Quelle: Archiv MG - BRD AUSSENPOLITIK OSTPOLITIK - Deutschland über alles
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DDR bewilligt Tausende von Ausreiseanträgen. Zu Tausenden sind
sie jetzt hier, die von drüben. Wie sehen sie uns, nach einem Le-
ben in der Diktatur, fragt die BILD-Zeitung und widmet den Deut-
schen/Ost, die jetzt Deutsche/West sein dürfen, eine ganze Serie:
"SO SEHEN UNS UNSERE BRÜDER"
Da erlaubt das Volksgefängnis DDR-Bürgern die vorzeitige Entlas-
sung; jetzt kommen sie hier an, unsere Brüder und Schwestern aus
dem Osten, endlich sind sie in der Freiheit - und dann das: "Der
Empfang im Notaufnahmelager Gießen war bürokratisch kühl. Keine
Blasmusik!" Da hätte der Günther Noris mit der Bundeswehr-Big-
Band doch wenigstens zu einem kleinen Zapfenstreich aufspielen
können.
Sicher, Brüder und Schwestern sind sie jetzt nicht mehr. Sie sind
ja nun hier. Aber einfach ab ins Lager mit denen? Das sind doch
keine Asylanten. Das sind doch Deutsche, die wissen doch, was die
Freiheit für sie wert ist. Die haben ihr Auskommen drüben für die
Freiheit hier aufgegeben und "stehen jetzt hier vor dem Nichts".
Aber können sie mit der gewonnenen Freiheit auch etwas anfangen?
Wo sie doch jahrzehntelang zu Knechten gemacht worden sind. "Alle
Ausreisewilligen sind bereit, länger und härter zu arbeiten als
jeder satte Bundesbürger". Gehorchen und arbeiten, das haben sie
drüben in der Roten Diktatur gelernt. Davon kann sich der satte
Bundesbürger eine Scheibe abschneiden - statt nur soviel zu ar-
beiten, wie er muß.
Aber aufgepaßt, Helden der Arbeit! Richtig liegt Hilde B. aus
Potsdam: "Ich suche einen Job für 60 Stunden." Falsch dagegen
Martina K. aus Karl-Marx-Stadt: "Wenn wir erstmal verdienen, kön-
nen wir uns das alles kaufen. In der DDR waren West-Waren so
teuer oder nur gegen Devisen zu haben, daß wir davon nur träumen
konnten - egal, wieviel wir auch verdienten. Es war nie genug."
Von West-Waren träumen, klar, aber doch nur drüben. Hier liegen
doch alle West-Waren im Schaufenster. Aber verdienen und alles
kaufen wollen? Wir sind doch kein Arbeiter- und Bauernstaat, der
einfach nur mehr zu bieten hat als der drüben. "Da kann man nur
wünschen, daß die Familie K. schnell heimisch bei uns wird."
Sonst geht es einem wie Frau Ravenna Hermann aus Brandenburg,
wenn man bei der West-Mark immer gleich ans Kaufen denkt. Frau
Hermann unterlief folgender Schnitzer: Sie ließ sich von einer
700 DM Nachschlag-Forderung der Stadtwerke überraschen. "Bei 634
DM im Monat zum Leben, für vier Personen", hat sie nicht mitge-
kriegt, daß es bei uns Daueraufträge und Einzugsermächtigungen
gibt. Und sparen muß man auch - 5 Mark ins Sparschwein und den
Schlüssel möglichst weit weg. Am besten auf die Sparkasse nach
Flensburg. Sonst wird man wie Frau Ravenna von den Stadtwerken
kalt erwischt. "Die Hermanns, an kleine Rechnungen gewöhnt, müs-
sen da noch einiges dazulernen."
Es sei denn, es geht einem wie Frau J. aus Chemnitz: "Und dann
ist mir das große Glück in Kiel begegnet." Das große Glück ist
"ein wohlhabender Witwer. Er hat ein großes Restaurant."
Lernen muß auch noch Marianne K. aus Chemnitz: "Anmeldeamt, Ar-
beitsamt, Sozialamt, Wohnungsamt, Kindergeldstelle, Schulamt und
immer und überall lange Wartezeiten und ellenlange Formulare."
Schlange stehen, das tut man doch nur drüben, wo man nichts
kriegt. "Das Ehepaar mußte, wie alle Menschen aus der DDR, ler-
nen, daß man in der Bundesrepublik am besten ohne Ämter aus-
kommt." Kein Wunder, wenn alle wie Marianne K. auch noch zur Kin-
dergeldstelle, zum Sozialamt und zum Wohnungsamt gehen, daß es da
Schlangen gibt. Zur Meldestelle, zum Schulamt und zum Arbeitsamt
hätte doch genügt. Natürlich, dann gäb's kein Kindergeld, keine
Sozialhilfe und kein Wohngeld. Aber auch nicht diese Schlangen
wie im Osten.
Wie man Ostträume im Westen wahr macht, da ist der Alfred H. aus
Weimar ein Vorbild. Während drüben "jede Reise an einer Mauer mit
Stacheldraht endet", kommt dieser ostzonale Senkrechtstarter (in
der DDR Biologie-Lehrer, hier aufgestiegen zum Brummi-Fahrer)
jetzt überall frei herum. "Er arbeitet 16 Stunden täglich als
Fernfahrer." Und als Fernfahrer, da kennt die Freiheit keine
Grenzen. Da werden Träume wahr. Alfred schickt Ansichtskarten -
an die Brüder und Schwestern drüben. Aus Palermo, vom Lago Mag-
giore, vom Großglockner und vom Eiffel-Turm. Am liebsten aber vom
Brennero. Klar, bei 16 Stunden Arbeit und 6 Stunden Schlaf, da
ist die Zeit knapp. Da hat er sich einen Stoß Postkarten vom
Brennero auf Vorrat gekauft. Die schmeißt er jetzt jedesmal ein,
wenn er ganz frei einen Schlagbaum passiert. Weil, darauf kommt
es ja an, hier und von hier für die drüben.
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