Quelle: Archiv MG - BRD AUSSENPOLITIK OSTPOLITIK - Deutschland über alles
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Deutsche Wiedervereinigung und polnische Westgrenze
WAS FÜR EIN VERZICHT!
Das ist wirklich das Größte: Deutschland macht sich größer; es
macht sich mächtiger als alle seine Nachbarn - und seine Politi-
ker seufzen, verdrehen die Augen und erklären Gott und der Welt,
so einen Verzicht hätten sie lange nicht mehr geleistet; nur un-
ter größten Schmerzen hätten sie das alte Reichsgebiet jenseits
von Oder und Neiße nunmehr abgeschrieben.
So ist das also:
1.
Bis zur vorigen Woche waren Schlesien, Pommern und Ostpreußen
wohl noch im Prinzip deutsch, oder wie?! Denn verzichten kann man
schließlich nur auf etwas, was einem gehört. Und wenn Bundestag
und Volkskammer sich jetzt, im Juni 1990, eine Verzichtserklärung
abringen und im gleichen Atemzug den Grenzverschiebern in den
Vertriebenenverbänden ihr allertiefstes Mitgefühl aussprechen,
dann haben sie von dem Grenzverlauf offenbar nicht viel gehalten.
2.
Und von den bisherigen Grenzgarantien erst recht nicht. Daß unge-
fähr die ganze restliche Welt sich auf einen Staat namens Polen
mit einer gewissen Westgrenze festgelegt hat, heißt für die Bon-
ner "Verzichts"-Politiker (samt ihren Ostberliner Ablegern) wei-
ter nichts; erst wenn sie sich zu einem Kopfnicken herbeilassen,
soll die Sache Gültigkeit kriegen. Sehr interessant, wie da ein
V e r z i c h t s akt einen H o h e i t s a n s p r u c h
a u f l e b e n läßt!
3.
Beschworen wird die polnische Westgrenze mit lauter heiligen Ei-
den - und mit einer bemerkenswerten B e r e c h n u n g
g e r e c h t f e r t i g t: Um die Polen und die Sicherheit
ihres staatlichen Besitzstandes ging es überhaupt nicht. Die
deutsche Staatsmacht bekundet ihren Respekt vor dem polnischen
Staatsgebiet, weil sie sonst womöglich ernste Schwierigkeiten bei
ihrer "Wiedervereinigung" - sprich: beim Anschluß der DDR an die
BRD bekäme. Für ihre Vergrößerung leistet sie
n o t g e d r u n g e n die verlangte Verzichtserklärung, weil
das außenpolitische Kräfteverhältnis sie dazu nötigt. Eine wun-
derbare Garantie!
4.
Zumal angesichts des nationalen Fortschritts, den die deutschen
Regierungen sich dafür einhandeln. Ihre Vereinigung
v e r s c h i e b t nämlich das Kräfteverhältnis, dem sie notge-
drungen Respekt erweisen, ganz gewaltig. Und wenn Deutschland
erst mal wieder vom Rhein bis an die Oder reicht, wenn deutsche
Machthaber erst einmal wieder über 80 Millionen Bürger gebieten,
über die stärkste Wirtschaftsmacht in Europa und über einen Hau-
fen abhängiger oder mithelfender Nachbarstaaten, dann sieht die
Welt doch gleich ganz anders aus - für sie und für den Rest der
Staatenwelt auch. Wer will dann noch für Verhältnisse einstehen,
die d a n n nicht mehr sind als ein Zugeständnis an unliebsame
Zwänge v o n g e s t e r n?!
5.
Daß deutsche Interessen und deutsche Macht an Polens Westgrenze
überhaupt nicht aufhören sollen: Das haben die deutschen Machtha-
ber im übrigen gleich mit dankenswerter Offenheit dazugesagt.
Denn die Grenze, die sie da anerkennen, soll mal wieder eine von
denen sein, die "nichts trennen". Klar, um die Polen draußenzu-
halten, wenn man sie hier nicht haben will, dazu soll sie schon
taugen. Aber um die Deutschen, d.h. das Geld deutscher Kapitali-
sten, den Einfluß deutscher Vertriebenenverbände, die Ansprüche
deutscher Politiker aufzuhalten: D a f ü r darf diese Grenze
nicht da sein; d a f ü r wird sie nicht anerkannt. Das schöne
Wort dafür heißt, wieder einmal, "Europa". Im Rahmen der
"europäischen Einigung" soll die polnische Westgrenze "ihre Be-
deutung verlieren". Hat man das im Zusammenhang mit dem Anschluß
der DDR nicht auch schon vernommen: "Nur im Rahmen der europäi-
schen Einigung darf/soll/wird Deutschland wieder einig wer-
den!"...?
6.
Auf alle Fälle steht eines fest, auch wenn Pommern, Schlesien und
Ostpreußen nicht nach dem Muster der DDR "im Rahmen Europas ver-
einigt" werden: Wenn der Grenze zwischen Polen und Deutschland
"das Trennende genommen wird", dann ganz gewiß nicht, damit die
Polen den deutschen Machthabern reinreden. Das haben die schon
nicht geduldet, als sie ihren DDR-Anschluß zur "europäischen
Frage" ernannt haben. So herum gilt "Europa" für die Deutschen
überhaupt nie. Umgekehrt: Deutsche Kapitalisten und deutsche Po-
litiker haben mit den Ostgebieten des Kontinents einiges vor; und
d a b e i hält keine Oder-Neiße-Grenze sie auf. D a s verspre-
chen sie hoch und heilig!
7.
Haben die Vertriebenenverbände also unrecht, wenn sie die Grenz-
frage nach wie vor für unerledigt halten? Oder ist ihr "Schlesien
bleibt unser!" nur viel zu kleinkariert für die neue deutsche
Macht? Wo deren Wahlspruch doch lautet: "Europa wird unser - und
Polen haben wir mit der D-Mark schon halb im Sack!"
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