Quelle: Archiv MG - BRD AUSSENPOLITIK ANSCHLUSS - Die Eroberung der DDR
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1 : 1 - JETZT ZUFRIEDEN?
Offensichtlich!: "O h n e 1 : 1 werden wir nicht eins", hieß es
in der DDR bevor der Kanzler sein Machtwort sprach. Die Empörung
über den Wahlbetrug ist jetzt vom Tisch, und Kohl wird nicht ver-
sohlt. Ministerpräsident de Maizière genießt große Hochachtung,
weil er angeblich einiges an DM in Bonn für seine Landsleute loc-
ker gemacht hat.
Dabei hat man die so zufriedenen DDR-Bürger - wenn überhaupt -
gerade jetzt verkohlt, und zwar nach allen Regeln der demo-
kratischen Kunst. Erst verspricht der Kanzler, es würde gerecht
auf DM umgestellt. Dann setzt der Zentralbankrat der Bundesbank
die Empfehlung in die Welt, es sollte 2 : 1 umgestellt werden.
Die Öffentlichkeit hüben und drüben, die betroffenen DDR-Bürger
und die nicht-betroffenen BRD-Bürger, die SPD-Opposition in der
BRD und die DDR-Regierung rechten prompt darüber, ob die DDR-ler
damit nicht betrogen würden. So ist die Umstellung "1 : 1" end-
gültig das Maß der Dinge und das höchste der Gefühle, was ein
DDR-ler erwarten und die DM aushalten kann. Der endgültige Be-
schluß der Bundesregierung gilt deshalb jetzt allgemein als
"historisches Angebot, mit dem wir gut leben können", wie es dan-
kenswerterweise der Regierungssprecher für seine Regierung und
deren Volk formuliert hat.
Alle glauben an die Lüge, bei dem ganzen Streit ginge es darum,
wieviel DM die DDR-Bürger geschenkt bekommen. Und de Maizière
macht sich zum Hauptpropagandisten dieser Lüge, wenn er mit sei-
nem Spruch von der "Teilung, die nur durch Teilen überwunden wer-
den kann", hausieren geht. Damit hat er etwas für den Stolz der
DDR-Bürger getan, sonst aber auch nichts: Die können sich einbil-
den, ihre mühsam erworbenen Ansprüche, die sie in Ost-Mark bezif-
fern, würden vom reichen Nachbarn zumindest teilweise honoriert
und mit harter West-Mark entgolten. Damit würden die Herren in
Bonn anerkennen, daß die Anschlußbürger doch "auch was geleistet"
und einen, wenn auch bescheidenen Anspruch auf den Reichtum des
Westens haben. Dabei bekommen sie mit der Einführung der DM was
ganz anderes geschenkt.
1. Ein Lohnniveau
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Im Schnitt, das haben sie ja alles schön ausgerechnet, 1350 DM.
Diese Zahl sagt natürlich nichts darüber aus, was Arbeiter in der
DDR wirklich verdienen. Sonst gelten alle Preise der alten DDR
als willkürlich und falsch; aber ausgerechnet beim Lohn orien-
tiert sich die Bundesregierung am Preis, den ein Ostarbeiter bis-
her bekommen haben soll. Nicht, weil das das einzig mögliche und
gerechte Verhältnis wäre oder die DM so knapp - schließlich wird
die nicht ausgeteilt, sondern die muß man sich verdienen. Viel-
mehr sorgen die Politiker so mit einem Schlag dafür, daß das
Lohnniveau in der DDR niedrig ausfällt - niedriger als in der
Bundesrepublik. Es kommt ihnen darauf an, daß der individuelle
Verdienst, aus dem Lohnempfänger drüben künftig ihr Leben be-
streiten müssen, geschäftstauglich eingerichtet und d.h. zunächst
einmal klein gehalten wird. Deshalb tun sie jetzt so, wie wenn
die 1350 Ostmark durchschnittlich bisher die Summe gewesen wären,
mit der Ostbürger gerecht und vollständig für ihre Leistung be-
zahlt worden wären und hätten leben können.
Das stimmt erstens gar nicht. Mag ja sein, daß sie mit den angeb-
lichen 1350 Ost-Mark über die Runden gekommen sind. Aber das lag
unter anderem daran, daß das Leben gar nicht ganz und gar aus dem
individuellen Lohn bestritten werden mußte, sondern Staat und Be-
triebe für alle möglichen Lebensbedingungen unentgeltlich oder zu
bloß symbolischen Preisen gesorgt haben. Zweitens bedeutet diese
Geldsumme unter den neuen DM-Bedingungen nicht mehr dasselbe wie
bisher, als sie noch in Ostmark ausgezahlt wurde. Jetzt muß näm-
lich wirklich alles, was ein Mensch so braucht, damit bezahlt
werden, und das nicht zu knapp. Ein Großteil dessen, was ein
Lohnarbeiter verdient, bekommt er erst gar nicht ausbezahlt. Das
behält nämlich der Staat für die Bedienung seiner Staats- und So-
zialkassen ein. Von dem Geld, das ein Arbeiter ausbezahlt be-
kommt, geht dann wieder in einer westdeutschen Großstadt schon
allein für die Miete drauf, eine Lebensnotwendigkeit, die man in
der DDR bisher nur dem Namen nach kennt. Und auch der Rest der
lebensnotwendigen Dinge ist nicht einer staatlichen Reglementie-
rung unterworfen, die das, was sie für lebensnotwendig hält, mit
einem erschwinglichen Preis versieht. Preise sind in der BRD
frei, d.h. Einkommensquellen für Händler und Geschäftsleute. Und
so sehen sie auch aus. Diese Freiheit wird auch DDRlern beschert,
gerade weil ihre Märker spätestens zum 2. Juli wirklich deutsch
sind. Sie bekommen nämlich zu ihrem festgelegten Lohnniveau auch
2. Ein Preisniveau
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Und das ist gar nicht festgelegt. Schon gar nicht durch die bis-
herigen Preise in der DDR. Die sind nämlich "unnatürlich". End-
lich kann man drüben einen Farbfernseher aus Taiwan für 1000 DM
statt einen aus volkseigener Produktion für 5000 Ost-Mark kaufen.
Vorausgesetzt, man hat den Tausender dann übrig. Auch sonst tut
sich nämlich einiges im "Preisgefüge", wenn es nicht mehr gefügt
wird. Künftig wird nur noch zu "echten, d. h. marktgerechten
Preisen" produziert; und "marktgerecht", d.h. lohnend für die Un-
ternehmer, die produzieren lassen und Waren anbieten. Sparsamkeit
stellt sich da beim Konsumieren ganz von allein ein - da, wo man
es überhaupt selber in der Hand hat.
Brot, Mineralwasser, das Dach über dem Kopf und überhaupt alles,
was man zum Leben braucht, eignen sich nämlich, dank der un-
ternehmerischen Freiheit beim Preisgestalten, sobald sie nur noch
für DM zu haben sind, hervorragend dazu, einem diese DM wieder
aus der Tasche zu ziehen. Bevor da ein banales "Grundbedürfnis"
gestillt wird, wollen andere dran v e r d i e n t haben mit
entsprechenden Preisen, wie denn sonst.
Das wissen diejenigen, die jetzt den Preis der Arbeit festlegen,
nicht nur. Sie wollen es auch und rechnen schon mit den sozialen
Folgen. Das "böse" Bundesbankumtauschverhältnis ("Halbierung der
Löhne") sollte doch deswegen nur halb so schlimm, wenn nicht gar
besser als 1 : 1 sein, weil da immer von "Ausgleichszahlungen"
für "zu erwartende Preissteigerungen" die Rede war. Auf die Stei-
gerungen kann man Gift nehmen, mit dem 200-DM-"Ausgleich" ist's
jetzt Essig. Das 1 : 1 i s t schon die ganze soziale Rücksicht-
nahme. Immerhin hat der Kanzler ja auch den 1 : 1 Umtauschsatz
für Spargroschen von 2000 auf 4000 erhöht. Der Kanzler weiß
schon, daß Erspartes nicht sinnlos und inflationär auf den Kopf
gehauen wird, sondern sinnvoll für den Notfall auf die hohe Kante
gelegt.
Das weiß man offensichtlich auch in der DDR; sonst würde man
Sparkassen nicht einen Haufen Arbeit machen, indem man viele
kleine Konten bildet, um möglichst noch ein paar zusätzliche DM
zu ergattern - wenn der Waigel es zuläßt. Was das nützt, das ha-
ben die Regierenden in Ost und West dank des Wählerauftrags fest
und frei in der Hand.
3. Ein neues Armutsniveau
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ist den Zonis also auch beschieden, wenn schon jetzt alles dafür
getan werden muß, damit sie nicht drunter absinken. Das gilt ganz
besonders für die Alten. Deren Rente wird nämlich auf 70% des
Lohns festgelegt. Daß sich die "Erhöhung" in Grenzen hält, kann
man schon dem entnehmen, daß in "Härtefällen" auf jeden Fall der
a l t e DDR-Satz in DM ausgezahlt werden soll. Was sich im DM-
Paradies mit 480.- anfangen läßt, ist unschwer abzusehen.
Und daß zu den alten Armen auch junge kommen, ist sicher. Mit Ar-
beitslosenzahlen zwischen ein bis zwei Millionen wird da schon
längst rumjongliert. W i e hoch die sein werden, weiß natürlich
kein Mensch; geht ja auch gar nicht, schließlich ist die Entlas-
sung jetzt Sache der Unternehmer. Was die DDR nämlich auch noch
kriegt, ist
4. Ein Rentabilitätsniveau
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Für all diese Schönheiten der Einführung der Marktwirtschaft soll
es einen unschlagbaren Grund geben: die "niedrige Produktivität
in der DDR".
Was da wirklich an Arbeit reingesteckt wird und was an brauch-
baren Gütern rauskommt, hat nie jemand untersucht. Es interes-
siert nämlich kein Schwein, einen Kapitalisten schon gleich
nicht. Der rechnet mit V o r s c h u ß und Ü b e r s c h u ß,
und d a s Verhältnis muß f ü r i h n aufgehen. Also, deut-
sche Landsleute in der DDR: Euer Lohn ist ab sofort kapitalisti-
scher V o r s c h u ß auf ein G e s c h ä f t, das klappen
soll. Ihr seid ein K o s t e n f a k t o r und der hat gefäl-
ligst n i e d r i g, zu sein. Zweitens seid ihr ein
P r o d u k t i o n s f a k t o r, der dem Unternehmen gehört -
aus dem das Unternehmen also auch soviel rausholt, wie geht. Mit-
tel d a f ü r sind die Produktionsanlagen. Und die müssen auch
nicht einfach im technischen Sinn produktiv sein. Sie müssen
e r s t e n s die bezahlte Arbeit effektiver machen. Aber nicht,
damit die bezahlten Arbeiter es gemütlicher haben, sondern -
z w e i t e n s - um mit derselben Anzahl bezahlter Arbeiter mehr
Produkte zu produzieren und damit mehr Ertrag zu erwirtschaften,
oder um bezahlte Arbeiter überflüssig zu machen und dadurch
L o h n k o s t e n z u s p a r e n. An diesem Effekt bemißt
sich kapitalistisch der Nutzen des "technischen Fortschritts".
Und deswegen müssen dessen eigene Kosten - d r i t t e n s - auch
so bemessen sein, daß sie sich lohnen, eben über gesparte Aus-
gaben für den anderen, den menschlichen "Produktionsfaktor". Das
i n G e l d b e m e s s e n e E r t r a g s verhältnis, das so
zustandekommt: D a s ist d i e Produktivität, die - sagen
alle Fachleute - in der DDR zu wünschen übrig läßt. Produktivität
steht, kapitalistisch gesehen, gar nicht für fortschrittliche
Produktionstechnik, sondern für das Kapitalisten-Interesse an
möglichst schönen Vorschuß-Überschuß-Verhältnissen. Und deswegen
sind Kapitalisten so scharf darauf und auch gleich zufrieden da-
mit, erst einmal mit allem weiterzuwirtschaften, was sie an Pro-
duktionsmitteln in der DDR antreffen - die Produktivität, die
s i e meinen, stellen sie durch B i l l i g l ö h n e her. Um
d i e hinzukriegen, knüpfen sie gern an die Lohntarife im
"realen Sozialismus" an: D i e Summen, die sich die Planungs-
künstler der SED ausgedacht haben, um ihren Werktätigen möglichst
gerecht ihre Leistung zu vergüten, genau die sind den Kapitali-
sten für i h r e Produktivitätsrechnung sehr, sehr recht.
Und darum werden die DDR-Löhner bald mit dem Argument vertraut
gemacht werden, daß die "teuren neuen Anlagen" "ausgelastet" wer-
den müssen, also keineswegs mehr Lohn vertragen, sondern nur mehr
Leistung verlangen.
Die Wahrheit ist: Ab sofort sind Arbeiter und Maschinen als Ko-
stenfaktoren für die Betriebe festgelegt. Alte und neue Maschinen
sind gleichermaßen ein zwingendes Argument für w e n i g
L o h n und v i e l A r b e i t. Aber auf die hat man sich ja
gefreut. Ein weiterer Grund zur Zufriedenheit: Mit dem
"sozialistischen Schlendrian" hört sich's jetzt auch auf. Nicht
nur diesen Werktätigen verschafft nämlich die neue Rechnungsweise
mit der Arbeitslosigkeit den Genuß einer weiteren neuen Erfah-
rung. Wenn man den Kapitalisten das Rechnen überläßt, dann rech-
nen sie auch.
P.S.: Liebe Zonis! Schickt jetzt bitte keine Dankesbriefe an den
Kanzler. Es reichte, daß ihr am 6. Mai das Kreuz an der richtigen
Stelle gemacht habt. Euer Auftrag zur uneingeschränkten Machtaus-
übung ist demokratischen Politikern Dank genug.
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