Quelle: Archiv MG - BRD AUSSENPOLITIK OSTPOLITIK - Deutschland über alles
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EIN SCHLESIEN BIS ZUM URAL
Nichts geht an der Sache mehr vorbei als die SPD-Schelte am Kanz-
ler, er habe auch im Falle des Schlesiermottos "mangelnde Ent-
scheidungsfähigkeit" gezeigt. Auf solch dümmliches Gemoser kann
nur kommen, wer Kohls Bedenken gegen die ursprüngliche Version
dahingehend mißversteht, sie sei ihm zu weit gegangen. Ein
schlichter Textvergleich beweist jedoch, daß Kohl dem Hupka
"Verzichtspolitik" vorgeworfen haben muß:
"Die Landsmannschaft Schlesien hat das umstrittene Motto ihres
diesjährigen Deutschlandtreffens im Juni in Hannover '40 Jahre
Vertreibung - Schlesien bleibt unser' geändert. Es lautet nun-
mehr: '40 Jahre Vertreibung - Schlesien bleibt unsere Zukunft -
Im Europa freier Völker'." (FAZ, 23.1.)
In der Neufassung ist das "bleibt unser" endgültig von dem mögli-
chen Mißverständnis bewahrt worden, hier handle es sich um eine
rein ideelle Besitzanzeige. Die interpretatorische Hinzufügung
"Zukunft" macht die Wiederinbesitznahme Schlesiens zu einem kon-
kreten Auftrag. In Hupkas Brief an den Kanzler wird dieser Auf-
trag aus dem Eigentum abgeleitet:
"5. Schlesien. ist nicht nur die Heimat der Schlesier, sondern
Eigentum aller Deutschen." (Süddeutsche Zeitung, 23.1.)
In der Neufassung des Mottos wird jetzt verdeutlicht, daß
a l l e D e u t s c h e n nicht nur für diesen Landstrich um
Breslau herum kämpfen müssen, sondern daß die Regierung sie für
ein wesentlich weiter gestecktes Ziel antreten läßt: Ein
g a n z e s Europa muß befreit werden! Wie sonst kann es in ihm
nur noch "freie Völker" geben? Kohl hat also gegen das bornierte
l a n d s m a n n s c h a f t l i c h e Denken von Vertriebenen-
funktionären die europäische Dimension des K r i e g s z i e l s
d e r N A T O durchsetzen können. Damit verwahrt er sich gegen
den Revanchismusvorwurf: Alle n a t i o n a l e n Ziele der
BRD, inklusive aller Territorialansprüche von wegen "Grenzen von
1937", lassen sich nämlich als E u r o p a p o l i t i k vor-
tragen, bei der die BRD immer schon an vorderster Front stand.
Über die konkrete Grenzziehung wird hinterher verhandelt, im
"Europa freier Völker", und das hört an der sowjetischen West-
grenze nicht auf! Insofern liegen die Schlesier schon wieder
schief, wenn sie in ihrem Verbandsorgan die Truppen der Bundesre-
publik nur die DDR, die CSSR und die VR Polen befreien, an der
russischen Grenze aber haltmachen lassen. Die jetzt quasi regie-
rungsamtlich gewordene Neufassung des Schlesiermottos ist, von
allen Mißverständnissen befreit, wirklich u n m i ß v e r-
s t ä n d l i c h geworden - und Kohl kann hingehen.
P.S.: Deshalb ist es eine Ungerechtigkeit, den jungen Redakteur
aus Goslar "pubertär" und "verrückt" zu schimpfen. Der hat doch
begriffen, was los ist, und meint, es ginge auch ohne die diplo-
matische Heuchelei der Großen.
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