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Dichter in "geteilter" Nation
EINIGKEIT IM GEIST DURCH FREIHEIT
Das von Stalin dem Historischen Materialismus zugeschriebene Ge-
setz von der relativen Trägheit des Überbaus gegenüber seiner Ba-
sis haben Westdeutschlands Schriftsteller relativiert, indem sie
schon Stunden nach der Stunde Null von 1945 anfingen, exklusiv
für die erst vier Jahre später aus der Taufe gehobene Bundesrepu-
blik Deutschland zu schreiben. In ihren Werken spiegelten sich
auch später getreulich alle politischen Konjunkturen westdeut-
scher Demokratie ebenso wie die Phasen der Gegnerschaft zum
"unfreien Teil" der "geteilten" Nation. Inzwischen allerdings hat
der alte Dogmatiker die Freigeister wieder eingeholt: Wo die Na-
tion-West zum Dialog der Waffen rüstet, um den Frieden in Frei-
heit weltweit durchzusetzen, setzen sie immer noch auf die sub-
versive Wirkung freiheitlichen Dialogs gegen die Ost-Kollegen für
den Frieden.
"Pfeift auf die Grenzen. Wünscht nur die Sprache geräumig... Denn
Besseres (über die Drahtverhaue hinweg) haben wir nicht. Einzig
die Literatur (und ihr Unterfutter: Geschichte, Mythen, Schuld
und andere Rückstände) überwölbt die beiden sich grämlich abgren-
zenden Staaten. Laßt die gegeneinander bestehen - sie können
nicht anders -, doch zwingt ihnen, damit wir nicht weiterhin
blöde im Regen stehen, dieses gemeinsame Dach, unsere nicht teil-
bare Kultur auf." (G. Grass, Kopfgeburten oder die Deutschen
sterben aus)
Eines ist die Dichtermarotte, das Wohlbefinden der Leute mit Karl
dem Großen in der Erinnerung, einem Lutherbild im Kopf, deutschen
Lauten auf den Lippen und der "Blechtrommel" auf dem Küchentisch
ausmachen zu wollen; etwas ganz anderes ist es, deswegen über
eine Grenze jammern zu wollen. Die absurde Vorstellung einer
Sprache ohne Raum und einer Mauer, die Märchen und literarisch
ausgepinselte Moralbotschaften trennen können soll, übersetzt die
höheren Sphären, die Dichter als Macht des Geistes verwalten wol-
len, gleich in einen staatlichen Anspruch auf ein deutsches Volk.
Als höherer Ruf nach einem "Deutschland über alles" kennt Grass
für seine Dichterphantasie keinen anderen Inhalt als den völ-
kisch-nationalen; und weil ihm die Politiker nicht den Gefallen
tun, seine Sorge um den einen unteilbaren Goethe zu teilen, ste-
hen sie vor ihm blamiert da.
Ein westdeutscher Dichter bekennt sich aus ganz ästhetischen und
ureigensten Gründen zu seinem ihm vorgegebenen Lebensraum, und
dieser reicht so weit wie die deutsche Zunge, samt Wiedervereini-
gungsgebot und Niederlegen der Mauer als geistigem Anspruch. Vor,
diesem nationalen Gebot verblaßt jede staatliche Gewalt - oder
wie es der "unanständige Deutsche" Böll auf seine bekannt zerset-
zende Weise ausdrückte:
"Es gibt überhaupt keine höhere Form des Bekenntnisses zu einem
Volk, als in seiner Sprache zu schreiben (...), und das bedeutet
viel mehr als Ein Paß oder ein Personalausweis oder ein Wahlzet-
tel." (Eine deutsche Erinnerung)
Aus Sprachgründen also, aus einem dichterischen Idealismus her-
aus, der sich zu einem Mangel (man beherrscht nur dieses Idiom
gereimt und ungereimt) bekennen will, und ihn deshalb zum Dienst
am Volk, an d e s s e n Sprache erklärt (an der er ansonsten
kein gutes stilistisches Haar läßt), weiß so ein demokratischer
Dichter ganz selbstverständlich und ganz genau, wofür er dichtet:
für eine nationale Identität, und worüber er steht: über einer
politischen Gewalt, die für sein Gefühl diese Identität mangel-
haft, weil formell-bürokratisch befriedigt. Gerade so aber er-
kennt er sie auch an: Von seinem Standpunkt der ästhetischen
Volkseinheit aus interessieren ihn die Realitäten der Politik im-
merhin so sehr, daß sie ihm zur Grundlage eines ständigen Ver-
gleichs mit seiner Idealität durchaus taugen.
Deswegen sind die p o e t i s c h e n Gedanken eines solchen
Dichters ebenso zeitlos wie seine Themen up-to-date: Ob Vergan-
genheitsbewältigung, Wirtschaftswunder, deutsche Teilung oder
Menschheitsuntergang er braucht sich nicht nachsagen zu lassen,
daß er seine Themen politischen Konjunkturen verdanke, gar, daß
er ein BRD-Barde sei, schließlich war und ist er ja in allem nur
ein Dichter der deutschen Sprache. Und deswegen zeichnen die
p o l i t i s c h e n Stellungnahmen eines solchen Dichters im-
mer ebenso zeitgeistig gemäß wie selbstbewußt die jeweils abge-
steckten politischen Frontlinien nach. Er bezieht seine Gefolg-
schaft nicht einfach aus seinem deutschen Paß, also einem ganz
ordinären staatlichen Akt, sondern aus seiner Verpflichtung, ein
deutscher Dichter zu sein, der sich zu seinem Volk bekennt. Als
solcher steht er eben über allem und ist stets mit ganzem Herzen
dabei.
"Nullpunkt der Literatur" oder:
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Neue Träume von deutschen Wesen
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Über die Niederlage des nationalsozialistischen Reiches 1945 weiß
ein Grass nur mitzuteilen, daß er durch Hitler in seinem Glauben
an ein gutes Deutschland enttäuscht worden sei:
"In gefärbten Uniformstücken standen wir frühreif zwischen den
Trümmern. Wir waren skeptisch und fortan bereit, jedes Wort zu
prüfen und nicht mehr blindlings zu glauben. Jede Ideologie
prallte an uns ab."
Daß es mit dieser Bereitschaft nicht weit her war, vielmehr der
neue Glaube D e m o k r a t i e u n d F r e i h e i t hieß,
wußten die ästethischen Auguren deutschen Geistes sofort in das
Bild von der "Stunde Null" zu gießen, mit der "Chance" eines
"Neuanfangs" für ein "besseres Deutschland". Daß ihre mit diesen
Traum beglückten Mitbürger in der Regel andere Sorgen hatten als
den Wunsch nach einem zukünftigen Musterstaat auf deutschem Bo-
den, störte sie wenig; ebenso wenig ließen sie sich durch die
Tatsache, daß mit der Aufteilung Deutschlands unter die Alliier-
ten über die künftige weltpolitische Benutzung der in den Zonen
lebenden Menschen schon alles entschieden war, von der Vorstel-
lung eines völligen Neuanfangs abbringen.
Daß 1945 ein Vakuum eingetreten sei, das es mit bester morali-
scher Gesinnung auszufüllen gelte, ersahen sie vielmehr daraus,
daß Hitler eine Leerstelle hinterlassen hatte, die nicht sofort
wieder durch ein konsolidiertes Staatswesen ausgefüllt würde. Das
dazwischengeschaltete Besatzungsregime der Alliierten galt den
Schriftstellern der ersten Stunde als Chance, statt den politi-
schen Ungeist am ästhetischen Anspruch an ihn zu messen, selbst
stellvertretend für die Notwendigkeit eines besseren deutschen
Staatswesens einzustehen.
Die politische Radikalität der 1946. von A. Andersch und H.W.
Richter gegründeten Zeitschrift "Der Ruf" entsprang dem Ärger,
daß mit der Kapitulation des Nazi-Reiches und seiner Aufteilung
in Besatzungszonen auch ein deutsches Staatswesen fürs erste aus
der Geschichte verabschiedet worden war. Denn daß
D e u t s c h l a n d noch eine A u f g a b e in der Welt zu,
erfüllen habe, war einem erklärten Antifaschisten wie Richter so
gewiß, daß ihn kein Mißtrauen beschlich, er könne sich eines Vo-
kabulars aus jüngst vergangener Zeit bedienen. Schließlich war
Deutschland immer noch und wieder. "die Mitte zwischen dem Westen
und zwischen dem Osten", wo zwei Mächte "mit der ganzen Kraft ih-
rer Weltanschauungen in einem Raum zusammentreffen". Daß eine
ganze "junge Generation" weder "einen Staat noch eine Wirt-
schaftsordnung" aufwies - von wegen: staatliche Gewalt und von
oben verwaltete und verordnete Hungerwirtschaft ging den Leuten
in der Nachkriegszeit keineswegs ab! -, war dem Visionär eine
einzige Chance, solches einzurichten; nicht nur für die "junge
Generation", sondern gleich wieder als Vorbild für die ganze
Welt:
"Indem sie den Sozialismus und die Demokratie in einer Staatsform
zu verwirklichen sucht, kann sie zum Ferment zwischen den beiden
Ordnungen werden. Sie muß dort ansetzen, wo die beiden Ordnungen
zueinanderdrängen, sie muß gleichsam den Sozialismus demokrati-
sieren und die Demokratie sozialisieren. Indem (Deutschland) die
sozialistische Ideologie des Ostens und die demokratische Ideolo-
gie des Westens in sich aufnimmt, kann es auf einer höheren Ebene
beide in sich vereinen."
Das Ziel, das sich die Propagandisten des "dritten Wegs" gesetzt
hatten, war also erstens gar nicht bescheiden: Liquidierung der
beiden anderen. Zweitens aber wußten sie schon sehr genau, wie
dabei die Gewichte auf die beiden Lager zu verteilen waren. Wäh-
rend das westliche, die Demokratie, sich dadurch erst so recht
sollte entfalten können (indem sie "aus der liberalistischen Bin-
dung des 19. Jahrhunderts heraustritt"), wurde dem östlichen
nichts weniger als seine Selbstauflösung angetragen, daß nämlich
"der Sozialismus als Wirtschaftsform seinen Totalitätsanspruch
aufgibt".
Obgleich die Visionäre einer deutschen Zukunft damit nicht mehr
im Sinn zu haben meinten als die Vollendung einer Idee, die "so
alt wie die Geschichte der Menschheit" sei, und in deren Entwick-
lung auch die amerikanische Verfassung als Manifestation des De-
mokratieideals ihren guten Platz haben sollte, konnten derlei
Welteinheitsträume unter Federführung eines neu zu gründenden
deutschen Staates naturgemäß auch den westlichen Alliierten nicht
zusagen, und so verboten sie sie kurzerhand zusammen mit der
Zeitschrift, in der sie standen, und der dynamische Hans Werner
Richter mußte sich mit der Gründung der "Gruppe 47" bescheiden.
So sehr sich die Väter des Grundgesetzes und die Literaten darin
einig waren, daß das Glück ihrer Landsleute, die sich mit kargen
Lebensmittelrationen und Schwarzmarkt durchhungerten, vor allem
im Anspruch auf eine ihnen gemäße Staatsgewalt, die sie vorbild-
haft in die Pflicht nimmt, bestünde, so sehr hat es den Dichtern
eingeleuchtet, daß letztlich nur eine Seite das Sagen hat. So be-
kam Deutschland sehr schnell beides wieder: einen Staat und eine
Literatur.
Ein Geist findet seine Grenze und überschreitet sie
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Nachdem mit der Gründung der BRD und der DDR ein Machtwort ge-
sprochen war, wußten westdeutsche Dichter ziemlich rasch, wo sie
standen: nicht mehr zwischen Ost und West, sondern im Westen und
gegen den Osten. Der (damals noch gesamtdeutsche) PEN-Club habe
sich - so hieß es 1950 aus Dichtermund - zu entscheiden "zwischen
Einheit und Freiheit", und um diese Entscheidung zu befördern,
wurde für das gleiche Jahr ein "Kongreß für kulturelle Freiheit"
nach Berlin einberufen, der die Einheit gleich als die weltweit
durchzusetzende westliche Freiheit begriff. Man rechnete ab mit
den unsicheren Kantonisten im eignen Lager, mit den
"intellektuellen Kollegen im Westen, die Neutralität gegenüber
der Cholera predigen", und weil er es am besten wissen mußte,
fühlte sich der stolze Ex-Kommunist Koestler berufen, die bis auf
den heutigen Tag geltenden Grundsätze bedingter westlicher Fried-
fertigkeit zu formulieren ("Freiheit und Friede sind untrennbar
verbunden") und die Kriegsschuldfrage schon im ideologischen Vor-
feld zu klären:
"Die Kriegsgefahr ist gegenwärtigt, sobald eine Regierung die Or-
gane der Volksvertretung knebelt und damit das Volk außerstande
setzt, zum Krieg 'nein' zu sagen."
Und wenn auch nicht alle Schriftsteller diese Feindansage gleich
so offensiv und expressis verbis vertraten, so war ihnen doch
klar, daß es galt, die "Gründung einer selbständigen (PEN-)Gruppe
in der Bundesrepublik zu unterstützen". Denn nur durch die Sezes-
sion war die g e m e i n s a m e Aufgabe weiter zu verfolgen,
"frei von Einseitigkeit" (zu der man sich eben bekannt hatte!)
"im Sinne der PEN-Charta" weiterzuwirken.
Die Gründung der westdeutschen Schriftstellerorganisation war
also alles andere als die Bescheidung auf die Grenzen West-
deutschlands; sie war die Kundgabe eines literarisch-organisato-
rischen Alleinvertretungsanspruches für das gesamte Deutschland.
Den damit verbundenen Angriffen auf die Kollegen-Ost (der Dichter
Hermann Kasack rückte sie forsch in die Nähe der Nazis, wenn er
an die "Vorgänge von 1933" erinnerte), wußten diese nichts an-
deres entgegenzusetzen als die Beteuerung ihrer weiteren Ge-
sprächsbereitschaft mit einem Gegner, der ihnen eben das Recht
abgesprochen hatte, als Vertreter des Geistes überhaupt anerkannt
zu sein:
"Nach wie vor sind wir der Ansicht, daß Miteinanderreden besser
ist als Aufeinanderschießen, und daß das Miteinanderreden das
Aufeinanderschießen verhindert."
Der Staat, ein literarisches Thema
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Mit der ideologischen Frontenklärung im Herzen konnten sich die
deutschen Dichter ganz in ihre eigentliche Tätigkeit vertiefen:
zu dichten. Daß es dabei "so unglaublich schwer (war), kurz nach
1945 auch nur eine halbe Seite Prosa zu schreiben" (Böll), ent-
behrt zwar nicht der Angeberei, muß man den Dichtern aber schon
glauben; denn einen Schriftsteller, der nicht frei von der Leber
weg phantasieren, sondern sich auf höhere Weise zur Nation beken-
nen und ein d e u t s c h e r Dichter sein will, muß es in der
Tat hart ankommen, von Deutschland nicht mehr viel und die Rest-
masse auch noch in einem Zustand zu erblicken, von dem er nicht
so genau weiß, wo es lang gehen wird. So galt es zunächst, aus
der Not eine Tugend zu machen und sich zu dem zu bekennen, was
die Zeiten so boten. Dabei sahen sie Ruinen, Hunger, Armut und
die harte Arbeit des Wiederaufbaus nicht als etwas an, das der
alte Staat seinem Volk hinterlassen hatte und der im Entstehen
begriffene ihm bescherte, sondern als Anlässe, an denen der Cha-
rakter der Menschen - je nach Sichtweise des Dichters - entweder
zerbrach oder sich in all seiner Größe ganz eigenständig be-
währte. Der "Realismus" der Literatur jener Tage - als
"Trümmerliteratur" oder "Kurzgeschichte" zum thematischen bzw.
gattungsgeschichtlichen Topos geworden und aus keinem Deutschun-
terricht mehr wegzudenken - zeichnet sich dadurch - aus, daß er
einen beobachteten Fehler der Leute (die ihnen auferlegten Härten
zum Maß des Aushaltbaren und zum Maßstab der Entwicklung von Tu-
genden, kurz: zum Prüfstein der Moral zu erklären) "mit einem
Menschlichen Auge" (Böll) darstellte und ihm nicht nur alles Ver-
ständnis entgegenbrachte, sondern ihn als Ausweis nach wie vor
vorhandener Menschlichkeit der noch fehlenden 'Gesellschaftsord-
nung' als einzulösenden Wechsel vorhielt.
In dem Maße, wie dann das Aufräumen von Trümmern in die geordne-
ten Bahnen des Wiederaufbaus von Staat und Wirtschaft gelenkt
wurde, fanden auch die Dichter ein neues Thema; sie entdeckten
nunmehr, daß sie in einem Staat lebten, der erstens eine Vergan-
genheit aufwies, die er zweitens noch ebensowenig bewältigt haben
sollte, wie ihm dies - drittens - mit seiner Gegenwart gelungen
sei. Es brach die große Zeit des Romaneschreibens an, von Böll
über Grass zu Walser, in denen bei aller unterschiedlicher Gegen-
standswahl und Personage ein Thema verhandelt wurde: Inwieweit
ist es dem bundesrepublikanischen Staatswesen gelungen oder über-
haupt möglich, zu dem zu werden, was der Dichter von ihm erwar-
tete: eine Heimat zu sein für das geistige Individuum. Der wie-
dererlangten Stärke der BRD des "Wirtschaftswunders" trugen sie
allesamt insoweit Rechnung, als sie nur die eine Frage bewegte,
ob diese sich vor den Prüfsteinen einer nationalen Moral und Kul-
tur behaupten konnte. Jeder zweifelte auf seine Weise daran:
Grass, indem er eine dämonisch-irrationale "Lust am Faschismus"
zur Hypothek erklärte; Böll, für den altgediente Nazis und kar-
rieristische Katholiken öffentliches Leben und politische Kultur
entweihten; Walser, für den Geistlosigkeit der sogenannten Neu-
reichen und Geschäftsmäßigkeit des Kulturbetriebs das ermüdend-
unerschöpfliche Thema einer Romantrilogie über bundesdeutsche
Sittlichkeit abgaben.
In Sorge um i h r Land bewegte die Dichter das Monitum, daß die
BRD ein geistiger Zwerg geblieben sei - ein Bedenken, das seine
Wichtigkeit, ohne lächerlich zu wirken, nur vor dem Hintergrund
einer eben auf anderen Gebieten erfolgreichen Nation gewinnen
kann. Ihre eingebildete geistige Präzeptorenrolle ließ sie dabei
gar zu Anklägern gegenüber Staat und Gesellschaft werden:
"was habe ich hier? und was habe ich hier zu suchen, in dieser
schlachtschüssel, diesem schlaraffenland, wo es aufwärts geht,
aber nicht vorwärts (...)
deutschland, mein land, unheilig herz der völker, ziemlich verru-
fen, von fall zu fall,
unter allen gewöhnlichen leuten:
meine zwei länder und ich, wir sind geschiedene leute,
und doch bin ich inständig hier, in asche und sack, und frage
mich was habe ich hier verloren?" (Enzensberger, landessprache,
1962)
Die ganze rhetorische Kraft des sich heimatlos fühlenden Dichters
(was er hier zu suchen und verloren habe) gibt eines bombensicher
zu erkennen: d a ß er hier was zu suchen und verloren hat: Da
wird des langen und breiten geklagt, daß es einem irgendwo nicht
gefällt. Und gleichzeitig erklärt ein in "landessprache" schrei-
bender Dichter (ein Terminus, der das Idiom, das die Menschen
sprechen, ganz selbstverständlich von den politischen Grenzen
herleitet!) mittels seiner Possessivpronomina ganz eindeutig, was
ihn hier hält: es ist sein Land, sein D e u t s c h l a n d.
Von wegen also, daß der Personalausweis ihm nichts bedeute, nur,
daß er es umgekehrt sieht: Für den Dichter steht nämlich aufgrund
des Faktums, daß er in deutscher Sprache schreibt, die Welt der-
gestalt auf dem Kopf, daß das Land sein eigen ist und Staat samt
Gesellschaft und allem drum und dran (Paß inbegriffen) als die
Verwalter des geistigen Eigentums auf dem Prüfstand stehen.
Und diese Prüfung mit der literarischen Feder bestanden die BRD
und ihre Bewohner nicht. Nierentische und Nippes im Wohnzimmer,
satter Wohlstand, herzlose Geldgeschäfte der Bürger und kleinka-
rierte Machtpolitik der Staatsmänner - wie sehr durch diesen Un-
geist die Liebe des Poeten zu seiner hiesigen Heimat auf die
Probe gestellt wurde, das zu Papier zu bringen, war den Dichtern
das einhellige Herzensanliegen. Daß es sich bei dem von oben er-
laubten und unten genossenen "Konsumrausch" - die Fiktion und
Übertreibung war schon immer die größte dichterische Wahrheit! -
um einen Mißbrauch der Freiheit handeln sollte, ließ andererseits
keinen dieser Kritiker zum Fan des "anderen Deutschland" in der
DDR werden, denn dort war nach dichterischer Auffassung das Al-
lerschlimmste passiert: Keine Freiheit für Poeten! So war diese
Kritik an der BRD denn auch eine einzige Affirmation der überle-
genen westdeutschen Republik und eine einzige Aufforderung; sich
diesem Anspruch auf freiheitliches Alleinvertretungsrecht gewach-
sen zu zeigen.
Was der westdeutschen Literatur der 50er und 60er Jahre das Eti-
kett der Gesellschaftskritik und des politischen Engagements ein-
getragen bat (oder seitens mancher Politiker den Anwurf,
"Nestbeschmutzer" und "Pinscher" zu sein), ist also derart, daß
sie vom Standpunkt der u n b e d i n g t e n H e i m a t-
l i e b e kritisch wird und der Politik in einer kruden Mischung
aus Lügen und Bezugnahme auf historische Fakten Verfehlungen
vorrechnet: daß sie aus s e i n e m Land einen Ort
anstrengungsfreier Bedürfnisbefriedigung gemacht habe (ein Dich-
ter übersetzt auch Bruttosozialprodukt in gebratene Tauben, die
den Geist lähmen), daß sie es geteilt (die Heimat ist so klein)
und in Verruf gebracht habe (können wir draußen auf Gehör rech-
nen).
Der in seiner Heimatliebe enttäuschte Dichter tritt also durchaus
radikal auf gegenüber seiner Herrschaft, aber seine Radikalität
hat sehr untertänige Züge. Erstens weiß er, daß er der Politik
sehr viel, nämlich sein Metier, verdankt -
"Er wohnt ja in dieser Differenz..., in dem, was dem Menschen
versprochen ist vom Staat und von der Gesellschaft..., und dem,
was er nicht bekommt" (Böll);
und zweitens weiß er, wo der einzig mögliche Adressat seiner Ent-
täuschung steht: diesseits der Elbe. Denn ungebrochen in seiner
Liebe zu Deutschland (die einen Dichter ja nie zum Vaterlandsver-
räter werden läßt), kam es einem westdeutschen Literaten keines-
wegs in den Sinn, aus diesem Grund die geteilte Nation als Chance
zu begreifen und es einmal mit der anderen Seite zu versuchen.
Daß man dort drüben garantiert nicht heimisch werden kann, stand
für ihn von vornherein so fest, daß es auch stilistischen Nieder-
schlag fand. Herrschte gegenüber dem hiesigen Staat die Rhetorik
der Klage vor, die sich selbst zu Zeiten des Terroristenverdachts
gegen Böll zu nicht mehr als zu einer besorgten W a r n u n g
verstieg ("Die Bundesrepublik wird kulturpolitisch und geistesge-
schichtlich in eine totale Isolation geraten. Und zwar dem west-
lichen Europa gegenüber."), so wußte man sich gegenüber dem ande-
ren Deutschland vorzüglich der sprachlichen Mittel der
V e r a c h t u n g und des H a s s e s zu bedienen, wohl ver-
teilt auf
Land:
"Jene Provinzen, die die Staatsbezeichnung DDR zusammenfaßt"
(auch Grass beherrscht die Springe'rsche Rhetorik der Nichtaner-
kennung!);
Leute:
"Der junge Mann, der in Frankfurt an der Oder an der Rückseite
des Zuges entlang patrouillierte, rief historische Assoziationen
in mir wach: diese so trügerische kernseifige Sauberkeit";
Literatur:
"Es ist doch schade, daß es bei Euch keine zersetzenden Intellek-
tuellen gibt, sondern fast nur solche, die ihre Privilegien für
selbstverständlich nehmen, sozialistischen Zynismus mit soziali-
stischer Schamlosigkeit betreiben." (beides: Böll der frühen
Jahre)
Daß seine Kollegen im andern deutschen Staat es auch nicht viel
anders halten als er hier, daß sie in i h r e m Staat den
Adressaten ihrer Heimatliebe sehen, ist dem schamlos demokrati-
schen Dichter Grund genug für die Verurteilung, daß sie sich und
damit den Geist diskreditiert haben. Also von wegen geistige Ein-
heit der Nation, oder gar die so oft beschworene Supranationali-
tät des Geistes: Es kommt schon sehr darauf an, für welches Sy-
stem der Geist geradesteht. Vor diesem letzten Grund aller Lite-
ratur, ihrem Nationalismus, hören sich auch alle Bedenken auf,
der Geist könne durch zu enge Verquickung mit der Macht, der
richtigen versteht sich, in Mißkredit kommen. Umgekehrt ist es,
und darüber hat Grass ein ganzes Theaterstück - "Die Plebejer
proben den Aufstand" - geschrieben. Der 17. Juni 1953 kommt auf
seiner Bühne folgendermaßen vor: Erstens ist der Dichter der
wichtigste Mann beim Aufstand (Arbeiter und Staat brauchen einen,
der ihnen das Wort führt); das ist zweitens für ihn die einmalige
Chance, sein Theater auf die Straße zu verlegen; was drittens um
so bedeutungsvoller ist, als der Aufstand in gesamtdeutschen
Geist mündet; weswegen der mit dem zögerlichen "Chef" gemeinte
Brecht am Ende als "m i e s e r Ästhet" ganz schön im Regen
steht und sich bezichtigt:
"Es atmete der heilige Geist. Ich hielt's für Zugluft, rief: wer
stört!"
Mit dieser "Demaskierung" des ostdeutschen literarischen Aushän-
geschildes hat Grass auf dichterische Weise die Auffassung be-
kräftigt, die er und seine Kollegen eh immer schon hatten: Das
Bekenntnis zum deutschen Volk ist rechtmäßig und unkompromittiert
nur einem demokratischen Ästheten möglich - und deshalb auch von
ihm verlangt. So eröffnete er alsbald ein "Wahlkontor" mit fol-
gendem Dithyrambus auf die
"geliebte, penetrante-, die immerfort unzulängliche:, zum Über-
druß reichende, in Kerkern ersehnte, komplizierte, und immer auf
Wandel und Wechsel sinnende, ermüdende, teuer erkaufte, heilig-
nüchterne Demokratie." (Über das Selbstverständliche (!), 1969)
Der Staat: ein literaturwissenschaftliches a priori
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Ganz egal, wie die Literaturwissenschaft ihren Dauerbrenner, die
Frage: Haben wir noch eine deutsche Literatur? beantwortete, eine
Antwort setzt sie schon immer voraus: Dichtwerke im Osten haben
ihre literarische Qualität nur darin, daß aus ihnen ein Wider-
stand gegen das DDR-Regime abzulauschen ist.
Die G e r m a n i s t i k sprach im Namen der Einheit der Lite-
ratur ihre Be- und Verurteilung des Staates-Ost aus, seine Ver-
dammung und Disqualifikation, und folgte dabei getreulich den po-
litischen Konjunkturen des Alleinvertretungsanspruches von der
Nichtanerkennung zur Entspannungspolitik. So weit wie die politi-
sche Obrigkeit, die den Brecht kurzerhand von den westdeutschen
Bühnen verbannte, wollten zwar auch in den 50ern und 60ern nicht
alle gehen; aber alle wußten sie das eine: Die DDR-Literatur ist
keine, die solchen Namen verdient, und zwar, weil der Staat sie
daran hindert. Das Prädikat "sozialistischer Realismus" allein
genügte in jenen Tagen zum Ausschlußgrund aus der Literatenge-
meinschaft, und zwar mit dem ewig gleichen Verdikt, daß ein Dich-
ter sich nicht so eng mit politischen Tagesparolen verbrüdern
dürfe.
Gab man sich anspruchsvoller, so entdeckte man hinter dem Dafür-
sein das schiere Gegenteil: einen geheimen Widerspruchsgeist der
Literatur. Die in ästhetischen Dingen ausgegebene Parteilinie
sollte nicht das Angebot der DDR an ihre Dichter sein, wie sie
sich für ihren Staat nützlich machen können, sondern die Zügelung
einer insgeheimen Staatskritik.
"Die Schriftsteller der DDR sind durch ihre Lebensverhältnisse
gezwungen, das dialektische Band zwischen Wirklichkeit und Mög-
lichkeit zu zerschneiden. Die Möglichkeit, nämlich die Welt der
Nachgeborenen, ist ihnen zur Darstellung freigegeben. Nicht so
die Wirklichkeit der DDR überall dort, wo" (das 'wo' ist geheu-
chelt, gemeint ist ein generelles 'weil') "sie sich schlechter-
dings vor dem Blick des Heutigen nicht in ein dialektisches Ver-
hältnis bringen läßt zum gesellschaftliehen Finalzustand."
Wenn die Ost-Dichter in ihren Werken daran glauben - oder diesen
Glauben heucheln -, daß die Zeiten besser werden, so verfällt
dies sogleich dem d e m o k r a t i s c h e n Realismus des
freiwillig zum Westbürger gewordenen Hans Mayer, demzufolge so
etwas einfach nicht gehen kann, weil die Wirklichkeit immer be-
schissen sein muß, was die DDR nicht anerkennen will und deshalb
Literatur verhindert.
Folgerichtig macht man diese nur dort aus, wo die Ostdichter an
ihrem Staat Kritik üben:
"Von spezifischer DDR-Literatur, die an den Widersprüchen der
neuen Gesellschaft, am Gegensatz zwischen kommunistischer Ideolo-
gie und Realität in der DDR ihr Thema findet..., wird man erst
nach 1961 sprechen können."
Dieses ' Urteil wurde nicht von ungefähr in der Zeitschrift "Das
Parlament" veröffentlicht, und keineswegs zufällig 1971. Im Zei-
chen der "Entspannungspolitik" wußte man nämlich alle ideologi-
schen Insubordinationen durchaus zu begrüßen und danach zu würdi-
gen, wie sie den Osten der Lüge und sein System der Unterdrückung
überführten (daß in dem Zusammenhang die "Schandmauer" von 1961
als p o s i t i v e s Datum betrachtet wird, ist nur konse-
quent: jetzt m ü s s e n die Leute d r ü b e n wühlen).
Plötzlich hatte die DDR eine eigene Literatur, ja, sie war gerade
zu eine Chance hierfür - nur, daß diese erstens genau westdeut-
schen Geist aufwies und zweitens (und folgerichtig) g e g e n
die DDR gerichtet war.
"Gerade der Staat, der die Überwindung des Widerspruchs von Indi-
viduum und Gesellschaft für sich behauptet, ermöglicht eine Lite-
ratur, die wie kaum anderswo aus diesem Widerspruch künstlerische
Legitimation zieht." (Frank Trommler, Der zögernde Nachwuchs)
Damit gibt sich die Anerkennung einer zweiten deutschen Literatur
zu erkennen als die Sortierung der DDR-Literatur nach dem Krite-
rium ihrer Unbotmäßigkeit gegenüber dem Regime; danach, inwieweit
s i e das westliche Urteil über ihren Staat a u c h aus-
spricht. Wenn das nicht der beste Beweis nur e i n e r deut-
schen Literatur, und zwar in beiden Staaten, ist!
Ein System hat vor dem Geist versagt
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Im Gefolge der diplomatischen Offensiven der 70er Jahre; die mit
etlichen KSZE-Körben und der "Menschenrechtswaffe" versehen, den
Osten mit einem Absolutheitsanspruch unter die Kuratel demokrati-
schen Procederes stellten wie sonst keinen Teil der Welt, geriet
die DDR (zusammen mit der ebenfalls eine "gemeinsame Grenze" auf-
weisenden CSSR und Polen, dem Lieblingskind westlicher Freiheits-
dichter seit 150 Jahren) unter die zunehmende Beobachtung, wie
sie sich vor den Waffen freiheitlichen Geistes bewährt. Auf
Grundlage stattgefundener Sortierung unter den dortigen Litera-
ten, wer als echter Dichter oder nur als Parteiliterat zu gelten
hat, war das Urteil einhellig und negativ. Als freiwilliger
Staatsanwalt sammelte man alle Vergehen des anderen Staates in
Sachen Kultur und war dabei nicht einmal wählerisch. Ebenso
gleichgültig gegenüber den Motiven aufsässiger Dichter (ob sie
aus Antikommunismus heraus oder aus ihrer kritischen Liebe zum
sozialistischen Vaterland mit dem Staat aneinandergerieten) wie
gegenüber dichterischer Qualität (da ein p o l i t i s c h e s
Verhalten der DDR der Maßstab ist, gelangen Leute zu Rang und Na-
men, von denen die hiesige Literaturkritik zuvor weder das eine
noch das andere gewußt hat), wurde das alte Urteil neu ausgebil-
det: daß die DDR sich am Geist vergeht. Nur diesmal noch mit der
zusätzlichen Wucht versehen, daß man ihr ja eine Eigenständigkeit
in Sachen Geist zuerkannt hatte, die sie nun verspiele.
Anläßlich der Ausbürgerung Biermanns nahm man den offenen Brief
von DDR-Autoren (worin diese ihren Staat baten, geistige
"Unbequemlichkeit gelassen nachdenkend ertragen" zu mögen) auf
und stellte sich mit gekonnter Heuchelei auf deren Standpunkt.
Die DDR sei doch ein gefestigter und auch in Sachen Geist aner-
kannter Staat, was man ihr jederzeit zuzugestehen bereit sei,
wenn sie nur den jeweils nach hiesigen Maßstäben für schützens-
würdig erklärten Geist duldet. Statt sich über den Zugewinn an
literarischer Potenz zu freuen oder das Ideal der BRD als Exilan-
tenauffangland zu feiern, stellte man klar, daß Lebensraum und
Wirkungsradius eines als deutscher Dichter Anerkannten auch das
ganze Deutschland zu sein habe, daß die DDR, indem sie Dichter
ausbürgert, sich an der Einheit der deutschen Literatur vergeht,
daß sie ihren Landesteil kulturlos macht, indem sie "eine allge-
meine und literarische Öffentlichkeit" herstellt, "in der Wider-
sprüche kaum mehr zur Sprache kommen" (Wolfgang Emmerich).
Mit der Zwickmühle, die man der DDR aufmacht (die Leute drin zu
lassen, damit sie wühlen können sollen - oder sie rauszuschmeißen
und sich am gemeinsamen Geist zu vergehen), war auch ein neuer
Ton gegenüber den Ost-Kollegen auf die Tagesordnung gesetzt.
Nicht nur, daß sich ein durchaus berechnender Umgang mit ihnen
zeigte (je mehr von ihnen herüberkamen, desto weniger wurden der
offenen Arme) - s i e s e l b e r sollten sich das Anliegen ih-
rer freiheitsexportierenden westlichen Kollegen zu eigen machen
und den gemeinsamen Geist hochhalten. Ein Auftrag, der unterhalb
des Märtyrertums in Sachen freier Geist nichts mehr gelten lassen
will, wie ihr Ex-Kollege Günter Kunert mit seiner 'Prognose' for-
mulierte:
"Entweder wird der Schönheitsanspruch aufgegeben oder der Wahr-
heitsanspruch, einer muß weichen, und wer vermutlich weichen muß,
ist im trüben Licht jüngster Erfahrungen ziemlich klar."
Und in der Tat zeigen die jüngsten Erfahrungen auf deutsch-deut-
schen Schriftstellertreffen mit ihrem zunehmenden Tribunalcharak-
ter, daß sich ein Ost-Literat - so er nicht schon rübergemacht
hat - vor diesem Anspruch nur noch blamieren kann, denn wenn er
am gemeinsamen Geist u n d an seinem Staat festhalten will,
kriegt er im Namen des ersteren den letzteren um die Ohren ge-
hauen, wird auch an s e i n e r Aufrichtigkeit gezweifelt, denn
jetzt heißt die Parole
Gesamtdeutsche Friedensoffensive
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Daß westdeutsche Schriftsteller, wenn sie in ihrem Berufsstand
die Frontenklärung durchführen, immer ziemlich genau auf der von
ihrer politischen Obrigkeit ausgegebenen Linie liegen, würden sie
vermutlich ebenso entschieden zurückweisen wie, daß sie überhaupt
eine p o l i t i s c h e Linie verfolgen; und das mit einigem
Recht. Bei der Zurückweisung des Verdachts, sie seien etwa nichts
anderes als Opportunisten des politischen Klimas oder gar Erfül-
lungsgehilfen der Diplomatie, können sie nämlich auf durchaus
eigenständige Leistungen verweisen. Erstens haben sie ohnehin
noch nie eine andere Auffassung vertreten als die, daß der Osten
ein m o r a l i s c h zu verurteilendes und anachronistisches
System sei:
"Es war mir sofort klar, daß ich Zeuge eines historischen Ereig-
nisses war: Es war dies die moralische Bankrotterklärung des zen-
tral von Moskau aus gelenkten Sozialismus." (Böll - zwar auch
über Polen 1981, aber schon - 1968, in "Literarni Listy"!)
Und zweitens haben sie einen viel höheren Standpunkt einzuklagen,
dem die Politik nur in die Quere kommt: den des Überlebens, und
zwar "mit Hilfe der Literatur" (Grass). Um ihn so recht zur Gel-
tung zu bringen, inszeniert man sogar Selbstkritik am eigenen
Werk. Man habe dereinst den Irrationalismus der Politik - gemeint
ist die eigene falsche Bestimmung des Faschismus als irrational
so sehr gegeißelt, daß man damit Illusionen in die Welt gesetzt
habe, wonach Politik etwas vernünftig zu Betreibendes sei.
"Das Ergebnis ist mittlerweile einsehbar: ein immer engerer, jede
Gefährdung abweisender Vernunftbegriff schuf sich unter dem Deck-
mantel vernünftelnder Sprache seinen hausgemachten Irrationalis-
mus, gipfelnd im Mythos des Fortschritts." (Grass, Literatur und
Mythos, 1980).
Der Gedanke ist eines Dichters würdig. Man führt die eigenen Er-
findungen, mit denen man die Politik vom Blechtrommler bis zum
Wahlhelfer Willy Brandts begleitet hat, als etwas vor, dessen
sich die Politiker falsch bedient hätten, und fordert sich selbst
auf, als Zaubermeister, der man ist, den vom Lehrling mißbrauch-
ten Besen wieder in die Hand zu nehmen, d.h. sich zu einer prin-
zipiellen Unvernünftigkeit der Politik zu bekennen und ihr eins
draufzusetzen, denn - so assistiert Böll -
"was zählt, ist eine durchgehende, ich möchte fast sagen, mytho-
logisch-theologische Problematik, die immer präsent ist."
So qualifiziert man sämtliche Absichtserklärungen der Politiker,
von Carter zu Reagan, von Schmidt zu Kohl, als wildgewordene Ver-
nunftgläubigkeit, umgibt sich mit dem Gestus der Enttäuschung,
daß man sich von der eigenen Schutzmacht und den eigenen Politi-
kern ohnehin nie etwas Gutes versprochen habe, und stellt sich -
ohne in den Verdacht der Blauäugigkeit gegenüber den Realitäten
der Politik geraten zu müssen - um so fester auf deren Ideale,
auf den "Freiheitsbegriff der westlichen Demokratie" (Grass). Daß
dieser derzeit auch bei den Politikern Konjunktur hat, ist dann
bloße Koinzidenz der Ideen...
Auf Grundlage dieser inszenierten Enttäuschung läßt sich dann den
Kollegen im anderen Teil Deutschlands ein ganz neuer Anspruch
aufmachen, und der heißt: das ganze Deutschland muß es sein.
"Wir alle haben auf dem Rücken den Vaterlandsleichnam, den schö-
nen, den schmutzigen, den sie zerschnitten haben, daß wir jetzt
in zwei Abkürzungen leben sollen. In denen dürfen wir nicht leben
wollen. Wir dürften, sage ich mir vor Kühnheit zitternd, die BRD
so wenig anerkennen wie die DDR. Wir müssen die Wunde Deutschland
offenhalten." (Walser)
Ganz unverblümt im Namen Deutschlands tritt man an die Ostler
heran, bringt in Anschlag, daß man die Abkürzung BRD nicht aner-
kennen wolle, und fordert von ihnen dasselbe bezüglich ihrer
Schutzmacht und ihres Staates. Im Namen von Frieden, Freiheit und
Deutschland wird verlangt, daß sie einen gesamtdeutschen Geist
ihrem Staat als Gegnerschaft aufmachen. Wenn hierzulande die Po-
litik dem Geist die Gefolgschaft aufgekündigt hat, so soll drüben
der Geist der Politik dieselbe verweigern. Im Namen eines gemein-
samen höheren Menschheitsziels, wozu die Deutschen in Ost und
West berufen seien - "die deutsche Pflicht zum Widerstand gegen
den hier wie dort vorbereiteten nuklearen Völkermord" (Grass) -,
geschieht die Verpflichtung auf das Fallenlassen politischer Ge-
gensätze
Von den Kollegen in Deutschland-Ost wird nämlich im Namen eines
Weltgewissens nicht weniger verlangt, als von den politischen
Zwecken der Aufrüstung abzusehen und i h r e n Staat als Hin-
dernis für den Frieden anzusehen. Dichter, die dagegen noch Ein-
wände haben, verfallen unmittelbar dem Verdikt, sich nicht nur am
deutschen und Welterlösungsgeist zu versündigen, sondern gar
"Fossile des Kalten Krieges" (Süddeutsche Zeitung vom 25.4.83),
also Kriegstreiber zu sein. Und dabei wird nicht einmal groß ver-
borgen, daß man die Inszenierung von Schriftstellertreffen als
Tribunal für den Geist des "westlichen Freiheitsbegriffs" nutzen
will, wenn man die ins Feld geführte Furcht vor dem Atomkrieg für
sich nur bedingt gelten lassen will, indem man laut darüber nach-
denkt,
"ob es angeht, um des lieben Konferenzfriedens (!) willen die
Forderung nach Ächtung des Atomkrieges und seiner Vorbereitung zu
erheben und von der Forderung noch Achtung der Menschenrechte ab-
zusehen." (Süddeutsche Zeitung)
Bei derlei bedingter Friedensliebe ist es nur konsequent, daß
Grass
"eine in Volksbefragung legitimierte Stationierung der Pershing-
Raketen akzeptieren" würde, weil sie "ganz andere 'Konsequenzen'
hätte als eine parlamentarische Entscheidung." (Weser-Kurier vom
25.5.83)
Für einen deutschen Dichter setzt also E i n i g k e i t durch-
aus das Recht auf den E x p o r t der Freiheit!
Auf deutsch-deutschen Schriftstellertreffen - wird somit etwas
ganz Offiziöses verhandelt: daß sich e i n Geist, ein ostblock-
auflösender, Bahn zu brechen habe; daß sich nunmehr das defensive
Beharren auf einem eigenen Weg zum Frieden, einem eigenen Geist
des Friedens à la drüben, auch unter Schriftstellern aufzuhören
habe. Und man kann nicht sagen, daß die Dichter - hüben wie drü-
ben - auf diesem Ohr taub wären. Die Redeweisen des jüngsten
Treffens bezeugen das Gegenteil: die immer offeneren Kampfansagen
an das "unmögliche Regime" durch Grass und Konsorten; die offene
Hetze im Vorfeld seitens rübergemachter Autoren; die Kapitulati-
onsaufforderungen der DDR-Autoren mit Visa (wie Rolf Schneider)
an ihren eigenen Staat; das immer grauer werdende Koexistenzge-
sicht Hermlins, der all dem nur sein ceterum censeo der Ge-
sprächsbereitschaft entgegenzusetzen hat.
So schreiben sie zwar keine Kriegs l y r i k, die deutschen
Dichter - aber eines wissen sie genauso fest wie Reagan und Kohl:
"Man kann nicht ein existierendes Gewebe des politischen Systems
wie die DDR einfach einem Volk verordnen." (Böll).
Da mag man ihn nicht mehr glauben, den alten Dichterkalauer, wo-
nach die Welt anders aussähe, wenn der Geist nicht nur das Wort,
sondern auch noch die Macht hätte!
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