Quelle: Archiv MG - BRD AUSSENPOLITIK ANSCHLUSS - Die Eroberung der DDR
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Zum 3. Oktober
Sehr geehrte Deutsche,
Sehr geehrter Deutscher,
WIR GRATULIERREN!
Deutschland ist größer geworden, mächtiger und auch reicher. Als
Deutsche haben Sie es wirklich gut getroffen, denn Sie sind an
all dem beteiligt.
Fragt sich nur: Wie?
Gestern war Nationalfeiertag. Das Fernsehen, die Kirchen und die
Stadt haben Sie eingeladen mitzufeiern - und viele sind gekommen.
Womöglich haben auch Sie freudig und feierlich das Bekenntnis ab-
gelegt, daß die Vergrößerung der Nation ihnen ein Herzensanliegen
sei. Womöglich bereitet auch Ihnen die Verschiebung der Landes-
grenzen um ca. 200 Kilometer nach Osten und der Wiederaufstieg
Deutschlands zur Weltmacht ganz persönlich Freude. Womöglich ha-
ben auch Sie aktiv mitgestrickt an dem Bild, daß die Bundesregie-
rung mit dem Anschluß der DDR ein Bedürfnis der Menschen erfüllt
und Ihnen einen Dienst erwiesen hat.
Leider müssen wir Sie heute morgen bei einer Betätigung ertappen,
die Zweifel daran weckt, daß das größere, mächtigere und reichere
Deutschland ein Dienst an ausgerechnet Ihnen ist. Der hochgemute
Feiertags-Deutsche ist auf dem Weg zur Arbeit. Für Sie hat sich
offenbar nichts verändert: Sie sind nicht reicher geworden durch
das reichere Deutschland, und daß der mächtiger gewordene Kanzler
über 80 statt über 60 Millionen Menschen regiert, hat Ihre Frei-
heit nicht vergrößert. Daß Deutschland jetzt ein ganzes Stück
weiter nach Osten reicht, ändert offenbar nichts daran, daß nach
dem deutschen Feiertag nun wieder der deutsche Arbeitstag an-
steht: und da leisten Sie Ihre Dienste an der anspruchsvollen Na-
tion - und nicht umgekehrt. Sie stärken mit ihrer zuverlässigen
und nicht zu teuren Arbeit die Expansionskraft Ihres nach Osten
wachsenden Unternehmens; und mit Ihren Steuern, für die Sie etwa
die halbe Woche arbeiten, verschaffen Sie Ihrem Staat die Mittel
für seine neue Weltmachtrolle.
Was haben Sie vom größeren, mächtigeren und reicheren Deutsch-
land? Na das eben! Bestenfalls geht alles weiter wie bisher.
Freilich ist das nicht sehr wahrscheinlich. Von deutschen Staats-
männern aller Parteien werden Ihnen schon mal wachsende Dienste
für den wachsenden Staat angekündigt: Für Deutschland braucht es
in Zukunft noch mehr von Ihren Steuern. Und nach der geplanten
Änderung des Grundgesetzes dürfen Sie und Ihre Söhne auch endlich
wieder als Soldaten außerhalb des "Verteidigungsfalles" für deut-
sche Interessen schießen und sterben.
War das der Grund für die gestrige Freude?
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