Quelle: Archiv MG - BRD AUSSENPOLITIK OSTPOLITIK - Deutschland über alles


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       Das Marburger "Abenteuer" Fluchthilfe
       

JEDE ZEIT HAT IHRE HELDEN

"Deutsch-Stunde Elf Schüler fliegen aus einer Marburger Privatschule. Warum? Weil die Jugendlichen ein Gefühl für Freiheit überkam. Am Ende einer Gruppenreise durch die "DDR" versteckten sie einen Flüchtling im Bus und brachten ihn in den Westen. Die Schüler haben unvorsichtig gehandelt. Und höchst ehrenwert. Deutsch-Stunde? Ja. Die Schüler haben aus Idealismus gehandelt. Zählt dieses Motiv nichts mehr im deutschen Vaterland?" (Bild, 17.1.) 1. Bernd B. ----------- der Flüchtling aus Erfurt, ist das Material dieser Deutschstunde. Was er davon hat, endlich die Segnungen der Freiheit zu genießen, erfährt man am Rande. Laut "FAZ" vom 18.1. - und hier kann man dieser Zeitung glauben - "weiß Bernd B. am allerwenigsten, was eigentlich gespielt wird". Ansonsten sucht er seit dem 21. Dezem- ber 1984 Arbeit - womit sich ihm die westdeutsche Freiheit gleich als doppelter 'Vorteil' vorstellt: Erstens lernt er, daß man hierzulande sein Auskommen dann und nur dann hat, wenn man die Erlaubnis bekommt, sich zum nützlichen Idioten von Kapital oder/und Staat machen zu können. Zweitens wird er nicht als "Wirtschaftsasylant" wieder rausgeschmissen, weil er - und da kann er nichts dafür - statt aus der Türkei aus der DDR kommt. Auf letztere, d.h. auf deren Staatsgebiet samt menschlichem In- ventar, erhebt nämlich die BRD einen R e c h t s a n s p r u c h - und zwar seit 1949, als sich die BRD ins Grundgesetz geschrie- ben hat, daß ihre Freiheit zumindest bis an die Grenzen von 1937 grenzenlos zu sein hat. Von daher ist Bernd B. ein deutsch-natio- nales Politikum - er kommt in den Genuß, ein B e w e i s- m i t t e l zu sein dafür, daß einzig die w e s t l i c h e Herrschaft - also die von Kohl - seine l e g i t i m e H e i- m a t sein darf. 2. Die Schüler -------------- der Privatschule Steinmühle in Marbach, die den Erfurter "zur Flucht überredeten" (wie eine der Schülerinnen im "heute journal" extra betonte), sind die s e l b s t b e w u ß t e n I d i o t e n des Spektakels. Ihre jeweiligen unterschiedlichen Motive - die nachträglichen Interpretationen reichen von "Abenteuerlust, Hilfsbereitschaft, Mitgefühl, Spontaneität" über "gewisse persönliche (?!) Mißerfolge..., die häufig bei Klassen- fahrten in Ostblockländer auftauchen..., die Marburger hatten bei Diskussionen mit FDJlern schlecht abgeschnitten" (FAZ), bis hin zur Gesinnungstäterschaft in Sachen Freiheit (in diesem Sinn äu- ßerte sich eine Fluchthelferin im "heute-journal" des ZDF am 16.1.) - spielen dabei eine untergeordnete Rolle. "Unpolitische" Räuber- und-Gendarm-Mentalität oder nicht - man muß ja erst ein- mal auf die Idee kommen, einen wildfremden Menschen einfach in ein anderes Land schmuggeln zu wollen. Für wen (= welche Nationa- lität) gehen denn ansonsten rechtschaffene Möchtegern-James-Bonds das "Risiko" ein, sich des Straftatbestandes der "Beihilfe zum illegalen Grenzübertritt" oder gar des "staatsfeindlichen Men- schenhandels" (so die einschlägigen DDR-Gesetze) schuldig zu ma- chen? Für den Genuß des "schönsten Augenblicks meines Lebens, einen Menschen so glücklich zu sehen wie Bernd, als wir im Westen waren" (zit. nach FAZ), muß man sich schon die westdeutsch-natio- nale Lesart der DDR als "Völkergefängnis", "Unrechtsregime" etc. zur Leitlinie des "spontanen Beschlusses" gemacht haben, Bernd B. zu seinem Recht auf Freiheit im Westen zu verhelfen. Man muß schon mit dem Bewußtsein als M i n i - B e a u f t r a g t e d e r N a t i o n - W e s t ins "Reich des Bösen" fahren und sich vor Ort den Beweis abholen wollen, daß die Nation-Ost heim i n s R e i c h (der Freiheit) geholt gehört - sonst käme man wirklich nicht auf die Idee, sich als kleine P a r t i s a n e n d e r F r e i h e i t hinter den feindlichen Linien aufzufüh- ren, die gleich einen lebendigen Beweis der kommunistischen 'Unfreiheit' mitbringen. 3. Die Schule ------------- vertreten durch Lehrer und Leitung, konnte selbstverständlich einen Verstoß gegen die Schulordnung nicht o h n e w e i t e r e s durchgehen lassen. Immerhin lag "eine Gefährdung der restlichen Schüler und der sie begleitenden Lehrer" vor. Und noch weit Schlimmeres erfuhr eine G e f ä h r d u n g: "Die (eigentlich Nicht-Beteiligten) können vielleicht nie mehr in die DDR fahren." Und: "Sind jetzt noch Klassenfahrten in die DDR mög- lich?" Womöglich negative Auswirkungen auf den ganzen Polittou- rismus mit Schulkindern? Die Verantwortlichen fordern also die Fluchthelfer zunächst auf, freiwillig von der Schule abzugehen. Damit war ihrer Pflicht als Erzieher Genüge getan. Dann nahmen sie alle Disziplinarmaßnahmen wieder zurück und erwiesen so der p o l i t i s c h e n H e l d e n t a t ihrer Schüler und deren öffentlicher Feier ihre Reverenz. Im Gegensatz zum "Bild"-Gegei- fere verhielten sie sich also pädagogisch und deutschlandpoli- tisch vorbildlich. 4. Des Volkes Stimme -------------------- meldete sich ob des "Trauerspiels um eine geglückte Fluchthilfe" (FAZ) ebenfalls zu Wort und war überwiegend empört über die Reak- tion der Schule. Hier zwei Stimmen aus der "Oberhessischen Presse (OP)" vom 18.1.: "Mich erschüttert, wie die Sache von der Schule behandelt wird. Wie der Direktor, Herr Teichler, offensichtlich selbst zugegeben hat, sind die Schüler nicht genau auf die gefährliche Situation im Ostblock hingewiesen worden." Also: Die eigentlichen Schuldigen sind die Lehrer, weil sie vor- her nicht genügend gegen die DDR gehetzt, pardon: über sie aufge- klärt haben. "Wo liegt der Unterschied zwischen einer Flucht aus einer faschi- stischen Diktatur und einer kommunistischen? Menschen helfen ei- nem Landsmann zur Flucht in die Freiheit - und werden dafür in einem freien Land bestraft. Schüler beweisen, daß sie trotz schwerer Risiken den Mut haben, sich den Repressalien einer Dik- tatur zu widersetzen - und ein Lehrer erdreistet sich, diese Schüler nicht mehr unterrichten zu wollen. Ich glaube eine Regel- überprüfung dieser 'Pädagogen' durch den Verfassungsschutz wäre nicht unergiebig." Also: Wer sich nicht am individuellen Kleinkrieg gegen den Kommu- nismus beteiligt, hat auch noch mehr Dreck am Stecken - so die konsequente nationale Logik. Und damit "wir" uns vor einer Dikta- tur schützen können, haben "wir" ja einen Stasi der Freiheit, der solche Nestbeschmutzer entfernt - auf geht's. 5. Die öffentliche Presse ------------------------- von "Bild" über "FAZ" bis zum "heute-journal" liegt also daneben, wenn sie die nationalistisch besorgte Frage stellt, ob der "Idealismus im deutschen Vaterland noch zählt". Andererseits ha- ben sie diese Frage aber schon längst positiv beantwortet, wes- halb sie eine "Deutschstunde" verabreichen, die sich gewaschen hat: Daß die DDR blamiert, geschädigt und bekämpft gehört, ist der von ihnen täglich produzierte Grundkonsens im deutschen Vaterland, bedarf also gar keines Beweises mehr. So inszeniert dann ein Hans Scheicher im "heute-journal" einen klammheimlichen Aufruf zur privaten Partisanen-Wühltätigkeit im Osten, indem er bedauert, daß "die offiziellen Fluchtwege über unsere Botschaften drüben aus politischen Opportunitätserwägungen verbaut sind", und sodann über "Möglichkeiten" nachsinnt, wie man trotzdem die "Politik der menschlichen Erleichterungen fortset- zen" kann (dann folgte der Filmbericht über die Marburger Flucht- hilfe-Aktion). Dabei weiß dieser Opportunist der Nation-West ganz genau, daß der s t a a t l i c h e R e c h t s a n s p r u c h der BRD auf die DDR etwas völlig anderes ist, als "unseren Lands- leuten" drüben "menschliche Erleichterungen" zu verschaffen. Aber das macht die Sache erst recht pikant: Wo von Seiten der Politik klargestellt wird, daß ihr Programm "Aufhebung der Teilung Deutschlands, Europas und der Welt", also die Bestreitung der Souveränität eines ganzen Staatenblocks ohne einen Krieg, der in ihre Kompetenz fällt, nicht zu haben ist - da kann es nur nütz- lich sein, wenn sich hiesige Untertanen das nationale Anliegen zum ganz persönlichen Vor-Kriegsprogramm machen, da ist es wirk- lich scheißegal, welche Illusionen sie sich leisten. Die "FAZ" kommentiert dazu kongenial: "Drei Wochen nach dieser Enthüllung im Bus sind alle am Boden zerstört: Sie wissen nicht mehr, ob es gut oder böse war, was sie getan haben... Jemanden, der die Kinder am 20. Dezember spontan zur Brust und anschließend in die Arme genommen hätte, gibt es nicht. Was sollen sie sich darauf für einen Reim machen? Viel- leicht diesen: Jede Zeit hat ihre Helden." zurück