Quelle: Archiv MG - BRD AUSSENPOLITIK ANSCHLUSS - Die Eroberung der DDR
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PRESSEFREICHEIT: KENNZEICHEN D
In ihrer nationalen Besoffenheit über die Öffnung der Berliner
Mauer und der DDR durch die SED zeigt die westdeutsche Öffent-
lichkeit, daß sie sich als geistiges Kind der Wiedervereinigungs-
politik der Bundesrepublik versteht - und zwar so radikal, daß
der wirkliche Anschluß längst nicht vollzogen sein muß, um den
Schreibtischtätern von "Bild" bis zur "Tagesschau" schon jetzt
die vielfältigsten Einheitsschlagzeilen zu liefern: "Deutschland
umarmt sich". Was als "Thema der Nachkriegszeit" daherkommt, ent-
springt reinem nationalen Anspruchsdenken, keiner Wirklichkeit -
aber die Sowjetunion zählt da nichts. "Deutschland" ist "unser"
Thema für den Rest der Welt, meint die Öffentlichkeit, und es muß
hier und heute gnadenlos i n s z e n i e r t werden. Mehr als
das - es installiert sich (unter gütiger Mithilfe der SED) selb-
ständig im Osten und s c h a f f t so seine eigene Faktizität.
Das öffentliche Leben der Bundesrepublik kennt fast nur noch das
Großereignis D e u t s c h l a n d, es kreist um das "Symbol"
des Brandenburger Tors, das es mit Kameras diesseits und jenseits
der Grenze umstellt hat.
Die nationale Selbstgleichschaltung der westdeutschen Öffentlich-
keit auf das eine grenzüberschreitende deutsche Thema nimmt nicht
nur gedanklich ziemlich frei vorweg, was allenfalls der SED-Chef
persönlich und ein paar sonstige Russen noch nicht mitbekommen
haben sollen: Die deutsche Einheit l e b t. Wenn" wir" die Ta-
gesordnung bestimmen und die Medien stellen, dann dürfen eben
auch Vopos in die Kamera winken, so als trügen sie nicht die Uni-
form eines anderen Staates, der bislang als "größtes KZ aller
Zeiten" gehandelt wurde. "Wir" lassen selbstverständlich auch die
radikale Opposition zu Wort kommen, wenn sie, wie Pfarrer Eppel-
mann, in Ostberlin sitzt und nicht ausgerechnet bei uns, wo sie
aus demselben nationalen Grund weniger gelitten ist. Daß die DDR
gegen solche Leute Gesetze haben könnte, die sie auch früher -
man erinnert sich vage - schon manchmal in Anschlag gebracht hat,
interessiert die freie Presse in ihrem Siegeszug erst recht
nicht.
Leicht überspannt mag der Propaganda-Rummel "unserer Leute vor
Ort" ja sein, daß er gleichwohl seine Wucht hat, rührt daher, daß
in der Bundesrepublik der Anschluß der DDR politisch und ökono-
misch tatkräftig vorangebracht wird und daß insbesondere die Füh-
rung der DDR auf dem Standpunkt steht, sie müsse bei ihrem vom
Westen betriebenen Abgang an entscheidender Stelle mitwirken. So
hat sie eben auch medienpolitisch die Wende vollzogen und stellt
sich weltmännisch den Fragen in- und ausländischer Journalisten,
um möglichst glaubhaft zu demonstrieren, daß ihr Reformwille mit
dem alten politischen Führungsanspruch der Staatspartei gebrochen
hat. Daß immerhin noch mit ihr über all die westlichen Zumutungen
gesprochen werden soll, die nicht direkt auf den völligen Verlust
der Eigenstaatlichkeit der DDR zielen, ist für westliche Inter-
viewer geradezu eine Steilvorlage, den ansonsten in Demokratien
genial praktizierten Dreh mit der politischen Glaubwürdigkeit in
totalen Verruf zu bringen. Bei einer solchen Gelegenheit darf
sich Staats- und Parteichef Krenz von einem gewissen Herrn Pleit-
gen, einem ansonsten professionellen Stichwortlieferanten für Po-
litiker (West), die rhetorische Frage abholen, er stehe doch wohl
selber für eine abgewirtschaftete Herrschaft, für die in Deutsch-
land kein Platz mehr sei:
"Sehr beliebt scheinen Sie nicht zu sein ? Nichts gewußt vom
Schießbefehl? - Und was macht der Alkohol, etwa Probleme damit?"
Daß es dem ostdeutschen Führer bei solch erlesenen Frechheiten
eines "freien Dialogs" nicht das Grinsen verschlug, zeigt nur,
daß er mit einer "demokratischen Gesprächskultur" zu leben ge-
willt ist, deren Unverschämtheiten frontal auf die DDR-Souveräni-
tät berechnet sind und die sich ein Kanzler Kohl niemals auch nur
anhören müßte.
So stehen denn nun mit Hilfe einer plötzlich gar nicht mehr so
veralteten DDR-Post Standleitungen in den letzten Winkeln dieses
angefeindeten Staatswesens und transportieren die umstürzleri-
schen Ansichten unserer freien Berichterstatter von Original-
schauplätzen des vormaligen "Völkergefängnisses". Dabei geht es -
sofern es gerade mal nicht einen führenden Genossen in die
Schranken zu weisen und zu blamieren gilt - so gepflegt zu, wie
es die Techniken der Moderation nun auch wieder verlangen, wenn
auf das große nationale Anliegen eingestimmt werden soll. Da
avanciert mit einem Mal so ziemlich alles und jedes in der DDR
zum Hoffnungsträger des Westens, was bis vor 2-3 Monaten noch mit
äußerstem Mißtrauen betrachtet wurde. 40 Jahre antikommunisti-
scher Hetze westlicher Medien sind fast über Nacht dem Standpunkt
gewichen, die DDR sei jetzt plötzlich voller guter "Beiträge" zur
"Lösung" all der "Probleme", die zwar ganz banal die BR Deutsch-
land auf die politische Tagesordnung gesetzt hat, die aber als
quasi unabweisbare Menschheitsfragen bequatscht und ordentlich
"bedacht" gehören sollen. Für die westlichen Öffentlichkeitsfana-
tiker ist es wichtig, diesem herbeiphantasierten "Problembe-
wußtsein", das sich auf einmal "weit in die SED erstreckt"
(diesen ehemals "monolithischen Block"), ein Dauerforum zu
verschaffen. Auf dem dürfen sich "Stalinisten" und "Wendehälse"
nach Herzenslust unglaubwürdig machen. Andererseits können dort
auch die Bürger der DDR noch viel von unserer Öffentlichkeit
lernen. So vor allem, daß dauerhafter Zweifel an der Qualität
ihrer Herrschaft nur insofern nützlich ist, als er sich zu der
Sicherheit durchringt, in der Herrschaft des westlichen Systems
über die DDR sein höchstes Menschenrecht zu sehen und den
dazugehörigen politischen Figuren die Angelegenheiten der Nation
vertrauensvoll in die bewährten Hände zu legen.
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