Quelle: Archiv MG - BRD AUSSENPOLITIK BERLIN - Sumpfblüte des Imperialismus
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Die dümmste Beschwerde des Monats:
BESUCHE ABGESAGT /
HONECKER GEHT NICHT NACH WESTBERLIN /
DIEPGEN GEHT NICHT NACH OSTBERLIN
Und was fehlt einem jetzt? Jetzt tritt unser Diepgen nicht bei
einem Staatsakt in der Hauptstadt der DDR in Erscheinung zum Be-
weis, daß Berlin eigentlich ein zusammengehörendes Ganzes, Marke
West, ist, sondern verbreitet diese Botschaft von Westberlin aus,
wie sonst auch, zwanzigmal am Tag. Jetzt kommt Honecker nicht
nach Westberlin, um sich dort die Unverschämtheit sagen zu las-
sen, daß es ihn und seinen Staat eigentlich gar nicht geben
dürfte. Statt dessen kann er sie sich, wie sonst auch, im West-
fernsehen ansehen. Für das erlesene Programm bundesrepublikani-
scher Politiker, der DDR immerzu jede Existenzberechtigung als
Staat zu bestreiten, gibt es doch unzählige Gelegenheiten und Me-
thoden, wie sie ganze Generationen westdeutscher Diplomaten aus-
getüftelt haben.
Ausgerechnet das Jubiläumsbesuchswesen soll jetzt aber eine rie-
sige "verpaßte Chance" gewesen sein. Und zwar wegen der
"Menschen" drüben, für die möglicherweise die Erlaubnis zu mehr
Reisen rausgekommen wäre.
Es ist schon widerlich, wie Politiker und Presse hierzulande her-
umheucheln, sie hätten keine größeren Sorgen als die, wie die
DDRler ihren Urlaub gestalten. Seit Jahren erklärt die DDR-Füh-
rung, daß das mit den Westreisen ganz einfach zu haben wäre: Die
BRD müßte nur anerkennen, daß die DDR ein Staat ist, und die DDR-
Bürger eine eigene Staatsangehörigkeit besitzen. Das aber wollen
eben die westdeutschen Wiedervereiniger nicht. Ihnen ist ja auch
sonst ziemlich scheißegal, wer wohin welche angenehme Reise un-
ternimmt. Und zur Begleichung der Devisenschulden, die die DDR
machen müßte, wenn sie ihre Leute in den teuren "goldenen" Westen
läßt, hat sich noch kein Bonner Propagandist für Reisefreiheit im
Osten bereit erklärt. Das Thema, wann DDR-Bürger reisen dürfen,
ist ja - wie die Staatsbürgerschaft und die Berlinfeiern
und...und...und... - auch nur deshalb so interessant, weil die
westdeutschen Politiker daran immerzu nichts anderes klarstellen
als ihren Rechtsanspruch auf das andere Deutschland. Ja wird jede
Gelegenheit ausgeschlachtet, das eigene großdeutsche Programm als
Faktum in die Welt zu setzen, das alle Welt zu respektieren
hätte. Da wird das Interesse der DDR an auskömmlichen Beziehungen
immer wieder dazu ausgenützt, ein Stück weit in den anderen deut-
scher Staat hineinzuregieren und ihm Bedingungen aufzumachen, wie
er mit seinen Leuten umzuspringen hat, damit das Programm der
(west-)deutschen Einheit weiterkommt. Weil Kohl und Konsorten
ihre Herrschaftsbefugnisse nicht weit genug gehen, weil ihnen für
ihre Machtansprüche Land und Leute der BRD viel zu beschränkt
vorkommen, deshalb soll man sich diese Beschwerde auch immer noch
eingepackt in die geheuchelte Sorge ums Wohlergehen "unserer Brü-
der- und Schwestern" anhören. Und deshalb hat sich die sachver-
ständige Öffentlichkeit bei uns auch blitzartig darauf geeinigt,
daß hinter den Absagen wieder einmal die Russen stecken müssen.
Daß die DDR-Führung von sich aus folgsam aufgetreten wäre, um
sich diplomatische Beleidigungen sagen zu lassen, wird als
Selbstverstämdlichkeit gehandelt. Als ob Kohl nicht auf der Er-
öffnungsfeier volle Pulle herumgehetzt hätte gegen die DDR,
stellt man sich in Bonn "erstaunt" über den "plötzlichen Sinnes-
wandel" in der DDR. Als ob Honecker selbst dem westdeutschen Ge-
samtvertretungsanspruch längst schon zugestimmt hätte, wird wie-
der das Märchen verbreitet, daß ihn eigentlich überhaupt nur ein
Verbot aus Moskau vom Besuch abgehalten haben kann.
Von wegen also "verpaßte Chance". D i e Chance, ihrer Bevölke-
rung einzutrichtern, daß die bösen Russen die guten Deutschen
trennen und daß das ein sehr "widernatürlicher Zustand" ist, ha-
ben die zuständigen Stellen doch wieder einmal hervorragend aus-
genützt und bleich als nächstes mit Genugtuung konstatiert, daß
die Bündnisgenossen diese extra-deutsche Kampfansage an den Ost-
block zu schätzen wissen. Der französische Staatspräsident hat
der "Deutschlandfrage" schon einmal mit ein paar neuen protokol-
larischen Feinheiten in Berlin die Honneurs gemacht. Ein paar
weitere "Höhepunkte" dieser unsäglichen Feiern stehen ins Haus.
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