Quelle: Archiv MG - BRD AUSSENPOLITIK OSTPOLITIK - Deutschland über alles


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       Der sowjetische Außenminister besucht Bonn.
       Und die Bonner Politiker probieren aus:
       

LÄSST SICH DER DEUTSCHE LIEBLINGSFEIND BENUTZEN - FÜR MEHR DEUTSCHE WELTGELTUNG?

Schewardnadse war jüngst in Bonn. Dabei befanden beide Seiten ihr Treffen für höchst erfreulich und nützlich. Am Ende aber ließ Gorbatschow Kanzler Kohl ausrichten, daß er ihn, wenn schon, dann in Moskau zu sehen wünscht. Die luftige Sprache der Diplomatie gibt den wirklichen Stand der Beziehungen zwischen Staaten eben doch präzise wieder. Kein Zwei- fel nämlich, daß die Bundesrepublik und die Sowjetunion derzeit das Verhältnis einer Feindschaft im Wartestand pflegen. Die "Sachthemen" und der Verlauf der Gespräche belegen dies. Atomraketen - weg damit oder her damit? --------------------------------------- Schewardnadse sagte bei der Begrüßung durch Genscher, er sei "mit guter Laune und guten Gefühlen" nach Bonn gekommen. Dabei ist es noch gar nicht lange her, daß die Bonner Staatsführer die gegen die Sowjetunion gerichteten Mittelstrecken-Atomraketen auf ihrem Territorium unbedingt behalten wollten. Sie hatten als führende deutsche Nationalisten nämlich folgenden Zusammenhang für höchst ärgerlich empfunden: Wenn ihre Bündnisvormacht USA sich genötigt sieht, auf die sowjetische A b r ü s t u n g s offensive inso- weit einzugehen, daß sie für ihr Haupt-A u f r ü s t u n g s- vorhaben SDI gewissermaßen als Bauernopfer die schönen NATO- "Nachrüstungs"-Pershings drangibt, dann hat sie damit das strategische Gewicht der BRD in der Weltkriegs-Frage ein Stück weit gemindert. Und damit auch die politische Geltung des NATO- Frontstaats in einer Welt, wo die Verfügung über Waffen den entscheidenden Maßstab der politischen Tabellenordnung darstellt. Nun haben sich die "Supermächte" über den Ärger der Bonner Herren hinweggesetzt; die fügten sich und verkaufen das von nun an als "maßgeblichen Beitrag Bonns zum Frieden". Der SU-Außenminister würdigt mit aller diplomatischen Höflichkeit diesen "Beitrag" ebenfalls, überhört also sehr selbstbewußt das christliche Zähneknirschen von neulich, um sodann die Bonner Friedensliebe quasi beim Wort zu nehmen und gleich jenes "Bombardement mit Abrüstungsvorschlägen" fortzusetzen, mit dem die Politiker der s o w j e t i s c h e n Wende den Westen in eine gewisse Verlegenheit versetzen. Diesmal bringt er die Null-Lösung für Kurzstrecken-Atomraketen in Vorschlag. Und unser friedfertiger Genscher sagt dazu, daß ihm aber "gleiche Obergrenzen" lieber wä- ren, gibt also einmal mehr bekannt, daß der W e s t e n auf das Mittel des Atomschlags von deutschem Boden aus nicht verzichten will. Und das, obwohl die Sowjets dem hiesigen Argument, takti- sche Atomwaffen seien zum "Ausgleich" östlicher konventioneller Überlegenheit vonnöten, längst ihren Willen zur beidseitigen Ver- ringerung auch der konventionellen Arsenale entgegengesetzt ha- ben. Cocom oder: Auskünfte über Geschäft und Gewalt ---------------------------------------------- Nun hat der herbe Verlust, der Bonns Regierende mit dem Ver- schrottungsbeschluß in puncto Mittelstreckenraketen getroffen hat, die liebe Bundesrepublik ja noch keineswegs mittellos ge- macht, was die Dinge betrifft, die in der modernen Staatenwelt zählen. Die Sowjetunion weiß, welche Bedrohung gegen sie auch ohne die "Nachrüstungs"-Waffen noch immer von deutschem Boden ausgeht. Sie versucht, selbstverständlich auf der Basis ihrer Waffen, sich ihren Feind geneigt zu machen, indem sie ihm bewei- sen will, daß sich die Feindschaft n i c h t l o h n t, "gute Beziehungen" sich hingegen l o h n e n k ö n n t e n. Und da ist den russischen Kommunisten eingefallen, daß die BRD zu den führenden kapitalistischen Gebilden auf dem Globus zählt und durch die Aussicht auf gute Profite doch zu beeindrucken sein müßte. Und da ist ja auch was dran. Bloß nicht so, wie die Russen es meinen: geglückte Profite machen friedlich. Dran ist so viel: In einer Zeit, wo einerseits die Wucht der D-Mark und der mit ihr abgewickelten erfolgreichen Geschäfte der ökonomischen Macht der USA ernsthaft K o n k u r r e n z macht, wo es andererseits die versammelten Geschäftemacher und Finanzpolitiker der kapitalisti- schen Welt wieder einmal so weit gebracht haben, daß ihr pro- fitträchtiges Geschäftsgebaren das K r a c h e n der ganzen schönen Aktien-, Schulden- und Devisenmärkte auf die Tagesordnung setzt - in dieser Zeit ist ein westdeutsches Ostgeschäft mit dem krisenfreien Wirtschaftsraum des realen Sozialismus, der überdies als grundsolider Zahler gilt, durchaus ein i m p e r i a l i- s t i s c h e r A k t i v p o s t e n, von dem man deutscher- seits die lieben Freunde im eigenen Lager so weit wie möglich ausschließen möchte. Daß dieses bundesdeutsche Interesse, den Feind zu b e n ü t- z e n, weil man auch noch Konkurrenten hat und ausstechen möchte, ein Abstrich an der Gegnerschaft zum System des realen Sozialismus wäre, ist freilich sowjetisches Wunschdenken. Das hätte Schewardnadse in Bonn gleich zweimal bemerken können. Einmal daran, daß seine Gesprächspartner, die westdeutschen Wirt- schaftskapitäne, noch "Zurückhaltung" durchblicken ließen, als ihnen Gorbatschows Abgesandter "beiderseits vorteilhafte" Wirt- schaftsperspektiven ausmalte. Ihnen gehen nämlich die sowjeti- schen Zugeständnisse, ans Interesse kapitalistischer Geschäftema- cher noch längst nicht weit genug - die Russen bestehen für ihren Geschmack noch zu sehr darauf, daß sich die "Joint ventures" aber auch für den Fortschritt der s o w j e t i s c h e n Wirtschaft auszahlen sollen. Viel lieber wären hiesigen Geschäftsleuten da schon die polnischen Zustände, die unser Genscher erst kürzlich so hochzufrieden als "Normalisierung" der Beziehungen der BRD zu einem Ostblockstaat bilanzieren konnte. Da kann man nämlich schon die R e s u l t a t e gelaufener Ost-West-Geschäfte besichtigen und die Freiheiten, die westliche Gläubiger und westliche Politi- ker sich dann herausnehmen können. Und so was läuft mit der UdSSR eben nicht. Zweitens hätte auch der Kommunist aus Moskau ja vielleicht auch einmal folgende Gedanken machen können, als er auf "die ver- fluchte Cocom-Liste" schimpfte: Den Handel seitens des NATO- Bündnsses unter einen militärischen Generalvorbehalt zu stellen, ist halt nicht eine "besonders reaktionären Kreisen" entsprungene politische Fessel der grundguten Geschäftemacherei. Sondern imperialistische Staatsraison: Die politische Gewalt, die der Vermehrung von Kapital weltweit Bahn bricht, schafft sich dabei eben ihre Feinde und benutzt ihr Kommando über die Gesellschaft, die ihr untersteht, um dieselbe mit Haut und Haaren für die jeweils fällige Austragung ihrer Feindschaften heranzuziehen. Der erfahrenste Außenminister der Welt, der dicke Genscher, der sich um die Expansion deutscher Wirtschaftskraft ja weiß Gott verdient gemacht hat, hat also schon gewußt, warum er als Antwort auf Schewardnadses Begehren nicht auf Abschaffung der Cocom-Liste, sondern auf "Begrenzung auf das notwendige Maß" plädiert hat. Diese Ausgewogenheit eines Mitgestalters der damaligen "Entspannungsphase" paßt ganz gut zur aktuellen Linie bundesdeut- scher Außenpolitik: den Feind, den man zur Zeit militärisch nicht niederringen kann, dafür heranzuziehen, um aus dem R e s p e k t, den er der BRD zollt, und aus seiner (so weit ge- stattet) materiellen Benutzung größere w e l t p o l i t i- s c h e F r e i h e i t e n nach allen Seiten für die Kohls, Strauß und Genschers zu machen. Ein Aufgeben der Feindschaft ist das nie und nimmer. Sondern eine offensive Antwort eines imperialistischen Emporkömmlings auf die Arroganz, mit der seine Bündnisvormacht zuvor ohne viel Rücksicht auf BRD-Nationalismen ihr Verhältnis zum sowjetischen Feind eingerichtet hat. Die heiße Frage: Wann und wo ist jetzt Besuchs-Zeit? ----------------------------------- - zwischen Kohl und Gorbatschow nämlich - gibt also in ihrer gan- zen Bescheuertheit dennoch die passenden politischen Signale her. Das hätte er zu gerne gehabt, der deutsche Kohl, wenn noch zur Zeit seiner EG-Präsidentschaft - er als Chef und Europa-West als Hinterland - der Chef der Weltmacht Nr. 2 bei ihm angetanzt wäre. So weit in Sachen Schein von weltpolitischer Gleichrangigkeit wollte der freilich bei seinem Werben um die Einbindung des west- deutschen Nationalismus in das Projekt sowjetischer Welt-Frie- denspolitik nicht gehen. Klar genug kommt dabei jedenfalls das Projekt d e u t s c h e r Weltpolitik heraus: die will sich unter dem Titel "Europa" - bloß mit Supermächten vergleichen können. Mit allem Drum und Dran. Schöne Aussichten? zurück