Quelle: Archiv MG - BRD AUSSENPOLITIK OSTHANDEL - Politische Erpressung mit Ökonomie
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Dortmunder Hochschulzeitung Nr. 11, 30.11.1982
Teach-In der Marxistischen Gruppe
Vom Ostgeschäft zum Wirtschaftskrieg:
DIE POLITISCHE ÖKONOMIE DES OST-WEST-HANDELS
1.
Schenkt man den wissenschaftlichen und öffentlichen Experten in
S y s t e m vergleich Glauben, dann ruiniert sich die Planwirt-
schaft im Osten gegenwärtig selbst. Da ist die Rede von der
"Unfähigkeit des Systems", von "systembedingter Nicht-Effizienz",
von "natürlichem Absterben" usf. Mit der tiefgründigen Tautolo-
gie, die jeder SPIEGEL-Leser kennt - das System drüben k a n n
gar nicht fähig sein, weil es n i c h t das fähige System des
Westens ist (da will erst gar nicht mehr der Anschein früherer
Tage erweckt sein, hierzulande lasse es sich besser leben als
drüben!), mit dieser Tautologie wird heutzutage die "Systemfrage"
vehement entschieden: der Osten ist gar nicht mehr
l e b e n s f ä h i g.
2.
Derlei besserwisserische V e r a c h t u n g ist sehr modern ge-
worden: "Nichts geht mehr", und das hat ganz jenseits der Frage,
ob die aufgezählten Krisenphänomene zur Ruinierung eines ganzen
Staatenblocks überhaupt tauglich sind! Dabei ist dem schlauen
Fachmann natürlich nicht entgangen, daß der Osten nicht vor dem
schiefen Blick und dem abschätzigen Urteil von ihm und seines-
gleichen zurückweicht: all die Gründe der ökonomischen Schwierig-
keiten des Ostens zählt er auf - Handel mit dem Westen, Verschul-
dung - unter einem Titel allerdings, der die Ideologie des
Selbstuntergangs fortsetzt: all das war menschenfreundliche Hilfe
des Westens, aber dem Osten ist eben nicht zu helfen...
3.
Da stellt sich doch die Frage, was "uns" eigentlich so sehr zu
diesen maßlos selbstgerechten Urteilen berechtigt! Hängt das da-
mit zusammen, daß westliche Politiker mit dem Osthandel einen
"Wandel durch Handel" im gegnerischen System herbeiführen wollten
und an dessen Auswirkungen auf die Planwirtschaften drüben zu-
frieden feststellen, wie sehr das (immer noch nicht weitgehend
genug) gelungen ist? Und hat das damit zu tun, daß amerikanische
Staatssekretäre verkünden, die feindliche Volkswirtschaft von den
eigenen Geschäftsinteressen so abhängig gemacht zu haben, daß man
das jetzt politisch ausnutzen kann: nämlich dazu, den Osten mit
dem Entzug des gedeihlichen Handels und Wandels bestrafen und
seine Volkswirtschaft ruinieren zu wollen? Was hat es eigentlich
mit dem "S e l b s t untergang" des Ostens auf sich, wenn west-
lichen Politikern einfällt, ihrem Gegner im Osten die Zahlungs-
möglichkeit zu b e s t r e i t e n = dessen Export durch Aufhe-
bung der Meistbegünstigungsklausel zu erschweren und gleichzeitig
in Umschuldungsverhandlungen auf Zahlung zu b e s t e h e n?
4.
Die systemvergleichenden Urteile genießen die Ü b e r l e g e n-
h e i t des eigenen Systems; mit viel nationalistischer Moral
wird dem Gegner sein Ende, prophezeit und ihm bescheinigt, selber
daran schuld zu sein, wenn er ausgeschaltet wird. Das macht die
Betrachtungen hiesiger Auguren einer "Ostblock-Krise" so
gemütlich und sie selber ganz gleichgültig gegen all die
G r ü n d e der Wirksamkeit des Westens, die sie so bewundern.
Über diese Gründe wird auf der Veranstaltung zu verhandeln sein.
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