Diplomatische Kriegsvorbereitung gegen die DDR
       

HERZTOD GEGEN DAS UNRECHTSREGIME

Und Prachtleichen für die christlichen Regierungsleute in Deutschland! Da stirbt ein westdeutscher Bürger an Herzinfarkt: er hatte gegen die Zollgesetze des anderen deutschen Staates ver- stoßen, wurde erwischt und verhört. Beim Verhör erlitt er den In- farkt. Eine Woche später die zuständigen Stellen der Bundesregie- rung waren sofort informiert worden - rechtzeitig zum Besuch des DDR-Politikers Günter Mittag wurde helle Empörung inszeniert. Em- pört und erschüttert mit seinen Politchefs war das BILD-lesende Volk - ergriffen von Mitleid um die trauernde Witwe ("Sie haben meinen Mann erschlagen!"). Das ist eben das schöne am Mitleid, daß man sich von oben frei heraussuchen kann, wem man es zukommen läßt. - Und in der West-Ost-Feindschaft läßt sich das brave Volk gerne jede neue Aufmischerei als Konsequenz der Sorge um men- schliche Schicksale dolmetschen. Man kann sich also auch in einem Staatswesen, das es im jungen Jahr 1983 schon auf 14 Todesopfer der Polizei gebracht hat, noch darüber aufregen, wenn Menschen im Kontakt mit Behörden sterben - sofern es die Behörden der DDR sind. Wenn ein Bub in Gauting (bei München) oder ein Hamburger Verkehrssünder den Todesschuß kriegt, dann war das Opfer der Po- lizei immer auch ein bißchen selber schuld; wenn die befreundeten Regierungen in Israel oder Argentinien Bundesbürger umlegen, dann wird vorsichtig angefragt, um sich schnell der dortigen Version anzuschließen, daß es sich eben um Terroristen oder Provokateure gehandelt hat; wenn aber an einem DDR-Kontrollpunkt ein Westler von selber stirbt, dann ist es bestimmt "Mord" gewesen, wie Strauß und die BILD-Zeitung wissen. Die "besonnenen" Jungs- und Presseleute fordern "Klärung" des Todesfalles, und übergeben die Sache gleich einem westdeutschen Staatsanwalt zwecks Verurteilung von Honecker und seinen Beamten. Die DDR gibt sich ihrerseits alle Mühe, den westdeutschen Angriff auf ihre Staatlichkeit und die Behandlung ihrer Politiker als Verbrecher vor westdeutschen Gesetzen durch Klärung abzubremsen, und läßt westdeutsche Krimi- nalmediziner ihre Darstellung überprüfen. Jede neue Klärung, die nicht gleich ein Mordgeständnis ist, wird von BRD-Stellen als un- genügend zurückgewiesen. Inzwischen w e i ß jedermann im We- sten, daß da eben ein Mensch beim Verhör - vielleicht aus Angst, und Aufregung, wie das eben ist, wenn man bei etwas Polizeiwidri- gem ertappt wird - einen Herzinfarkt erlitten hat; aber das hilft der DDR überhaupt nichts. Denn längst hat sich die Hetze g e g e n d i e D D R - G r e n z e a n u n d f ü r s i c h freigemacht vom Bezug auf den besonderen Fall - so daß es schon wurscht ist, woran und wie der Herr Burkert aus Hamburg tatsäch- lich gestorben ist. D a ß e s s i e ü b e r h a u p t g i b t, gilt inzwischen als das Verbrechen der DDR, und ihr Be- amtenalltag als eine einzige S c h i k a n e. So wird mit ge- heuchelter Empörung eine ganz echte S t i m m u n g g e g e n e i n e n F e i n d s t a a t gemacht und der DDR die diploma- tische Anerkennung entzogen - n o c h erst nur moralisch; aber die Moral ist immer der zuverlässige V o r b o t e d e r G e w a l t! Noch die Entspannungsfreunde von gestern unter den maßgeblichen Meinungsmachern, die sich gegen das "böse Wort" vom Mord ausspra- chen, haben den Übergang zur Nichtanerkennung der DDR zeitgemäß am toten Burkert geschafft: Der "tragische" Tod anläßlich "harter Kontrollen" an dieser "unnatürlichen" innerdeutschen Grenze will ihnen allen ein Problem sein, das einmal gelöst werden muß. Sol- ches kommt von Leuten, die sich niemals gegen die strengen Ein- reise- und Visumsbestimmungen der USA aussprechen würden und denen die Kontrolle des eigenen Volkes so selbstverständlich ist wie nur was; und das nicht nur an der Grenze. Aber während die deutsche Grenze zu Frankreich, Holland, Italien usw. nach etli- chen Kriegen schließlich von Mutter Natur gezogen worden ist, soll es sich bei der "innerdeutschen" Grenze eben um eine ganz und gar "u n n a t ü r l i c h e" handeln - genaugenommen um ü b e r h a u p t k e i n e wirkliche Grenze, sondern um eine gemeine spalterische Machenschaft der Machthaber im Osten: "Sie wollen Deutschland spalten, jeden Tag." So s c h r e i b t "BILD"; so soll ein anständiger Deutscher denken; und so handelt die Bundesregierung: als wäre sie schon längst fertig mit der Souveränität der DDR. So wird mit dem besten Gewissen, der schön- sten Selbstgerechtigkeit und der unbefangensten Härte ein p o l i t i s c h e r A n s p r u c h gegen die DDR erhoben, der darauf hinausläuft, diesen Staat ganz und gar f ü r n i c h t i g z u e r k l ä r e n - so sind die Ansprüche be- schaffen, derentwegen g e r ü s t e t wird und um die K r i e g e geführt werden! Wie es sich für eine Demokratie gehört, wird der gemeinsame Be- schluß zum vorläufig "bloß" kalten Krieg gegen die DDR als innen- politischer S t r e i t durchgezogen: Strauß: Honecker Mörder, man darf ihn nicht in Bonn empfangen, wieder ausladen demonstrieren, daß er für uns ein Verbrecher ist. Willy Brandt: Das macht man am besten dadurch, daß man unseren Verdacht gleich zur internationalen Angelegenheit hochstilisiert und die DDR vor der ganzen Welt an den Pranger stellt. Eine in- ternationale Kommission soll die DDR-Tat untersuchen. Kanzler Kohl: Dieser Vorschlag dient der Sache gar nicht. Daß wir die Kommunisten im Osten für Verbrecher halten, das machen wir doch nicht vom Urteil einer außerdeutschen Kommission abhängig. Außeminister Genscher (angeblich entspannend): Gerade wenn die Vorkommnisse so ungeheuerlich sind, muß Honecker nach Bonn kom- men, dann stellen wir ihn zur Rede. Inzwischen ist schon wieder eine Herzinfarkt-Leiche an der "innerdeutschen" Grenze angefallen - und es wird nicht die letzte sein. Denn an welchem Schreck auch immer der Herr Burkert gestor- ben ist: Der Herr Moldenhauer, sein werter Nachfolger, ist ein- deutig ein O p f e r d e r c h r i s t l i c h e n V o l k s- v e r h e t z u n g. Bei national gesinnten Untertanen verfängt es eben, wenn ihre Obrigkeit in heuchlerischer Berechnung den moralischen Hammer "Mord!" losläßt. Sie fühlen sich fortan von der Staatsgewalt verfolgt - nicht von der eigenen, deren Beamte schon mal flüchtige Verkehrssünder abknallen, sondern von der feindlichen, bei der es angeblich keinen Unterschied geben soll zwischen einer ganz normalen Zoll-Schikane und einem Kapi- talverbrechen - und sterben, das Deutschlandlied im Herzen, an dem Schreck, den Strauß und Co. ihnen aufgeredet haben. Diese al- lerchristlichsten Herrscher verfügen so wieder über schöne Be- weismittel für die Notwendigkeit ihres Herzensanliegens: eines Rache-Kreuzzuges gegen d a s B ö s e auf der Welt - bei dem dann nicht mehr bloß vereinzelt und aus Herzschwäche gestorben werden darf! Der Entschluß des Staatsratsvorsitzenden der DDR, im Gefolge der zunehmenden westdeutschen, Hetze gegen den "Unrechtsstaat" seinen geplanten Staatsbesuch abzusagen, hat der "Debatte" im westlichen Lager erst recht neuen Auftrieb gegeben. Nachdem man ihm vorher von seiten der Politiker und der Presse in aller Deutlichkeit zu verstehen gegeben hatte, daß dieser "Besuch" als Spießrutenlaufen gedacht war, indem man Honecker mit den - für ihn unerfüllbaren - westlichen Forderungen nach "menschlichen Erleichterungen" (sprich: nach bundesdeutscher Zuständigkeit für die deutsche Na- tion auch jenseits ihrer Grenzen) zu blamieren gedachte, wird nun seine Absage mit z.T. offener Häme als "Rückzug" kommentiert. Weil Honecker sowieso gewußt habe, daß er besagten "Erwartungen" an sein Wohlverhalten, die ihm als "Vorbedingungen" für den Be- such gestellt wurden, nicht genügen könne, habe er sich diese Peinlichkeit lieber ersparen wollen, "Ein Zeichen von Resigna- tion" stellt die hiesige Presse genüßlich fest, um gleich noch einen Schritt weiter zu gehen. Nicht aus Bonn, so der sondern aus Moskau sei eigentlich der Befehl gekommen, aus den Todesfällen an der Todesgrenze den willkommenen Anlaß zur - sowieso von langer Hand geplanten - Verschlechterung der Ost-West-Beziehungen zu ma- chen. zurück