Quelle: Archiv MG - BRD AUSSENPOLITIK ANSCHLUSS - Die Eroberung der DDR


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       Auch Studenten werden umgestellt:
       

AUF AUSLESE, BAFÖG UND KARRIERE

In der BRD gibt es wesentlich weniger Wohnheime, dafür müssen dort in den Zimmern weniger wohnen. Das Mensa-Essen ist im Westen besser, dafür teurer. Ab 1991 ist das BAFÖG zwar höher als das herkömmliche DDR-Stipendium, aber nicht jeder bekommt es. Im We- sten gibt es mehr Kopiermöglichkeiten, im Osten dafür mehr Bücher aus den Bibliotheken. Einerseits, andererseits. Mit dieser Sorte Vergleicherei haben die Studenten das Wesentli- che schon verpaßt. Es geht nämlich gar nicht darum, ob die studentischen Lebensbedingungen in Zukunft besser oder vielleicht auch schlechter ausfallen; sie werden grundsätzlich anders. Ein Systemwechsel findet statt. Eingeführt wird ein bürgerliches Aus- bildungswesen, das ganz anderen Zwecken dient und nach ganz ande- ren Prinzipien funktioniert als im "Realen Sozialismus". Auch was die Lebensbedingungen der Studenten betrifft. Eins bleibt: Wer bessere Jobs will, hat klare, staatlich gesetzte Anforderungen zu erfüllen, in denen der Erwerb von Wissen nur sehr bedingt eine Rolle spielt. Es kommt darauf an, sich die vorgesehenen Inhalte in kurzer Zeit einzupauken und in Prüfungen unter Beweis zu stellen, in denen per Vergleich Wissensunter- schiede festgehalten werden. Aber genaugenommen bleibt nicht einmal das so, wie es war. Das demokratische Bildungswesen kennt nicht das Ziel, alle Schüler und Studenten eines Jahrgangs gleichmäßig durch alle Stufen der Ausbildung zu schleusen. Es kennt auch nicht das Ziel, den Nach- wuchs gemäß dem gesellschaftlichen Bedarf auf verschiedene Berufe aufzuteilen. Freiheitliche Universitäten kennen und nutzen ein- fach b l o ß Wissen als das Mittel, Studenten zu unterscheiden ------------------------------------------------- und "Versager" wegzusortieren. Wissenslücken werden nicht besei- tigt, sondern in Prüfungen für die Auslese genützt. Für den Nach- wuchs der demokratischen Elite ist lernen und konkurrieren ein und dasselbe. Studienplätze werden im Westen nicht geplant. Jedermann hat das Recht zu studieren, wenn er nur über die entsprechenden Schulab- schlüsse verfügt und nicht am Numerus clausus scheitert. Der Zu- gang zum Hochschulabschluß, der keine Garantie, aber eine Bedin- gung für eine Reihe besserer Jobs ist, wird als Konkurrenz der Studenten organisiert. Es kommt darauf an, schneller und besser zu kapieren als andere und nicht darüber zu verzweifeln, daß man das letztlich zählende Ergebnis dieser Anstrengung gar nicht sel- ber in der Hand hat. Die Gaußsche Normalverteilung oder eine Nachfrage aus dem Kultusministerium ("Was sollen wir mit so vielen Deutschlehrern? Stimmt etwas nicht mit der Durchfall- rate?") sorgen dafür, daß die Konkurrenz der Studenten um den Prüfungserfolg zu dem bezweckten Ergebnis führen. Nämlich zu ei- ner über die Auslese bewerkstelligten Produktion einer genügend großen Zahl von Akademikern, die sich auf dem Arbeitsmarkt um die besseren Jobs rangeln. Im Studium werden keine expliziten politischen Bekenntnisse ver- langt (nur die falschen darf man nicht machen), was aber weiter nicht schadet. Denn erstens ist das erfolgsorientierte Studieren sowieso die Erfüllung der an dieses Publikum gerichteten Pflicht; zweitens weiß sich die Wissenschaft selbst im Dienste der frei- heitlich demokratischen Grundordnung und singt deren Lob; drit- tens muß der entsprechende Eid dann sowieso beim Eintritt in be- stimmte Berufe geleistet werden. Weil nicht die SED-Kreisleitung, sondern der Professor über den Prüfungserfolg entscheidet, anti- chambriert man als Student, dem selbstverständlich ist, daß Sub- jektivität in dieser Wissenschaft hoch im Kurs steht, eben bei dieser Adresse. Der Staat überläßt es eben ganz dem Geschick und dem kompromißlosen Einsatzwillen des einzelnen, sich um die Zu- gangsbedingungen zu besseren Berufen erfolgreich zu prügeln. Auch in materieller Hinsicht. Ein Stipendium zahlt er zunächst nicht und schon gar nicht an alle. Warum auch? In der kapitali- stischen Gesellschaft ist es guter Brauch, daß eigentumslose In- dividuen an das notwendige Geld nur über Dienste gelangen, die sich für die privaten oder öffentlichen Eigentümer von Ar- beitsplätzen lohnen. Wer sich per Studium darauf erst vorberei- tet, bekommt eben nichts. Auch nicht vom Staat, der diese Aus- bildung als Investition betrachtet, um die ein Interessent für die besser bezahlten und gemütlicheren Jobs nicht umhin kommt. Studenten, die über ihre Mittellosigkeit jammern und Ansprüche an den Staat anmelden, müssen sich deswegen sagen lassen, sie soll- ten sich gedulden, schließlich werde ihnen, wenn sie sich bewäh- ren, hinterher in der Berufswelt ja sowieso der Arsch vergoldet; zumindest relativ. Davon wird natürlich kein studierender Bauch satt. So sind Stu- denten auf die Mittel verwiesen, die ihnen ihre Familie zur Ver- fügung stellt. Aber nur deswegen, weil der Staat die Familien zur Entwicklung und Förderung ihres Nachwuchses verpflichtet hat. An den Konjunkturen der Elternliebe und an kleinlichen Bedenken an- gesichts einer knappen Haushaltskasse darf die Entlastung staat- licher Kassen schließlich nicht scheitern. Dank dieser Gleichbe- handlung sind die Studenten nunmehr sortiert. In solche, die von ihren Eltern gesponsert werden und Eigentumswohnungen in der Stadt beziehen, und solche, wo nicht. Die müssen sich was verdie- nen, das kostet Zeit und Kraft und hält vom Studieren ab. Das Studium erhält darüber eine zweite Konkurrenzbedingung: Wer kommt am besten mit seiner Mittellosigkeit, mit den Preisen, die aller- lei private Geschäftemacher für Wohnungen, Bücher und Lebensmit- tel verlangen, mit Wochenend-Heimfahrten und Nebenjobs zurecht. Wenn ein Schlauer darüber scheitert, macht es auch wieder nichts. Denn aufs Scheitern kommt es offenbar an. Es geht schließlich um Auslese, um eine quasi selbsttätige, gar nicht weiter staatlich gelenkte Verteilung auf die Hierarchie der Berufe ---------------------------------------- und deswegen ist es egal, ob jemand wegen Erinnerungslücken, Überbeanspruchung durch Nebenjobs, studentischen Nachtlebens oder wegen seines mangelnden Durchsetzungswillens der sowieso vorgese- henen Auslese zum Opfer fällt. Das alles macht nichts, solange es genügend Studienkonkurrenten und, was das Resultat des universitären Lebens betrifft, genügend Bewerber um die Jobs der Elite gibt. Aus diesem Interesse an einer genügend großen Zahl konkurrieren- der Studenten zahlt der bürgerliche Staat dann doch ein BAFÖG, aber so, daß es ihn möglichst wenig kostet. Anspruchsberechtigt sind erstens nur die, deren Eltern selbst kaum das Nötigste haben. Ansonsten sind die Eltern zur Zahlung verpflichtet, und wer sich nicht mit seinen unwilligen Alten vor Gericht streiten will, muß auch aufs BAFÖG verzichten. Zweitens ist das BAFÖG selbst lächerlich gering. Daß sich Studenten trotz dieser "Förderung" um Nebenverdienste kümmern müssen, hat der Staat bereits vorhergesehen; ab einer bestimmten Höhe dieser Neben- einkünfte wird das BAFÖG entsprechend gekürzt. Die Bedingungen, an die das BAFÖG drittens geknüpft ist (begrenzte Förderungsdauer, regelmäßige Leistungsnachweise, Fachwechsel nur in den ersten beiden Semestern etc.), honorieren nur den, der seinen Kopf ganz in den Dienst eines schnellen Durchlaufs stellt. Und viertens muß das BAFÖG ihm teilweise zurückgezahlt werden. Der Staat kann sich darauf verlassen, daß diese Konditionen den Willen seiner Jugend zum Studium keineswegs beeinträchtigen. Der hängt nämlich gar nicht davon ab, wie bequem der intellektuelle Dienst am Volk ausgestaltet wird. Sein unerschöpfliches Motiv ist die Hierarchie der Berufe, die in der demokratisch verwalteten Gesellschaft gilt. Zwar sind gute Noten noch kein Bargeld, aber ohne akademische Karriere wird kaum einer reich, der es nicht schon ist. Und seine eigenen wärmeren Beamtenposten verteilt der Rechtsstaat zwar nicht an alle, aber nur an solche, die erfolg- reich ein gutes Abschlußzeugnis erstrebt haben. Das ganze nennt sich Leistungsgesellschaft. Und weil das eine Lüge ist - weil nämlich in der Marktwirtschaft die dreckigsten Arbeiten am miese- sten und die lockersten Jobs am besten bezahlt werden -, geht diesem Staat sein Nachwuchs an "Leistungsträgern" nie aus. *** Das eigentliche Opfer --------------------- "Offenbar ist es den Verantwortlichen nicht bekannt, daß von den Wohnbedingungen an den Universitäten der künftige Zulauf zu die- sen Einrichtungen abhängt. Das könnte diese .... Einrichtungen gefährden. Ob sich eine Kulturstadt wie Leipzig das leisten kann?" Mein Gott, wie konnten die Verantwortlichen das bloß übersehen! *** RevolutionärInnen passen auf ---------------------------- "Mit der Realisierung des Ordinarienmodells bestünde die Gefahr, daß das mittlerweile hinweggefegte permanente Diktat der SED- Kreisleitung abgelöst wird durch ein permanentes Diktat der ProfessorInnenschaft." Bei Eueren neuen Profs würdet Ihr also auch schon wieder die Schnauze halten und Euch nach deren Diktat richten, Ihr Helden von Leipzig und anderswo! zurück