Quelle: Archiv MG - BRD AUSSENPOLITIK OSTPOLITIK - Deutschland über alles
zurück
"MENSCHLICHE ERLEICHTERUNGEN" 1982
Kanzler Kohl hat in seiner Neujahrsrede die Bundesbürger dazu
aufgerufen, "die familiären und freundschaftlichen Beziehungen zu
den Landsleuten in der DDR zu stärken und zu vertiefen. Jeder,
der das unternimmt, ist ein deutscher Patriot, ein Bote des Frie-
dens."
Dabei ist sowohl Einfallsreichtum wie Vorsicht notwendig, wie ein
paar deutschdeutsche Kontakte des vergangenen Jahres beweisen.
Wer nämlich "die familiären und freundschaftlichen Beziehungen zu
den Landsleuten" dadurch stärkt, daß er bei der japanischen Re-
gierung interveniert, damit der zum Staatsbesuch in Japan ein-
geladene SED-Chef wieder ausgeladen wird, wie der rheinland-pfäl-
zische Ministerpräsident Vogel, muß darauf gefaßt sein, daß ihm
die hinterhältige SED eine Privatreise in die DDR untersagt. Rei-
sen in der umgekehrten Himmelsrichtung, auch wenn sie den Schein
einer Privatbeziehung erwecken, sollten daher genauestens obser-
viert werden. Wegen der sogenannten "Lebensgefährtin", die sich
der ehemalige Regierungssprecher Bölling aus der DDR mitgenommen
hat, konnte der CDU-Pressedienst die Frage nicht ungefragt las-
sen,
"ob dies nicht den Vorwurf politischer Korrumpierbarkeit recht-
fertigen könnte, denn das DDR-Regime pflegt sich jede Leistung
großzügig vergüten zu lassen. Ausgerechnet der bisherige Ständige
Vertreter der Bundesregierung in Ostberlin, der weiß, wieviele
Deutsche unter den unmenschlichen Reisebedingungen des DDR-Regi-
mes leiden, das Ausreisewillige bestraft und ins Gefängnis wirft,
beansprucht für sich eine einmalige Sonderbehandlung in Form der
freien Ein- und Ausreisemöglichkeit für seine Lebensgefährtin."
Deshalb ist die Bölling-Frau zweifellos eine Spionin. Nach einem
Bericht der "Welt", hat sie den verstorbenen DDR-Regisseur Konrad
Wolf gekannt, einen Bruder von Markus Wolf, dem Geheimdienstchef
der DDR. Außerdem soll ihre Großmutter Stalin einmal einen Blu-
menstrauß überreicht haben.
"Die Bundesregierung erweckt Mißtrauen, wenn sie gegen Böllings
Freundin nicht die sicherheitsmäßigen Konsequenzen trifft, die
sie gegen jeden 'kleinen' Beamten in vergleichbaren Fällen er-
greifen würde." (CDU-Pressedienst, 27.7.)
Im weiteren mißbraucht die DDR in schamloser Weise ihre von uns
geöffnete Grenze, wenn sie unsere Türken von Berlin-Schönefeld
aus zu Dumping-Preisen in die Türkei fliegt. Dabei geht es gar
nicht um den Flughafen Berlin-Tegel, sondern um die Integrations-
arbeit an den Gastarbeitern, die wir leisten und der die DDR
schweren Schaden zufügt:
"Die Industrie- und Handelskammer zu Berlin macht darauf aufmerk-
sam, daß mehr als 1,5 Millionen Türken in der Bundesrepublik le-
ben. Um ihre soziale und wirtschaftliche Integration sicherzu-
stellen, würden aus den öffentlichen Haushalten erhebliche Mittel
eingesetzt. Gleichzeitig werde damit ein bedeutender deutscher
Beitrag zur Stabilisierung der wirtschaftlichen Lage und des Ar-
beitsmarktes in der Türkei geleistet. Es sei wichtig, die Türkei
mit dem gebotenen Nachdruck darauf hinzuweisen, daß sie im Falle
der Fortsetzung der Flüge vom DDR-Flaghafen Schönefeld zu Dum-
ping-Preisen gegen wesentliche Interessen der Bundesrepublik
Deutschland verstoße." (19.7.)
Schließlich muß sich jeder "Patriot und Bote des Friedens", der
die DDR bereist, vorsehen, daß er nicht zum Opfer eines protokol-
larischen Anschlags auf die Wiedervereinigungsrechte wird, worum
sich aber Gott sei Dank bloß höherstehende Persönlichkeiten Sor-
gen machen müssen. Im Vorfeld des Luther-Jahres konnte nämlich
gerade noch ein abgefeimter Plan der SED aufgedeckt werden:
"Das atheistische Regime will dem Luther-Jahr ein feierliches Ge-
pränge geben. Wenn es ihm gelänge, bei einer Zusammenkunft von
Staatsoberhäuptern aus lutherisch-geprägten Ländern der Bundes-
präsidenten der Bundesrepublik Deutschland mit demselben Proto-
koll wie beispielsweise den König von Schweden zu behandeln, wäre
es abermals in einer Status-Frage ein Stück weitergekommen."
(Bonner Kreise; 28.12.)
Daß mittlerweile die DDR aber darauf verzichtet hat, den Bundes-
präsidenten einzuladen, stellt zweifelsohne eine schwere Beein-
trächtigung der "freundschaftlichen Beziehungen" dar, die die BRD
so nachdrücklich pflegt.
zurück