Quelle: Archiv MG - BRD AUSSENPOLITIK ANSCHLUSS - Die Eroberung der DDR
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Einladung zur öffentlichen Diskussionsveranstaltung
Wiedervereinigung '88: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben!
WIR REFORMIEREN UNS DIE DDR ZURECHT
1.
Heuer war der 17. Juni total harmonisch. Von den Grünen über die
Roten bis hin zu den Schwarzen herrscht Einigkeit darüber, daß
das Ziel 'Wiedervereinigung' vorläufig genau richtig betrieben
wird. Die Nation ist zufrieden mit sich und stört sich deshalb
überhaupt nicht an der friedlichen Koexistenz von Gegensätzen,
über die früher zwischen den Parteien heftig gestritten wurde:
CDU und CSU haben ihre Friedmann und Lindtner abgebügelt, die
"Wiedervereinigung jetzt" verlangten und mit den Russen einen
Rückzug des Weltkriegssiegers aus Osteuropa gegen bundesdeutsche
Abrüstungsbereitschaft aushandeln wollten. Seitdem will auch die
SPD den Beifall nicht mehr verweigern, wenn heute deutlicher denn
je klargestellt wird, aß Wiedervereinigung kein bescheidenes An-
liegen, nicht mit "Kulturnation" und ähnlichen Verharmlosungen
verwechselbar ist, sondern klipp und klar die staatliche Einge-
meindung er DDR, also die Abschaffung eines ganzen anderen
Staatswesens bedeutet.
Verfassungsrichter Herzog unter dem Beifall des ganzen Parla-
ments: "Eine Nation ohne den Willen zum eigenen Staat ist ein Un-
ding." Ein lupenreines Kriegsprogramm, das aktuell nicht auf der
Tagesordnung steht, kann offenbar niemand übel nehmen.
2.
Die Pflege der vorläufig nicht vollstreckbaren R e c h t s-
a n s p r ü c h e auf die E i n h e i t d e r N a t i o n
wird durch die Vertagung um so unwidersprechlicher: Zum schieren
Auftrag der Menschlichkeit ist die Kontaktpflege mit "denen
drüben" geworden. Der westliche Tourist bekommt aus Bonn jede
Urlaubsreise nach Weimar und Dresden als politische Demonstration
gegen die d e u t s c h e T e i l u n g gedeutet. Derselbe
Richter Herzog, der die Deutschen ohne einen Staat vom Rhein bis
zur Oder unmöglich findet, lobt eine Jugend, die angeblich in
solchen Demonstrationen unterwegs ist: Jenseits von der
Staatsfrage, jenseits von westlicher Herblassung - gegen die ar-
men Vettern, also jenseits des Revanchismusverdachts, sollen die
jungen D e u t s c h e s mit Gleichaltrigen drüben leben, sin-
gen und lesen.
3.
Derweil wird von Bonn aus die Eingemeindung der DDR, die gegen
den Willen der Ostberliner Führung nicht durchzusetzen ist, so
gut es geht m i t d e r e n Z u s t i m m m u n g betrieben.
Die alte Hetze gegen die kommunistischen Machthaber in Pankow hat
sich zu einer unverschämten Patronage der BRD gegen das andere
Deutschland gewandelt. "Wir" vertreten die Interessen der DDR in
der EG. Dregger dehnt die von der Friedensbewegung übernommene
Sorge um einen Kriegsschauplatz Deutschland gleich noch aufs Ter-
ritorium der DDR aus und lehnt seitdem Kurzstreckenraketen in der
BRD ab: "Je kürzer die Reichweite, desto deutscher die Opfer."
Oppositionelle in der DDR, die "unsere" Reporter immer mit großem
Geschick ausfindig machen und medienmäßig vergrößern, sind nicht
mehr nur Anklage gegen das "menschenerachtende kommunistische Re-
gime", das bedeutungslose Opposition nicht ignorieren mag, son-
dern auch Anlaß für gute Ratschläge an die SED-Führung, die in
dieser Hinsicht vom Westen lernen könnte. SPD-Vogel empfiehlt
Honnecker mehr Gelassenheit in diesen Fragen; "wir" im Westen
kümmern uns ja auch nicht um die paar Unzufriedenen.
4.
Und die DDR? Die hält das gar nicht für den von ihr immer ange-
klagten Revanchismus, und wehrt sich kaum gegen Bevormundungsver-
suche aus Bonn. Sie betrachtet die "guten Ratschläge" ebenso wie
die stillschweigende Mitvertretung als Zeichen ihrer Durchge-
setztheit und Respektierung durch den westdeutschen Feind, worauf
sie furchtbar scharf ist. Dafür macht sie ihre jahrzehntelang
gehütete s o z i a l i s t i s c h e G e s e t z l i c h-
k e i t zum Handelsartikel gegen Devisen und diplomatische
Streicheleinheiten: Gegen West-Geld entläßt sie Straftäter, und
Ausreisewillige; dafür fördert sie immer mehr den Reiseverkehr
zum und mit dem Feind.
5.
Obwohl sie damit dem einzig materiellen Begehren ihrer inneren
Opposition entgegenommt, werden die wenigen Staatsfeinde nicht
weniger: Mitten im atheistischen Osten nimmt die im Westen nur
durch Staatsknete überlebende Kirche einen Aufschwung und reitet
ihre schützenden Hände über Ausreisewillige und enttäuschte Bän-
kelsänger. Worum geht es dieser Kirche, worum der politischen Op-
position?
6.
Und der Westen? Der ist skrupellos und verbucht jede innere Kri-
tik in der DDR als Sehnsucht nach einer Regierung durch Bonn. Die
Bonner DDR-Ministerin Dorothee Wilms weiß genau, daß Öko-Gruppen
in Ostberliner Basisgemeinden Ausdruck gesamtdeutscher Hoffnungen
sind, und läßt sich auch von einem CDU-Abgeordneten nicht irri-
tieren, der resigniert aus dem Osten zurückkam, weil er außer
enttäuschten Marxisten und Ökofreaks, die beide für den Westen
nicht zu gebrauchen sind, keine DDR-Opposition entdecken konnte.
Macht aber nichts; wer auf lebendige Belege "unseres" westlichen
Rechts auf den deren deutschen Staat scharf ist, will ja auch gar
nicht wissen, worum es den DDR-Oppositionellen geht.
Wir aber schon. Was der BRD-Staat mit der DDR will und macht. Was
die DDR mit ihrem erklärten äußeren Feind will und macht und für
einen Erfolg hält. Was die DDR-Opposition will, warum sich der
DDR-Staat mit ihr so hart tut und was die BRD daraus macht - al-
les das soll erklärt werden am Teach-In.
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