Quelle: Archiv MG - BRD AUSSENPOLITIK OSTPOLITIK - Deutschland über alles
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CHRONIK DES REAL EXISTIERENDEN REVANCHISMUS
"Die deutsche Frage bleibt weiter offen", "die deutsche Frage
bleibt natürlich offen" (alles H. Kohl). Kein Tag vergeht, ohne
daß die Regierungsmannschaft der eigenen Nation wie den anderen
Geschichtsunterricht erteilt. Sorgen, sich zu wiederholen,
scheint sie sich nicht zu machen.
Reingelegt in Jalta?
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Ottfried Hennig, Staatssekretär im Innerdeutschen Ministerium hat
sich die Zeit genommen, dem "Bild"-Leser den Ausspruch Ronald
Reagans zu erläutern: Moskau darf Jalta nicht länger mißbrauchen!
"'Moskau betrachtet die osteuropäischen Nationen als Kriegsbeute.
Mit dem Hinweis auf die angeblichen Verabredungen der Jalta-Kon-
ferenz vom Februar 1945 wird sogar versucht, dieser brutalen Un-
terdrückung ein juristisches Mäntelchen umzuhängen.'
Das erklärte der parlamentarische Staatssekretär im Innerdeut-
schen Ministerium, Ottfried Hennig, in einem Interview mit BILD
am SONNTAG.
Nachdrücklich unterstützte der CDU-Politiker den US-Präsidenten:
Reagan hatte erklärt, die Jalta-Vereinbarung der Kriegsmächte So-
wjetunion, Großbritannien und USA könne kein sowjetisches Alibi
für die Unterdrückung Ost-Europas sein.
BamS: Wurden in Jalta Einflußsphären festgelegt?
Hennig: 'Die drei Alliierten haben in Jalta eine Erklärung über
das befreite Europa unterschrieben. Ich kann davon jenseits der
Elbe nichts erkennen. Wenn also Jalta, dann das ganze Jalta.'
BamS: Von Grenzen war nicht die Rede?
Hennig: 'Im Gegenteil: Man hat das Recht aller Völker, sich ihre
eigene Regierungsform selbst zu wählen, beschworen. Grenzen soll-
ten erst in einer Friedenskonferenz festgelegt werden. Über das
Schicksal von Völkern kann man nicht in einer Kriegskonferenz
ohne die Beteiligten beschließen. Die Völker müssen selbst ge-
fragt werden. Verträge zu Lasten Dritter gibt es im Völkerrecht
nicht.'
BamS: War der Westen zu vertrauensselig?
Hennig: 'Man muß dem Westen ins Stammbuch schreiben, daß er den
weltrevolutionären und diktatorischen Charakter Moskaus in Jalta
völlig übersehen hat. Die Sowjetunion ist kein Staat wie jeder
andere. Seit 1917 hat sie 42 mal nach dem Muster Afghanistan ge-
handelt und sich Staaten einverleibt. Im zu Ende gehenden 20.
Jahrhundert sollte es den Begriff der Einflußsphäre nicht mehr
geben. Das Selbstbestimmungsrecht der Völker darf nicht unter die
Räder kommen!'" (BamS, 4.11.)
Heutzutage gilt es also als ehrenhafte Staatsauffassung, zu sa-
gen, der Westen sei auf der Krim hereingelegt worden. Dem Feind
wird vorgerechnet, er habe den Vertrag mit Absichten unterzeich-
net, von denen man nicht im entferntesten etwas geahnt hätte. So
reden Leute, die sich selbst nicht länger an Abmachungen halten
wollen, weil sie sie für überlebt halten, und jetzt beim Gegner
"Beweise" suchen, daß er den Vertrag nicht erfüllt habe - worin
er auch immer bestanden haben mag. Moskau hat den Vertrag doch
glatt dazu benutzt, sich eine eigene Einflußsphäre zu schaffen,
statt der anderen Platz zu machen. Anscheinend stört den Westen
das Ergebnis, das mit der Konferenz zustandegekommen ist: die
Festlegung eines Kriegsresultats, auf das man sich in Jalta ei-
nigte. F r i e d e n wollten es die Alliierten anscheinend
schon damals nicht nennen. Und mit der heutigen Kritik am
"Verrat" der Sowjets, sie hätten in ihrem Machtbereich nicht die
kapitalistischen Verkehrsformen namens Freiheit und Gleichheit
eingeführt, wird die Revision eines Weltkriegsergebnisses einge-
läutet. Mit dem schönen Vorwurf an die damaligen westlichen Kon-
ferenzteilnehmer, sie hätten den Krieg eigentlich gar nicht been-
den dürfen.
Um die Niederungen der CDU-Propaganda handelt es sich bei diesen
historischen Lektionen nicht. Nicht nur in den Tagesthemen wird
man bei passender Gelegenheit darüber aufgeklärt, daß deutsche
Staaten wie Estland oder Litauen hinter den Grenzen des russi-
schen Reiches verschwunden sind. In Universitätsseminaren der ge-
samten Republik wird darüber diskutiert, wie die Russkis die
schlaffen Westler aufs Kreuz gelegt haben.
"Stalins Operation Polen war aber nur ein Teil der kaltblütig ge-
planten, gewaltigen Umwälzung, die vor vier Jahrzehnten die Land-
karte Ost-Mitteleuropas veränderte. Polen war lediglich das erste
Opfer in der größten Landnahme des Jahrhunderts und der Ausdeh-
nung des sowjetischen Herrschaftsbereiches bis an Elbe und Donau.
Drei seit dem Ende des Ersten Weltkrieges unabhängige Republiken
- die Baltenstaaten Estland, Lettland und Litauen - verschwanden
dabei hinter den Grenzen des Russischen Reiches. Die Hälfte Po-
lens, halb Ostpreußen, die tschechoslowakische Provinz Karpato-
Ukraine, die rumänischen Provinzen Bessarabien und Nordbukowina
sowie Ostgebiete Finnlands teilten dieses Schicksal: insgesamt 24
Millionen Menschen auf 472000 Quadratkilometern - zweimal die
Fläche der Bundesrepublik.
Weitere hundert Millionen Menschen in nur noch formell selbstän-
digen Staaten auf über einer Million Quadratkilometer wurden un-
ter Moskaus Protektorat gezwungen, ihre Interessen allein jenen
des Sowjetreiches untergeordnet; ihre Regierung und Parteiführer
ernannte oder entließ der Kreml.
So erging es nicht nur den geschlagenen und besetzten Deutschen,
sondern Feind und Freund gleichermaßen..." ("Spiegel"-Serie über
Jalta, 35/1984)
Bundesrepublikanisches Bewußtsein über 'Machtpolitik', bei der
"wir" auch wieder mitreden. Was soll's auch, so geht es eben zu
in der Geschichte.
Deutsches Geschichtsbewußtsein
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muß lebendig gehalten werden, und so hat sich Helmut Kohl auf das
Treffen der ostdeutschen Landsmannschaften am 10. November in
Bonn begeben. Dort wurde Geschichtsverständnis ausgetauscht:
"Wir sprechen für... Ostpreußen, Westpreußen, Pommern, Berlin-
Mark-Brandenburg, Schlesien und Oberschlesien... Der Ständige Rat
der Ostdeutschen Landsmannschaften und Landesvertretungen ist der
Zusammenschluß der durch demokratische Wahl legitimierten Vertre-
ter der ostdeutschen Provinzen, der ostdeutschen Länder, wie wir
entsprechend der föderativen Gliederung der Bundesrepublik heute
sagen." (Hupka).
Von wegen "ewig Gestrige"! Eine Bundesrepublik ist ihnen immerhin
genauso recht wie - ein Deutsches Reich. Über Namen möchten sie
da nicht streiten. Helmut Kohl jedenfalls weiß die rührige Exil-
regierung zu würdigen.
"Herbert Hupka hat mit Recht in sehr präziser Form unser Verhält-
nis zur Geschichte angesprochen."
Er lebt es sozusagen vor!
"Ein Volk, das seine Geschichte nicht kennt, kann die Gegenwart
nicht begreifen und die Zukunft nicht gestalten. Das ist eine
ganz einfache, aber prinzipielle Vorstellung von Politik. Wer die
Geschichte kennt, der muß wissen, daß jetzt gerade vor 40 Jahren
der bittere, schlimme Zeitabschnitt der Vertreibung von Millionen
Deutschen aus ihrer angestammten Heimat begann."
Eigentlich könnten sie ja froh sein, daß sie hier leben dürfen -
hier haben sie die freie Marktwirtschaft, in ihrer Heimat gibt es
Kommunismus. Aber wenn man in die Vergangenheit blickt, weiß man
anscheinend gleich, wo man in Zukunft hin muß. "Herr Hupka hat
recht: Niemand von uns darf sich vor seiner historischen Pflicht
drücken, Solidarität zu jenen zu üben, die nicht auf der Sonnen-
seite der deutschen Geschichte in den letzten Jahren leben konn-
ten."
Ach so ist das: Als Deutscher hat man das Recht gehabt, in der
Freiheit als Flüchtling aufgenommen zu werden. Und nun werden die
Kosten als Pflicht eingeklagt, die Brüder und Schwestern eben-
falls zu befreien.
Die Stimme des Volksblutes
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darf niemand überhören! Und das ist nicht nur eine Frage des
Bluts, sondern der rechten Einstellung. Stolz kann Hupka inzwi-
schen auf 100.000 "Bekenntnisschlesier" verweisen. So vermehren
sich Vertriebene. Dieses Bekenntnis macht natürlich nicht an den
Grenzen von 1937 halt.
"Große Sorge - und ich nehme hier den Gedanken von Herrn Hupka
auf - bereitet uns die Lage der Deutschen in der Sowjetunion, vor
allem der Tiefstand bei den Ausreisen im Rahmen der Familienzu-
sammenführung. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit appellieren
wir - und so tun wir dies auch heute - an die sowjetische Regie-
rung, für die humanitären Anliegen der Deutschstämmigen eine po-
sitive Lösung zu finden."
Die Kritik an Hupka ist deutlich zu hören. Das "Sorgerecht", das
man für alle Deutschen in Osteuropa reklamiert, darf nicht zu eng
ausfallen. Volksgenosse Kohl erinnert daher an die gültigen
EG/NATO-Formulierungen von einer Lösung" nur unter einem europäi-
schen Dach", und schon fallen ihm beim üblichen Stadt-Land-Fluß
noch viel mehr Namen ein: "Leipzig, Dresden, Brandenburg, Ro-
stock, Krakau, Prag, Budapest und Bukarest um nur ganz wenige
Städte zu nennen."
Der Sowjetunion kommen solche Töne bekannt vor. Schließlich hat
diese Nation internationale Erfahrungen gesammelt und kennt daher
die Geschichte solcher "Sorgerechte".
"...Der Schutz der Auslandsdeutschen, jener 10 bis 12 Millionen
Stammesgenossen, die unter fremdem Joch in fremden Ländern
leben", ist eines der Hauptziele der Weimarer Republik. (Gustav
Stresemann 1925)
Die entsprechenden Revanchismus-Vorwürfe an die BRD bleiben da
nicht aus. Dagegen verwahrt sich die Bundesrepublik ganz ent-
schieden: ungerechtfertigt, verleumderisch, absurd.
"Wenn wir dieses nur in historischen Zeiträumen zu verwirkli-
chende Ziel (der Überwindung der Teilung Deutschlands) im Auge
behalten, dann hat es überhaupt nichts mit Aggressivität oder mit
Revanchismus zu tun, sondern ist der selbstverständliche Wille
eines Volkes, das den Willen zur Einheit der Nation allen anderen
Völkern dieser Welt ganz selbstverständlich auch zubilligt. Wir
wollen nicht mehr, als anderen überall, in allen Kontinenten, ge-
währt wird:"
Das gäbe vielleicht ein Durcheinander: Die Türkei erhält ein
Viertel jeder größeren westdeutschen Stadt, die Aramäer in Augs-
burg schließen sich mit ihren Brüdern in Syrien zusammen, der
Ruhrpott geht zur Hälfte an Polen... So hat es H. Kohl aber auch
nicht gemeint, denn als Student der Geschichte weiß er selbst,
daß auf diese Weise keine N a t i o n zustandekommt. Ihm kommt
es auf den Nationalismus seines Volkes an, den er zum "Argument"
gegen den Kommunismus macht. S e i n e n Nationalismus hätten
sie zerteilt, während auf der anderen Seite des eisernen Vorhangs
keine Staaten existieren, sondern russisches Joch unsere andere
Hälfte unter der Knute hält.
Nationalismus - ein Vorrecht der Freiheit!
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"Deutschland - das ist unser Vaterland. Die Deutsche Nation ist
Wirklichkeit im Bewußtsein der Deutschen, im Bewußtsein der Deut-
schen hier wie drüben in Leipzig, in Dresden und anderswo. Der
geschichtliche, der politische Wandel auf deutschem Boden und die
nun schon vier Jahrzehnte währende Teilung Deutschlands haben das
Bewußtsein seiner nationalen Einheit nicht ausgelöscht."
Kunststück, wo es eine Partei gibt, die sich der Pflege dieses
Programms widmet. Und ohne die Brüder und Schwestern weiter
befragen zu müssen, droht Kohl mit der Einheit des deutschen
Volkes:
"Der Wille eines Volkes ist immer auch in der Geschichte eine Re-
alität gewesen und geworden. Polen ist ein Beispiel dafür."
Und was sagt die Geschichte dazu?
Das weiß F.J. Strauß. Er äußerte sich:
"Für Fragen, für die es keine Lösungsmöglichkeiten zu geben
scheint, eröffnet die Geschichte manchmal ungeahnte Wege."
Oder so ähnlich, und fügte hinzu, daß er dabei an etwas ganz Be-
stimmtes dächte:
"Der Niedergang des sowjetischen Machtsystems hat bereits begon-
nen."
Eventuell muß man wahrscheinlich etwas nachhelfen. Aber wenn es
der Lauf der Geschichte ist...
Eine weitere Steigerung ist für das nächste "Deutschlandtreffen
der Schlesier" in Hannover schon vorgesehen. Das Treffen steht
unter dem Motto:
"40 Jahre Vertreibung - Schlesien bleibt unser. Schlesien ist
nicht die verlorene Heimat, sondern die uns geraubte Heimat, und
die aus ihrer Heimat Vertriebenen wie ihre Nachkommen bleiben so-
lange Vertriebene, solange ihnen nicht das Recht gewährt wird,
als freie Bürger in der freien Heimat zu leben." (Frankfurter
Rundschau, 12.12.84)
Und Hupka führte aus, welches Recht auf diesem Treffen gegen die
Sowjetunion in Anspruch genommen werden wird:
"Als Demokraten und Deutsche können die Schlesier die durch Ge-
walt geschaffenen Realitäten nicht anerkennen. Widerstand gegen
Gewalt ist demokratische Verpflichtung."
In der BRD fallen diese Äußerungen offensichtlich nicht unter die
einschlägigen Paragraphen. Im Gegenteil. Kohl hat sich zu dem
Treffen schon angesagt.
Auch der Bundespräsident will beim nationalen Nachhilfeunterricht
nicht abseits stehen.
"Die deutsche Frage hat noch nie den Deutschen allein gehört.
Alle Nachbarn waren zu allen Zeiten an ihr interessiert und enga-
giert. Auch hat die Geschichte noch nie eine endgültige Antwort
auf diese Frage gegeben. So wird auch die Teilung nicht die
letzte Antwort der Geschichte bleiben. Wenn wir im kontinentalen
und im nationalen Rahmen von Einheit sprechen, dann meinen wir
damit das Ziel, allen Menschen in Europa die Rechte und Freihei-
ten zugänglich zu machen, die zur Würde des Menschen und seiner
freien Selbstbestimmung gehören." (Ansprache des Bundespräsiden-
ten Richard von Weizsäcker beim Besuch des Landes Niedersachsen)
Die Auskunft, die Teilung Deutschlands betrachten wir nicht als
endgültig, also werden wir wohl demnächst wieder einmal etwas Ge-
schichte machen, wollte der Bundespräsident dem gebannt lauschen-
den Auditorium etwas verklausuliert darbieten. Mit historischem
Ausblick sozusagen und der Geschichte als originärem Subjekt. Mit
dem
Engagement der Nachbarn an der deutschen Frage
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meint der Bundespräsident wahrscheinlich seine Ansprache bei ei-
nem Abendessen, gegeben vom Präsidenten der Französischen Repu-
blik, François Mitterrand, im Elysée-Palast am 5. November, bei
dem er zwangsläufig auf dieses Thema zu sprechen kam.
"Das andere Element (nach Demokratie und Zugehörigkeit zu EG und
NATO) sind unsere besonderen nationalen Bindungen an die Deut-
schen im anderen deutschen Staat."
Den Ausländern kann man ja wirklich alles erzählen. Weizsäcker
verschweigt doch glatt, daß wir die lästigen Verwandtenbesuche eh
nicht leiden können.
"Es wäre gegen die menschliche Natur, und es würde der Verantwor-
tung freier Menschen widersprechen, würden wir sie verleugnen.
Ich habe noch keinen Franzosen an der Mauer in Berlin gesehen,
der nicht spontan verstanden hätte, worum es geht."
Wer wollte bei dieser Schlichtheit des Ausdrucks noch sagen, er
verstünde nicht.
"Wir können und wollen die Menschen auf der anderen Seite - Deut-
sche wie wir - nicht im Stich lassen. Sie, wie die Polen, die
Tschechen und andere tragen die schwere Last im geteilten Europa,
aber sie sind und bleiben Europäer, wie wir."
Schon wieder hat er nicht nachgefragt, ob sie überhaupt wollen,
der alte Salbader. Sonst könnten sie ihre Befreiung ja selber ma-
chen.
Helmut Kohl sorgt derweil bei unserem Hauptverbündeten jenseits
des Atlantik für das gehörige Interesse an der deutschen Frage
und die nötige Berücksichtigung in den fälligen Kommuniqués.
"Auf Grund unseres - Bekenntnisses zur Schlußakte von Helsinki
sowie zu den anderen einschlägigen multilateralen und bilateralen
Dokumenten nehmen wir die Teilung Europas nicht als dauerhaft
hin. Wir werden uns darum bemühen, das menschliche Leid zu ver-
ringern, das durch die tragische Barriere verursacht wird, die
den Kontinent und insbesondere das deutsche Volk teilt."
(Gemeinsame Erklärung des Bundeskanzlers der Bundesrepublik
Deutschland und des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Ame-
rika am 30. November 1984)
Man beachte die Reihenfolge der Namensnennung der Unterzeichneten
im Bulletin der Bundesregierung.
Einen englischen Sir Geoffrey Howe laden wir uns an die Mauer in
Berlin ein, damit er als Vertreter einer Schutzmacht auch
"spontan versteht", worum es geht und er hat sich erkenntlich ge-
zeigt. Die Revanchismusvorwürfe der Sowjetunion konnte er nur als
"grotesk" bezeichnen. Es gibt doch nichts Schöneres als ein in-
ternationales Programm zur "Überwindung der Teilung Europas" -
lauter Kriegs f r e u n d e, deren Geschäft der Frieden ist.
Apropos Frieden. Helmut Kohl war seine Prägung: "Von deutschem
Boden muß der Frieden ausgehen." noch zu mißverständlich, obwohl
sie eigentlich keinen Spielraum für Interpretationen ließ.
"Wir wollen, daß von Deutschland die Botschaft des Friedens aus-
geht. Aber es muß ein wahrer Friede sein, ein Friede in Freiheit,
ein Friede, der es uns ermöglicht, als Volk unseren Weg in der
Geschichte selbst zu bestimmen, mit offenen Grenzen, aber auch
mit dem offenen Herzen der Menschen, die im nächsten Jahrhundert,
das in 16 Jahren beginnen wird und zugleich ein neues Jahrtausend
ist, in ihren Herzen die Hoffnung tragen, daß es ein Jahrhundert
des Friedens werden möge."
Freie Fahrt für ein freies Volk ins nächste Tausendjährige Reich!
Klinisch gesehen wäre damit alles klar. Nur: Der Mann ist Bundes-
kanzler und hat Anhänger, weltweit. Und Mittel! Von unserer
grenzfernen Vorneverteidigung z.B. lassen wir uns nicht
abbringen. Denn der Feind hat es gern, wenn er weiß, woran er
ist. "Unser Ja ist ein Ja, und unser Nein ist ein Nein" usw. Und
dann können wir auch wieder versöhnlich sein:
"Kohl sagte in einem Interview, in vielen Bereichen - Umwelt-
schutz, Verkehrsbereich, bei der Post - liefen die Kontakte zur
DDR 'sehr gut'. Vor allem sei festzustellen, daß die DDR sich als
verläßlicher Partner erwiesen habe und 'ihre gegebenen Zusagen
nach Punkt und Komma genau eingehalten hat'." (Süddeutsche Zei-
tung, 10.12.84)
Das mögen wir, wenn die DDR macht, was wir wollen. Dann verdient
sie auch ein Lob, auch wenn man zuvor klarstellen mußte, daß
"unsere Zukunft nicht davon abhängt, daß Herr Honecker uns die
Ehre seines Besuches erweist".
Unser Land und seine Menschen
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Die Polen z.B. sind uns die Allerliebsten, auch wenn man der Re-
gierung gegenüber manchmal nicht darauf verzichten kann, auf sub-
versiven Aktivitäten bei einem Regierungsbesuch zu beharren.
"Wir wünschen uns ein stabiles, ein wirtschaftlich gesundes Po-
len, das sein ganz eigenes, unverwechselbares Profil im Prozeß
der Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa zeigt." (Kohl)
Aber solange an der "Unverwechselbarkeit" noch Zweifel beste-
hen...
"Bundesaußenminister Genscher hat noch einmal davor gewarnt, die
polnische Westgrenze oder Teile des Warschauer Vertrages auch nur
andeutungsweise in Frage zu stellen...
Auf beiden Seiten müsse man erkennen, daß niemandem geholfen,
aber allen geschadet werde, wenn die Fragen, 'über die im War-
schauer Vertrag sorgfältig formulierte, gemeinsame Ausragen ge-
troffen worden sind', heute erneut zum Gegenstand kontroverser
Erörterungen gemacht würden." (Süddeutsche Zeitung, 7.12.84)
Solange die Polen nicht darauf bestehen, zu erfahren, wie der
Vertrag gemeint war, sollten wir uns mit Auslegungen zurückhal-
ten, die doch letztlich der Geschichte vorbehalten sind. Wie der
Vertrag zu verstehen ist, wissen wir doch alle:
"Wer die Wiederherstellung des Deutschen Reiches in den Grenzen
von 1937 fordert, erhebt damit keinen Gebietsanspruch gegen Po-
len. Umgekehrt fordert Polen die Souveränität über Gebiete, über
die es unrechtmäßig herrscht." (Hupka, 11.12.84)
Und wenn das Sagen wieder an uns ist, sind wir ohnehin großzügig:
"Für den Fall der Wiederherstellung des Deutschen Reiches in den
Grenzen von 1937 kündigte Hupka an, die in Schlesien ansässig ge-
wordenen Polen würden nicht vertrieben." (Frankfurter Rundschau,
11.12.1984)
Bei allen Bestrebungen, unser Verhältnis zu den Staaten des Ost-
blocks zu verbessern, verlieren wir natürlich nicht unser eigent-
liches Ziel aus den Augen, ihnen ganz grundsätzlich ihre Souverä-
nität zu bezweifeln. Kontakte müssen daher immer sorgfältig ge-
prüft werden.
"Die Bundestagsfraktion der Union hält Direktkontakte zwischen
dem Bundestag und der DDR-Volkskammer 'nach wie vor für überflüs-
sig'. Der deutschlandpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestags-
fraktion, Eduard Lintner (CSU), begründete gegenüber dem Deut-
schen Depeschen Dienst seine Auffassung damit, daß die Volkskam-
mer im politischen Machtgefüge der DDR 'effektiv nichts zu be-
stellen' habe und 'kein Parlament in unserem Sinne' sei. Deshalb
sei über Kontakte zur Volkskammer politisch nichts zu erreichen.
Zudem sei darauf zu achten, daß der Bundestag in seinem Selbst-
verständnis als frei gewähltes demokratisches deutsches Parlament
der Volkskammer durch direkte Kontakte zu einer 'Legitimation und
Aufwertung' verhelfen würde, die ihr nicht zukämen. 'Das können
wir zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht verantworten.' Der Hinweis
auf bestehende Kontakte zu anderen 'Quasi-Parlamenten in kommuni-
stischen Ländern oder in Diktaturen' ist für Lintner deshalb
nicht schlüssig, weil eine 'besondere Verantwortung für die Deut-
schen in der DDR' bestehe." (Süddeutsche Zeitung, 10.12.1984)
Außerdem haben wir sowieso schon viel zu viel getan.
"Heinrich Lummer (CDU), Berliner Innensenator, sagte in Berlin:
Die 'DDR'-Staatsbürgerschaft werde 'bereits jetzt in notwendigem
Umfang respektiert', was allein die Anerkennung der Ausweis- und
Paßdokumente bei Reisen von Bürgern der 'DDR' zeige." (Bild)
Wir zerreißen nicht gleich ihre Pässe, wenn sie rüberkommen.
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