Quelle: Archiv MG - BRD AUSSENPOLITIK OSTPOLITIK - Deutschland über alles
zurück
DDR-Flüchtlinge
HINWEISE FÜR EINE KORREKTE AUSREISE
Nachdem sich erst 6 DDRler über die US-Botschaft in Ostberlin,
dann 12 über die Ständige Vertretung der BRD abgesetzt hatten,
gab es nicht den sonst üblichen Jubel über den unbezwinglichen
Freiheitswillen, Mut und List der 18 Brüder und Schwestern, son-
dern einigen Tadel:
"Damit ist allerdings jenen DDR-Bürgern geschadet, die in den
Botschaften und Vertretungen nur Rat suchen oder die Kulturange-
bote nutzen wollen. An diese Folgen für ihre Mitbürger haben die
sechs bestimmt nicht gedacht." (Süddeutsche Zeitung)
Menschen herüber...
-------------------
Eine seltsame Rücksichtnahme auf geschädigte Hinterbliebene, die
sonst, wenn von den Überläufern Eltern, Ehegatten, Kinder, Kranke
und andere Klienten zurückgelassen werden, nie zu hören ist. Der
frühere Ständige Vertreter, Bölling, wurde dann auch deutlicher,
wo da der "Schaden" liegt:
"Bei allem Verständnis für die Motive, das ist nicht der richtige
Weg. Hier werden zwei Regierungen unter Druck gesetzt. Das ist
genau der falsche Weg, denn weder die Regierung der DDR noch eine
westliche Regierung kann sich einem solchen Druck beugen."
Flucht per Ballon, über die "Todesgrenze", durch die Spree ge-
taucht, alle solchen Kunststücke mit oder ohne "Grenzzwischen-
fälle" sind erwünscht. Sie taugen hier sowohl zur Propaganda für
den unschätzbaren Wert der Freiheit - dafür begeben sich die
Leute schließlich in Todesgefahr! - wie für die Anti-DDR-Hetze
mit "Schießbefehl" usw. Sich bei der Flucht aber einfach des
Alleinvertretungsanspruchs der BRD als Druckmittel bedienen zu
wollen, gehört sich nicht. Das ist ja eine regelrechte
Erpressung. In die bundesrepublikanische Hoheit zu entscheiden,
wer auf welchem Weg der DDR abgepreßt werden soll, darf niemand
hineinpfuschen. In diesem Sinn auch die Rechtsbelehrung von
Minister Jenninger:
"Die damit unvermeidlich verbundenen Spannungen bergen im Gegen-
teil die Gefahr von Erschwernissen für die im Verborgenen laufen-
den Bemühungen der Bundesregierung um Familienzusammenführung und
Ausreisegenehmigungen in Einzelfällen. Im übrigen kann nicht
Zielsetzung unserer Politik sein, für alle Deutschen in der DDR
die Ausreisegenehmigung durchzusetzen und die DDR weitgehend zu
entvölkern. Sinnvolle Deutschlandpolitik gebietet es, durch ei-
gene Bemühungen mit darauf hinzuwirken, daß sich die Lebensum-
stände - und dazu gehört gerade mehr Freizügigkeit - so verbes-
sern, wie es sich die Menschen in der DDR wünschen."
Das mit dem "Entvölkern" mal dahingestellt; mit der Annahme, daß
in der DDR überhaupt nur Bekloppte wohnen, fällt der Minister ein
bißchen auf seine Berufsideologie herein. Aber die Klarstellung
für die DDR-Bevölkerung, wie sich die Bundesregierung für sie
einsetzt, läßt nichts zu wünschen übrig: Irgendwelchen
L e u t e n den Weg in die so erstrebenswerte BRD zu öffnen, ist
höchstens ein werbewirksames Abfallprodukt der Deutschlandpoli-
tik. Und mit der Aufnahme im freien Teil Deutschlands endet auch
die Fürsorgepflicht für die Befreiten. Deutschlandpolitik ist der
Anspruch auf den ganzen anderen Staat, der sich, solange wie er
noch nicht vollständig unter die Fuchtel der BRD gelangt ist, mit
den Bonner Auflagen zur Menschenführung zu befassen hat.
...Maschinen hinüber
--------------------
Über die Grenze in umgekehrter Himmelsrichtung reist demnächst
eine komplette Motorenfertigungsstraße von VW, die in Hannover
abmontiert und in der DDR aufgestellt wird. Glückwünsche von der
"Bild"-Zeitung:
"Bild Kommentar
Annäherung durch Handel
VW und die "DDR" wollen gemeinsam Motoren fertigen.
Gut so!
Sicher können noch so enge Handelsbeziehungen die deutsche Spal-
tung nicht überwinden. Sie können aber verhindern, daß die Gräben
tiefer werden. Sie können Brücken schlagen.
Annäherung durch Handel? Besser als durch Wandel."
Wieso gut so? Was für Brücken werden da geschlagen? Soll etwa der
Genuß, an einer durchrationalisierten Fertigungsstraße Motoren zu
bauen, bei den glücklichen DDR-Arbeitern ein ganz tiefes Zusam-
mengehörigkeitsgefühl hervorrufen? Durch die Leistungssteigerung,
die die "fortschrittliche" Technik ihnen abverlangt? Oder sollen
die Trabantfahrer den neuen Motor als Geschenk aus Wolfsburg in
Empfang nehmen?
Und vor lauter Freude mal ganz vergessen, wieviel DDR-Waren immer
mal wieder nicht zu haben sind, weil sie zur Schuldentilgung in
der BRD verramscht werden?
Wohl kaum, Annäherung durch Handel geht anders. Bei ihrer Begei-
sterung darüber läßt die "Bild"-Zeitung auch ihre sonstige Hetze
über das kaputte System da drüben ganz beiseite. Nichts von den
"roten Arbeitssklaven", die gräßlich ausgebeutet werden. An einem
Band von VW gibt es keine Ausbeutung. Nichts davon, daß das Ge-
schäft die Herrschaft drüben stabilisiert, den Machthabern nützt.
Über den Nutzen solcher Geschäfte weiß man inzwischen Bescheid:
"Sie können verhindern, daß die Gräben tiefer werden", denn jede
weitere Verpflichtung auf westliche Geschäftskonditionen macht
die "DDR" ein Stück weiter abhängig, für Erpressungen empfäng-
lich.
Der Geschäftserfolg für VW steht ohnehin außer Frage, so daß sich
die Nörgelei mit den Arbeitsplätzen verbietet. In Hannover müssen
sowieso laut Unternehmensplanung 3000 gehen, so daß "die Beschäf-
tigung gerade des Transporterwerks zusätzlich durch die Absicht
gestützt wird, gleichzeitig rund 13500 Transporter in die DDR zu
liefern". Irgendwie sind es ja auch deutsche Arbeitsplätze, die
VW in der DDR schafft. Und die bei Kompensationsgeschäften übli-
chen Extragewinne werden VW unter Garantie dabei behilflich sein,
seine Arbeitsplätze hierzulande noch todsicherer zu machen.
zurück