Quelle: Archiv MG - BRD AUSSENPOLITIK ANSCHLUSS - Die Eroberung der DDR
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November '89 - Nationale Feiertage in Berlin und anderswo:
"DAS IST EINFACH WAHNSINN!"
(Zigtausend schluchzende Deutsche)
So ist es.
(Die Marxistische Gruppe)
Jetzt können sie mal "gucken, wie's im Westen so ist", die DDR-
Bürger. Na bitte sehr. Und dann?
Die Mauer ist so gut wie weg. Heftiges Herüber und Hinüber über
die bislang noch dichte Grenze. Nichts dagegen! Die Betroffenen
sind begeistert, einstweilen. Aber ist da nicht noch etwas?
Das Fernsehen badet in deutsch-deutschen Freudentränen. Verbrüde-
rungsszenen auf allen Kanälen; gar nicht pluralistisch. Naja.
Aber ist das wirklich die Sache, um die es geht?
Ein paar Stunden und Tage lang sieht die "Deutschlandpolitik" der
BRD endgültig so aus wie ein einziges Volksbeglückungsprogramm,
wie ein riesiges Kinderfest. Dabei weiß doch jeder, daß das der
schöne Schein, aber niemals Sinn und Zweck der Veranstaltung ist.
Worum geht es wirklich? W e r hat w a s erreicht an diesem
"historischen" 9.November 1989?
Das offizielle Gerücht
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behauptet, die Bevölkerung der DDR, von einem Tag auf den anderen
tapfer, selbstbewußt und demokratisch äußerst tugendhaft gewor-
den, hätte ihr Schicksal entschlossen in die eigenen Hände ge-
nommen, ihre Unterdrücker friedlich mattgesetzt und die Mauer
aufgebrochen, kurz: eine vorbildliche demokratische Revolution
hingelegt.
Das war dann jedenfalls das erste revolutionäre Volk, das von
seinem erfolgreichen Umsturz erst aus dem Fernsehen erfahren hat.
Das diesen Erfolg erst einmal ungläubig bei seinen von oben zum
Stillhalten abkommandierten Grenzposten ausprobiert hat. Das nie
etwas lahmlegen mußte, seiner Obrigkeit noch nicht einmal mit
Streiks zuzusetzen brauchte, um etwas zu erreichen. Das erst
frech geworden ist, als die eigenen Machthaber eine Ohnmacht ganz
eigener Art eingestehen mußten: Sie konnten auswärts, in Ungarn,
Polen, der Tschechoslowakei, ihre Hoheit über das eigene Volk ge-
gen die bundesdeutsche Konkurrenz nicht mehr durchsetzen.
Eine interessante "Revolution": erzwungen von Gelegenheitsflücht-
lingen, vollzogen vom Staatssicherheitsdienst, untertänig und un-
dankbar entgegengenommen von einer über die Schwäche ihrer Herren
tief erstaunten Bevölkerung. Das ist sie, die neue demokratische
DDR-Volkskultur.
Ehre, wem Ehre gebührt:
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War da nicht noch eine ganz andere Partei umstürzlerisch unter-
wegs?
Gibt es da nicht noch einen westdeutschen Staat, der alle DDRler
unerbittlich zur deutschen Rasse zählt? Und deren gegenwärtiger
Beruf besteht bekanntlich darin, eine freie, gleiche und geheime
Wahl zwischen solchen Figuren wie Kohl und Lafontaine zu treffen,
der Bundeswehr Soldaten zu schenken und Steuern in harter D-Mark
zu zahlen.
Gab's da nicht einen Genscher, der sich im Namen dieser unteilba-
ren nationalen Rasse zum Schutzherrn aller ausreiselustigen DDR-
Bürger gemacht und den DDR-Einfluß auf die ungarische, tsche-
chische und polnische Regierung glatt ausgebootet hat? Und diese
Regierungen sind todsicher nicht vor den hygienischen Verhältnis-
sen in bundesdeutschen Botschaftsgebäuden in die Knie gegangen -
die haben ihre Devisen durchgezählt und ihre Aussichten, als An-
hängsel der EG-Großmacht BRD ihre Schulden zu vergrößern.
Und gibt's da nicht den einstimmigen Chor unserer vielfältigen
bundesdeutschen Staatsparteien von schwarz bis grün, die sich
schon vom ersten Leipziger Demonstranten an als Schutzmächte
sämtlicher oppositionellen Umtriebe drüben aufgespielt haben? Die
immer gleich gewußt haben, noch vor der DDR-Opposition selbst,
welche Reformen ganz gewiß nicht genügen - nämlich immer genau
die, welche die DDR-Regierung gerade macht? Und ein Fernsehen,
das die neuesten Erkenntnisse immer gleich nach drüben transpor-
tiert? Dabei haben deutsche Politiker (West) nicht bloß mit demo-
kratischen Phrasen "argumentiert". Sondern schon wieder mit Devi-
sen - den harten D-Mark nämlich, die der "sozialistische" Staat
drüben braucht, weil er sie seinen westlichen Kredithaien schul-
det. Und mit den Exportchancen, die die Pseudo-"Planwirtschaft"
drüben braucht, um die nötigen Devisen zu verdienen. Usw.
Na klar, die Bonner Deutschlandpolitiker
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aller Fraktionen haben immer beteuert, sie wollten sich auf gar
keinen Fall "einmischen", nicht die allerkleinsten "Ratschläge
erteilen" - bloß ein bißchen sagen, daß sie der DDR keine Chance
geben, wenn sie sich nicht zum sächsisch-preußischen Abklatsch
der BRD "reformiert". Das ist wirklich kein besserwisserischer
Ratschlag ans DDR-Volk - das ist eine berechnende Erpressung sei-
ner Regierung. Und das ist auch keine "Einmischung in die inneren
Verhältnisse drüben" - denn in die i s t die BRD mit Geld und
Rechtsansprüchen längst zutiefst eingemischt. Die BRD hat längst
die Mittel, nämlich die wirtschaftlichen und politischen Er-
pressungsmittel angesammelt, um die DDR zum Übernahmeprojekt für
D-Mark-Kapitalisten und für patriotische Politiker zu machen,
denen das Herrschaftsgebiet der Bonner Republik schon lang viel
zu klein ist.
Ist das vielleicht - N a t i o n a l i s m u s? Ach was - so et-
was ist doch nur "unser" gutes d e u t s c h e s R e c h t!
Ist so etwas I m p e r i a l i s m u s? Nie im Leben - "wir"
erobern "uns" den Lebensraum für die D-Mark und die gehörige
deutsche Größe doch gar nicht m i t der NATO, sondern bloß
u n t e r ihrer Kriegsdrohung, mit u n militärischen Waffen:
Allen Kommunisten, die n a c h g e b e n, ersparen "wir" glatt
den Einmarsch.
Ein bißchen Eroberung will natürlich schon sein, in aller Freund-
schaft. Die DDR ist fällig. Überfällig. Demokratische Kapitali-
sten und D-Mark-Parlamentarier sitzen schon viel zu lange in den
Startlöchern. Der 9. November war i h r Tag. "Auf geht's, wir
h e l f e n der DDR auf die Sprünge!"
Und wer hat den Startschuß gegeben?
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Die begeisterten DDR-Bürger jedenfalls nicht. Die ahnen in ihrer
Begeisterung ja noch nicht einmal, an wen sie da verkauft werden.
Und daß die Mauer gar nicht um ihretwillen aufgemacht worden ist.
Sondern um die politische Basis für ein Experiment zu schaffen,
von dem sich die SED die Sanierung ihrer DDR verspricht: die Aus-
lieferung von Land und Leuten in ganz neuem Stil an die Begierden
und Finanzen des westdeutschen Kapitalismus.
Das ist er, der glorreiche demokratische Umsturz in der DDR: Die
SED stürzt ihren Laden um. Sie will sich den Geschäftsinteressen,
die sowieso die Welt beherrschen, nicht länger entziehen, sondern
nur noch dienen. Dafür opfert sie alles, was sie einmal zum
"realen Sozialismus" erklärt hat - und das sind ganz andere Dinge
als eine Mauer. Am Ende opfert sie noch i h r Macht m o n o-
p o l, um an der M a c h t beteiligt zu sein, die die Verwal-
tung der DDR als D-Mark-Provinz unter einem letzten sowjetischen
Aufsichtsvorbehalt allemal braucht. Warum sollten denn auch ein
Krenz und ein Modrow westdeutsche Bankiers und Arbeitgeberver-
bände nicht zufriedenstellen können? Es müssen ja nicht gleich
Parteispenden fließen.
Nichts für ungut.
Leute, die einen Zwischenerfolg für den Großmachtsehrgeiz der
deutschen Nation für einen Sechser im Lotto halten, darf man wohl
nicht beim Feiern stören. Jetzt sind sie doch gerade tief gerührt
und werden ringsum feucht, wenn sie ein schwarz-rot-goldenes Tuch
sehen. Und wollen gar nicht wissen, daß sie mit ihrer Rührung
ausgerechnet eine imperialistische Glanztat verzieren, die SED
und Bundesrepublik gemeinsam vollbracht haben - so gemeinsam wie
der Erpreßte und sein Erpresser. Je menschlicher die Politik
mißverstanden wird, um so bereitwilliger machen sich die Leute,
über die da verfügt wird, zu den nützlichen Idioten ihrer hohen
Herrn.
"Wahnsinn! Ein wunderschöner Wahnsinn." (Bild, 11.11.89)
Wie wahr.
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