Quelle: Archiv MG - BRD AUSSENPOLITIK ANSCHLUSS - Die Eroberung der DDR
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Korrespondenz
Zum Thema "M : DM"
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"Während der Teilnahme an der Demo des FDGB am 5.4.1990 in Halle
ist mir folgendes klargeworden:
Von Bonn wurde die Parole '2:1' ausgegeben. Indem wir dagegen
protestieren und gleichzeitig lauthals '1:1' fordern (Kohls ur-
sprüngliche Variante), drängen wir nun freiwillig ins soziale Ab-
seits. Denn jeder weiß, daß die Einkommen in der BRD 3-4mal höher
sind als bei uns. Warum soll denn das Arbeitsvermögen eines Werk-
tätigen auf dem Territorium der DDR nur 1/3 bis 1/4 soviel wert
sein wie in der BRD? Hunderttausende ehemalige DDR-Bürger be-
weisen inzwischen drüben, daß sie genauso arbeiten können wie die
Leute im Westen. Die Unfähigkeit der Wirtschaftsführung, den ef-
fektiven Einsatz seiner Arbeitskraft zu organisieren, soll wieder
mal der einfache Arbeiter büßen. Mit dem Ansinnen, die Währungs-
einheit mit 1:1 oder gar 2:1 herstellen zu wollen, beweist auch
die Bonner Führung ihre Unfähigkeit, eine den Interessen der
Werktätigen in beiden Teilen Deutschlands gerecht werdende Lösung
zu finden. Die kann nämlich nur heißen: gleiche Löhne, Gehälter,
Renten und sonstige Einkommen in ganz Deutschland; also Umtausch
des Geldes der DDR-Bürger, einschließlich ihrer bescheidenen Er-
sparnisse, im Verhältnis 1M : 3DM (mindestens)! Die Masse der Be-
völkerung beider Teile Deutschlands würde damit nur gewinnen. In
der DDR: wirtschaftliche Gleichstellung, soziale Sicherheit,
'Wohlstand für alle`. In der BRD: Schluß mit dem Übersiedler-
strom, Sicherheit vor Lohndrückerei, wirtschaftlicher Aufschwung
und Abnahme der Arbeitslosigkeit durch das Kaufkraftpotential der
DDR-Bevölkerung und deren Aufholbedarf. Die Bevölkerung der DDR
würde sich damit in die Lohn-Preis-Spirale der BRD eintakten,
denn die Ausgaben der bundesdeutschen Haushalte für den Grundbe-
darf des Lebensunterhaltes liegen bekanntlich auch entsprechend
hoch. Verlieren würden höchstens diejenigen, die sich bereits
fette Profite aus der Verwertung des Billigarbeitskräftepotenti-
als in der DDR versprechen. Wer also einen Währungsanschluß unter
1:3 fordert, arbeitet für die Profithaie und gegen die Interessen
der Werktätigen Deutschlands.
L.W., Halle"
Wohlstand oder Gerechtigkeit: Das ist die Frage!
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Zunächst unsern Glückwunsch. Sie haben es gemerkt - nämlich wie
das empörte Volk der DDR bei der Umtauschfrage in die Falle ge-
laufen ist. Es ist auf den ältesten, dümmsten, wirksamsten Trick
der demokratischen Wahlfreiheit hereingefallen: Die Machthaber
formulieren ihr Interesse in verschiedenen Varianten und legen
diese Alternative dem Volk zur Entscheidung vor; der Wähler wählt
das, was er für das kleinere Übel hält, und bekommt das politisch
erwünschte Übel, versehen mit dem Gütesiegel "selber frei ge-
wählt".
Das heißersehnte Übel sind Löhne in DM, die der Zahl nach so hoch
bleiben wie die alten "realsozialistischen" Löhne, jetzt aber
ganz etwas anderes leisten müssen. Die DM eröffnet Zugang zu al-
len Reichtümern dieser Welt - aber nur in dem Maß, wie sie zuvor
die Geschäftsinteressen von Privatunternehmern und Grundeigentü-
mern erfüllt; denn denen gehören in Zukunft alle Güter, und sogar
der Grund und Boden, als ihr Geschäftsmittel. Gleiche Lohnziffern
bedeuten daher neue Probleme.
Interessant daran ist auch das: "Marktwirtschaft" in der DDR soll
nur gehen, wenn sämtliche westdeutschen Verhältnisse ohne Wenn
und Aber hinüber exportiert werden, einschließlich Preisfreiheit
und Leistungsnormen. Nur die großartigen Tariflöhne des Westens,
ausgerechnet die sollen überhaupt nicht in die neue marktwirt-
schaftliche Landschaft passen; da sollen die alten Lohnziffern
des verdammten und verachteten Stasi-Staates viel angemessener
sein.
Das Ganze ist unverschämt genug: unverschämt nützlich fürs ka-
pitalistische Eigentum und sein Wachstum; unverschämt schädlich
für die Werktätigen, die nun als freie Lohnarbeiter Dienst tun
dürfen. Dagegen ist die Forderung: Wenn schon, dann mindestens 3
DM für 1 alte "realsozialistische" Mark! gar nicht schlecht. Denn
das wäre endlich einmal eine wirkliche Gegenposition gegen den
gesamtdeutschen Kabinettsbeschluß zur Wirtschaftsunion. Der
Standpunkt: Entweder 3DM : 1M, oder die Sache mit der DM un-
terbleibt! würde zumindest mal klarstellen, um was es den Machern
in Bonn und Ostberlin wirklich geht; denn er wäre ein Angriff auf
deren Interesse und Beschluß, Volk und Wirtschaft der DDR unter
die Herrschaft der DM zu stellen und zu Mitteln des schwarz-rot-
goldenen Wirtschaftswachstums zu machen.
Bloß: Meinen Sie es wirklich so? Ist Ihnen die Sache so ernst?
Ihre Einwände sprechen leider eine andere Sprache. Sie sind näm-
lich grundverkehrt und deswegen als Einspruch gegen das 1:1-An-
schlußverfahren überhaupt nichts wert.
1.
Sie fragen vorwurfsvoll nach dem Wert des Arbeitsvermögens eines
Werktätigen, wie er im Lohn beziffert ist - aber Sie fragen gar
nicht im Ernst. Sonst wäre Ihnen nämlich aufgefallen, daß ein
solcher Wert überhaupt nie und nirgends ermittelt, geschweige
denn zum Maßstab der Lohnzahlung gemacht wird. Bezahlt wird im
Kapitalismus Arbeit, sofern sie sich für den Unternehmer lohnt;
und der kennt tausend Gesichtspunkte, um den Preis der Arbeit zu
drücken. Am Ende kommen allerlei ganz unterschiedliche Lohnsummen
zusammen. Aus denen dürfen die Werktätigen den Wert ihres indivi-
duellen Arbeitsvermögens kennenlernen; denn damit haben sie aus-
zukommen. So herum funktioniert Lohnarbeit in der Marktwirt-
schaft.
2.
Aber Sie wollen ja noch nicht einmal auf einer Lohnsumme beste-
hen, mit der ein Arbeitnehmer sicher und wohlanständig durchs Le-
ben käme. Wenn Sie davon reden, was ein Arbeitsvermögen wert ist,
denken Sie ganz automatisch vom Standpunkt und Interesse des
Lohnzahlers aus: Sie denken gleich daran, was eine Arbeitskraft
wohl für denjenigen wert sein mag, der sie einstellt. Merken Sie
eigentlich nicht, daß Sie da mit dem Lebensunterhalt der ar-
beitenden Leute als einer total abhängigen Größe rechnen? Ab-
hängig vom Geschäftsinteresse der "Arbeitgeber", die Leute be-
zahlen, damit die ihnen ihr Eigentum vermehren, und zwar gefäl-
ligst "effektiv"!
3.
Aber auch das wollen Sie im Ernst gar nicht ausrechnen, wieviel
Wert ein moderner Unternehmer tatsächlich aus seinen Lohnarbei-
tern herausschlägt. Hätten Sie's versucht, wäre Ihnen schon wie-
der eine Wahrheit über den Kapitalismus aufgefallen. Nämlich daß
die Lohngelder, die ein Kapitalist wegzahlt, ein Witz sind im
Vergleich zu den Erträgen, die er will und braucht und einfährt.
Und zweitens, daß es ein ganz schlechter Witz ist, den verschie-
denen Werktätigen eines Betriebes je besondere Erträge zurechnen
und ihren verdienten Lohn daraus ableiten zu wollen: Nötig sind
sie alle fürs Betriebsergebnis; überflüssige Arbeitskräfte zahlt
ein Unternehmer nicht; und vom individuellen Fleiß und Geschick
seiner Dienstkräfte hat ein modernes Unternehmen sich längst un-
abhängig gemacht. Die Technologie des kapitalistischen Ar-
beitsplatzes gibt bis auf die Zehntelsekunde vor, was und wie
schnell und wieviel der Mensch arbeiten können muß. Natürlich
werden dann an den Arbeitsplätzen und den Arbeitskräften alle
möglichen und unmöglichen lohnwirksamen Unterschiede ausfindig
gemacht. Aber das sind keine wahren Auskünfte darüber, wieviel
der jeweilige Werktätige bringt, also für den Unternehmer wert
ist. Das sind nichts als Gesichtspunkte und Handhaben dafür,
Löhne zu drücken - deswegen gibt es ja auch mitten in der BRD
massenhaft Billiglöhne auf dem jetzt geplanten DDR-Durch-
schnittsniveau.
Und da fordern Sie Gleichbehandlung der Werktätigen in Sachen
Lohn - und das ausgerechnet im Namen der erzbürgerlichen Lei-
stungsideologie, wonach jedem Arbeiter genau soviel Lohn zusteht,
wie er "arbeiten kann" und wie sein Arbeitseifer zum Betrieb-
sergebnis beiträgt. Nochmal: So ein Vergütungssystem gibt es in
der ganzen Welt nicht. Was es statt dessen gibt in der Markt-
wirtschaft, das sind abgestufte Billiglöhne und gratis dazu die
Lüge, mit dem Billiglohn und seinen Abstufungen würde einem jeden
sein höchstpersönlicher Beitrag gerecht entgolten. Und leider
gibt es lauter Lohnarbeiter, die auf diese Lüge abfahren und nie
im Leben ungeschminkt einen hohen Lohn verlangen - immer bloß
einen gerechten. Und den kriegen sie - nach dem Motto: Je mehr
die Lohnarbeiter auf Gerechtigkeit scharf sind, so als wäre das
ihr Lebensmittel, um so weniger braucht man ihnen zu zahlen.
4.
Aber wahrscheinlich sagt Ihnen das alles gar nichts. Sie haben ja
bloß eine einzige "Ungerechtigkeit" auf der Welt entdeckt: die
ungleichen Durchschnittslöhne in der BRD und der DDR.
Daran kann einem ja manches auffallen; z.B. wie sorgfältig ein
demokratischer Staat darauf achtet, daß seine Kapitalisten über-
all den gleichen "Lebensstandard" für ihr Geld vorfinden und noch
ein paar Extra-Profitchancen dort, wo die Regierung Geschäfts-
standorte schaffen will. Aber Ihnen fällt an dieser Stelle nichts
anderes ein als die nationalistische Lesart Ihrer Lohngerechtig-
keitsideologie: Den DDRlern stünden gerechterweise Westlöhne zu,
weil sie genauso strebsame Deutsche sind wie die Bundesdeutschen.
Was wäre eigentlich, wenn die hunderttausende Übersiedler den Be-
weis für ausnutzbare Dienstbereitschaft nicht erbracht hätten
(nachgerechnet hat das sowieso niemand - siehe Punkt 3.)? Und wä-
ren Sie bereit, bundesdeutsche Löhne für die Türkei zu fordern,
weil Millionen Türken... usw. ?! Oder wollen Sie von den Kapita-
listen ein Honorar für den deutschen Volkscharakter, in dem Ihrer
Auffassung nach Dienstbeflissenheit und Eifer im Einsatz für
fremde Bilanzen zutiefst verankert sind? Gleiche Löhne für glei-
che gesamtdeutsche Knechtsgesinnung?!
Es paßt zu diesem schlechten Argument, daß Sie sich für Lohnar-
beiter gar nichts Schöneres vorstellen können als eine "Lohn-
Preis-Spirale", in der die Werktätigen dauernd ihren
"Lebenshaltungskosten" hinterherlaufen, die ja "bekanntlich ent-
sprechend hoch" sind. Mehr wollen Sie gar nicht, als daß die DDR-
ler sich in den Dauerkampf gegen die dauernde "automatische" Re-
allohnsenkung "eintakten"? Richtig: Mehr steht Arbeitern, die mit
ihrer nationalen Dienstgesinnung angeben, auch nicht zu!
5.
Es paßt zu ihrem schlechten Argument, daß Sie mitten im Fordern
mit einer Entschuldigung aufwarten. Nämlich dafür, daß in der DDR
trotz allem deutschen Arbeitseifer dann doch so vergleichsweise
wenig an weltmarktgängigen Erträgen herausgekommen ist. Sie mei-
nen, sie müßten ihre Landsleute gegen den Verdacht auf Faulheit
in Schutz nehmen - warum eigentlich und gegen wen? Und dann fällt
Ihnen zur Rechtfertigung der allerbitterste Knechtsgedanke ein:
Die Herren hätten versagt! Was muß also her? Bessere Herren, die
sich auf effektiveres Ausnutzen der urdeutschen Leistungsbereit-
schaft der DDR-Werktätigen verstehen!
Der Wunsch hat sich erfüllt; Sie kriegen neue Herren - und be-
fürchten schon wieder mangelndes Organisationstalent auf deren
Seite. Ja wenn keine Mannschaft das hinbringt, was Sie sich of-
fenbar unter einem rundherum volksnützlichen Kapitalismus vor-
stellen: Sollten dann nicht endlich einmal die Werktätigen selbst
ihre "Organisation" in die Hände nehmen und ihre Herren wirklich
davonjagen, statt von den einen zu den andern überzulaufen? Umge-
kehrt: wer nichts als ein effektiveres Kommando will, der wird
dann auch kommandiert; und zu diesem feinen Verhältnis gehört al-
lemal dazu, daß sich alles um die Interessen der kommandierenden
Herren dreht und nicht um das Wohl der Befehlsempfänger. Wer da-
gegen Protest einlegen will mit dem großartigen "Argument", DDR-
ler könnten doch genauso gut und viel arbeiten wie Westdeutsche,
der fängt sich gerechterweise bloß den Bescheid ein: "Na dann mal
los, an die Arbeit, und vor allem die Schnauze gehalten - genauso
wie die diensterprobten Werktätigen der BRD!"
6.
Das Schöne an Ihrer Forderung "1M : 3DM" ist, daß sie, ernstge-
nommen, den Zweck des Anschlußunternehmens stören würde - und Sie
fühlen sich gleich gedrängt zu beteuern, daß der Kurs, den Sie
vorschlagen, gar nicht schlimm, sondern sogar nützlich wäre, ge-
rade auch für diejenigen, die höhere Löhne zahlen sollen: Die
würden mit einem "wirtschaftlichen Aufschwung" vom "Kaufkraft-
potential" der DDR-Bevölkerung profitieren. Geradezu rührend! Die
kapitalistischen Absatzstrategen, die sich mit ihren unschlagbar
niedrigen Lohnstückkosten die ganze Welt als Absatzmarkt erobern,
werden sich totlachen.
7.
Den westdeutschen Lohnarbeitern möchten Sie höhere DDR-Löhne am
Ende auch noch schmackhaft machen: Die wären eine Sicherung gegen
Lohndrückerei im Westen. Wie soll denn das funktionieren? Sie
selber merken doch gerade, daß umgekehrt die BRD-Durch-
schnittslöhne überhaupt keinen Billiglohn im Osten verhindern!
Im übrigen müssen Sie sich schon entscheiden. Entweder Sie wollen
als Lohnarbeiter mit den BRD-Arbeitern gemeinsame Sache machen;
dann läuft nichts ohne die gemeinsame Einsicht, daß Lohnarbeit
für alle, die sie tun, ungemütlich und unergiebig genug, also ab-
schußreif ist. Oder Sie rechnen mit BRD-Kollegen, die ihren Laden
als nationale Errungenschaft ansehen und ihn gegen konkurrierende
Belegschaften auswärts verteidigen wollen; dazu paßt dann der
verdrechselte Beweis, daß hohe Löhne anderswo sich für deren na-
tionales Lohnniveau günstig auswirken würden. Aber leisten tut
diese Beweisführung nur eins: Sie bestätigt den verkehrten und
schädlichen Standpunkt der nationalen Lohnkonkurrenz und
-eifersucht.
Den haben die westdeutschen DM-Löhner schon zur Genüge drauf.
Sollte es etwa so sein, daß Sie selber auch gar keinen anderen
Standpunkt in der Lohnfrage kennen?!
Marxistische Gruppe
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