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Honecker kommt
EIN (UN-)STAATSBESUCH WIRD VORBEREITET
In der DDR kennen aufrechte westdeutsche Bürger sich aus: Sie be-
steht im wesentlichen aus 17 Millionen "Brüdern und Schwestern";
einer Mauer drumrum und einem Honecker, der das Ganze mit russi-
schem Schießbefehl unter der Fuchtel hat. Und ausgerechnet dieser
Honecker wird demnächst von unseren Kohls und Weizsäckers mit al-
lem Drum und Dran als Staatsgast, empfangen. So ein Akt der
"deutsch-deutschen Normalisierung" will entsprechend vorbereitet
sein. Deshalb bemühen sich bundesdeutsche Politiker und ihre
freie Öffentlichkeit seit Wochen redlich darum, die ganz normalen
Beziehungen von Deutschland-West nach Deutschland-Ost zu verdeut-
lichen.
Wenn die Bild-Zeitung auf Seite 1 folgende Schlagzeile bringt:
"Tollkühn! Familie floh im gelben Zweisitzer" (19.8.) - dann weiß
jeder, von wo nach wo die Reise ging. Hier kann es sich nicht um
irgendwelche dahergelaufene Asylanten oder sonstige
"Wirtschaftsflüchtlinge" handeln, sondern um tapfere Helden der
beliebten Serie "Freiheit statt Sozialismus". Denn was sind schon
ein "Zwei-Familien-Haus, Garten davor, ein Lada 1600 in der Ga-
rage, ein Farb-TV im Wohnzimmer" (Bild 19.8.) gegen das unglaub-
liche Freiheitsgefühl, einem bundesdeutschen Hetzblatt genau das
zu erzählen, was das sowieso jeden Tag schreibt: "Helmut Lucka
bei Kohlrouladen mit Knödel zu Bild: 'Drüben bist du eingeschlos-
sen. Das ist kein Leben'."
*
Unsere Freiheit ist ein hohes Gut und durch nichts - schon gar
nicht ein halbwegs sorgenfreies Leben - aufzuwiegen. Die Schön-
heiten der wahren Freiheit durfte neulich eine Westberliner Rent-
nerin (500,- DM Sozialrente) durchleben.
"US-Präsident Ronald Reagan und dessen Frau Nancy hatten ihr und
fünf anderen Trümmerfrauen am 12. Juni im Reichtagsgebäude die
Hand geschüttelt. Sie lobten ihre Tapferkeit beim Wiederufbau."
(Süddeutsche Zeitung vom 14.7.)
Nachdem ihr ein paar Wochen später dank der vom Bundestag be-
schlossenen Aufhebung der Mietpreisbindung für Berliner Altbauten
eine Mieterhöhung auf mehr als 300,-DM angekündigt worden war,
hat sie sich dann umgebracht. Das sind halt Geschichten, wie sie
das (Westberliner) Leben so schreibt.
"Die Sozialbehörden schätzen die Zahl der Berliner Rentnerinnen,
die sich in ähnlicher Situation wie Frau Niendorf befinden, auf
mehrere tausend."
Publik geworden ist das Ganze, weil die DDR-Presse gemeint hat,
sie könnte mit erschütternden Berichten unter dem Titel
"Trümmerfrau durch Mietwucher in den Tod getrieben" unseren schö-
nen Freiheits-Staat madig machen. Diesen Skandal läßt unsere
freie Presse nicht durchgehen. Das ist widerliche Propaganda und
pietätlos obendrein: "Eine Tote wird zum Opfer der Propaganda."
(wieder die liberale Süddeutsche Zeitung) So sind sie eben, die
Freiheitsfeinde: Kein Funken Respekt vor einer Freitoten.
*
Neulich wurde auch mal wieder ein deutsch-deutscher Agententausch
durchgeführt: 2 Westler, die in der DDR im Gefängnis saßen, gegen
3 Ostler, die hierzulande erwischt worden waren. Die Geheim-
dienst-Unterhändler beider Seiten hatten das so ausgemauschelt.
Sie werden schon gewußt haben warum. Jeder anständige Staat hält
sich einen Geheimdienst, um beim Hauptfeind - und nicht nur da -
Spionage zu betreiben. Und ein geschnappter Agent war schon immer
ein gutes Pfand zum Auslösen der eigenen. Wie der Name
"Geheimdienst" schon sagt, wird so was normalerweise im Interesse
beider Seiten im Geheimen abgewickelt. Beim zwischendeutschen
Agentenwesen ist das alles nicht so einfach. Ab und zu muß hier
die Öffentlichkeit über die hinterhältigen Praktiken der DDR auf-
geklärt werden. Nicht genug damit, daß die erstens jede Menge gut
geschulter Sekretärinnen auf uns ansetzen, schnappen sie zweitens
gemeinerweise auch noch hin und wieder unsere eigenen Spione.
Drittens und vor allem gibt es genaugenommen gar keine West-
Spione in der DDR, sondern nur unschuldige freiheitsliebende Men-
schen im Dienste des BND, die sich bloß aus Liebe drüben ein biß-
chen umschauen. Und viertens sind dann auch noch die DDR-Gefäng-
nisse genauso ungemütliche Anstalten wie die Haftanstalten, in
denen wir "unsere" zu Recht verurteilten Landesverräter aufbewah-
ren.
*
"Die Mauer muß weg!" Das gilt strenggenommen das ganze Jahr über.
Das hat zumindest erst kürzlich Ronald Reagan höchstpersönlich in
West-Berlin verkündet. Und der muß es als NATO-Oberbefehlshaber
ja wissen. Am 13. August aber sollte diese Botschaft mit ganz be-
sonderer Inbrunst in die Welt geschrieen werden. Dieses Jahr ha-
ben stellvertretend für "uns alle"
"beiderseits des Brandenburger Tores jeweils rund 50 Demonstran-
ten in Sprechchören die Beseitigung der innerstädtischen Grenze
verlangt... Der harte und aktive Kern der Demonstranten, der zu-
letzt teilweise alkoholisiert war, hatte im wesentlichen aus Ju-
gendlichen der Ostberliner Rock- und Punkerszene bestanden." (SZ,
17.8.)
So eine Mauer kann also auch ihre guten Seiten haben. Oder wie
sollte man ohne dieses Bauwerk unterscheiden können, ob es sich
bei "alkoholisierten Punkern und Rockern" um "Kreuzberger Chao-
ten" handelt, gegen die die Westberliner Polizei hart durchgrei-
fen muß, oder um die "freiheitsdurstige DDR-Jugend"?
*
Wenn der Honecker schon ein "gutes Klima" zwischen "unserem"
Deutschland und seiner DDR will, warum kann dann die DDR-Regie-
rung nicht endlich mal von einer lästigen Angewohnheit Abstand
nehmen? Laufend beschließt sie Gesetze und Verwaltungsmaßnahmen,
ohne vorher in Bonn oder bei der Bild-Redaktion vorzusprechen!
Dabei hat man dort jede Menge Ratschläge für Ost-Berlin auf
Lager. Aber egal, ob es ihre Wirtschaft, ihre Grenzkontrollen
oder ihre Ausreisebestimmungen betrifft, diese Kommunisten lassen
sich einfach viel zu wenig reinreden.
Neulich zum Beispiel haben die DDR-Behörden plötzlich aus heite-
rem Himmel die Zählkarten einbehalten, die DDR-Rentner ausgehän-
digt bekommen, wenn sie in die BRD reisen. Bis zu diesem Zeit-
punkt war sich die hiesige Öffentlichkeit selbstverständlich dar-
über im klaren, daß es diese Zählkarten nur gab, um arme DDR-
Rentner auf schikanöse Weise zu kontrollieren. Aber die Dinger
"ohne erkennbaren Anlaß" einzubehalten - das ist eine
"Neue Schikane
Es wird weiter schikaniert. Honeckers Grenzer nehmen jetzt "DDR"-
Rentnern, die West-Berlin besuchen wollen, die Zählkarten ab.
Diese Zählkarten berechtigen im Westen zum Empfang von 30 Mark
Begrüßungsgeld."
So sind sie, die Ost-Zonalen, ändern einfach einen Verwaltungs-
akt, und schon blicken bundesdeutsche Sozialämter nicht mehr
durch und werfen unter Umständen "armen DDR-Rentnern" die 30,- DM
Begrüßungsgeld zweimal in den Rachen. Heimtückischerweise hat die
DDR sich zwei Tage später noch eine neue Schikane für reiselu-
stige Rentner ausgedacht die berüchtigten gelben Zählkarten wur-
den wieder ausgeteilt.
So ein Durcheinander bei der Rentner-Abfertigung wird es in Zu-
kunft nicht mehr geben. Kohl und Konsorten lieben nämlich ihre
"armen alten Leutchen" dies- und jenseits der Mauer. Für die
Rentner "drüben" wird die Sache mit dem Begrüßungsgeld neu gere-
gelt. Statt maximal zweimal 30.-- DM gibt's jetzt einmal 100.--
DM aus der Bundeskasse pro Jahr und DDR-Besucher. Geregelt werden
muß nur noch die "Frage, wie die Zahlungen kontrolliert werden
können". (SZ 27.8.) (Wie wär's mit schwarz-rot-goldenen Zählkar-
ten?) Denn eins ist ja wohl klar, damit Kanzler Kohl sich gönner-
haft als "Gastgeber" loben kann, der dafür sorgt, daß "Besuche
aus der DDR nicht an finanziellen Schwierigkeiten scheitern müs-
sen" (SZ 27.8.), ist ein Blauer jährlich pro DDR-"Gast" schon
fast mehr als genug. Dafür kann man hierzulande immerhin minde-
stens 20 Hamburger verdrücken, 10 Pfund Kaffee erstehen oder ein-
mal im Hotel übernachten.
Auch für bundesdeutsche Rentner hat man in Bonn bekanntlich viel
Verständnis. Gegen den von der DDR verlangten Zwangsumtausch muß
heftig protestiert werden. 25.-- DM pro Reisetag - das ist wider-
lich und gemein, wo doch auch die Kommunisten in Ost-Berlin wis-
sen könnten, daß sich ein westdeutscher Durchschnitts-Rentner
solche Unsummen unmöglich leisten kann.
*
Es versteht sich von selbst, daß man als verantwortungsbewußter
Westdeutscher über die effektivste Grenzsicherung der DDR nach-
grübeln muß.
Rund 400.000 mal haben bundesdeutsche Politiker und ihre Hofbe-
richterstatter von der Bild-Zeitung behauptet, die DDR wäre ein
Völkergefängnis, aus dem außer ein paar eingefleischten SED-Funk-
tionären alle abhauen wollen. Jetzt macht es überhaupt nichts,
wenn man das Geschwätz von gestern mal kurz beiseite läßt. Daß
die Mauer weg muß, kann man nämlich genauso gut streng nach der
Logik, nach der jeder dritte Mensch ein Chinese ist,
"ausrechnen". 50.000 ausreisewillige DDR-Bürger gibt es zwar nie
und nimmer. Und die Vorstellung, solche Massen würden plötzlich
im Zonendurchgangslager Friedland anrücken, können weder die Po-
litiker in Bonn noch die Bild-Zeitung leiden. Seit wann leben wir
denn in einem Einwanderungsland? Aber mit der Erfindung von
50.000 reisefreudigen Ostdeutschen, die unbedingt mal einen Kurz-
urlaub in der BRD und die Freiheit genießen wollen, eine Bild-
Zeitung zu lesen, läßt sich schön gegen die DDR stänkern.
Was hindert also Honecker daran, die Mauer niederzureißen: Viel-
leicht ist es ja der regierungsamtliche Standpunkt, als dessen
Sprachrohr die Bild-Zeitung sich aufführt: Der Anspruch, sämtli-
che Belange der DDR-Innenpolitik von Bonn aus mitzuregieren.
*
Die Jungmannschaft der CDU hat sich auch was ausgedacht, wie man
DDR-Politikern bei ihren Geschäften hilfreich unter die Arme
greifen könnte.
"Der Vorsitzende der Jungen Union Deutschlands, Christoph Böhr,
hat die Einrichtung eines deutsch-deutschen Jugendwerks als ein
dringendes Vorhaben bezeichnet, das noch während des Besuchs des
DDR-Staatsratvorsitzenden Erich Honecker vereinbart werden
sollte... Es müsse klar sein, sagte Böhr, daß ein deutsch-deut-
sches Jugendwerk etwas anderes sei als die bestehende deutsch-
französische Einrichtung. Man müsse auch den Versuchen der DDR-
Führung entgegentreten, Jugendreisen reglementieren zu wollen.
Ein solches Jugendwerk könnte den Austausch von jungen Sportlern,
Orchestern oder Chören organisieren, Ausstellungen, Aufführungen
oder Dichterlesungen veranstalten usw. usw." (SZ, 25.7.)
Alles klar: Wir brauchen etwas echt gemeinsames Deutsches - nix
ausländisch-französisch Grenzüberschreitendes! Und deutsche Ge-
meinsamkeit, das heißt: Es wird westlich reglementiert und nicht
östlich organisiert.
So darf jedes Parteigrüppchen etwas beitragen zur beliebig zu
verlängernden "Wunschliste" für Honecker, an der in Bonn derzeit
heftig gearbeitet wird. Nichts ist zu blöd, als daß man es sich
nicht von der DDR wünschen könnte; zum Beispiel, Fahrradtouren
für westdeutsche Radler. Wie man den Kohl kennt, ist ihm das
schon immer abgegangen.
*
Zur Begrüßung des DDR-Staatsratsvorsitzenden haben sich die Jungs
von der Jungen Union West-Berlin noch eine kleine Extra-Frechheit
ausgedacht. Honecker wurde ein "Scheck über 55,-- DM mit dem Ver-
merk 'Ausgleich für Umtausch-Kürzungen bei Westreisen' ge-
schickt." Das Ganze sei als "Gag" zu verstehen (SZ, 25.7.). Min-
destens genau so lustig wäre es, wenn die DDR zum Beispiel ver-
langen würde, daß Franz Josef Strauß vor seinem nächsten DDR-Be-
such einen Aids-Test machen muß.
*
Ein paar Vorabkommentare zum Ergebnis des Besuchs sind auch nie
verkehrt. Der Bund der Vertriebenen und Alfred Dregger erklären,
daß man sich von diesem Staatsakt eigentlich überhaupt nichts
versprechen kann. Daneben wird ein bißchen laut darüber nachge-
dacht, ob man hier nicht einen Mann "freien deutschen Boden" be-
treten läßt, der
"den Menschen in Mitteldeutschland das Selbstbestimmungsrecht
verweigert, der für den mörderischen Schießbefehl an der inner-
deutschen Grenze und der Berliner Todesmauer verantwortlich ist
und der Menschenhandel betreibt, um westliche Devisen zu schef-
feln." (SZ, 25.7.)
Ausgerechnet der CDU-Abgeordnete Heinrich Lummer, der jahrelang
vom Schreibtisch des West-Berliner Polizei-Chefs aus radikal für
Ruhe und Ordnung gesorgt hat, hält es für einen Widerspruch, wenn
"ein befehlender Schreibtischtäter in Bonn mit Ehren empfangen"
wird (SZ, 29.7.)
Die CSU ergreift die Gelegenheit, um noch einmal den vom Bundes-
kanzler vor kurzem aufgebrachten Vergleich von DDR-Gefängnissen
mit Konzentrationslagern und Folteranstalten aufzuwärmen.
Aber selbstverständlich ist Erich Honecker in Bonn herzlich will-
kommen. Normalerweise werden Staatsbesuche zwar schon wegen viel
geringerer diplomatischer "Fehltritte" abgesagt. Aber der DDR-
Chef scheint tatsächlich auf "normale, gutnachbarliche Verhält-
nisse" zu den Gesamt-Deutschlandpolitikern in Bonn so viel Wert
zu legen, daß er unverdrossen gute Miene zu deren Klarstellungen
macht, man könne die DDR letztlich doch nicht als normalen ge-
schweige denn guten Nachbarn a n e r k e n n e n. Für diesen
kleinen Widerspruch kriegt er dann auch in Bonn seine Fahne hoch-
gezogen und seine Hymne gespielt.
***
P.S.:
Und jetzt auch noch das: Erich Honecker soll tatsächlich zum 2.
Mal geschieden sein! Das hat die Bild-Zeitung vom 20.8. enthüllt,
obwohl das sonst noch keiner weiß. Was davon abhängt, wissen wir
auch nicht. Aber wie man die DDR kennt, steckt da garantiert was
dahinter.
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