Quelle: Archiv MG - BRD AUSSENPOLITIK ANSCHLUSS - Die Eroberung der DDR
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Wende in der Wissenschaft der Ex-DDR
WIE EINE "SOZIALISTISCHE WELTANSCHAUUNG" SICH SELBST ABWICKELT
Die Befreiung der Wissenschaft im neuen Deutschland vollzieht
sich als "Abwicklung" des alten DDR-Hochschulwesens und soll sich
- wie alles, was der Rechtsstaat unternimmt - als Dienst an Wer-
ten verstehen, die ihm und seiner Verfassung heilig sind. Die
hier einschlägigen hohen Güter, denen er mit dem Einsatz seiner
Rechtsmittel Geltung verschaffen will, heißen "Autonomie der
Hochschulen" und "Freiheit von Lehre und Forschung", und gemeint
mit beidem ist die Einführung eines Lehrangebotes, das nach Aus-
kunft des sächsischen Bildungsministeriums "auf eine freiheitli-
che Gesellschaft, einen demokratischen Rechtsstaat und eine so-
ziale Marktwirtschaft orientieren" soll.
Dies ist eine Klarstellung über den Zweck, für den die
"Autonomie" des demokratischen Bildungswesens gedacht ist: Das
Forschen und Lehren wird vom demokratischen Rechtsstaat in die
Freiheit entlassen, damit als deren Endresultat - irgendwie -
eine "Orientierung" auf ihn und seine Einrichtungen herauskommt.
Weder das, noch der Umstand, daß die Freiheit der Wissenschaft in
der staatlichen Rechtsgewalt, die die östlichen Universitäten
zerschlägt, ihren Geburtshelfer hat, irritiert Demokraten beson-
ders. Selbst in den - wenigen Fällen, in denen sie eine
"Autonomie" befremdlich finden, die sich mit den Paragraphen des
westdeutschen Hochschul- und Beamten rechts Eintritt in die Welt
des freien Denkens verschafft, verfügen sie über den moralischen
Totschläger, der den kleinen Wertkonflikt zwischen Freiheit und
Gewalt gründlich zur Entscheidung bringt: Die Zerschlagung der
realsozialistischen Bildungseinrichtungen in Berlin, Leipzig,
Halle usw. ist danach schon deswegen zwingend geboten, weil es
sich bei denen um die "Kaderschmieden des Sozialismus", also um
die geistigen Quellen des Bösen gehandelt haben bzw. noch handeln
soll. Die endgültig auszutrockenen ist die Notwendigkeit, die ein
demokratischer Kopf blind versteht - und beim Dienst an dieser
Pflicht darf sein Staat den ihm sonst zugutegehaltenen schönen
Schein von der freien Wissenschaft ruhig einmal auffliegen las-
sen.
Was bei dieser "Abwicklung" da so alles erledigt wird, ist für
denselben Kopf deshalb auch weniger wissenswert. In seiner Auf-
fassung von auszumerzenden Restbeständen des feindlichen Systems
wird er auch dann nicht irre, wenn dessen ideelle Repräsentanten,
die einst die "Kader" "schmiedeten", nunmehr ganz genau wissen,
daß und wie sie mit ihrem "sozialistischen Weltbild" grundver-
kehrt lagen. Ihm ist sofort klar, daß das Opportunismus ist -
worin der besteht, braucht er gar nicht zu wissen. Den soziali-
stischen Denkern wird diese bequeme Verurteilung allerdings nicht
gerecht. Sie lebt ja bloß vom moralischen Generalverdikt gegen
den Sozialismus und spinnt an der Wissenschaft die Legende von
dessen zu bewältigender Erblast weiter. Was die Denker selbst
dazu bewegt, sich vom Sozialismus, für den sie 40 Jahre lang Par-
tei nahmen, mit einer einfachen "Wende" zu verabschieden; weshalb
die genauso schnell wie einfach mit Überzeugungen fertig sind,
die sie mal ganz ernsthaft vertraten, soll ein Rückblick auf die
Wissenschaft im Realen Sozialismus deutlich machen.
Die "Kaderschmieden des Sozialismus": Antikommunistische
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Bildungsziele für eine fortschrittliche Staatsbürgergesinnung
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"Die von Marx und Engels geschaffene Philosophie ist die Weltan-
schauung der neuen revolutionären Klasse, der Arbeiterklasse;
diese ist historisch dazu berufen, die Herrschaft der Bourgeoisie
zu beenden, den Kapitalismus zu beseitigen und eine neue, die
fortschrittlichste und gerechteste Gesellschaftsordnung - den
Kommunismus - aufzubauen. Die marxistisch-leninistische Philoso-
phie ist deshalb nicht nur verpflichtet, die Welt streng wissen-
schaftlich zu erklären, sondern dient auch als theoretische Waffe
für ihre Veränderung. (...) Eine philosophische Weltanschauung
ist ein System verallgemeinerter theoretischer Auffassungen von
der Welt: von der Natur, von der Gesellschaft und vom Menschen.
Die Philosophie setzt sich zum Ziel, eine bestimmte Orientierung-
für den sozialen, politischen, wissenschaftlichen, sittlichen und
ästhetischen Lebensbereich der Menschen zu geben und zu begrün-
den."
Vom G e g e n s a t z einer Wissenschaft, der es um die Ermitt-
lung der Notwendigkeiten geht, die es gibt, zum Glauben, der sich
solche einbildet, haben also auch die Theoretiker im Realen So-
zialismus gewußt. Deswegen haben sie bei allem, was sie weltan-
schauungsmäßig so geglaubt haben, stets vermerkt, daß sie im Be-
sitz nachprüfbarer Gründe für ihren Glauben wären; es sich bei
dem also keineswegs um bloße Metaphysik, sondern um eine durch
und durch "wissenschaftliche Weltanschauung" handele. Daß dabei
die "Grundorientierung" ihrer Weltanschauung selbst - deren Be-
sitz sie stolz zu Protokoll gaben und damit auch, worin sie sich
von ihren bürgerlichen Kollegen unterscheiden wollten - eher
n i c h t dem Wissen über die Welt, sondern ihrem philosophi-
schen Deutungsdrang zu verdanken war, fanden sie gleichwohl in
Ordnung. Allerdings weniger aus wissenschaftlichen, als aus mora-
lischen Gründen. Immerhin erklärte sich der "Standpunkt", den sie
in ihrem Denken bezogen, für so humanistische Ideale wie
"Fortschritt" und "Gerechtigkeit" der praktischen Interessen par-
teilich, um die es der wirklichen Menschheit ging: D e n e n zu
"nützen" war das wissenschaftliche Ethos - und d a m i t auch
dem realsozialistischen Staat, der sich und sein politisches Wir-
ken ja in den Dienst an derselben Vervollkommnung der Humanität
gestellt sah. So stand mit der sozialistischen Staatsraison das
materielle Substrat der moralischen "Grundanschauung" schon ziem-
lich fest, auf die die sozialistischen Denker sich verpflichteten
und die sie in "bestimmte Orientierungen" zum Nutzen des Volkes
übersetzten. Deswegen brauchten diese Denker, um "nützlich" zu
sein, bloß noch gute Gründe dafür finden, daß die Mitglieder der
Arbeiterklasse auf ihrem Siegeszug zur Gerechtigkeit mit der re-
alsozialistischen Ordnung, in der sie lebten, prinzipiell gut be-
dient seien. Und genau in der Erfindung dieser guten Gründe lag
auch der wirkliche Nutzen dieser Wissenschaft.
Als Hauptingredienz dieses sozialistische n Bildungsauftrags fand
eine Lehre namens
"Historischer Materialismus"
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Verwendung. In dieser Forschungsrichtung widmete sich das ehren-
werte Bemühen, die "Welt streng wissenschaftlich zu erklären",
dem eher weniger wissenschaftlichen Bedürfnis, sich eine histori-
sche Notwendigkeit der höheren Art auszudenken. Wie dem eingangs
zitierten Lehrbuch zu entnehmen, soll es sich bei einer antikapi-
talistischen Revolution darum handeln, daß ein historisch dazu
berufenes Subjekt - die Arbeiterklasse - sich anschickt, einen in
der Geschichte vorgezeichneten Pfad zur gesellschaftlichen Fort-
und Höherentwicklung zu beschreiten. Seinen G r u n d hat ein
kommunistischer Umsturz hiernach nicht in den Notwendigkeiten,
die die eingerichtete Welt kapitalistischer Sachzwänge besagter
Arbeiterklasse beschert. Auch darin nicht, daß die Erledigung des
Kapitalismus zwingende Notwendigkeit für diese Klasse ist, will
sie mehr als nur die Ansammlung von Dienstleistenden dieser Sach-
zwänge sein. Er hat überhaupt keinen wirklichen, sondern einen
über alle Maßen g e r e c h t f e r t i g t e n Grund, insofern
sich Revolution nämlich von selbst versteht: Sie ist das im Prin-
zip ohnehin nicht aufhaltbare Ergebnis eines geschichtlichen
Gangs, der den Wechselfällen einer "Dialektik von Produktivkräf-
ten und Produktionsverhältnissen" einbeschrieben sein und sich im
steten Sieg von "Produktivkräften", welche "fortschrittlich",
über "Produktionsuerhältnisse", welche "überlebt", abzeichnen
soll.
Eine Geschichtsteleologie von Sozialismus und Fortschritt; der
Glaube an die Mission einer gesellschaftlichen Klasse, einen der
Welt als "Haupttendenz" einbeschriebenen Sinn praktisch wahrzuma-
chen: Diese durch und durch antirevolutionäre Ethik der Gesell-
schaftsänderung war der Beitrag, mit dem die historisch-materia-
listische Wissenschaft dem Volk im Sozialismus diente. Sie hat
unter den Auspizien eines geschichtlich verbrieften Menschheits-
fortschritts und "Siegeszugs des Sozialismus", den Staat, den es
als realsozialistischen gab, in sein moralisch höheres Recht ge-
genüber dem Kapitalismus gesetzt. Und bedient hat sie mit den ge-
stanzten Floskeln von der ersten, siegreich bezwungenen Etappe
bei der "welthistorischen Mission" den Standpunkt von Leuten, die
sich auf ihre Weise in ihrem Staat schon eingerichtet hatten und
zu Recht dem wissenschaftlichen Pathos nicht mehr entnahmen als
die Bekräftigung, wie goldrichtig sie dabei lagen. So kamen bei
dieser wissenschaftlichen Dienstleistung für die werktätigen Mas-
sen keine Einsichten zustande, die diesen Namen verdienen, weder
deren "Lage" im Kapitalismus, noch die im Sozialismus betreffend.
Das Bedürfnis, sie vom Standpunkt ihrer über alle Maßen schät-
zenswerten Mission aus zu würdigen, hat bezüglich des Kapitalis-
mus dafür gesorgt, sie gründlich von der nötigen Kritik und Auf-
klärung über den Fehler ihres willigen Mitmachens unter dem Re-
gime des Kapitals zu verschonen. Und bezüglich des Sozialismus
für jede Menge Glückwünsche an ihre Adresse, in Gestalt ihres re-
alen sozialistischen Staates so überaus erfolgreich ihrem Inter-
esse und dem Fortschritt der Menschheit insgesamt gedient zu ha-
ben...
Der dieses geschichtliche Weltbild tragende sozialistische Fort-
schrittskämpfer wurde demgemäß wissenschaftlich mit einem Bild
bedacht, aus dem sich ergab, daß er haargenau in die Welt hinein-
paßte, die er sich mit seinem realen Sozialismus gebaut hatte. In
einer Methodenlehre namens
"Dialektischer Materialismus"
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widmete sich die "marxistisch-leninistische Weltanschauung" ab-
strakt dem Nachweis eines durch seine gesellschaftlichen
"Bedingungen" determinierten Bewußtseins. Die Erkenntnis-Methodo-
logie, zu der sie dabei gelangten, sah ihren Materialismus we-
sentlich dadurch verbrieft, daß sie sich - gegen den
"bürgerlichen Idealismus" - zum Primat der Materie über das Be-
wußtsein bekannte. Dank dieser metaphysischen Grundsatzentschei-
dung sahen sich die "marxistisch-leninistischen" Theoretiker im-
merhin zur Wahrnehmung der Möglichkeit einer materialistischen
Wissenschaft imstande; und was dann auf Basis dieses Bekenntnis-
ses zum Gewicht der Idee "Materie" quer durch die Fakultäten er-
forscht und als wissenschaftlich ermittelte Befunde über Errun-
genschaften des sozialistischen Lebens in den universitären Lehr-
stoff eingespeist wurde, waren Variationen zu dem Thema, wie gut
der Reale Sozialismus zu den Idealen paßt, die die Wissenschaft
sich bei seiner Verklärung zum Eldorado des Menschenrechts
erdachte. So fand die sozialistische Gesellschaftsordnung durch
die
"Marxistische Gesellschaftstheorie"
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die folgende interessante Bestimmung einer "Lebensweise" derer,
die sich in ihr tummeln:
"Lebensweise ist die sozialhistorisch konkrete Daseinsform der
Produktionsweise einer Gesellschaft und ihres Überbaus. Die Le-
bensweise folgt der Produktionsweise, ob die Menschen sich dessen
bewußt sind oder nicht. Das ist der grundlegendste Gesetzeszusam-
menhang. Die dialektische Einheit konstituiert Lebensbedingungen,
die bestimmte Verhaltensweisen erzwingen, bestimmte Lebensformen
und -inhalte vorschreiben. Im Sozialismus ist die Ausbeutung des
Menschen durch den Menschen als Lebensrealität beseitigt, die
Produzenten reproduzieren mit ihrer Arbeitstätigkeit, gleich wel-
che Qualität von Leistungsverhalten diese verkörpert, sozialisti-
sche Eigentumsverhältnisse. Sie können sich nicht mehr als ausge-
beutete Nichteigentümer bzw. ausbeutende Eigentümer verhalten,
auch wenn sie sich unter Umständen wie solche verhalten."
Der Erklärungswert, die "Lebensweise" betreffend ist gleich Null;
Erläuterungen darüber, welche Notwendigkeiten der gesellschaftli-
chen Einrichtungen und Verkehrsformen denn welche Lebensbedingun-
gen und "Lebensweisen" begründen, sind nicht beabsichtigt. Statt
dessen hört man vom Gesellschaftstheoretiker eine erfolgreiche
Vollzugsmeldung darüber, d a ß "die Menschen" sich einem Le-
benszusammenhang ein- und unterordnen. Wo der herkommt und worin
er besteht, brauchen sie gar nicht zu wissen, weil es sich bei
ihrer fügsamen Anpassung an die gesellschaftlichen Verhältnisse,
die es so gibt, halt um einen "grundlegenden Gesetzeszusammen-
hang" handelt - das ist so im Leben. Um so mehr kommt es dann
darauf an, bei der richtigen Sache mitzumachen, wenn man schon
bei jeder mitmachen muß. Und dahingehend kann der Theoretiker
"den Menschen" im Sozialismus versichern, daß sie jedenfalls bei
einer schwer gerechten Inszenierung ihrer Lebensverhältnisse die
Anhängsel sind: "Ausbeutung" ist kategorisch und offiziell ein-
fach abgeschafft. Sie findet selbst dort nicht statt, wo dem
Theoretiker selbst jeder Unterschied zwischen dem Kommando des
Privateigentums und der Macht abhanden kommt, die das
"sozialistische Eigentum" auf seine Weise entfaltet. Es kommt
nach Maßgabe dieser wissenschaftlichen Rechtfertigungslehre des
Sozialismus also bloß darauf an, den Zweck moralisch zu interpre-
tieren, für den man mit eigener Arbeit einen Reichtum mehrt, der
einem nicht gehört: Einmal als "Ausbeutung", dann ist er böse und
ausschließlich für den Kapitalismus reserviert; das andere Mal
als "Volkseigentum" - und dann erübrigen sich Nachfragen.
Die sozialistische Gesellschaftstheorie verschwieg also überhaupt
nicht, womit die lieben Menschen auch in einer realsozialisti-
schen Gesellschaftsordnung bedient worden sind: Die trat ihnen
schon auch als Zwang gegenüber, dem zu gehorchen war. Doch legte
sie auf den Nachweis wert, daß ausgerechnet das auch noch als
notwendig eingesehen wird - dafür steht das schlaue "Gesetz", daß
eine "Weise" die andere immer "bestimmt". Und dafür steht zwei-
tens die Moral: Nicht "Ausbeutung", deswegen über jeden Zweifel
erhaben, das Mitmachen also unbedingt lohnend - das war die ziem-
lich abstrakte Nutzenlehre der sozialistischen Gesellschaftstheo-
rie. Die
"Politische Ökonomie des Sozialismus"
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war eine ähnliche Parodie auf eine "streng wissenschaftliche" Er-
klärung der Welt und als "theoretische Waffe" ihrer Veränderung
derselbe Blindgänger. In ihr galt beispielsweise als oberste Er-
kenntnis die folgende Ableitung einer prinzipiellen Ohnmacht, die
Produktion von Reichtum betreffend:
"Die objektiven Gesetze des Sozialismus sind wie in jeder anderen
Gesellschaftsformation objektiver Natur. Sie existieren außerhalb
und unabhängig vom Bewußtsein der Menschen, von ihren Wünschen
und Zielen, sind weder willkürlich zu schaffen noch abzuschaffen,
noch zu verbessern oder zu verändern."
Die sozialistischen Ökonomen, die ja immerhin mit ihrer
"Wissenschaft der Planung und Lenkung" der Gesellschaft nützen
wollten, wollen eine allen ökonomischen Zwecken vorausgesetzte
E i g e n g e s e t z l i c h k e i t des Ökonomischen kennen -
ungefähr so wie ihre bürgerlichen Kollegen, die ja auch mit "dem
Wirtschaften" und dessen Zwangsläufigkeiten vertraut sind. Bloß
hatten sie im Unterschied zu denen ausgerechnet eine Ökonomie vor
sich, in der alles, was es in ihr an Gesetzmäßigkeit gab, untrüg-
lich Zeugnis vom Wirken der politischen Macht und ihrer Planungs-
behörden ablegte, die sie einrichtete und in Gang hielt. Und auch
wenn dem Selbstverständnis der realsozialistischen Planwirt-
schaftler nach sich ihr eigenes Werk wesentlich dadurch auszeich-
nen sollte, daß es einem ziemlich selbsttätig wirkenden Geld-
"Mechanismus" optimal den Weg zu ebnen hatte: dessen Anschauung
als ö k o n o m i s c h w i r k e n d e N a t u r g e s e t z-
l i c h k e i t ist schon ausschließlich auf dem Mist der
falschen Abstraktionen gewachsen, die in dieser ökonomischen
Wissenschaft den Grundkonsens abgaben. Die gehorchten dem
Bedürfnis, bei allem, was das ökonomische Treiben im Realen
Sozialismus so auszeichnete, stur zu versichern, d a ß es
Notwendigkeiten unterliegt; und zwar solchen, die nicht in ihm
selbst begründet sein können, sondern jenseits von ihm existieren
müssen. Wie jenseits die sind, durften dann 10 Floskeln hinter-
einander mit "objektiv" bezeugen. Mit dieser fingierten Notwen-
digkeit stand von der wirklichen realsozialistischen Ökonomie
zwar noch überhaupt nichts fest, aber eines jedenfalls außer
Frage: Sie war die im Prinzip gelungene, deswegen stets verbesse-
rungswürdige Bemühung, den von ihr unabhängigen Notwendigkeiten
zu entsprechen.
Hat die ökonomische Wissenschaft in ihrem ersten Zugriff glaub-
haft versichert, daß es sich bei ihrem Gegenstand um ein - sich
Willen und Bewußtsein entziehendes - Netz von "Gesetzen" handeln
muß, darf die Eule der Minerva endlich starten:
"Eines dieser Grundprinzipien ist die wissenschaftliche Begrün-
dung der Pläne. Die wissenschaftliche Planung erfordert vor allem
eine umfassende Kenntnis und Ausnutzung der ökonomischen Gesetze
des Sozialismus. Das Gesetz der planmäßigen proportionalen Ent-
wicklung der Volkswirtschaft macht die Planung der Wirtschaft im
Rahmen der gesamten Gesellschaft möglich. Diese Möglichkeit darf
man aber nicht mit der Wirklichkeit verwechseln. Sie setzt sich
nicht automatisch, nicht im Selbstlauf durch. Um die Möglichkeit
zur Wirklichkeit werden zu lassen, muß man das objektive ökonomi-
sche Gesetz erkennen, es geschickt ausnutzen und seine Erforder-
nisse bei der Aufstellung der Wirtschaftspläne berücksichtigen."
Weit kommt sie nicht. Wie es einer zur Naturgesetzlichkeit ver-
wandelten "Ökonomie" zukommt, liefert die wissenschaftliche Ein-
sicht in ihre Gesetzlichkeit maximal Möglichkeiten, sie auszunut-
zen. Was die List der Vernunft aus diesen dann wirklich machen,
also als ihr Vorhaben der Planung fassen kann, ist folglich we-
sentlich dadurch bedingt, was diese "objektiven Erfordernisse der
ökonomischen Gesetze" an Planung mit sich zulassen. Immerhin -
das weiß die Wissenschaft - ist Planen möglich; was und wie im
einzelnen, das zu ermitteln jedenfalls ist ihre Sache nicht. Da-
für ist sie sich sicher, daß jeder Plan Ergebnis einer kunst-
vollen Bemühung ist, aus einer absoluten Schranke das relativ Be-
ste zu machen. Zwar lag alles, was man sich in Sachen Beschrän-
kung wirtschaftlicher "Wünsche und Ziele" sinnvoll denken mag,
praktisch und in Wahrheit in den Zwecken und Sachgesetzlichkeiten
begründet, die die realsozialistische Staatsmacht in ihren, zum
Kapitalismus alternativen "Mechanismen" einer sozialistischen
Geldwirtschaft eingerichtet hatte: Die stellten ja überhaupt erst
die Basis her, auf der dann mittels "planmäßiger Verwirklichung
des Wertgesetzes", "Austausch der Erzeugnisse nach dem Äquiva-
lenzprinzip" usw. planerisch der "proportionalen Entwicklung der
Volkswirtschaft" nachgejagt werden sollte. Aber der politökonomi-
schen Theorie zufolge ist alle Ökonomie Dienst an einer vor- und
außergesellschaftlichen Sachzwanghaftigkeit, der der realsoziali-
stische Staat bei allen seinen volksnützlichen Vorhaben immer zu
dienen hatte. Deswegen löst sich das wissenschaftliche Ideal der
Politischen Ökonomie des Sozialismus - und damit auch der Nutzen,
der mit der planmäßigen Anwendung des Wissens über die "Gesetze
der Ökonomie" angekündigt war - restlos im Wirken einer Instanz
auf, welche Wirtschaftspolitik heißt und sozialistisch ist, weil
sie die richtigen Fakten setzt:
"Das schließt ein, daß auch die Wirtschaftspolitik der soziali-
stischen Staaten diesen Erfordernissen der ökonomischen Gesetze
entsprechen muß. Nur dann handelt es sich um eine wissenschaft-
lich begründete Politik, können die Interessen der werktätigen
Menschen... bestmöglich verwirklicht und die Potenzen... für den
ökonomischen und sozialen Fortschritt vollständig erschlossen
werden."
Das letzte Wort dieser Wissenschaft zu den von ihr beschworenen
Gesetzmäßigkeiten war die Grußadresse an die politische Instanz,
die zum Wohle des Sozialismus, seiner Werktätigen und des Guten
überhaupt "bewußten Umgang" mit ihnen pflegen sollte. Diese Ohn-
machts- und Vertrauenserklärung war die Apologie, mit der der
Reale Sozialismus von seinen ökonomischen Theoretikern bedacht
wurde.
Freilich nur so lange, als es ihn noch gab. Denn so, wie die Wis-
senschaft des Realen Sozialismus für ihren Staat Partei nahm; die
Begründungen, mit denen sie ihn in (s)ein höheres Recht zu setzen
und sein Wirken historisch, soziologisch, ökonomisch usw. als
Dienst an humanistischen Idealen zu würdigen verstand -: Das war
der denkerische, dem Erfolg einer Staatsdoktrin gewidmete Re-
spekt, die sich eben diesen Idealen gewidmet und mit dieser Wid-
mung selbst ihre Scheidung vom "anderen System" begründet hatte.
Deshalb werden die E r f o l g s i d e o l o g i e n der mora-
lischen Grundsatzentscheidung, einen Staat zum Wohle der Massen
zu machen, mit dem offiziell kundgegebenen Mißerfolg dieses anti-
kapitalistischen Projekts im wörtlichen Sinn g e g e n-
s t a n d s l o s. Die berufsmäßigen sozialistischen Erfolgs-
theoretiker, die sie sich ausgedacht hatten, legen sich dies auf
ihre Art zurecht. Sie interpretieren es als neue Aufgabe, sich
darauf einen Reim zu machen - und "orientieren" sich um: Sie
fassen den Mißerfolg ihres Staates als Widerlegung der Theorien
auf, in denen sie die guten Gründe seines Wirkens zusam-
mengetragen haben. Und den Erfolg des "anderen Systems" nehmen
sie als Auftrag, nach den Gründen und zwar wiederum den guten -
zu forschen, die für dieses und damit für seinen Erfolg sprechen:
So, wie sie den Sozialismus, als es ihn noch gab, als die erfolg-
reiche Verwirklichung der "Haupttendenz" und der "Gesetzmäßig-
keiten" begriffen, die sie sich ausdachten, so begreifen sie
jetzt seine Niederlage und den Triumph des Kapitalismus als die
erfolgreichere Verwirklichung von allem, worum es ihrer
Auffassung nach letztlich immer geht. Von daher heißt
Die Devise realsozialistischer Erfolgsideologen: "Umdenken!"
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Damit ist sogleich ausgeschlossen, daß irgendein Theoretiker des
Realen Sozialismus jetzt, wo er mangels Auftraggeber Zeit dazu
hätte, die Gelegenheit wahrnimmt, bei sich und seinen Kollegen
mal kritisch nachzufragen, ob man sich nicht vielleicht doch die
ganzen letzten Jahre hindurch wissenschaftlich gesehen einen
rechten Mist zusammengedacht hat. Das Bedürfnis, das die
"marxistisch-leninistischen" Theoretiker bei ihrer selbst- und
wissenschaftskritischen Rückschau treibt; kritisiert nichts von
ihren falschen Lehren, sondern holt sich aus dem "Mißerfolg des
Sozialismus" gleich die nächste ab und legt sich die Frage vor,
wieso sie denn so lange einem Projekt geistig die Treue gehalten
haben, das - wie sich ja gezeigt hat offenbar doch zum Scheitern
verurteilt war.
Gleichfalls ausgeschlossen ist, daß von irgendwelchen kritischen
Vorbehalten, die die realsozialistischen Denker gegenüber den
Theoriegebäuden der bürgerlichen Wissenschaft gepflegt haben, et-
was bleibt: Genau umgekehrt bekommen mit dem "anderen System" und
dessen durchschlagendem Erfolg auch alle Rechtfertigungslehren in
Bausch und Bogen recht, die die ganze Tradition der bürgerlichen
Apologie des Kapitalismus und der menschheitsbeglückenden Errun-
genschaften des demokratischen Staates bisher gestiftet hat. Des-
wegen ist auch die "neue Orientierung", die die alten realsozia-
listischen Ideologen als die ihre entdecken und mit der sie
gleich wieder in gesamtgesellschaftlicher Verantwortung dem
"Neuen" dienen wollen, der Sache nach überhaupt nicht neu. In der
Schatzkiste der bürgerlichen Wissenschaften finden sich ja schon
ziemlich komplett die guten Gründe versammelt, die dem bürgerli-
chen Stall seine letztlich unwidersprechliche Notwendigkeit be-
scheinigen und ihm die Weihen eines Dienstes an stets höheren
menschlichen Zwecksetzungen verleihen. Und angesichts dieser Blü-
ten, zu denen der affirmative Geist bürgerlicher Wissenschaft es
gebracht hat, muß ein realsozialistischer Denker seinen Kopf
überhaupt nicht groß zerbrechen und selber die falschen Gründe
nacherfinden, mit denen die Parteilichkeit, zu der er sich er-
klärt, daherkommt: Er muß sich nur als Denker mit dem theoreti-
schen Sumpf gemein machen, in dem die schon so prächtig gediehen
sind.
So v e r w e r f e n die Wissenschaftler des Realen Sozialismus
- und zwar alle - zuallererst die "weltanschauliche Grundorien-
tierung", von der aus sie die guten Gründe zusammengedacht und
gelehrt hatten, die ihren Staat ins schöne Licht eines Dienstes
am Fortschritt brachten. Das ihrem Forschen zugrundeliegende
"Bekenntnis zum Sozialismus", die Parteilichkeit ihres Denkens
für eine gesellschaftliche Praxis im Dienst am menschlichen Fort-
schritt und ihr Wille, sich für diese nützlich zu machen, er-
scheint ihnen rückblickend nicht als Bornierung, die sie in
i h r e m Denken vollzogen, sondern als das, was sie von ihren
bürgerlichen Beamtenkollegen immer zu hören bekamen - als gewalt-
same, stalinistisch und grausam organisierte F e s s e l u n g
e i n e s f r e i e n G e i s t e s. Warum ein Lehrbetrieb,
der es schwer mit "objektiver Erkenntnis" und dem praktischen
Nutzen von Wissenschaft hatte, auf einem soliden Fundament von
Glaubensartikeln aufbaute und wissenschaftliche Karrieren durch-
aus von dem Bekenntnis zu ihnen abhängig machte, gibt diesen Den-
kern kein Rätsel auf. Gerade so, als ob sie nicht von sich und
der Wissenschaft redeten, mit der sie diesen Lehrbetrieb in Gang
hielten, kommt der ihnen als eine einzige "Bevormundung" vor, die
mit einem heimtückischen Arrangement
"von Einmischung, angestrengter Gläubigkeit und vorauseilendem
Gehorsam"
ins Werk gesetzt worden sei.
Ideologen, die als Partei-Ideologen gedacht haben, interpretieren
jetzt, nachdem ihre Partei weg ist, ihr Denken als Instrumenta-
lismus, zu dem man sie k o m m a n d i e r t hätte. Und in Amt
und Würden ergraute Träger der ehemaligen sozialistischen Gelehr-
tenrepublik reden über sich in der 3. Person und erzählen
schlechte Romane von Marionetten, an denen der Ewige Stalin zog:
"Ein immer dichter werdendes Netz von Regelungen und Ordnungen,
die bestimmt waren, erwachsene Menschen zu verunsichern und buch-
stäblich zu entmündigen"
- das wäre ihr Lehrbetrieb gewesen. Was dieser jetzt endlich
selbständig denkende Kopf meint, wenn ihm jetzt die Organisation
der realsozialistischen Wissenschaft bloß noch als bürokratischer
Würgegriff erscheinen will, der seiner werten Person und seinem
noch mehr werten wissenschaftlichen Genius gegolten hätte, sagt
er freilich auch. Die "Entmündigung", die, wie man ja hört, dem
dienstbeflissenen Denken zugrundegelegen haben muß, war Reflex
genau der objektiven Unhaltbarkeit eines Staatswesens, die sich
jetzt wohl ziemlich deutlich offenbart hat: "Hinter all dieser
Gängelei", zu der er seine eigenen Gedankenleistungen genauso wie
die seiner ganzen Kollegenschaft dramatisiert, steckte in Wahr-
heit
"das existentielle Trauma der DDR: der andere deutsche Staat, den
alle, auch die Träger der Macht, für den besseren hielten, allen
gegenteiligen Bekundungen zum Trotz. Dieser Geburtsfehler hat
dazu geführt, daß der Staat seinen Bürgern das andere große
Trauma zugefügt hat: die Mauer."
Das "Trauma" auf dem Feld des Denkens bestand dementsprechend
darin, daß die Ost-Theoretiker im Jet-Set jener "internationalen,
nicht in Staatsgrenzen einzubindenden Kommunikationsgemeinschaft"
namens Wissenschaft nicht mitmachen durften: Genau das war das
Leiden eines Wissenschaftlers, daß er mit dem bürgerlichen Welt-
niveau des falschen Denkens, das ja bei der sachkundigen Ermitt-
lung des "besseren" deutschen Staates schon von Anfang an richtig
lag, immer nur per Raubkopie bekannt geworden ist. Und die Frei-
heit, die er nun in vollen Zügen beim Denken genießen möchte, be-
steht für ihn darin, endlich auch in jenen "kreativen und diskur-
siven Prozeß" einsteigen zu dürfen, der sich als bürgerliche Wis-
senschaft austobt: der hat ja vom "Gang der Geschichte" Recht be-
kommen.
Wenn dieselbe Deutung des Gesamtgebäudes der "ML"-Lehrmeinungen
als - historisch ganz und gar zu Unrecht - von einer Partei-Ideo-
logie unterdrückte freie Wissenschaft "sachlich" wird, dann kom-
men die heißersehnten "internationalen Standards" der bürgerli-
chen Wissenschaft zum Zuge. Die leiten dann die Interpretationen
an, mit denen diese ideellen Opportunisten des Erfolgs sich "das
Scheitern des Sozialismus" als die Überlebtheit ihrer alten Par-
teinahme für sein Gelingen zurechtlegen.
Historische Materialisten
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treten "für eine radikale Erneuerung der Geschichtsschreibung"
ein, weil sie an der alten zu kritisieren haben, daß sie sich bei
ihrem ausgiebigen "Quellen"-Studium viel zu unkritisch auf Par-
teibeschlüsse der SED und viel zu wenig auf die Errungenschaften
der bürgerlichen Historikerzunft eingelassen hätten. Ersteres
wäre nämlich dogmatisch gewesen, während der dogmatische Skepti-
zismus der bürgerlichen Wissenschaft, zu dem man sich jetzt
b e k e n n t, erstens Renommee genießt und zweitens natürlich
dem Geist die Freiheit stiftet, die "Welt" von einem Standpunkt
aus "anzuschauen", den e r sich aussucht. Irgendwie kommt aber
der, der dann freiheitlich den Zuschlag erhält, einem dann doch
wieder recht bekannt vor: "Ist die simple Theorie der Abfolge von
Gesellschaftsformationen noch zu halten?", fragt da einer und
meint dabei freilich nicht, daß die Theorie Schrott wäre. Er
meint, daß diese Sicht von Geschichte "angesichts der unbezwei-
felbaren Offenheit von Geschichte" n i c h t m e h r zu halten
ist - also deswegen "simpel" ist, weil der "Gang der Geschichte"
sich nicht an die Etappenfolge hielt, die e r für sie vorsah
und nach der der Sozialismus als das höhere Stadium der Weltge-
schichte den Kapitalismus zwangsläufig ablöst. So sichert sich
die alte geschichtsteleologische Betrachtung über den Werdegang
des menschlich-sozialen Fortschritts und seiner Haupttendenz zum
Besseren ein Fundament, mit dem sie wieder ganz auf der Höhe der
Zeitläufte liegt. Und aus der Kaderschmiede Leipzig meldet sich
der Vorsteher der Sektion Geschichte mit der folgenden
"Neuorientierung" zu Wort, die sein apologetisches Denken für an-
gezeigt hält - wg. "Gang der Geschichte":
"Legitimationsfunktion nimmt die Geschichte sowieso zumeist ein.
Das ist auch in der bürgerlichen Gesellschaft durchaus üblich:
Wenn denn Geschichte einen Sinn haben soll, müssen ihre positiven
Wirkungskräfte auch durch die Geschichte selbst legitimiert sein.
Wenn aber, wie bei uns im Land geschehen, diese Legitimations-
funktion in platte Apologetik umschlägt, entsteht ein Spannungs-
verhältnis, das kaum produktive Verhältnisse hervorbringt. ...
Der marxistisch gefärbten Geschichtswissenschaft war doch ein
starker Fortschrittsglaube immanent. An dieser Stelle muß vieles
grundsätzlich neu durchdacht werden. Das Prinzip der ständigen
Aufwärtsentwicklung ist so beispielsweise nicht haltbar."
Tja, der Weltgeist würfelt eben doch. Deswegen wollen die berufs-
mäßigen Deuter des Plans, den der Werkmeister sich für die
"Aufwärtsentwicklung" so gedacht hat, nicht mehr davon ausggehen,
sie würden von ihm wissen und damit auch, welcher Idee die Praxis
gehorcht, letztlich. Vielmehr müssen sie davon ausgehen, daß das,
was sich als Ergebnis der "geschichtlichen Entwicklung" jeweils
herausstellt, zwar vielleicht nicht das ist, was man sich in Sa-
chen "Entwicklung" als das Beste vorstellen und wünschen mag;
wohl aber das relativ Beste, was diesbezüglich historisch möglich
war: D a s als den höheren geschichtliche Sinn des Gewordenen
zu vertreten, sind die "positiven Wirkungskräfte", die die umge-
polte Legitimationswissenschaft von sich ausgehen lassen möchte.
Das ist keine "p l a t t e Apologetik", weil man das, was es
gibt, eben nicht mehr vom Standpunkt der Idee aus beglückwünscht,
die man in ihm zur Verwirklichung gelangt sehen möchte. Sondern
das ist Apologie methodisch und prinzipiell: Seine geschichtlich
verbürgte Notwendigkeit und den ganzen Sinn, den es für die
schöne Idee der "Entwicklung" nach oben macht, beweist alles, was
es gibt, allein schon dadurch, daß es "durch die Geschichte
selbst legitimiert" ist - also dadurch, daß es kam, wie es ein-
fach kommen mußte. Und wenn es ein historisches Gebilde dann ein-
mal nicht mehr gibt, dann muß ein historisch denkender Geist er-
kennen, daß er seine apologetische Kunst ans falsche Objekt ver-
schwendet und sich damit unglaubwürdig gemacht hat.
Politische Ökonomen
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lassen sich nach derselben Logik massenweise von dem Besseren be-
lehren, das so unwidersprechlich erfolgreich die realsozialisti-
sche Planwirtschaft ersetzt hat. Offenbar hat es ja so die
"Lehre", die man zieht - letztere gar nicht vermocht, im Umgang
mit den "ökonomischen Sachgesetzen" jene "Effektivität" herzu-
kriegen, die eine "Marktwirtschaft" aufzuweisen hat. Das liegt
vermutlich daran, daß in der keine Staatsamateure an der planmä-
ßigen Verwirklichung des Wertgesetzes herumpfuschen, sondern ka-
pitalistische Profis es einfach vollstrecken. Dies mag vielleicht
bitter für all die schönen Vorhaben sein, denen man sich plan-
wirtschaftlich gewidmet hatte; macht aber nichts Denn bei der
"Marktwirtschaft" sind die schon auch "denkbar". Z.B. mit einer
"Marktwirtschaft, die - auf der Basis evolutionärer Eigendynamik
und durch wirksame parlamentarische und basisdemokratische Kon-
trolle gebändigt - zu Recht sozial genannt werden könnte, weil
sie die Ansprüche und Rechte aller Menschen unseres Erdballs be-
rücksichtigt."
Die Ökonomie der "evolutionären Eigendynamik" als gelungene In-
szenierung jenes selbstläufigen Wesens, das das "System der Pla-
nung und Lenkung" so recht nie zu bemeistern wußte; ein Staat,
der den Nutzen des Volkes mehren und den Schaden von ihm wenden
möchte, den dieses ökonomische Erfolgswunder offenbar genauso ei-
gendynamisch stets mit sich bringt - und heraus kommt dasselbe
feine Ideal, von dem früher die stolzen Inhaber der
"Kommandohöhen der Volkswirtschaft" und ihr wissenschaftlicher
Anhang beflügelt waren: Äußerst sozial ist sie, die Wirtschafts-
weise. Bloß ist das eben jetzt nicht mehr der Ehrentitel einer
ökonomischen Praxis, die sich selbst als in dessen Diensten ste-
hend begriff. Sondern getrennt von dieser fingiert es die mora-
lisch hochstehende Absicht, der vorgestelltermaßen eine flotte
Akkummulation von Kapital doch irgendwie schon auch gewidmet sein
könnte. Am praktischen Ertrag, den die "soziale Marktwirtschaft"
für die abwirft, die ihr in der geschätzten Rolle der
"werktätigen Massen" dienen, ist ihr Nutzen nämlich nicht zu mes-
sen. Sie verdient es nicht, durch einen profanen Vergleich mit
den Niederungen des praktischen Wohlergehens erniedrigt zu wer-
den, weil "das Wirtschaften" in ihr offensichtlich wieder einer
"Mission" dient: Den Rechten und Ansprüchen der auf dem Erdball
versammelten Gesamtmenschheit soll sie diesmal Bahn brechen -
also ist schon wieder ein ziemlich unanfechtbar guter Grund die
Instanz, die Parteinahme gebietet. Insofern die dem Kapitalismus
gilt, sichert sie den Ex-Wissenschaftlern der Planung und Lenkung
wenigstens formell die Aufnahme in die Schar bürgerlicher Apolo-
geten, die ihre Wissenschaft ja auch dem Gelingen eines markt-
wirtschaftlichen Kunstwerks widmen, welches - letztlich - auch im
Dienst an unwidersprechlichen Gütevorstellungen steht. Aber das
sagen die eben nicht einfach bloß so vor sich hin. Dafür haben
die ganze Arsenale von "Modellen" und "Gleichungssystemen" ausge-
arbeitet - m i t d e n e n und manch anderen theoretischen
Hilfsbrücken wird dem Ideal vom Gelingen der Marktwirtschaft den-
kerisch zuleibe gerückt. Da steht dann schon die Gleichung mit
vier Unbekannten stellvertretend für ein "Problem", das es auch
nicht gibt; und ihre erfolgreiche" Lösung" dann dafür, daß man
bei der wissenschaftlich verantwortungsvollen Betreuung der
Volkswirschaft glatt eine Gleichung weitergekommen ist. D a s
will gelernt sein, und bevor die warmen Worte von der "evolu-
tionären Eigendynamik" nicht als 2. Ableitung einer Hyperbel
daherkommen, die beim Gleichgewichtspreis die Konsumgerade
überholt, kann von den "Standards der Wissenschaft" überhaupt
keine Rede sein.
Nachdem diesbezüglich der Lernwille aller "marxistisch-leninisti-
scher" Theoretiker außer Frage steht, scheitert die Bereicherung
der bürgerlichen Wissenschaft und ihres Lehrbetriebs durch sie
also lediglich daran, daß ihre werten Bemühungen beim "Umdenken"
gar nicht gebraucht werden. Ihre neue Parteilichkeit mag man ih-
nen - vielleicht - zugutehalten. Aber das sichert ihnen keinen
der Arbeitsplätze, die für die Konstruktion prokapitalistischer
Denkwelten bereitstehen. Und für deren Besetzung die Wissenschaft
schon ihre Kriterien hat, mit denen wissenschaftliche Profis, die
einen Lehrstuhl verdienen, von Dilettanten geschieden werden, die
bis gestern noch nicht - wußten, daß das Volkseinkommen groß Y
heißt.
Gesellschaftswissenschaftler
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und überhaupt alle anderen Theoretiker, die sich im Realen Sozia-
lismus um das Ideal einer "sozialistischen Persönlichkeit" ver-
dient machten; wollen sich auf das "Scheitern" des sozialisti-
schen "Experiments" natürlich auch ihren Reim machen. Dazu halten
sie Rückschau auf ihre Bemühungen, den berechnenden Opportunismus
von realsozialistischen Untertanen zur edelmoralischen und freien
Verwirklichung sozialistischen Gemeinschaftssinns zu verklären -
und werden skeptisch. Ihr Ideal einer sozialistischen
"Persönlichkeit", die aus freiem Antrieb die Notwendigkeiten des
Kollektivs freudig erfüllt, erscheint ihnen als ein
"r e a l i t ä t s f e r n e s W u n s c h b i l d". An der
Wunschvorstellung einer erfolgreichen Manipulation, die sie ge-
strickt haben, befinden sie für schlecht, daß sie nicht so er-
folgreich wie gedacht aufgegangen ist. Sie halten also nicht ihr
Ideal für realitätsfremd, daß politische Herrschaft die Verwirk-
lichung eines allgemein menschlichen Bedürfnisses zu sein hätte.
Statt dessen geben sie im Beschwerdeton davon Nachricht, daß aus
ihren unbestreitbar guten Absichten, mit dem Sozialismus den wah-
ren Humanismus wirklich werden zu lassen, leider nichts geworden
sei, weil nämlich d e r M e n s c h n i c h t zu dem Bild
paßt, das sie von ihm fertigen. Den "Realismus", an den sie dar-
über gemahnt werden, finden sie dann in etwa in den lebensnahen
Menschenbildern, die sich in der Schatzkiste der bürgerlichen
Wissenschaften türmen. Aus denen ergibt sich ziemlich eindeutig,
wer letztlich
"die sozialistische Gesellschaft und mit ihr alle vernünftigen
Tendenzen und Mittel der gesellschaftlichen Lebenssicherung"
zu Grabe getragen hat:
"Ein viel komplizierteres und problematischeres Wesen Mensch"
hat sich erfolgreich allen Künsten seiner Manipulation in eigenem
Interesse widersetzt. Mit seiner immer noch mächtigen "Trieb- und
Gefühlsstruktur" war e r der letzte Grund, weswegen aus allen
so wohlgemeinten sozialistischen Anstrengungen bei der Bewälti-
gung der "ökonomisch-technischen Rationalität" nichts werden
k o n n t e. So landen enttäuschte Politmoralisten bei der ural-
ten westlichen Hetze, daß, wer die Menschheit mit einem Paradies
beglücken will, notwendigerweise bei der Diktatur "des Menschen"
über "den Menschen" landet. So ist mit "dem Menschen", dieser
tendenziellen "Fehlkonstruktion der biotischen Evolution", er-
stens die Schuldfrage geklärt - und der bürgerlichen Schlauheit
von der prinzipiellen Menschenunwürdigkeit des Sozialismus und
der Planwirtschaft abschließend auch das Recht gegeben, das sie
sich historisch und ganz realitätsnah verdient hat. Zweitens
macht die offenbar gewordene beschränkte Tauglichkeit "des Men-
schen" fürs Mitmachen bei ambitionierteren gesellschaftlichen
Projekten den Weg für Betrachtungen frei, ob er dann nicht und
zwar aus demselben Grund - im Prinzip mit dem bürgerlichen Stall
haargenau richtig bedient ist. Der verspricht ihm nämlich nur,
was zu ihm passen soll: seine unvollkommene Natur muß im Zaum ge-
halten werden.
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