Quelle: Archiv MG - BRD AUSSENPOLITIK BERLIN - Sumpfblüte des Imperialismus
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Marxistische Schulzeitung Bremen, 17.09.1981
US-Außenminister in Westberlin:
HAIG DROHT MIT DER FREIHEIT
Die Freiheit...
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Von Zeit zu Zeit und gerade in diesen Zeiten merkt man halt doch
wieder, daß Westberlin nicht nur eine Freiheitsglocke, sondern
auch eine Besatzungsmacht hat. Da kommt der Ami-Außenminister
Haig zur Truppeninspektion in die Front-stadt und die Jungsozia-
listen wollen ihn mittels einer Demonstration auf einige Unter-
schiede in politischen Fragen aufmerksam machen - von wegen Frie-
den höchstes oder zweithöchstes Gut -, und plötzlich wird die
Wahrnehmung eines ehrwürdigen demokratischen Rechts von allen Po-
litikern und ihren Journalisten in Presse, Funk und Fernsehen als
Majestätsbeleidigung kommentiert und in fast schon hysterischen
Ausbrüchen verurteilt. So nebenbei kann man auch mitkriegen, was
es denn mit der F r e i h e i t auf sich hat, für die Westber-
lin ein Symbol ist und die notfalls auch mit Krieg verteidigt
werden soll, in dem Berlin als äußerster Vorposten des Westens
aus strategischen Gründen der "Unfreiheit der Roten" überlassen
wird. Das ist der letzte Akt des Frontstadtauftrags, mitten im
Feindesland den Anspruch zu verkörpern, daß der Osten zum Westen
gehört. Kaum nimmt man sich die Freiheit nämlich mal wirklich
heraus, schon liegt ein flagranter Mißbrauch vor! Die
"Bildzeitung" hat schon irgendwie recht, wenn sie schreibt:
"Dieser Vorgang hat etwas Beklemmendes." Nur meint sie damit
nicht den öffentlichen Angriff auf die Demonstrationsfreiheit
ausgerechnet im freien Berlin, sondern den in ihren Augen unge-
heuerlichen Vorfall, daß "Menschen gegen einen Mann demonstrie-
ren, der ihre Freiheit garantiert." Nimmt man diesen Satz ernst,
so enthält er folgende schöne Definition der Freiheit eines Ber-
liners: Was den Mr. Haig betrifft, so besteht die Freiheit minde-
stens darin, daß man ihn einen guten Mann sein läßt und nichts
gegen ihn sagt; besser, viel freier also, wäre es, wenn die Ber-
liner so frei wären, "am Sonntag f ü r Haig zu demonstrieren."
Demonstrieren darf man also schon noch dürfen. Soll man sogar
wollen, aber so:
"Wo sind die Zeiten, da über eine Million Westberliner US-Präsi-
dent Kennedy zujubelten?"
Kein Mensch kann bestreiten, daß die amerikanische Präsenz in
Westberlin den Bürgern der Stadt nach wie vor das Recht garan-
tiert, für die USA massenhaft auf die Straße zu gehen; und daß
die Ostberliner das nicht dürfen, ist ebenfalls unbestritten. Da-
neben dürfen sie mit der Freiheit genau dasselbe anfangen wie je-
der andere Bürger in der Bundesrepublik, und das ist eine ganze
Menge:
- arbeiten
- Steuern zahlen
- fernsehen
- arbeitslos sein
- und wieder arbeiten
- alle vier Jahre wählen, damit sie alles das, was oben steht,
weiter dürfen.
Und jedermann weiß, daß die Menschen in der DDR das zwar alles
auch dürfen, aber halt nicht in Freiheit.
...Westberlin...
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Die Westberliner dürfen sogar noch ein bißchen mehr, weil sie in
der freiesten Stadt leben, die es überhaupt gibt. So dürfen sie
immer dann als erste ihr Notopfer bringen, wenn die Freiheitspo-
litiker beschließen, daß zur Verteidigung der Freiheit eine här-
tere Gangart gegen den Osten fällig ist.
Der bekannt gewordene Spruch von Mr. Haig: "Es gibt Wichtigeres
als den Frieden." ist für Westberliner also noch viel weniger
originell als für Bürger in anderen Gebieten des freien Westens:
Daß es diese Stadt überhaupt so gibt als Brückenkopf mitten im
feindlichen Territorium und daß der Westen wiederholt dokumen-
tiert hat, daß ihm diese paar Quadratmeter einen Krieg wert sind,
zeigt doch ganz deutlich, daß die Berliner, die auch noch stolz
auf ihre "Lage" sind, in diesem Punkt sich von dem Ami-General
a.D. nichts sagen lassen brauchen.
Andererseits werden auch die Demonstranten mit ihrer vermeintli-
chen Gegenparole: "Es gibt nichts Wichtigeres als den Frieden!"
einem amerikanischen Außenminister nichts Neues mitteilen. Ohne
den Frieden läßt sich kein anständiger Krieg vorbereiten, ja
nicht einmal alle die handfesten Gründe können geschaffen werden,
warum man einen Krieg anfängt. Die Neutronenbombe ist ja ein Re-
sultat des Friedens und nicht des Krieges, und daß die USA ihrem
sowjetischen Feind mit K r i e g drohen können, setzt
F r i e d e n geradezu voraus.
Der Außenminister aus Washington muß also so verstanden werden,
daß er mit seinem Satz nur die gegenwärtige Politik seines Landes
und die des gesamten freien Westens klarmachen sollte. Gemeint
hat er: Es gibt nichts Wichtigeres im Frieden als für den Krieg
zu rüsten!
Da haben ihn auch die Bonner Politiker und die freien Journali-
sten ganz richtig verstanden, weshalb eine Demonstration in West-
berlin gegen den US-Außenminister in diesen Zeiten auch noch mit-
ten im Frieden bereits als ein Akt der Wehrkraftzersetzung gar
nicht scharf genug verurteilt werden kann.
...und Mr. Haig
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Vor allem dann, wenn sie ausgerechnet jetzt stattfindet, also
eine "Provokation" ist und insbesondere d i e s e m Manne gilt,
also keine Kritik, sondern eine "Beleidigung Amerikas" ist. Mr.
Haig ist nämlich nicht irgend jemand, über dessen Meinung man ge-
teilter Ansicht sein kann, sondern als S t a a t s m a n n der
außenpolitische Repräsentant der USA; und die USA sind bekannt-
lich die Führungsmacht der westlichen Welt, also die Freiheit
schlechthin. Nicht nur ihre eigene Freiheit, überall auf der Welt
zuzuschlagen, wo sie es für notwendig erhalten, vielmehr sind sie
auch die Garantie der Freiheit unserer Politiker, das zu machen,
was sie für richtig halten. Mr. Haig, der es als vorbildlicher
Amerikaner bis zum Außenminister gebracht hat, verdient also den
Respekt der Bundesbürger, und jede Kritik an ihm ist nicht nur
eine "politische Taktlosigkeit", sondern eine Gefährdung unserer
Freiheit, für die sich dieser Mann als General und als Zivilist
mehr als einmal geschlagen hat, indem er zuschlagen ließ:
- 1952 im Koreakrieg, als er im Stab des Generals McArthur am
liebsten gleich nach Peking marschiert wäre;
- 1962 im Pentagon als Sonderberater, wo er sich für die Entsen-
dung von US-Truppen nach Vietnam stark machte, denen er
- 1966 als aktiver Offizier folgte, was ihm für seine Verdienste
im Leuteschlachten die Beförderung zum Oberst eintrug.
- 1971 als Berater des US-Außenministers Kissinger, wo er den
amerikanischen Einfall in Kambodscha organisierte;
- 1972 als Stabschef Nixons, wo er neben seinen Aktivitäten beim
Abhören politischer Gegner ("Watergate") auch noch Zeit fand, die
Flächenbombardierung Hanois zum Weihnachtsfest zu kommandieren.
- 1974 als NATO-Befehlshaber Europas, wo er seine "guten Kon-
takte" zu westeuropäischen Politikern, darunter unseren Helmut
Schmidt, knüpfte;
- 1979 als Aufsichtsratsvorsitzender einer der größten US-Rü-
stungsbetriebe. Bis er schließlich 1980 dem Ruf Reagans folgte,
die neue amerikanische Außenpolitik der weltweiten Offensive ge-
gen den Osten "verantwortlich zu gestalten". Wer einem solchen
Mann nicht zumindest untertänigsten Respekt zuteil werden läßt,
wenn er schon nicht die Courage hat, ihm zuzujubeln wie unsere
Politiker und Journalisten, der muß sich von der "Bildzeitung"
unter die "einige tausend Kommunisten und Chaoten" einreihen las-
sen, für die unsere Freiheit garantiert nicht da ist.
Merke: Es ist ein himmelweiter Unterschied, ob die Führungsmacht
der westlichen Satellitenstaaten und der Busenfreund der Bundes-
regierung zu Besuch kommt und bejubelt werden muß, oder ob der
Chef der östlichen Satellitenstaaten und beste Freund seiner Bru-
derstaaten nach Ostberlin kommt und dort bejubelt werden muß.
Denn im ersten Fall dient es dem Frieden durch Abschreckung und
der Bewahrung unserer Freiheit; im zweiten Fall bedroht es diese
zwei westlichen Güter.
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Westberliner danken Haig für die Neutronenbombe
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Denn sie ist die Waffe, die im Falle eines Kriegs die Forderung
"Berlin muß Berlin bleiben!" voll und ganz erfüllt: völlig unver-
sehrt läd der Kudamm weiterhin zum Bummel (für die Touristen)
ein, die Fensterscheiben bleiben heil. Die beiden Gedächtniskir-
chen mahnen weiter zum Frieden; die Freie Universität wird im
wahrsten Sinne des Wortes frei; Kreuzberg mit seiner unverwech-
selbaren Wohnkultur und den gemütlichen Kneipen bleibt erhalten -
Spekulanten gibt es nicht mehr, dafür aber strahlende Ar-
beitsplätze in Hülle und Fülle. Selbst das Luftbrückendenkmal und
die Mauer verkünden unbeschadet den Sieg der Freiheit. Menschli-
che Erleichterungen vor allem auf dem Gebiet des Wohnens: leere
Wohnungen gibt es in Massen, und für alternatives Wohnen stehen
genug russische Panzer herum für solche, die zu zweit oder zu
dritt das Besondere lieben und ohne Instandsetzung nicht wohnen
mögen: es genügt eine Blume in die Panzerkanone, der Sehschlitz
wird zum Briefkasten. Toilette außerhalb wie gehabt; drahtloses
Telefon vorhanden! - Und man vergesse nicht: Saft gibt's in Hülle
und Fülle und umsonst.
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