Quelle: Archiv MG - BRD AUSSENPOLITIK ANSCHLUSS - Die Eroberung der DDR


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"AUFSCHWUNG OST" - DIE ZONE SOLL RENTABEL WERDEN

Nahezu 3 Millionen Arbeitslose und Kurzarbeiter gibt es inzwi- schen in der früheren DDR. Das wäre dem deutschen Staat noch ziemlich egal, schließlich gibt es im Westen seit mehr als 10 Jahren 2 Millionen Arbeitslose, über die kein Aufheben gemacht wird. Das Störende ist, daß die Betriebe im Osten kaum Profite abwerfen, die neuen Provinzen dem deutschen Staat nichts einbrin- gen, sondern vorerst nur kosten. Deshalb sind die Politiker der Nation in Aufruhr. Und sie betonen ständig, daß es sich nur um eine Übergangsphase handelt, bis drüben die "Marktwirtschaft end- lich auch richtig funktioniert". Dabei funktioniert drüben längst überhaupt nichts anderes mehr als die Marktwirtschaft. Gerade wegen der Gültigkeit und Durch- schlagskraft ihrer Maßstäbe werden Leute entlassen, deren Anwen- dung nicht rentabel ist, und Betriebe geschlossen, die keinen Ge- winn abwerfen. Gekauft und verkauft wird; die Gewinne der West- Firmen, Händler und Banken flutschen und abgerechnet wird in D- Mark. Nur eins funktioniert nicht im Sinne der Bonner Aufsichts- organe: Es findet n i c h t g e n u g Geschäft statt, so daß die Staatskasse und das allgemeine deutsche Geschäftsmittel, die DM, wie bisher im Westen davon mitprofitieren könnten. Es ist mehr wie in den anderen Staaten, die unter der Überlegenheit des bundesdeutschen Weltrekord-Kapitalismus leiden: Das Geschäft der Geschäftemacher ist die eine Sache - die Geschäfte des Staates werden nicht so gut bedient. Und s o hatten sich die Herren aus Bonn das nicht vorgestellt. Schließlich wollten sie die Markt- wirtschaft nicht einfach drüben einführen, sondern daraus einen nationalen Nutzen ziehen. Mal abgesehen von den Sonntagsreden der Politiker, in denen es nur um die "Einheit der Deutschen" ging, rechnete sich Bonn aus und drohte dem Rest der Welt auch schon siegessicher damit, daß die Erweiterung nach Osten die politische und ökonomische Macht Deutschlands wesentlich stärken sollte. Vorgestellt haben sich die Bonner Herren, daß sie die bereits existierenden ökonomischen Mittel der früheren DDR, der Nr. 1 im Ostblock, nach Umstellung auf den Kapitalismus einfach für sich benützen könnten. Schließlich bestand drüben ja bereits eine fer- tige Volkswirtschaft, und für ihre Weltgegend war die DDR so et- was wie ein Export-Weltmeister gewesen. Diese Wirtschaftskraft sollte dem westdeutschen Staat ohne große Kosten zufallen, höchstens eine "Anschubfinanzierung" hielt man für nötig. Daraus ist nichts geworden. Die Betriebe im Osten sind weitgehend nicht konkurrenzfähig auf dem Weltmarkt und als Investitionsob- jekte sind sie damit auch nicht gerade attraktiv für westliches Kapital. Das entscheidet nun mal nicht nationalistisch, sondern nach Renditegesichtspunkten. Es muß also massenhaft Geld nach drüben, damit der Staat sich dort gehörig aufbauen kann und damit es demnächst dann doch richtig losgeht mit dem Gewinnemachen. Vorläufig k o s t e t das bloß; der deutsche Staat strapaziert seine Bürger für die neue Eroberung, und - was volkswirtschaft- lich gesehen viel ernster ist - seine D-Mark strapaziert das al- les auch. Der alte Sozialismus - ein maroder Kapitalismus? ------------------------------------------------ Schuld daran soll die alte DDR sein, die den Bonnern eine wesent- lich marodere Wirtschaft hinterlassen hat, als man sich das im Westen angeblich hat vorstellen können. Das ist komisch; haben denn Kohl und Konsorten ihren eigenen Propagandasprüchen von der östlichen "Marx- und Murkswirtschaft" selber nicht geglaubt? Of- fenbar haben sie bei all ihrer Hetze gegen das "menschenfeind- liche" System drüben glatt übersehen, daß es sich beim "realen Sozialismus" tatsächlich um ein g a n z a n d e r e s System gehandelt hat und nicht um eine schlechtere Ausgabe des westdeutschen Kapitalismus, die durch die Einführung der richtigen D-Mark auf Vordermann zu bringen wäre. Schlagartig haben sie das ganze System der Konkurrenz, mit all seinen Markttechniken und Ausbeutungsraten, auf die alte DDR-Wirtschaft übertragen - und siehe da: Die geht d a r a n z u g r u n d e. Das ist kein Wunder. Denn die "Volkseigenen Betriebe" waren dafür gar nicht gedacht und gemacht. Sie hatten im früheren Regime einen anderen Auftrag als Umsatzrendite in weltmarkttauglichem Geld und einen anderen Zusammenhang als die weltweite Konkurrenz. Und das blieb nicht ohne Konsequenz auf die Einrichtung der Be- triebe. So waren sie beispielsweise auf Rohstoffe ausgerichtet (Braunkohle usw.), die nicht am Weltmarkt gekauft werden mußten; sie wendeten von westlichen Techniken verschiedene Produkti- onsverfahren an und stellten hierzulande ungebräuchliche Produkte her (eigene Kunststoffe); ganz abgesehen davon, daß auch die Ar- beit ganz anders als im Kapitalismus eingeteilt wurde und Absatz- märkte nicht erschlossen werden mußten, weil es ein staatlich or- ganisiertes Zuteilungswesen gab. Da rauchten zwar auch die Schlote bis zuletzt, rechneten die Computer, arbeiteten die Men- schen und fand reger Warenverkehr statt, aber in DM-Umsatzrendite gerechnet wurde da nichts - weshalb die sich unter den geänderten Bedingungen nicht einstellt. Zwar gäbe es für die Produkte bei den früheren Abnehmern immer noch Bedarf, aber für die neuen Bi- lanzen in DM bringen die früheren Transfer-Rubel nichts mehr ein. Wenn der Westen, die BRD allen voran, das ganze Wirtschaftssystem im Osten zerschlagen hat, dann braucht sich ein Herr Kohl nicht zu wundern, daß die Teile davon "nichts wert" sind. Zumindest können die Betriebe nicht auf einem Weltmarkt erfolgreich gegen die Unternehmen konkurrieren, die ihn bereits beherrschen. Des- halb macht die eine Hälfte der Betriebe im Osten ohne Kapi- taleinschüsse zu, während die andere mit der üblichen kapitali- stischen Praxis des Rationalisierens sich auf dem Markt halbwegs zu behaupten versucht. Auch wenn sich der Osten für Bonn nicht einfach durch politischen Beschluß zu einer Region mit florierender Produktion und entspre- chenden Staatseinnahmen machen läßt, hält die Bundesregierung an diesem Programm fest. Sie fördert das Geschäftsinteresse mit Geld und Sonderkonditionen für Investitionen in Ostdeutschland umso mehr. Schließlich geht es um eine nationale Erfolgsfrage: Die BRD will auch aus den neuen Bundesländern ökonomische Macht beziehen, mit der sie international auftrumpfen kann. Dafür wird jetzt die gesamte Nation eingespannt unter dem Titel "Aufschwung Ost". Mit Steuern und Schulden - mit was sonst? Die Kosten dürfen keine Rolle spielen. -------------------------------------- Und wenn schon nicht beim Staat, dann erst recht nicht bei den Bürgern. Sie müssen mehr zahlen an den Staat, und wenn sie Pech haben mit ihrer Existenz dafür einstehen. Denn das nationale Auf- bauprogramm einer Weltwirtschaftsmacht ist etwas anderes als die Sorge um Arbeitsplätze und Einkommensquellen ihrer Bürger. Der "Tunnel" wird eben länger, die Entlassungen müssen sein, noch ist der "Tiefpunkt" nicht erreicht. Die Opfer müssen "Geduld", "Zu- versicht" und "Optimismus" mitbringen und dürfen garantiert auch in 10 Jahren noch alles auf SED und Stasi schieben. zurück