Quelle: Archiv MG - BRD AUSSENPOLITIK ANSCHLUSS - Die Eroberung der DDR


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DER DEUTSCHE TAG

beginnt mit dem Beschluß der SED, den "antiimperialistischen Schutzwall" in eine "normale Grenze" umzuwandeln. Die Mauer fällt. Der deutsche Bundestag liefert kaltlächelnd und ergriffen die westdeutsche Interpretation dazu ab und singt "spontan" die Hymne der Deutschen: Von wegen normale Grenze! Die kriegt ihr von "uns" jetzt und in alle Ewigkeit nicht. Nationale Hysterie kommt auf, bei Politikern und Menschen. An der Frankfurter Börse machen die Aktien westdeutscher Unter- nehmen den großen Sprung nach vorn - was für schöne Aussichten! Eine komplette nationale Ökonomie wartet auf "unseren" Kapitalex- port. Der "Binnenmarkt 92" wird um eine Sphäre exklusiver Zustän- digkeit erweitert, Europa gehört uns, jetzt noch mehr als bisher. Ein Boom ohne Ende für westdeutsche Kapitalisten - so schön kann Spekulieren sein. Derweil verfällt die Tauschrelation der Ost- mark, was unsere Brüder und Schwestern enorm anreizen könnte. Gedacht wird an alles und doch nicht genug: Wer soll das bezah- len? Die Trabi-Fahrt über den Ku-damm, den Nescafe in Lübeck und den Campingplatz an der Nordsee. Dabei wäre das so einfach: wir fragen gar nicht lange, sondern erklären unsere gute, schöne und wahre DeMark einfach zur offiziellen Währung der DDR, am besten gleich die ganze DDR zur DM-Provinz, indem wir eine Währungsunion ausrufen. Westdeutsche Journalisten haben ein Recht auf solche Ungeduld, weil alle Bürger, vor allem die drüben, eins vermissen: ein bis zum letzten ausgearbeitetes Übernahmekonzept. Das schönste am 9. November: Niemand mischt sich irgendwo ein. Keine Vorschrift von außen, kein Ratschlag von Leuten, die das nichts angeht. Westdeutsche Politiker haben sich strengstes Raus- halten auferlegt. Bloß die Vorherrschaft der SED will man nicht mehr hinnehmen, das System als ganzes soll abtreten, die Plan- wirtschaft soll einer echten Marktwirtschaft weichen usw. Dann, und nur dann, sind wir überhaupt bereit zu einem "Dialog" - über die Modalitäten der schrittweisen Annexion der DDR, unserer ange- stammten deutschen Provinz. Wir sind nicht allein an diesem Tag. Bei aller Friedfertigkeit unserer unschuldigen deutschen Interessen kommen wir ohne eine gewaltige Gewaltandrohung nicht aus. Deshalb sind wir auf die Un- terstützung unseres nationalen Projekts durch die Bündnispartner der NATO angewiesen, deren Einverständnis wir auf unterschiedli- che Weise einholen: Frankreich hat "keine Angst mehr" vor einem wiedervereinigten Deutschland, weil es auf eine gemeinsame Vor- herrschaft in Europa setzt; England kann sich dem nicht mehr entziehen, wenn es nicht den Anschluß verlieren will; die USA stehen hinter uns und die SU sagt auch nicht mehr "njet". Was will und kann die SED dagegen eigentlich sagen? Der Kanzler unterbricht seine Polenvisite, denn die Auflösung der DDR und die Einheit der deutschen Nation ist Chef-Sache. Das kriegen die Polen auf ihre Weise mit. Dem Glückwunsch zur anti- kommunistischen "Wende" und dem Bekenntnis zur Garantie der pol- nischen Westgrenze, das der Kanzler mit Absicht dem Außenminister überläßt, folgt der hoffnungsfrohe Aufbruch zur nationalen Ein- heit, der die Polen die Dialektik "guter Nachbarschaft" spüren läßt: Vielleicht haben wir ja demnächst tatsächlich eine direkte Grenze, deren "Garantie" neu verhandelt werden muß. Statisten gibt es auch beim denkwürdigen 9. November, dieselben wie am 13. August '61. Sie werden wie immer als Hauptakteure be- handelt, weil man sich von oben auf sie beruft. Die "Revolutio- näre" von unten geben mit ihren Kommentaren allerdings das Gegen- teil bekannt: Mit "Wahnsinn", "unglaublich" und "unfaßbar" spre- chen sie nur allzu deutlich aus, daß nicht sie die Macher der "Wende" sind. Deshalb fließt beim Rübermachen überall der Sekt und außer Tränen sonst gar nichts. Und wenn die Flaschen leer sind, fährt man heim, als wäre nichts gewesen. Eine furchtbare Täuschung! zurück