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Deutsch-deutscher Freiheitskampf '88
FÜR FREIES AUSWANDERN, SINGEN, REISEN, BETEN
Eine Art Protest, die sich darauf versteift, mit bürgerlicher
Ideologie ihrem sozialistischen Staat nützlich sein zu wollen.
Ein imperialistischer Nachbarstaat, der dem Protest Öffentlich-
keit und Resonanz verschafft, als sei ein "Sozialismus mit men-
schlichem Antlitz" sein Herzensanliegen. Eine Auswanderungsbewe-
gung, die den deutsch-deutschen Systemvergleich als Selbstbedie-
nungsladen für kleinbürgerlichen Karrierismus wahrnimmt. Eine so-
zialistische Staatsmacht, die ihre souveräne Gesetzlichkeit als
Handelsartikel gegen Geld und Anerkennung behandelt. Wiederverei-
nigungspolitiker in der Rolle des Schiedsrichters, der alle Be-
teiligten auf die Regeln eines konstruktiven Zusammenwirkens in
der DDR festlegt. Lauter Absurditäten, zu denen es die Politik
der beiden deutschen Staaten mittlerweile gebracht hat.
Opposition im Namen des Wahren, Guten und Schönen
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Man kann der DDR wirklich nicht nachsagen, daß sie mit ihrem Pro-
gramm eines besseren Deutschland keine Erfolge zu verzeichnen
hätte. Die Verwechslung von Politik und Moral wird vom Kindergar-
ten bis zur Universität, am Arbeitsplatz wie im Sportverein ein-
geübt. So gründlich, daß die SED eine materialistische Kritik an
ihrer Art Kommunismus nicht zu fürchten braucht. Dagegen zieht
sie sich massenhaft Charaktere heran, die sich als öffentliche
Vorbeter, -dichter oder -denker überhaupt nurmehr im Bereich mo-
ralischer Deutungen herumtreiben und sich mit ihrer gediegenen
Ausbildung die Einbildung zulegen, damit ganz besonders wichtig
zu sein. Die realsozialistische Menschenbildung ist dermaßen ge-
lungen, daß die SED so etwas wie Kritik auch n u r aus diesen
Kreisen zu befürchten hat. Und auch n u r eine solche, die den
Verdacht hegt, daß die Partei ihre Moral-Titel nicht ganz zu
Recht gepachtet hat.
Die Friedensideologie der DDR-Obrigkeit hat sich einen solchen
moralischen Verdacht zugezogen: Idealistisches Dichter- und Jung-
volk wollte in bemerkenswerter politischer Unbildung, aber mit
moralischer Inbrunst einen Widerspruch zwischen den offiziellen
Friedensparolen und der E x i s t e n z von Waffen und Armee
auf DDR-Territorium entdeckt haben. Die Frage, ob und inwiefern
F r i e d e n tatsächlich der Zweck ihres Systems ist, stellen
sie sich ebensowenig wie die nach den guten imperialistischen
Gründen für die Bundeswehr. Fast genauso wie die Friedensbewegung
hierzulande, die allerdings immer noch über den Idealismus der
Freiheit den Anschluß an die Kriegsideologie ihrer demokratischen
Heimat gewinnt. Demgegenüber wollen die Friedensfreunde Ost die
Staatsideologie, daß 'Friedenspolitik' eine Frage der Völker und
ihrer Friedensliebe wäre, auch gleich noch übertreffen. Da kommt
ihnen ihr Bedürfnis sehr konsequent vor, ihre höchstpersönliche
Abneigung gegen Waffen als Abzeichen herumzutragen und in guten
Taten statt Militärdienst ausleben zu dürfen.
Die ziemlich unübersehbare Beschädigung der natürlichen Lebensbe-
dingungen hat die in Menschheitsfragen eingeübten Kritiker auch
nicht zu einer Auseinandersetzung mit der DDR-Ökonomie angeregt,
sondern zu einem Verdacht auf vernachlässigte Fürsorgepflicht von
oben und hemmungsloses Konsumdenken von unten. Dagegen möchten
sie gerne vegetarische Kochbücher und Rezepte zum Wassersparen
verbreiten.
Die Mauer und die DDR-Regelung für Auslandsreisen schließlich ha-
ben sie auch nicht unter die handfeste Konkurrenz um eine DDR-
Souveränität und ein DDR-Staatsvolk abgebucht, wie sie die BRD
eröffnet hat und fortdauernd betreibt, sondern als mangelndes
Vertrauen der DDR-Staatsführung in loyale Staatsbürger übelgenom-
men.
Daß sich solche Anliegen aus dem Geist eines beleidigten Patrio-
tismus überhaupt als erheblicher politischer Protest vorkommen,
daß sich DDR-Bürger, denen ihr Staat im Alltagsleben viel handfe-
stere Unannehmlichkeiten zumutet, ausgerechnet deshalb mit ihrem
Staat anlegen, ist eine reife Erziehungsleistung, die nicht al-
lein der DDR, sondern beiden Systemen zuzuschreiben ist.
Idealistischer Systemvergleich als Protest
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Der reale Sozialismus, Machart DDR, versorgt seine Gesinnungs-
träger mit dem Gefühl außerordentlicher Bedeutsamkeit ausgerech-
net durch seine besonderen Techniken der staatsbürgerlichen Be-
lehrung und Kontrolle. Bei denen handelt es sich um die Überreste
der revisionistischen Verfälschung der kommunistischen Einsicht,
daß es zur Einrichtung vernünftiger Lebensverhältnisse aufs Be-
scheidwissen, nicht auf die Freiheit von Meinungen, sondern auf
deren Inhalt ankommt. Verblieben ist davon die Karikatur: der
formelle Anspruch auf eine weltanschauliche Führungsrolle der
Partei. Die Anhänger des Widersinns einer 'wissenschaftlichen
Weltanschauung', die Wissen mit der Tugend der Standpunkttreue
verwechseln, führen den Klassenkampf als Kampf um die rechte mo-
ralische Deutung mit Leuten, die im Prinzip genauso denken. In
diesem Kampf sind sie konzessionsbereit geworden. Sie haben sich
mit dem Christentum als einer auch ganz anständigen Gesinnung
längst akkommodiert und der Kirche ihre eigene Agitationssphäre
erlaubt. Und wenn sich jetzt ausgerechnet die Kirche als Hort der
Gedankenfreiheit und Anwalt kritischen Denkens in der DDR profi-
liert, haben sie immerzu das liebliche Problem, zwischen
"kirchlichen" und "staatsfeindlichen Aktivitäten" zu unterschei-
den.
Ihre ideologische Führungsrolle bestreiten die Hager und Co. we-
niger mit Argumenten als mit einem Einsortieren, was ihnen allzu
westlich inspiriert, was ihnen nicht mehr als konstruktive Kri-
tik, sondern als staatsfeindliche Einstellung vorkommt. Das hat
naturgemäß seine Konjunkturen; von den anfänglichen Unterwande-
rungsängsten bis zur heutigen demonstrativen Weltoffenheit gegen-
über "wertvollen kulturellen Neuerungen" hat eine "Liberali-
sierung" stattgefunden, die in ihrem lächerlichen Bemühen - um
einwandfreie, 'zutiefst humanistische' Kriterien notwendigerweise
immer wieder Anlässe für den Streit schafft, warum der eine Unfug
erlaubt, der andere verboten ist...
D e r k a p i t a l i s t i s c h e G e g n e r, in erster Li-
nie die BRD, versorgt komplementär alle interessierten DDR-Gei-
ster mit der Bilderbuchvorstellung freien Meinens und Dichtens
als Gütesiegel zivilisierter Staatsgewalten. Seit Helsinki wird
die östliche Unterschrift unter die Verträge als Recht auf die
westliche Interpretation von Demokratie eingefordert. Und seitdem
die östliche Führungsmacht auf die Idee verfallen ist, durch Öf-
fentlichkeit und allseitiges Kritisieren ihr Volk und ihre Ökono-
mie in Schwung zu bringen, wird erst recht die westliche Sicht-
weise verbreitet, daß eine "Reform" des Sozialismus als Kopie
westlicher Ideale nachgerade überfällig ist.
Die 27 1/2 Bürgerrechtler in der DDR, über deren Lebensumstände
man seit zwei Monaten gründlichst informiert worden ist, weil ih-
nen das westliche Interesse prompt den Ehrentitel einer
"Bewegung" angehängt hat, sind das Produkt gleich beider ideolo-
gischen Betreuungsverhältnisse: Sie vereinen das Sendungsbewußt-
sein sozialistischer Vordenker mit der Vorstellung, daß dafür die
westliche Meinungsfreiheit genau das passende Mittel sei. Sie
sind der festen Auffassung, daß moralische Anliegen ihres Kali-
bers auf dem Boden einer Gesellschaft mit sämtlichen humanisti-
schen Idealen eigentlich offene Türen einrennen müßten. Deshalb
beschränkt sich ihre "politische Praxis" auf das Abfassen von
Eingaben und von offenen Briefen an die Staatsführung, die dann
eben bloß immer in der "Frankfurter Rundschau" abgedruckt oder
von Petra Kelly beim Staatsratsvorsitzenden abgegeben werden. Und
auf ihre Erfolglosigkeit reagieren sie mit dem Einfall, daß Sie
eben gewisse staatliche Einrichtungen bräuchten, um ihre Meinung
verbreiten können zu dürfen, nämlich genau die Komplettierung ih-
rer DDR um die Vorzüge westlicher Demokratie. Dabei wollen sie
weder zur Kenntnis nehmen, zu was die freie Meinung im Westen
taugt, nämlich kaum zur harmonischen Einflußnahme der Bürger auf
den Staat; noch interessieren sie sich für die Gründe ihres
Staatswesens für sein ideologisches Aufpassertum. Sie verstehen
sich viel zu sehr als eine konstruktive Bereicherung, die gerade
ihr Staat dringend nötig hat, für die er regelrecht dankbar sein
müßte.
"Die Lage unserer Umwelt, gerade hier in der DDR, verlangt unser
aller Engagement..." (Vertreter der "Umweltbibliothek", Frankfur-
ter Rundschau, 6.1.)
"In der Zionskirche begann am 3. September die erste unabhängige
Demonstration von Basisgruppen anläßlich des Olof-Palme-Friedens-
marsches. Diese anscheinend hoffnungsvolle Entwicklung, die der
DDR auch international gut zu Gesicht stand, wurde durch die
jüngsten Vorfälle in Frage gestellt..." (Dieselben, Frankfurter
Rundschau, 5.1.)
"Die Probleme in der DDR verlangen eine offene und wahrhaft demo-
kratische Gesellschaft, in der jeder seine Kritik und Lösungsvor-
schläge einbringen kann..." (Initiative Frieden und Menschen-
rechte, Süddeutsche Zeitung, 11.12.87)
Und in der Pose von völlig zu Unrecht nicht gewürdigten Verant-
wortungsträgern befassen sie sich sogar mit Verbesserungsvor-
schlägen für die Paragraphen, mit denen sie abgewürgt werden: Ge-
gen die Paragraphen 99 (landesverräterische Nachrichtenübermitt-
lung), 106 (staatsfeindliche Hetze), 107 (verfassungsfeindlicher
Zusammenschluß), und 218 (Zusammenschluß zur Verfolgung ge-
setzwidriger Ziele) - ziemlich dieselben wie im BRD-Strafrecht
und genauso flexibel auslegbar, wie es für das Fertigmachen von
"Verfassungsfeinden" mit den Mitteln des Rechts nötig ist - emp-
fiehlt die Initiative "Frieden und Menschenrechte" die
"Aufhebung solcher willkürlicher Bestimmungen und gegebenenfalls
eine Neufassung, in der das zu bestrafende Delikt genau definiert
ist."
Zusätzlich fordern sie "die Schaffung einer Verwaltungsgerichts-
barkeit" mit der rührenden Vorstellung, daß dann der Bürger nicht
länger "zum Bittsteller degradiert" sei - Wackersdorf läßt grü-
ßen. Und schließlich möchte man auch in Reisefragen
"einklagbare gesetzliche Regelungen. In jedem Falle müssen Ein-
bzw. Ausreiseverbote konkret begründet werden." (Frankfurter
Rundschau, 7.1.)
Für saubere Verbote?!
Ein deutsch-deutscher Treppenwitz ist dieser Freiheitskampf
schon: Während die Wende-Regierung diesseits der Mauer mit den
Restbeständen der sozialkundlichen Ideologie aufräumt, das Recht
sei irgend etwas anderes als ihr Wille und ihre höchst souveräne
Beschlußfassung, während Zimmermann und Konsorten die oben zi-
tierten Paragraphen immer weiter ausbauen und jede Inanspruch-
nahme der kostbaren Bürgerrechte, die oben Eindruck machen will,
als unerlaubte bis gefährliche Infragestellung des staatlichen
Gewaltmonopols behandeln, entnehmen DDR-Intellektuelle ihrem Sy-
stemvergleich die angestaubten Ideale bürgerlicher Herrschaft als
dringend notwendige Ergänzung des Sozialismus. Während die west-
deutschen Meinungsmacher gerade noch verständnisvoll einem Werner
Höfer bescheinigt haben, daß er nationalsozialistische Kommentare
schreiben mußte, wenn er schon unterm Nationalsozialismus Kar-
riere machen wollte, fordern sie, was das andere System angeht,
kompromißloses Freiheitskämpfertum und nehmen Krawczyk ins Ver-
hör, warum er nicht drüben für seine Auffassung ins Gefängnis ge-
gangen ist und für die "Bewegung" den Märtyrer gemacht hat, statt
sich bei uns absetzen zu lassen.
Rübermachen als Lebenszweck
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Auswandern ist normalerweise eine Frage der Not ökonomischer oder
politischer Natur, weil damit ja immerhin die Existenz, die man
hat, vom Lebenserwerb bis zu Verwandten und Freunden gekündigt
wird, ohne daß mit der Unterstellung unter eine andere Staatsge-
walt eine Besserstellung irgendwie garantiert wäre. Auch da hat
es die deutsch-deutsche Systemkonkurrenz zu einer Novität ge-
bracht: Ohne jede Not, aber auch ohne jede Zusage, was ihren pri-
vaten Erfolg betrifft, beschließen immer wieder DDR-Bürger, sich
in die BRD abzusetzen, wie einen Schritt in einer privaten Kar-
riereplanung.
Um eine menschenrechtliche Selbstverständlichkeit namens 'freie
Bestimmung des Wohnorts' handelt es sich dabei nicht. Keinesfalls
respektieren die menschenrechtsbeflissenen Demokratien jeden Ein-
wanderungswunsch, wie er daherkommt; gerade die BRD verbittet
sich die Behandlung als "Einwanderungsland" und hält sich alle
Sorten von "Wirtschaftsflüchtlingen" und "Scheinasylanten" vom
Leib. Und daß sie keine Probleme mit massenhaften Auswanderungs-
wünschen ihrer Bürger haben, liegt überhaupt nicht an ihren demo-
kratischen Freiheiten. Im übrigen würde jede Staatsgewalt bei ei-
nem so massiven Abzug von Staatsvolk einschreiten, wie er zwi-
schen den beiden deutschen Teilen stattgefunden hat. Dabei ver-
fügt die DDR noch nicht einmal über die zivilisatorische Errun-
genschaft einer Reservearmee, modern: Arbeitslosigkeit. Die DDR
befindet sich in der seltsamen Lage, alle ihre Leute zu brauchen.
(Bis auf die Rentner, aber die fahren merkwürdigerweise immer
wieder zurück.)
Demgegenüber präsentiert sich die BRD, wie gesagt, keineswegs als
Einwanderungsland, wohl aber als einzig zuständige Staatsgewalt
für alle Deutschen, die sie vorläufig - ehe die Sache mit den
Grenzen von 1937 geregelt ist - mit ihrer Staatsbürgerschaft be-
schenkt, ob sie sie wollen oder nicht. Immerhin aber gibt es re-
gelmäßig DDRler, denen das wie ein attraktives Angebot vorkommt.
Ein imperialistischer Rechtsanspruch als Chance für die private
Lebensgestaltung - zu der verrückten Sichtweise hat wiederum die
DDR das Ihre beigetragen, indem sie sich ihren Leuten fortwährend
mit einem geschönten Systemvergleich als das bessere Angebot aus-
gemalt hat. Dabei ist es ihr noch nicht einmal gelungen, mit ein
oder zwei richtigen Argumenten westdeutsche Pracht und Herrlich-
keit schlechtzumachen. Auf der Grundlage stellen ganz normale
Lastwagenfahrer, Friseusen oder Apotheker die Milchmädchenrech-
nung an, was ihnen ihre DDR bei ihrem notorischen Hinterherhinken
in Fragen des gehobenen Konsums voraussichtlich alles nicht wird
bieten können. Mit ihrem DDR-Weltbild rechnen sie alle sozialen
Sicherheiten, die es zwar in der DDR, aber nicht in der BRD gibt,
sehr selbstverständlich in ihr Ideal einer West-Existenz mit ein.
Von der Aussicht auf Arbeitslosigkeit und Geldsorgen lassen sie
sich nicht schrecken, weil sie ganz DDR-selbstbewußt viel zu sehr
an den Wert ihrer persönlichen tüchtigen Arbeitskraft glauben,
und von der Normalität der Ausbeutung an westdeutschen Ar-
beitsplätzen haben sie sowieso keine Ahnung.
Diese Abteilung deutscher Menschen ist neuerdings auch in den Ge-
ruch politischer Opposition geraten. Nicht nur, weil in der west-
deutschen Propaganda die fehlenden Bananen und das Bedürfnis nach
Freiheit schon immer dasselbe waren. Die ausreisewütigen DDRler
haben an Fällen wie den Botschaftsbesetzungen oder der sogenann-
ten "Künstlerlösung" gemerkt, daß ihre Staatsmacht Leute umso
schneller abschiebt, je mehr öffentlichen Wirbel unter maßgebli-
cher Einschaltung der BRD es gibt bzw. je mehr sie sich als poli-
tische Querulanten gerieren. Der neueste Trick à la Rosa-Luxem-
burg-Demonstration besteht also darin, sich w i e eine Grund-
satzopposition aufzuführen mit der Aussicht darauf, schleunigst
rausgeschmissen oder aus einem DDR-Knast freigekauft zu werden.
Die Idee hat im Januar so hervorragend geklappt, daß der größte
Teil der Demonstranten, die ihr Vorhaben vorsorglich bei den ent-
sprechenden Stellen angekündigt hatten, schon vor Beginn der De-
monstration im Westen angekommen war.
Weil sich diese politisch getarnte, gelungene Erpressung der DDR-
Obrigkeit durch Ausreisefanatiker mit der umgekehrten Erpressung
von ein paar Bürgerrechtlern mit der Alternative Knast oder Ab-
schiebung gekreuzt hat, ist sich die politische Öffentlichkeit
zur Zeit nicht mehr ganz einig, was jetzt schlimmer an der DDR
ist: daß sie die Leute nicht raus oder nicht bleiben läßt. Teile
der Öffentlichkeit verteidigen das Recht auf "unsere Opposition"
drüben, das Recht von Krawczyk und Co. auf ihre DDR-Staatsbürger-
schaft so vehement, daß gestandene Deutschlandpolitiker ihre hei-
ligsten Prinzipien verraten glauben. Dann "warnt" Kanzleramtsmi-
nister Schäuble vor einer "falschen Diskussion über die soge-
nannte Entlassung aus der DDR-Staatsbürgerschaft". Logo: ein
"sogenanntes" Gebilde kann auch nur "sogenannte" Entlassungen
vornehmen, was aber nicht heißt, daß sich darüber nicht hetzen
ließe. Es geht ja sowieso immer nur um dasselbe.
Deutsch-deutsche Beziehungen im Sinne "normaler"
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"gutnachbarschaftlicher" Einmischung
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Dafür sind erst einmal alle Wünsche von DDR-Bürgern recht, die in
der DDR nicht gern gesehen sind, ob sie nun auf Ausreisen
o d e r Dableiben lauten. Für alle Anliegen präsentiert sich die
BRD-Politik als mindestens genauso zuständig wie die DDR-Behör-
den. Dabei ist es auch scheißegal, um was für Anliegen es sich
handelt. Kommunismusverdächtig sind sie ohnehin alle nicht; und
wenn auch vergleichbare Friedensfreunde oder Umweltschützer in
der BRD längst keine so hervorragende Presse und politisches
Wohlwollen genießen - in der DDR verdienen sie beides völlig zu
Recht. Als Reklame für die Überlegenheit unserer Demokratie und
als Störung des Staatslebens drüben taugen sie allemal.
Und das umso mehr, je mehr die DDR-Führung ihrerseits dem west-
deutschen Hineinregieren Respektabilität verschafft hat. Schließ-
lich läßt sie andauernd über ihre internen Angelegenheiten wie
den Reiseverkehr, die Freilassung irgendwelcher Häftlinge oder
die Ausdehnung westdeutscher Propaganda auf ihr Staatsgebiet mit
sich verhandeln. Schließlich kalkuliert sie selbst mit ihrem in-
ternationalen Ansehen und läßt dafür auch einmal demonstrativ
Milde walten. Sie schätzt also die Anerkennung in der westlichen
Staatenwelt mehr als die Abgrenzung vom revanchistischen Gegner
und handelt sich damit den Vorwurf des "Rückfalls in stalinisti-
sche Praktiken" ein, wenn sie dann doch wieder einmal ein Stück
Abgrenzung und Unterbindung unliebsamer Propaganda für erforder-
lich hält.
Und die westdeutsche Politik erklärt sich für unmittelbar betrof-
fen. Die westdeutsche Öffentlichkeit, die Proteste in der BRD ge-
wohnheitsmäßig unter dem Gesichtspunkt ihrer polizeikonformen Ab-
wicklung registriert, wobei deren Anliegen kaum erwähnenswert
sind, er geht sich in Tiraden für das Recht der Andersdenkenden
und tut ihr Bestes, sich noch dem hinterletzten unterdrückten
DDR-Geistesprodukt als Sprachrohr zur Verfügung zu stellen. Die
westdeutsche Politik erklärt die Lage für ernst und droht mit ei-
ner Verschlechterung der Beziehungen. (Man stelle sich nur einmal
vor, die DDR würde die Polizeischlachten um Wackersdorf in der-
selben Weise behandeln.)
Allerdings ist gerade in letzter Zeit ein markanter Fortschritt
in der westdeutschen Behandlung "unserer" DDR-Angelegenheiten zu
verzeichnen. Neben der üblichen Hetze über Unfreiheit und Poli-
zeistaat hat Graf Lambsdorff, zu Besuch in Ostberlin, auch einmal
auf Verständnis für die DDR-Staatsführung gemacht, die irgendwie
auch verlangen kann, daß man sich an ihre Gesetze hält. Als
"moskauhörig" ist er deswegen noch lange nicht beschimpft worden.
Die westdeutsche Öffentlichkeit ist nämlich völlig auf der Höhe
und beherrscht das komplette Instrumentarium von freiheitskämpfe-
rischem Aufjaulen bis zu real politischer Schläue. Was sich mit
guten Beziehungen zur DDR alles regeln läßt, von Milliardenge-
schäften bis zu Reiseregelungen, gehört mittlerweile zum deutsch-
landpolitischen Besitzstand. Da gilt dann eben auch einmal die
diplomatische Berechnung mit denen oben gegen die unten, gegen
"unsere" Protestler, und die BRD produziert ein gönnerhaftes Ver-
ständnis für Fragen, in denen die DDR-Staatsführung nicht oder
noch nicht nachgeben kann...
Das kratzt die Aureole der westdeutschen Osterschließung im Namen
"menschlicher Erleichterungen" leider auch nicht im geringsten
an. Auch wenn gerade die DDR-Aushängeschilder zu spüren bekommen,
daß im deutsch-deutschen Verhältnis denn doch andere Berechnungen
maßgeblich sind als die Sorge um ihre kostbare Persönlichkeit. Da
bekommen sie auch schon einmal einen Verweis, wenn sie angeblich
die komplizierte diplomatisch-kirchliche Kungelei stören. Und es
wird ganz vorurteilslos erörtert - so geht Meinungsfreiheit! -,
wie sie f ü r u n s am besten zu verwenden wären. Eingesperrt
in einem DDR-Knast, damit die moralische Blamage der DDR etwas
markanter ausfällt und die "Bewegung" drüben mehr Pep bekommt;
oder drüben mit mehr Respekt vor den DDR-Gesetzen, damit sie mehr
an "Bewegung" hermachen können... Auf jeden Fall gehören sie ei-
gentlich n i c h t hierher. Daß nörgelige Botschaften im
Sprechgesang zur Gitarre nicht gerade auf dem Niveau unserer Mu-
sikszene sind, haben unsere Feuilletonisten ganz schnell heraus-
gefunden.
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