Quelle: Archiv MG - BRD AUSSENPOLITIK ANSCHLUSS - Die Eroberung der DDR


       zurück

       Die DDR-Landwirtschaft wird frei
       

TYPISCH MANGELWIRTSCHAFT: LAUTER ÜBERSCHÜSSE!

"Warum schütten sie das Obst auf die Müllkippe? Warum wird die Milch auf die Felder gekippt? Warum will keiner die Schweine? Was wird mit dem Getreide? Warum sind so viele Läden leer? Wie die Landwirtschaft auf den Hund kam..." (Bild, 19.7.) Keine Frage für "Bild" und Kiechle, wer dafür verantwortlich zeichnet: "Wir können nicht erwarten, daß in 14 Tagen die Folgen von 40 Jahren kommunistischer Kommandowirtschaft beseitigt werden." (Kiechle in "Bild") "Die Tragödie der Bauern" - eine einzige Erblast der überkommenen Verhältnisse, lautet einstimmig die Diagnose. Streng nach der Lo- gik: Was gründlich abgeschafft ist, entfaltet um so unerbittli- cher seinen "Irrsinn". Und wie soll man sich das jetzt vorstellen? Unverkäufliches und untergepflügtes Gemüse seit dem 1. Juli, weil in der "sozialistischen Murkswirtschaft" jahrzehntelang noch jeder Kohl- kopf seinen Abnehmer fand? Ab sofort leere Regale, weil Mittag und Honecker 40 Jahre lang die billigen Schweineschnitzel und Joghurts in die HOs hineinkommandiert haben? So daß der demokra- tische Landwirtschaftsminister Kiechle und Pollack mit ihrem de- mokratischen Obst und Käse jetzt kaum hinterherkommen? Schweineberge und Milchseen, unverkäufliche Überschüsse und gleichzeitig "sündhaft teure Butter", das soll irgendwie gar nicht zum Kapitalismus und seiner Einführung in die DDR-Landwirt- schaft passen. Das soll ausgerechnet eine Hinterlassenschaft der abgeschafften "Kommandowirtschaft" sein, die selber zu ihren Leb- zeiten solche Zustände überhaupt nie erzeugt und gekannt hat. Da- bei weiß doch, nebenbei, jeder: Genau das, was jetzt als letzter planwirtschaftlicher "Wahnsinn" gegeißelt wird, ist in der EG seit langem an der Tagesordnung und aus dem Funktionieren des EG- Agrarmarktes überhaupt nicht wegzudenken! Da lassen die politi- schen Oberbauern Überschüsse "vom Markt nehmen" und organisiert ins Meer oder sonstwohin schütten - natürlich alles für einen guten Zweck. Nämlich für die "Stützung der Agrarpreise", damit sich für die kapitalistischen Geschäftemacher in der Landwirt- schaft die Produktion von Hormonkälbern und ähnlichen Qualitäts- waren auch lohnt. Leere Regale, unbezahlbare Fleischpreise und übervolle Ställe, "Versorgungskrise" - klar, das muß am toten Kommunismus liegen. Keine Vorstellung ist dafür zu blöd und zu billig - bis hin zu der Dummheit, die Marktwirtschaft, dieses prächtige Ding, hätte von Honecker einen "unkalkulierbaren Verbraucher" geerbt, der un- ter aller Sau ist: "Fehlt DDR-Ware, schimpfen die Leute; stehen DDR-Produkte im Re- gal, greifen sie doch zur Westware." (DDR-Handelsministerin Rei- der) Kein Wunder, daß die HOs und Konsums "preisgünstige DDR-Ware" lieber erst gar nicht in die Regale nehmen und in den Ställen verrotten lassen, oder? Felsenfest steht jedenfalls: Wenn inner- halb von 14 Tagen "die DDR-Landwirtschaft auf den Hund kam", dann kann das nie und nimmer damit zu tun haben, daß die Marktwirt- schaft mit ihrer Grundrechnungsart Einzug gehalten hat: daß ab sofort die Produktion von Lebensmitteln, ihre Verarbeitung und der Handel damit einem neuen ökonomischen Zweck dienen. Nämlich eben dem: mit jedem Schwein D-Mark zu verdienen auf einem poli- tisch betreuten kapitalistischen Agrarmarkt. "Sozialistische Murkswirtschaft" und freie Landwirtschaft --------------------------------------------------------- Für diesen Zweck waren die HOs, die "zentralistischen und monopo- listischen Verarbeitungsstrukturen" und die LPGs drüben nun wirk- lich nicht eingerichtet. Sie waren nicht dem obersten und einzi- gen Maßstab untergeordnet, privaten Geschäftemachern Gewinn ein- zubringen. Sie sollten einem staatlichen Versorgungsauftrag nach- kommen, der in der verrückten Form von staatlich garantierten Einkaufs- und Abgabepreisen und Gelderwirtschaftungsvorschriften an sie erging. So bekam der realsozialistische Verbraucher am Ende sein Kotelett, und zwar zu einem staatlich verordneten Preis. Dabei wurde mit Vorschriften und "Subventionen" für "volksfreundliche" Preise bei den lebensnotwendigen Gütern ge- sorgt. Und spätestens deswegen hält dieses Versorgungssystem den Vergleich mit einer Landwirtschaft, in der Preis und Profit re- gieren und der Staat das Gewinnemachen subventioniert, einfach nicht aus. Wenn jetzt nämlich Schluß ist mit "sozialistischer Subventions- wirtschaft", mit den bisherigen Abnahme- und Preisgarantien der staatlich geregelten Verteilung und auch mit den "sozialen und gerechten Preisen", ist es kein Wunder, daß da "die Kette zwi- schen Produktion, Verarbeitung und Handel gerissen ist". Ab so- fort will an Fleisch, Brot und Milch kräftig v e r d i e n t sein. LPGs, Verarbeiter und Handel sind jetzt rechtlich s e l b s t ä n d i g e P r i v a t u n t e r n e h m e n, die in K o n k u r r e n z zueinander stehen bei dem ausschließli- chen ökonomischen Zweck, um den sich ab sofort alles dreht: D- Mark zu erwirtschaften mit Preisen, die sich für den jeweiligen, neu geschaffenen, Geldgeier lohnen müssen. Und natürlich findet sich jetzt ein DDR-Milchhof in dem Bemühen, auf einem vereinigten "freien Markt" der Kundschaft mit seinen Preisen effektiv das Geld aus der Tasche zu ziehen, in trauter Konkurrenz mit den West-Dellers und Müllers. Und an der "Produktivität", genauer K a p i t a l p r o d u k t i v i t ä t, an dem Verhältnis von DM-Kosten und Ertrag, das diese westlichen Agrarfabriken auf ei- nem politisch betreuten EG-Markt zustandegebracht haben, müssen sich nun die neuen Wirtschaftssubjekte der DDR-Landwirtschaft be- währen. Daran entscheidet sich, ob ein DDR-Joghurt brauchbar, weil verkäuflich ist. Und natürlich waren der Tengelmann und die Edeka ganz scharf auf die "monopolistischen Vertriebsstrukturen" und nutzen sie, um i h r e "Qualitätswaren und Sortimente" un- terzubringen und mit der D-Mark des neuen "König Kunden" kräftig versilbern zu lassen. Und bitteschön, wenn auch noch von "Wucher" die Rede sein soll, dann steht der aber mit Sicherheit n i c h t in Gegensatz zu den "neuen Marktverhältnissen". Extraprofit - der gehört zum Kapitalismus, wie das Ei zur Henne. Wegen der kapitalistischen Konkurrenz und i h r e n Maßstäben schauen jetzt ziemlich viele LGPs und DDR-Verarbeiter alt aus und bleiben auf ihren Schweinen und Kirschen hocken. Und der Verbrau- cher kann sich an den neuen, schönen Preisen laben. Deswegen sind viele DDR-Landwirtschaftsbetriebe auf einmal ziemlich marode und "sanierungsbedürftig", und deswegen kann das viele brauchbare Zeugs in den Ställen keinen Verbraucher und Magen mehr finden. Und seitdem kann die neue DDR-Landwirtschaft unmöglich soviele Landarbeiter ernähren wie bisher, schon gleich nicht "mit Tarif- urlaub und einem Acht-Stunden-Tag" (Kiechle). Damit ist jetzt Schluß. Und was mit den jetzt "beschlossenen staatlichen Liquiditätshil- fen und Subventionen" und der "schnellen Einbindung der notlei- denden DDR-Landwirtschaft in den EG-Agrarmarkt" befördert wird, ist auch kein Geheimnis: Ab sofort sind Schweineberge, Vernich- tungsaktionen, hohe Lebensmittelpreise und Entlassungen in der Landwirtschaft staatlich o r g a n i s i e r t, k o n t r o l- l i e r t und dafür da, daß die DDR-Agrarbetriebe endlich r e n t a b e l werden und mit ihren Erzeugerpreisen auf einem EG-Markt bestehen können. Ach ja, die Russen dürfen das Ihre zur "Entlastung des Agrarmarkts" tun und kriegen gegen Öl und Gas "unsere" unverkäuflichen Überschüsse. So läßt sich auch aus deren "Versorgungskrise" für "uns" auch noch mal Kapital schlagen. zurück