Quelle: Archiv MG - BRD AUSSENPOLITIK BERLIN - Sumpfblüte des Imperialismus


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       Reagan zu Besuch in der Frontstadt
       

BERLIN - EIN WESTLICHER KRIEGSAUFTRAG

Der Besuch des amerikanischen Präsidenten am 12. Juni in Westber- lin ist d e r Höhepunkt aller Veranstaltungen, bei denen die Einwohner die 750-jährige Lebendigkeit ihrer Stadt feiern dürfen. Das liegt nicht an der Geschichte, sondern an der heutigen Rolle, die deutsche und amerikanische Politiker dieser Stadt verliehen haben. Reagan besucht einen Vorposten westlicher Freiheit mitten im Feindesland. Das ist das Existenzrecht Westberlins: das Recht der NATO - ihrer amerikanischen Vormacht und ihres deutschen Frontstaats insbesondere -, dort zu sein. Das dürfen die Westber- liner mit Fürsorge verwechseln und Reagan zujubeln, als wäre der ihre höchstpersönliche Überlebensgarantie. Passend dazu wird dieser Staatsbesuch von Militärparaden beglei- tet und die Stadt in ein Heerlager verwandelt. Wenn die Bundes- wehr - zum Bedauern Bonner Politiker - noch nicht mit aufmar- schieren darf, so wird sie doch würdig durch die Wasserkanonen und die Knüppel der Westberliner Polizei vertreten. Klar, der Freiheitsstall an der Spree verdient nur Jubel-Berliner und über- zeugte Fanatiker eines Kampfes gegen das "Reich des Bösen". Jubelfeier der Freiheit ----------------------- Dafür werden die Statisten am Straßenrand von den aus Washington und Bonn angereisten Politikern herzlich beglückwünscht. Auch wenn Reagan bei der Erneuerung von Kennedys Versprechen "Ich bin ein Berliner" vielleicht Berlin mit Kabul verwechselt, wird die Botschaft nur um so schlagender. Die Bewohner der Mauerstadt ge- ben das Demonstrationsmaterial für einen westlichen Freiheitswil- len ab, der keine östlichen Grenzen leiden kann, und werden des- halb als "Freiheitskämpfer" gefeiert. Dabei geht es von vornherein um Höheres als um die Annehmlichkei- ten eines bescheidenen Lebens und Auskommens. Wie die Bewohner der Stadt ihren Arbeitsplatz aushalten, sich mit und ohne Ar- beitslosenhilfe herumschlagen und in Ausländerghettos und Kreuz- berger Slums leben, zählt da überhaupt nicht. Das macht sie nicht zu Berlinern, "auf die die Welt mit Bewunderung schaut"; schließ- lich geht es so überall in der Freien Welt zu, von New York bis Manila. Zu "Freiheits"-Berlinern adelt sie der Umstand, daß es den westlichen Politkern von Anfang an darauf angekommen ist, Westberlin als eine "Insel" einzurichten. Und das nur mit dem einzigen erklärten Zweck, diese Insel wieder ans "Festland" anzu- schließen. Einen anderen Grund gibt es wirklich nicht für die Sparpolitiker in Bonn, diese Ansammlung von Bauspekulanten, Bor- dellbesitzern, Rentnern, Alternativen und Asylanten zu bezuschus- sen. Es geht um die Herstellung eines politisch unhaltbaren Zu- stands mitten in der DDR; und dieses Ärgernis wollen Kohl und Reagan dadurch beenden, daß sie ihre Zuständigkeit auch auf die Umgebung Westberlins ausdehen. Revanchisten unter sich ----------------------- Daß es Westberlin immer noch gibt, ist eben gar nicht die Bot- schaft der Feierveranstaltung. Man will sich ja auch gar nicht bei Gorbatschow und Honecker dafür bedanken, daß sie das zugemau- erte Gelände schon seit Jahr und Tag in Ruhe lassen und sogar den Müll wegschaffen. Im Gegenteil. Gefeiert wird ein "Provisiorium" - mit lauter Ansprüchen, die nichts als die Unzufriedenheit eines Reagan und eines Kohl mit den derzeitigen politischen Verhältnissen zur Kenntnis geben. Menschenfreundlich beklagen Bonner Politiker, daß alle Verwandt- schaftsbande von hüben nach drüben "unmenschlich" zerrissen wä- ren. Gemeint ist da nicht die Aufforderung an Diepgen, der solle seinen Westberlinern die 30 Mark Besuchsgeld in die Hand drücken, damit sie täglich ihre Onkel und Tanten im Osten heimsuchen kön- nen. Die "Wiederzusammenführung der Menschen" ist schon an- spruchsvoller, nämlich eine Frage der n a t i o n a l e n G e w a l t: Auch die Ostberliner (und nicht nur die) sind Deut- sche und haben es deshalb verdient, unter die Steuer-, Gewalt- und Wehrhoheit der Politiker zu fallen, die bislang leider nur die westlichen Teile Berlins, Deutschlands und Europas regieren dürfen. Ganz unerträglich ist den angereisten Politikern die "mörderische Mauer", die Berlin teilt. Bei der gemeinsamen Besichtigung des "Schandwerks" fällt denselben Staatsmännern, die auf unbedingter Anerkennung ihrer Staatshoheit bestehen und zu diesem Zweck weit mehr einrichten als einen Betonzaun, nur ein: "Die Mauer muß weg". Sie trennt die BRD von der Erfüllung ihres "Wiedervereinigungsanspruchs", vor dem die DDR kein Existenzrecht hat - ihr Grenzschutz ist eine Gewalt, die nicht durchs Grundge- setz ins Recht gesetzt ist, also ein Verbrechen. Schließlich ist die Berliner Mauer nur das "Symbol" einer Teilung der Welt, auf deren endgültige Beseitigung die obersten Staats- männer des Westens es absehen. Das Jammern über das Elend einer "geteilten Stadt" ist ja nur der Auftakt, um zu betonen, daß die Revision des unerträglichen Unrechts einer geteilten Nation an- steht. Dabei soll es freilich nicht bleiben: Stolz verkünden die obersten Staatsmänner des Westens in Berlin, daß die "deutsche Frage" nur auf "gesamteuropäischer Ebene" zu lösen ist. Diese Menschen wissen genau, daß schon eine Revision der politischen Nachkriegsverhältnisse in ganz Europa nötig ist, damit die Westberliner "ungehindert" mit der Reichsbahn zum Alexanderplatz gondeln dürfen, oder was dann davon noch übrig ist. Eine besondere Frechheit dieser Revanchismusveranstaltung ist durchaus beabsichtigt: Mitten in A b r ü s t u n g s- g e s p r ä c h e n, zu denen der Abrüstungswille Gorbatschows den Westen veranlaßt hat, stellen Reagan und Kohl in Berlin klar, daß sie deswegen ihr K r i e g s p r o g r a m m um nichts zu- rücknehmen. D a z u soll der Gegner gute Miene machen. Dafür dürfen die Westberliner als Jubelspalier antreten. *** Ost-Berliner Rock-Fans: ----------------------- willkommene Kronzeugen zum rechten Zeitpunkt -------------------------------------------- So richtig menschliche Kronzeugen zur Illustration einer höheren "Berechtigung" ihres militanten "Rechts" auf den Fall der Mauer haben BRD-Politiker sich immer schon gesucht und gefunden. D a r u m hat das Rock-Konzert rein zufällig im Westen an der Mauer stattgefunden und die westdeutschen TV-Kameras waren in weiser Vorhersehung im Osten zur Stelle. Darum ist es in diesen Tagen so ziemlich das schrecklichste Verbrechen, ein paar Leuten ein mittelmäßiges kulturelles Ereignis vorzuenthalten. D a r u m sind Typen wie H. J. Vogel und F. J. Strauß momentan die heißesten Fans von Pop-Gruppen, deren Abstammung sie anson- sten eher im Urwald vermuten. Und d a f ü r dürfen sich die Ost-Berliner Rockfans momentan als Freiheitshelden feiern lassen: "Die Mauer muß weg" - das ist Musik in den Ohren westlicher Wiedervereinigungspolitiker, weil es eben i h r Schlager ist, nach dessen Flötentönen sie den Osten tanzen sehen wollen ("Da ist Musik drin - deutsche Musik", BILD). *** Der Mann mit dem Koffer in Berlin --------------------------------- Eine richtig nette Rede hat der oberste Prince Charming der freien Welt, Mr. Reagan aus USA, den Berlinern und Wahlberlinern gehalten. Lauter Liebenswürdigkeiten und Komplimente: vom Gassen- hauer mit dem Koffer à la Hildegard Knef bis zur Unteilbarkeit der Berliner Schnauze, für die diese Stadt ja berüchtigt ist. Da kommt er in die festungsähnliche Frontstadt, spricht vor Beton und Stacheldraht - und sprüht vor guter Laune und Zuversicht. Das macht ihm kein Russe nach, das liegt eben am System. Bleibt nur die Frage, warum er, bloß um einen Koffer abzuholen, gleich eine ganze Mauer niederreißen will. zurück