Quelle: Archiv MG - BRD AUSSENPOLITIK ANSCHLUSS - Die Eroberung der DDR
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ABWANDERN GESTERN UND HEUTE
Man denkt schon, das wären Meldungen vom Frühjahr '90:
"Massen-Abwanderung wegen niedriger Gehälter beklagt". "In Sach-
sen droht der Zusammenbruch". "Mehr Umsiedler denn je". "Pro Mo-
nat verlassen 10000 Menschen Sachsen". (Der sächsische Wirt-
schaftsminister Schommer - CDU am 3.1.91)
Moment mal: Hat sich unser Kanzler mit seiner Mannschaft nicht
extra ins Zeug gelegt und sich so beeilen müssen, "die Menschen"
d r ü b e n mit DM, Demokratie, also Deutschland zu beglücken,
damit sie dafür nicht weiter massenhaft rübermachen müssen?
Erst mußte in der alten DDR schleunigst gewählt werden - damit
die Leute drüben bleiben.
Dann mußte ganz eilig die staatliche Einheit her - damit die
Leute drüben bleiben.
Dann mußten neue Länder her und gesamtdeutsche Reichstagswahlen -
damit die Leute drüben bleiben.
Und jetzt? Verlassen pro Monat mehr Ossis die "neuen Länder" als
jemals die alte DDR. Wofür sprechen die jetzt? Ist das jetzt wie-
der "eine eindeutige Abstimmung mit den Füßen"? Etwa gegen den
Anschluß, gegen die Abschaffung der DDR? Gegen die Einführung von
DM und Marktwirtschaft, gegen die Abschaffung der alten Planwirt-
schaft? Gegen die neuen "Lebensverhältnisse" mit lauter ruinösen
Kosten? Platzt das Boot hier jetzt endgültig? Sollte etwa alles
umsonst gewesen sein?
Weit gefehlt. Nach dem 3.10.90 spricht das Rüberwandern erst mal
für gar nichts, im Höchstfall darf sich ein Provinzminister Sor-
gen um den Bestand an Oberbürgermeistern machen oder darüber, daß
er demnächst nur noch Rentner zu regieren hat. Und der bekommt
seine gerechte Antwort vom Arbeitgeberverband. Dort weiß man näm-
lich, warum die Werktätigen der Ex-DDR auch weiterhin einige
"Standortnachteile" in Kauf nehmen müssen, die ihnen den Westen
Deutschlands nach wie vor als Paradies erscheinen lassen:
"...kommt es darauf an, die derzeitige Spreizung im Lohn- und Ge-
haltsniveau durchzustehen. Es muß auf jeden Fall vermieden wer-
den, daß durch hohe Personalkosten für Betriebe in der früheren
DDR ein Standortnachteil entsteht. Sollte es zu einer verstärkten
Abwanderung in den Westen kommen, muß dies hingenommen werden."
Denn schließlich sind die Leute für den Kapitalbedarf da. Das ist
die neue Freiheit.
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