Quelle: Archiv MG - BRD AUSSENPOLITIK ANSCHLUSS - Die Eroberung der DDR
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"ABGEWICKELT"
"Das Wort ist häßlich. Die Fachbereiche Rechtswissenschaft, Wirt-
schaftswissenschaft, Geschichte, Erziehungswissenschaft und das
Institut für Philosophie an der Berliner Humboldt-Universität
werden jetzt 'abgewickelt'. Sie sind ideologisch zu sehr bela-
stet. Das kann jedermann einsehen. Für die dort Beschäftigten
freilich ist die Sache ebenso häßlich wie das Wort, das weder zum
Schicksal von Menschen noch zu den Wissenschaften im Geiste der
Brüder Humboldt passen will.
Das ist indes jenen vierzig Jahren anzulasten, in denen der tota-
litäre Staat die ehedem berühmteste preußische Universität unter
kommunistischen Vorzeichen ihres Wesens beraubte. Die Radikalkur,
die ihr jetzt von westlichen Demokraten verpaßt wird, mag manch
einem extremer erscheinen als die Entnazifizierung der deutschen
Universitäten nach 1945. Der Eindruck ist kaum falsch. Aber die
Sache ist auch eine andere. In den zwölf Jahren der Nazi-Diktatur
ließen sich zwar viele Professoren hinsichtlich ihres Charakters
pervertieren - ihre Wissenschaft, zumal in ihren Veröffentlichun-
gen berührte das jedoch oft nur oberflächlich. Zumeist mußten
nach 1945 in gewichtigen Büchern nur wenige Sätze gestrichen oder
Begriffe verändert werden, und sogleich befand man sich wieder
auf dem Boden der bürgerlichen Gelehrsamkeit. Gerade die Biblio-
theken der Geschichtswissenschaft geben Zeugnis davon. Im Kommu-
nismus war es umgekehrt. Da erforderte die Ideologie eine andere
Wissenschaft. Nur wenige konnten sich in Jahrzehnten dem entzie-
hen. Das alles wird nun 'abgewickelt'." (Süddeutsche Zeitung,
24.12.90)
Ein selten ehrlicher Kommentar. Bislang haben bloß wir von der
Marxistischen Gruppe behauptet, daß eine Wissenschaft im Geiste
des nationalen Wahnsinns den gemeinsamen Nenner von Demokratie
und Faschismus trifft. Daß der Sinnstiftungswahn der Philosophie,
nicht bloß bei Heidegger, in der Selbstlosigkeit des faschisti-
schen Untertanen sein Ideal hat. Daß der geschichtswissenschaft-
liche Glaube an die Geschichte als sinnstiftendes Subjekt der Po-
litik derselben Logik folgt wie Hitlers Selbstableitung aus der
Vorsehung. Daß Intelligenztheorien einem rassistischen Standpunkt
folgen und nur gewisse Rassemerkmale für wissenschaftlich über-
holt halten. Daß die betriebswirtschaftliche Deutung kapitalisti-
scher Unternehmen nach dem Führer-Gefolgschafts-Modell ziemlich
haargenau dasselbe meint wie jede katholische Soziallehre und je-
des Kaskaden-Modell der betriebswirtschaftlichen Entscheidung.
Daß also bürgerliche Wissenschaftler wirklich nur ein paar Be-
griffe auszutauschen brauchen, um sich mit ihren Theorien bei Fa-
schisten beliebt zu machen - und umgekehrt.
Nun ist auch die "Süddeutsche Zeitung" aus gegebenem Anlaß zu ei-
nem ähnlichen Ergebnis gekommen. Demokratische und faschistische
Wissenschaft kann man fast verwechseln - nur mit dem Realen So-
zialismus nicht. Wenn das nicht gegen die realsozialistische Wis-
senschaft spricht!
"Das kann jedermann einsehen". Oder?
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