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DDR-Flüchtlinge
DEUTSCHE MENSCHEN IN IHREM WAHN
Gründe zum Auswandern hat zu so mancher Zeit schon mancher gehabt
und in die Tat umgesetzt, mag er nun als politisch Verfolgter
oder als einer daherkommen, der einfach nur besser leben will.
Aus der Not geboren, sind sie allemal trist genug, und der Mensch
muß schauen, wo er bleibt. Respekt nützt ihm dabei wenig - und
gewöhnlich bekommt er ihn noch nicht mal. Anders ist das, wenn
"Deutsche zu Deutschen fliehen" (Bild).
Die Herren Sachsen und Co. geben sich die Ehre, getragen von ei-
ner öffentlichen Woge begeisterter Anerkennung. Ob jemand nicht
mit dem Knast Bekanntschaft machen oder hungern will, interes-
siert bei dieser nationalen Jubelfeier grundsätzlich überhaupt
nicht. Und die Spätheimkehrer haben selber die allergrößte Sorge,
ob ihrem Schritt die nötige moralische Anerkennung gezollt wird:
"Wir bitten nicht, wir fordern!" Der Mensch im Trabi kommt als
einer, der seinen nationalen Status schätzt und das menschliche
Material dieses Staates abgeben will.
Was da fahnenschwenkend anreist, hat kein weiteres individuelles
Anliegen als das eine abstrakte - als nationaler Charakter gewür-
digt zu werden. Daß man sich in dieser schönen Welt mit jedem
Grenzübertritt einer neuen staatlichen Hoheit ausgesetzt findet,
ist diesen Leuten kein Problem, sondern das Glück, als leibhaf-
tige Nationalflagge herumzulaufen. Wer wie die rübergemachten
DDRler sein bißchen Eigeninteresse hinter dem schwarz-rot-gol-
denen Bedürfnis nach "Freiheit, Freiheit" zum Verschwinden
bringt, der täuscht sich nicht großartig darüber, ob und wie
seine persönlichen Berechnungen im Rahmen der Nation aufgehen -
er setzt vielmehr total auf die nationale Identität, auf sein
Deutschtum (West) als die Grundlage seiner Existenz und sein ei-
gentliches Lebensmittel. Er erteilt den neuen Machthabern eine
Blankovollmacht, über sein weiteres Leben zu entscheiden. Solch
blindes Vertrauen in die Güte bundesdeutscher Herrschaft verdient
naturgemäß von der Seite Respekt, die damit ins absolute Recht
über diese Volksgenossen gesetzt wird - von Seiten der Bonner Po-
litiker, die seit eh und je mit dem bundesdeutschen Paß winken,
um ihren Anspruch auf alle Deutschen unter ihrer Fuchtel durch-
zusetzen.
Wer hierzulande nichts als untertäniger "Mensch sein" will, der
läßt nie und nimmer hoffen, daß er über ein paar schlechte Erfah-
rungen zu einer anderen Einstellung gegenüber dem freien Westen
kommen könnte als zu dem bei Ankunft herausgebrüllten
"Deutschland, Deutschland über alles!" Was die DDR-Flüchtlinge
treibt, ist eine ganz unpolitische Kalkulation, die sie zu wild
entschlossenen Nationalisten der freien Hälfte Deutschlands
macht. Wenn sie, frisch eingetroffen, vor den Mikrofonen und Ka-
meras westlicher Propagandisten und Agitatoren aller Welt ihre
"Fluchtmotive" vorstammeln, dann bricht ihr Nationalgefühl aus
ihnen heraus, für das "Freiheit" nur ein anderes Wort ist:
"Ich glaube, ich bin im Himmel. Endlich einmal Glück, endlich
frei für immer." "Wir werden heute neu geboren."
Als Argument für diesen Glauben reicht schlechterdings jedes Mo-
tiv hin, das der treuen sächsischen Seele einfällt. Es soll ja
möglichst glaubwürdig eine quasi religiöse Wiedergeburt vorstel-
lig gemacht werden, und da eignen sich die launigsten Einfälle
aus der Kiste deutscher Menschelei zum Bebildern des Schlüsseler-
lebnisses:
"Ich kann Ihnen überhaupt nicht sagen, wie schlimm es da drüben
ist. Das kann keiner verstehen, der nicht dort gelebt hat. Wenn
mich meine neuen Kollegen fragen, wie es in meinem alten Betrieb
ausgesehen hat, dann kann ich sie bloß mit großen Augen an-
schauen. Das müssen Sie einfach selbst erlebt haben."
So einer findet gleich a l l e s "unerträglich", wodurch sich
jedes Wort zur Sache erübrigt. Mittels seiner subjektiven Befind-
lichkeit demonstriert er einen Standpunkt, der "drüben mit allem
fertig" zu sein behauptet, ohne die geringste Begründung zu lie-
fern. Die Entscheidung zur Flucht entspringt einer aufgeblasenen
Haltung, die man ansonsten in Herrenrunden antrifft - nur daß die
Staatsverdrossenheit dort folgenlos ist, weil anderentags der
normale Arbeitsalltag angesagt ist, der solche Spinnereien
schlicht Lügen straft. DDR-Flüchtlinge haben indes mit dem Wahn-
sinn ernst gemacht, ihre herrenmäßigen Anwandlungen vom Kopf auf
die Füße zu stellen. Nach mehr oder minder langem Marsch sind
diese antikommunistischen Gemütsmenschen in einer Bundesrepublik
Deutschland gelandet, in der ihnen Politiker und Öffentlichkeit
zwar anerkennend auf die Schulter klopfen, ansonsten aber den
Platz als arme Würstchen zuweisen, den diese "freien Menschen"
auszufüllen gewohnt sind.
"Wir haben eigentlich nicht schlecht gelebt. Es waren die vielen
kleinen Dinge... Bananen... Apfelsinen."
Daß Materialismus sie nicht in die Bundesrepublik getrieben hat,
ist nun wirklich anzunehmen - auch wenn man bedenkt, daß sie mit
ihren einigermaßen gesicherten Verhältnissen in der DDR nicht
wirklich gut gelebt haben. Daß der Mensch als lebenslänglich
Werktätiger mit Versorgungsansprüchen, als Inhaber einer Billig-
wohnung mit Fernseher sowie als Trabifahrer mit Gartenlaubenver-
bindung nicht mit gesellschaftlichem Reichtum gesegnet ist, woll-
ten Ex-DDRler an ihrem System aber gerade nicht kritisiert haben
- sie hatten sich mit diesen bescheidenen Errungenschaften des
realen Sozialismus doch eben erst so richtig gemütlich eingerich-
tet. Als angepaßte Untertanen, die drüben alles mitgemacht haben,
fällt ihnen, kaum im westdeutschen Arbeiterparadies angelangt,
plötzlich ein, welchen materiellen Wohlstand ihnen die DDR vor-
enthalten hätte. Aber welcher schleimige Opportunist verfällt
schon auf die Idee, wegen ein paar fehlender Bananen sein Vater-
land zu verlassen - zumal wenn ihm in der neuen Heimat ein Leben
vom Nullpunkt an mit entsprechenden Unsicherheiten und Unkosten
beschert ist? Wegen westlicher Apfelsinen jedenfalls nicht. Die
stellen als B i l d für lebenswerte Verhältnisse ein Kompliment
an die Adresse der Bundesrepublik dar, so wie sie umgekehrt für
die DDR die Totalabsage "begründen" sollen, auf die die Rüberma-
cher nie und nimmer aus ihren materiellen Lebensbedingungen ver-
fallen sind. Sie fühlen sich ja auch gleich um ihr halbes oder
ganzes "Leben" geprellt, wo sie über blöde alltägliche Mängel wie
fehlende Heftklammern oder lange Lieferzeiten berichten. Diese
Leute sind über Enttäuschungen beliebigen Kalibers n i c h t
k r i t i s c h, sondern fanatisch geworden: Ausgerechnet an
das, was es gerade nicht gab, haben sie ihr ganzes Herz gehängt
und halten gleich den ganzen Staat nicht mehr aus, in dem es kei-
nen freiheitlichen Modeschmuck und keine Kaffeefahrten an die Co-
sta Brava gibt. Wie Kinder, ohne jede kritische Prüfung, nehmen
sie ihrer Staatspartei alles übel, was ihnen die Laune verdirbt -
als hätte es die SED genau darauf abgesehen, sie nicht glücklich
werden zu lassen. Dieser Wahn, - das ist die Unfreiheit, unter
der unsere DDR-Flüchtlinge so unsäglich leiden mußten.
"Ich hatte das Gefühl, mein Leben vergammelt zu haben." "Die in
der DDR geben uns keine Zukunft."
Hier werden Sinnfragen des gröbsten Kalibers ventiliert. Diesen
Luxus haben sich die DDR-Bürger auch noch als Lebensmittel aus
den angeblich so leeren Regalen ihrer Republik abholen können.
Mit der philosophischen Phrase vom "Grauschleier", der ihr Gemüt
belastet, bekunden diese Leute, daß es ihnen drüben beim Schlan-
gestehen vor HO-Läden jedenfalls nicht an Freiheit gefehlt hat,
ziemlich Existentielles zu brüten. Von "Hoffnungslosigkeit" ist
weit und breit nichts zu sehen, wenn sich jemand zu der - angeb-
lich verschütteten - Perspektive vorarbeitet, sein "Menschsein"
als innerstes Anliegen zu pflegen, anstatt sich zu überlegen, auf
w e l c h e Ziele er eigentlich so erpicht ist, die ihm sein
Land nicht zu verfolgen erlaubt. So einer will ja gar nicht in
die politischen Verhältnisse eingreifen, sondern lediglich vor
sich hin gemenschelt haben, er fühle sich "irgendwie schlecht".
Hat er deshalb ins Reich der Freiheit hinübergewechselt, weil er
sich mit diesem Quatsch hier besser fühlen kann: Die wirkliche
Zukunft kann das - noch gemäß seinem eigenen Pfefferkuchenaus-
druck - "irgendwie" auch nicht sein. Andererseits: Wer hierzu-
lande seinen stinknormalen Stiefel absolviert, der wird so wenig
wie drüben an der Lebenslüge gehindert werden, sein Arbeiterda-
sein mit mannigfaltigen Lebensperspektiven zu verknüpfen - und
sei es der, daß er Bierdeckel sammelt, von denen es in der alten
Heimat "irgendwie" nicht genug gegeben haben soll. Solche Bilder-
buch-Deutschen haben uns gerade noch gefehlt!
"Es war die Demütigung, wie man mit einem umgesprungen ist. Wie
man zu kuschen hatte vor irgendwelchen Leuten. Und die kleinste
Kleinigkeit wurde einem 'gestattet'."
Dem Mann genügt offenbar nicht, daß er sich so manche Kleinigkeit
erlauben konnte - er hält es lieber mit dem untertänigen Selbst-
betrug, in allem, was ihm "von oben" zugemutet wird, letzten En-
des seine freie Selbstbestimmung sehen zu wollen. Daß sie im We-
sten die Verhältnisse selbst bestimmen könnten, werden diese Le-
benskünstler kaum annehmen, wo sie schon in der DDR vor lauter
"Demütigung" keine Kritik und keine Opposition zustande gebracht
haben. "Bevormundet" hätte man sie, "gegängelt" tagaus, tagein.
Das haben sie sich gefallen lassen, diese Freiheitshelden. Und
darauf gewartet, daß sie mal rübermachen können in den Freiheits-
stall des Herrn Kohl. Hier sagt ihnen wohl keiner, wann sie zur
Schicht anzutreten haben und wieviel Mark es dafür gibt; wie man
sich aufführen muß, um ein bißchen Karriere zu machen; welche Ge-
setze zu befolgen sind und welche abweichenden Meinungen man sich
besser nicht leistet!
Diese erbitterten Feinde jeder Bevormundung haben zu Hause doch
auch nichts anderes gelernt und getrieben, als sich zu fragen:
Wie komme ich am besten durch, und wie passe ich mich am erfolg-
reichsten an: Das verlangt im Osten die Staatspartei und verkün-
det den Glauben, diese Rechnung ginge doch prima auf. Im Westen
ist das Sich-Anpassen Privatsache; das braucht der Staat nicht zu
verlangen, weil es sich von selbst versteht - die berühmten
"Sachzwänge" des Geldverdienens sorgen für Anpassung, und das
großartige Privatleben wird aus den paar Gelegenheiten zusammen-
gestrickt, die es immer mal wieder gibt. Kein großer Unterschied
zwischen Ost und West, aber er reicht. Er reicht für die Einbil-
dung, haargenau ein und dieselbe Lebensführung wäre im Osten
"Gängelei durch den Staat", im Westen "selbstbestimmte Freiheit".
Wer auf diese Einbildung abfährt, den hat die Bundesrepublik
schon "abgeworben", noch bevor sie die "Friedlandhilfe" ausge-
zahlt und den grünen Paß ausgestellt hat.
Und wirklich: Diese Leute b r a u c h t hierzulande niemand zu
bevormunden. Viel Leistung, wenig Lohn, Hauptsache ein Arbeits-
platz: Geht in Ordnung! Überall und für alles Danke sagen: Wird
gemacht. Lauter vorbildliche anpassungswillige Arschkriecher sind
da herübergekommen - nur ein westlicher Arsch muß es sein, dann
ist das Hineinkriechen das höchste! Echt!
"Ich weiß, Dagmar denkt an ihr Baby. Es wird in Freiheit zur Welt
kommen." "Mein Sohn hats geschafft. Er soll ein besseres Leben
haben."
Das Fluchtmotiv, es mit der jungen Generation gut zu meinen, ist
so ekelhaft selbstlos, daß es in der Bundesrepublik jedem guten
Deutschen von den Christen bis zu den Grünen sofort einleuchten
wird. Da spricht ja keiner von s e i n e n Ambitionen, sondern
von einem heranwachsenden Volkskörper, der es einfach verdient
hat, "in Freiheit" zu existieren, die per se das "bessere Leben"
darstellt. Staatsbürgerlicher kann man sich kaum in Übereinstim-
mung mit westlichen Werten setzen, und dadurch zum Ausdruck brin-
gen, wie scheißegal es einem ist, welchen ungemütlichen kapitali-
stischen Bedingungen man die eigene Brut überantwortet. Es ver-
langt schon einen unverwüstlichen Hang zum positiven Denken, die
imperialistische Welt, über die die DDR ihren ehemaligen Bürgern
offenkundig nichts Kritikables mitzuteilen wußte, gleich ganz un-
besehen als die beste aller Welten zu nehmen. Dazu gehört voll-
ends die Versicherung, man wisse "natürlich", daß "es" (w a s
eigentlich?) "nicht leicht" werde. Was soll's - dem überzeugten
Deutschen ist alles deutsch und deshalb "natürlich", was ihm
blüht: Gewisse Härten des Überlebens in Freiheit hält er
schlichtweg für die notwendige Seite seines ganz persönlichen
Glücks.
T r ä n e n sagen im übrigen in solchen Schicksalsfragen wieder
einmal mehr als tausend Worte. Schließlich sind es schwarz-rot-
goldene Freudentränen, die da vergossen und per Fernsehkamera
vergrößert werden. So viel Euphorie über ein neues Leben im
Dienst an westdeutschen Unternehmern, unter dem Zugriff der bun-
desdeutschen Finanzämter und Wehrüberwachung, damit die Kinder
mal eine Veränderung erleben: Ist das nicht vielleicht doch ein
bißchen zuviel des Guten: Nein, ist es nicht. Denn die doofe
Freiheitsbegeisterung der Flüchtlinge paßt nur zu gut zur offi-
ziellen westlichen Staatsideologie. In der Sache haben diese Men-
schen zwar nichts anderes zu bieten als den Frust, den westdeut-
sche Mitmenschen an ihrer Familie oder sonstwo auszutoben pfle-
gen, ohne an Politik zu denken. Aber jede Privataffäre kriegt
gleich eine höhere Weihe, wenn ein DDRler daraus seinen Abscheu
gegen die SED und ihren Staat fabriziert:
"Mit der DDR sind wir fertig!"
Das mag die NATO zur Zeit noch etwas anders sehen und munter an
der Entwaffnung der Gegenseite arbeiten, für den neuen Volksge-
nossen ist diese nicht ganz so friedliche Angelegenheit auf alle
Fälle so gut wie erledigt - er fällt beim Betreten der freiheit-
lichen Scholle auf die Knie; ansonsten läßt er die Politiker ma-
chen und bewundert den Glanz ihres Gewaltapparats:
"Was haben die Gendarmen für schicke Uniformen an!"
Was macht es da, wenn so ein hochwillkommenes Beweisstück für den
westdeutschen Antikommunismus und für eine offensive Ostpolitik
glaubt, die Uniformen wären "wie beim Staatsempfang" eigens für
seinesgleichen angetreten. Wenn auch die Ostler so bescheuert
sind und meinen, sie höchstpersönlich wären dem Kanzler und die-
sem Staat herzlich willkommen, so kann das einer Politik nur
recht sein, die im eigenen Interesse auf die Dummheit ihrer Un-
tertanen setzt.
Dienstbare Bürger, die nichts auseinaderhalten können - die pri-
vaten Frust mit einem Argument, ein schlechtes Gefühl mit Kritik,
ihren Fanatismus der Anpassung mit Freiheit verwechseln und Kapi-
talismus und Demokratie für Erfindungen zu ihrer persönlichen Be-
glückung halten -: von solchen ist die Republik schon voll; da
passen sie allzugut dazu.
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