Quelle: Archiv MG - BRD AUSSENPOLITIK OSTPOLITIK - Deutschland über alles


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       Genscher wieder zufrieden mit Polen:
       

DIE DEUTSCHE POLITIK SORGT FÜR UNTERWÜRFIGKEIT, DAS DEUTSCHE KAPITAL BEDIENT SICH. UND UMGEKEHRT

Der Außenminister hat sich und seinen Leistungen allseits applau- dieren lassen: Mit den deutsch-polnischen Beziehungen geht es wieder voran. Die soll man als besonders heikle und deshalb um so erfreulichere Völkerfreundschaft betrachten, weshalb da die schleimigsten Phrasen zur Anwendung kommen. Dabei läßt unser Gen- scher andererseits keine Zweifel an der Machart seiner Erfolge: Erpressung, Ausnützung und dazu ein bißchen Heuchelei, das ist gute Politik, Marke BRD. "Natürlichere Beziehungen" -------------------------- mit Polen will Genscher erreicht haben. Das "Natürlichere" be- steht darin, daß sich die polnische Regierung mittlerweile dazu erpressen läßt, westlichen Staatsbesuchern offizielle Besuche am Popieluszko-Grab zu gestatten. Das ist auf der Ebene des diploma- tischen Zeremoniells ungefähr so "natürlich", wie wenn Staatsbe- sucher in der BRD Kränze am Grab von Günter Sare und Benno Ohne- sorg ablegen oder mal kurz in der Hafenstraße vorbeischauen woll- ten. Auch für eine andere sinnige Gräberpflege hat sich die pol- nische Regierung mittlerweile breitschlagen lassen: an deutschen Soldatengräbern. Da hat man ein markantes Symbol für den "Fortschritt" der deutsch-polnischen "Völkerfreundschaft": Willy Brandt mußte sei- nen Kniefall noch vor den O p f e r n der alten deutschen Ost- politik unterm Führer machen. Heute können deutsche Politiker in Polen die zum Vernichtungskrieg nach Osten kommandierten T ä t e r würdigen und auf diese "sensible" Weise von den Polen "Vergeben" und "Vergessen" verlangen. Von derselben "Natürlichkeit" schließlich die Walesa-Treffen: So weit hat man das polnische Regime schon kleingekriegt, daß es seine Zustimmung dazu gibt, wenn westliche Staatsmänner ihr Bestes tun, die verbotene staatsfeindliche Opposition in Kurs zu halten. Der Regierung gegenüber hat unser Genscher immer wieder die extra "Moralische Qualität unserer Außenpolitik" ------------------------------------------ herausgestrichen, die sich "in unserem Verhältnis zu Polen be- währt". Das "Moralische" an der Außenpolitik ist der exzessive Gebrauch von Vokabeln wie "Versöhnung"; verhandelt werden lauter handfeste nationale Forderungen. Auch da sind sehr eindeutige Fortschritte zu verzeichnen: Früher hat sich die polnische Regierung einmal eingebildet, die BRD als Rechtsnachfolger des Dritten Reichs wäre ihr eine Art Wiedergut- machung für das nationalistische Wüten in Polen schuldig, und der Friedenswille des neuen deutschen Staats ließe sich am Entgegen- kommen in wirtschaftlichen Dingen messen. Das Mißverständnis haben unser Friedens-Willy und seine Nachfolger tatkräftig ausgenützt, so da die BRD heute als einer der gewichtigsten Gläubiger Entgegenkommen von Polen Verlangen kann. Aus Gründen der diplomatischen Höflichkeit hat Genscher seinen Gastgebern wieder einmal versichert, da "keine Gebietsansprüche an Polen" bestünden. Klar - die deutsche Politik verfügt über weitaus mehr Themen, mit denen sie ihren östlichen Partnern immer wieder zu verstehen gibt, daß die bestehenden Verhältnisse in "Mitteleuropa" eine "Friedenslösung" nach deutschem Gusto nun wirklich nicht sind. In Polen möchte man z.B. inzwischen unbe- dingt das deutsche Volkstum vor Ort aufpäppeln. Genscher hat diesmal schon den Empfang "deutscher Freundeskreise" aus Ober- schlesien durchgesetzt und hochoffiziell das Problem der deut- schen Ortsnamen aufgeworfen. So bringt ein liberaler Anti-Revan- chist in Erinnerung, daß "Schlesien" wenigstens zur Hälfte noch "unser" ist und von Warszawa nur treuhänderisch - bis auf wei- teres verwaltet wird. Bleibt nur abzuwarten, ob die Jungs und Mä- dels deutscher Art die Botschaft richtig kapieren und sich ein Nationalitätenproblem gegen ihre Regierung zulegen. Dann hat die BRD wieder einen prima Anlaß, sich als Anwalt ihrer lieben Volks- genossin in Polen einzumischen. So sieht die "moralische Qualität unserer Außenpolitik" mit "Vergeben und Vergessen" aus. Die deutsch-nationalistische Prin- zipienreiterei läßt ohne weiteres das Zustandekommen von ein paar Verträgen ewig an der Forderung scheitern, daß Ortsnamen in Deutsch enthalten sein müssen - so furchtbar bemüht ist die BRD um "Aussöhnung"! Weil es darum ja auch gar nicht geht; und auch nicht um alberne Formfragen. Die sind eben Gradmesser für pol- nische W i l l f ä h r i g k e i t. Welchen neuen Demutsakt kann man dem polnischen Staat als Gegenleistung für die Gnade ei- nes Staatsbesuchs abverlangen - in der Münze bemißt sich der "Fortschritt" dieser "Völkerfreundschaft"! Und zustandegebracht wird er durch Mittel von anderem Kaliber als Kulturaustäusche und Versöhnungsschmarrbeuteleien. Auch das geht allerdings nicht ohne die unvermeidliche Portion Heuchelei: "Hilfe der Bundesrepublik zur Lösung der ---------------------------------------- wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Probleme Polens" -------------------------------------------------------- will Genscher angeboten haben. Deswegen hatte er solche Figuren wie den Krupp-Vorstand Beitz im Schlepptau, der schon unterm Füh- rer die wirtschaftliche "Verwaltung" der Ostgebiete organisieren durfte. Später hat der Mann wegweisende Verträge ausgehandelt, um polnische Kohle und Hüttenerzeugnisse in den Westen zu schleusen. Die sind umso preiswerter und massenhafter angekommen, je mehr die polnischen Schulden anbewachsen sind. Um überhaupt nur Zinsen zahlen zu können, ist die polnische Regierung für jedes Geschäft zu haben, das Devisen einbringt. Diese hervorragende Geschäftsbe- dingung ist auch jetzt wieder für ein paar neue Gelegenheiten gut. Wenn darüber i n Polen gewisse Mangelerscheinungen zur Regel werden oder steigende Preise den Massenkonsum beschränken, gehört das auch zur "Lösung wirtschaftlicher Probleme": Das trägt näm- lich zu der Einsicht bei, daß ein Sozialismus wirtschaftlich nichts taugt. Und wenn über solche Phänomene wiederum "gesell- schaftliche Probleme" eher gefördert als "gelöst" werden, nämlich der Unmut der Bevölkerung wächst, ist das auch recht. Genau d i e Gratiswirkung ihres Osthandels hat die BRD ja gerade in die herrliche Position versetzt, sich im Namen der innerpoli- tischen Opposition in Polen einmischen zu können. Noch vor Jaruzelski hat Genscher mit Walesa gesprochen. Auch das eine Begegnung der Dritten Art. Denn immerhin - nur zur Erinne- rung - hat dieser Walesa einmal seine Karriere damit begonnen, daß ihm die Kürzung der Fleischportionen der polnischen Arbeiter zuviel war, Fleisch, das damals schon zur Schuldenbedienung für den Westexport abgezweigt wurde. Aber von der imperialistischen Beteiligung an der Verarmung polnischer Arbeiter hat er schon da- mals nichts wissen wollen, und die Zerrüttung der polnischen Staatsmacht durch seine aufsässige Gewerkschaft hat er zunehmend prowestlich begriffen. Heute ist er vollends von der christlichen Botschaft überzeugt, daß Arbeiter nur mit einem zackigen Kapita- lismus glücklich werden können. Deshalb darf er als kämpferischer Gewerkschaftsführer die Zuneigung eines liberalen Außenministers entgegennehmen. Für den inneren polnischen Unfrieden, für die dauerhafte Bestreitung der Legitimität polnischen Regierens wird er hofiert und versteht sich offensichtlich mit Arbeiterfeinden vom Schlage Genscher und Beitz prächtig. Der Stand der deutsch-polnischen Beziehungen ist also wirklich hervorragend: Die polnische Regierung läßt sich von westlichen Staatsmännern die pflegliche Behandlung ihrer Opposition diktie- ren. Sie hat auch eingesehen, daß sie sich für ein bißchen - auch nur in Aussicht gestellte - Kredithilfe nationalistisches Hinein- regieren gefallen lassen muß. Die Forderung nach Entschädigung der polnischen Zwangsarbeiter im Dritten reich, die sich die pol- nische Regierung neulich hatte einfallen lassen, ist, laut Gen- scher, dermaßen unter dem Niveau der "guten Beziehungen", daß man darüber - Genscher, herablassend - nicht mal mehr ein Wort ver- lieren mußte. Zumal das der BRD die eigene unverschämte Rechtska- suistik nachgerade verbietet: Zahlungspflichtig für Kriegsschäden dieser Art ist die Republik erst dann und nur dann, wenn der Friedensvertrag geschlossen wird, den dieselbe Republik aus den bekannten Gründen, siehe Wiedervereinigung, vorerst gar nicht schließen kann. Deutsche Sturheit, deutsche Unverschämtheiten und immer bessere "Beziehungen", das paßt sehr gut zusammen, wenn die andere Seite so erpreßbar ist. Kein Wunder, daß Genscher bei solchen Gelegen- heiten jetzt immerzu die Gorbatschow-Parole vom "neuen Denken" herunterleiert: Die Bonner Herren sind offensichtlich fest ent- schlossen, sich keine Gelegenheit entgehen zu lassen, den spezi- ell deutschen Zugriff auf den Ostblock, die Erschließung für deutsche Ansprüche und Geschäfte voranzutreiben. Das nennt sich dann "Versöhnung" und "Verständigung". zurück