Quelle: Archiv MG - BRD AUSSENPOLITIK OSTPOLITIK - Deutschland über alles


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IDEALE REZEPTE FÜR VERANTWORTLICHE SONNTAGSREDEN, KORREKTUREN DER POLITISCHEN LANDKARTE BETREFFEND

Gottseidank gibt es noch vernünftige, besonnene Stimmen im Land, die angesichts unverantwortlichen Wiedervereinigungsgeredes an die Realitäten erinnern und eigenhändig einen neuen Kalten Krieg aufhalten wollen. Zum Beispiel Rudolf Augstein im "Spiegel", der davor warnt, der DDR ein Interesse an einem ganzen Deutschland zu unterstellen, an dessen Verwirklichung sie nur die Sowjetunion hindere. "Wir müssen uns immer wieder klarmachen, daß die in der DDR herr- schende SED Mauer und Stacheldraht aus eigenem Interesse braucht; die stehen da nicht auf Befehl der Sowjets. Ebenso wünscht die SED, daß sowjetische Truppen im Land bleiben." Aber er, Augstein, könnte sich folgende Gedanken so gut denken, daß er nicht einmal zu sagen braucht, wofür eigentlich: "Sollten die Sowjets auf die Idee kommen, in der DDR freie Wahlen zu garantieren und deren Bevölkerung das Recht zu geben, sich mit uns zu vereinigen; dazu dem Gesamtstaat ein mäßiges, eher auf Verteidigung ausgerichtetes Waffensystem zuzubilligen: Wir würden die fremden Mächte erfolgreich bitten, unser Land zu verlassen. Polens Westgrenze würde neu garantiert. Nur, es spricht nichts dafür, daß die Sowjets solcher Handlungen auf irgend absehbare Zeit fähig sind... Das Dilemma der Sowjets ist so bekannt wie simpel: Sie sitzen in ihrem Vorfeld auf Bajonetten..." Da bietet ein deutsches Nachrichtenmagazin dem Kreml doch glatt eine Neuaufteilung Europas an und läßt großmütig den Polen eine Grenze. Theo Sommer hat in der "Zeit" einen "Dekalog für verantwortungs- volle Patrioten" aufgestellt, beginnend mit der Feststellung, daß die deutsche Frage nicht mehr offen ist. "Hans Apel hat recht." "Wir müssen uns gegen die Versuchung feien, auf den Zerfall des russischen Imperiums zu setzen oder ihn gar verursachen zu hel- fen... Zerplatzte der Ostblock in einem dramatischen Knall, so bliebe wohl auch nicht viel zum Wiedervereinigen übrig... Vieles muß noch weiter geöffnet werden und am Ende ganz ver- schwinden... zum Beispiel Mauer und Todesstreifen... Weil es nun einmal nicht möglich ist, Einheit und zugleich Freiheit zu voll- enden, muß es uns in erster Linie daraufankommen, Zustände her- beizuführen, in denen Einheit verzichtbar wird... Das Fazit: Es muß nicht das ganze Deutschland sein. Es ist durch- aus ein Europa denkbar, in dem es mehrere Deutschlands gibt, die sich nicht gegeneinander abschotten, die bei aller Unterschied- lichkeit der Systeme ihren Bürgern am Ende doch ein vergleichba- res Maß an Freiheit, Entfaltungsmöglichkeit und Lebenschancen bieten... Zukunftsmusik? Gewiß. Doch weniger unrealistisch und weniger ge- fahrenträchtig als das einige Deutschland der Sonntagsreden, von dem viele träumen mögen, an das aber keiner glaubt." Es ist schon seltsam! Rudolf Augstein läßt sich über die merkwür- dige "Unfähigkeit" der Sowjetunion aus, ihren Militärblock aufzu- lösen und die DDR-Bevölkerung zu uns überlaufen zu lassen. Theo Sommer läßt sich "träumen", daß sich die DDR zu einer kapitali- stischen Demokratie wandelt, mit uns heftigst kooperiert und nur noch pro forma ihre DDR-Grenzen beibehält. Und beide verkaufen diese ihre Wiedervereinigungsphantasien als "realistisch" und "weniger gefahrenträchtig", als "Warnung" vor Wiedervereinigungs- sonntagsreden. Bloß w e i l beide um den Sachverhalt herumre- den, daß die Lösung der deutschen Frage eine m i l i t ä- r i s c h e Angelegenheit ist, beide aber bei Anstellen ihrer Spekulationen mal vom Militär absehen wollen. Eine feine Arbeitsteilung: Die Bundesregierung beschafft sich die Raketen und rüstet die Bundeswehr hoch, die Bundesjournalisten klammern den Punkt elegant aus, schwätzen über nichts anderes als über die Wiedervereinigung, erklären das für furchtbar besonnen und verantwortlich und machen den Chor der Entrüstung über den sowjetischen Revanchismusvorwurf mit ihren gewichtigen Stimmen perfekt. NUR FRIEDLICH! EHRLICH: NUR FRIEDLICH! zurück